Beim Aufräumen und Zurückblättern

Beim Aufräumen im Atelier, was selten geschieht, fiel mir so viel altes Material in die Hände. Was da mit Ernsthaftigkeit entwickelt wurde, wird in Augenschein genommen und sortiert. Das kann ich wahrscheinlich am besten, vor allem das Aussortieren! Ein anderer Überblick entsteht, losgelöst von der Bilderproduktion. Werkzeuge ordnen: das zu dem und das zu dem. Ruhe entsteht.

Beim Zurückblättern im Blog kommen mir die älteren Collagen stärker vor. Mir scheint, dass der Riss, der waagerecht gezackt die Formate trennt, um einen Durchblick im Bilderstapel zurück zu ermöglichen, an seine Grenzen stößt und keine neuen Ideen mehr aufmacht. Und so begann ich heute das langsam aufzulösen, zugunsten einer gemischteren Schichtung, die dann wieder andere Arbeitsstrecken, mit anderem Material, einbeziehen kann.

Wir überrissen unsere Route durch Frankreich am Wochenende. Es wird Zeit, dass es so langsam losgeht. Die Arbeit reduziert sich, entfernt sich von den Themen, die mich die ganze Zeit durchgehend beschäftigten. Morgen, am frühen Abend noch eine Pressetermin auf Teves West und dann ist erst einmal Schluss.

Energie aus Kontrast

Wenn sich am Anfang der Malereien die Farbwolken fast konturlos ineinander schieben, dann entsteht von Fall zu Fall ein leichtes Unwohlsein bei mir. Gestern war die Schwelle dieser Akzeptanz noch höher. Das lag vielleicht auch am extrem entspannten Sonntag. Aber heute erschien mir diese Leichtigkeit so zahm, dass klare, konstruktive Linien das weiche Bild zerschnitten. Und immer mal ruft Monika aus dem Jenseits nach mehr Grün.

Ihre Lebensbeschreibung, die Arundhati Roy selbst schrieb, stimmt manchmal mit Episoden meiner Kindheit überein, die ich insbesondere im ehemaligen Kloster Gerode erlebt habe. Mein Erziehervater, der mit mir umging, als sei ich sein Eigentum, mit dem er machen konnte, was er wollte, hatte Macht über die vielen, ihm anvertrauten Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Aus einer Fotografie, die eine militärische Formation von Jungpionieren im Ferienlager mit meinem Vater und mir zeigt, ist die Grundlage für die Zöglingsportraits entstanden, die nur den Anfang der Beschäftigung mit diesem Thema bilden.

Einen produktiven Kontrast bilden auch das barocke, eingestürzte Kirchenschiff, das Marienrelief über dem Haupteingang des Klosterzellentraktes, die vollständige Ummauerung des gesamten Geländes des Klosters Gerode, im Kontrast zu der Heranbildung allseitig gebildeter, sozialistischer Persönlichkeiten in diesem Jugendwerkhof. Aus dieser Konstellation lässt sich viel Energie gewinnen.

Farbwolkenlieder

Die Malereien schweben auf dem Papier, wie farbige Wolken am Himmel. Gerade noch war ich selbst noch mitten in ihnen, um sie zu verwirbeln. Wenn ich dann aber herabfalle und sie sich entfernen, vergesse ich mein Tun. Und eigentlich würde ich sie gerne mit mir führen, nicht nur in den Büchern, sondern direkt um mich herum. Vielleicht gelingt das, wenn ich sie auf meinem Weg ins Atelier als Gesang in meinem Kopf trage.

Beim Räumen im Atelier fallen mir manchmal alte Fotos in die Hände. Gudrun Holde Ortner fotografierte Barbara und mich im Heidelberger Theater. Oder ein Foto von Gisela Harich, die 1990 im Deutschen Theater in Berlin „Kein Runter, kein Fern“ von Plenzdorf aufnahm. So bekomme ich langsam einen Begriff von dem Retrospektivvorhaben.

Anne schickte Aufnahmen von der ukrainischen Ausgabe ihres Romans „Hinter den Mauern der Ozean“ Gute Sache! Das Projektschreiben von Annie Nowak las ich vorhin. Es handelt sich um ein Bühnenprojekt, in dem die Nachwendekinder den Begriff Heimat jenseits der faschistischen Ideologie einordnen wollen.

Seitenverkehrt

Gestern bemerkte ich mal wieder, dass das letzte Relief seitenverkehrt abgegossen und modelliert ist. Das nahm ich zunächst nicht so ernst, weil mir eine solche Fehleinschätzung schon beim letzten Exemplar unterlaufen ist. Aber dann wurde mir ganz langsam gewahr, dass ich mich nicht geirrt hatte. Und gleich zeichnete ich das Motiv nun richtig herum auf eine Grundplatte.

Anne, mit der ich aus Anlass ihres Geburtstags telefonierte, meinte gleich, ob dieser Fehler nicht produktiv zu machen wäre. Damit hat sie vollkommen Recht, denn das seitenverkehrte, letzte Relief kann eine neue Rolle bekommen, es kann Segmente oder das ganze Motiv spiegeln und damit die Richtung des Frieses umkehren.

Gestern besuchte mich die Schauspielerin Annie Nowak im Atelier. Es herrschte von Anfang an eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen uns. Das gemeinsame Interesse an unserer ostdeutschen Herkunft stand im Mittelpunkt. Einen Projekttext einer Berliner Freundin zu dem Thema der Ostidentitäten schickte sie mir aufs Handy. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in einem solchen Vorhaben, das die Thematik künstlerisch beleuchtet, gemeinsam wieder fänden.

5. Form

Mit einer satten, zähflüssigen Gipsmischung ist gestern die fünfte Reliefform entstanden. Die Reaktionstemperatur beim Abbinden, war recht hoch, so dass auch die zweite gegossene Schicht schnell trocken und fest war, weswegen ich Form und Modell schon nach einer halben Stunde trennen konnte. Diese Arbeit erinnert mich an die Abendschule an der HfBK in Dresden, wo uns der Bildhauer Wolfgang Friedrich den Formenbau beibrachte.

Die einzelnen kleinen Felder meiner Reliefs führen auch das Einzelleben von Zellen, die von den benachbarten getrennt existieren. An ihren Rückseiten führen bislang unsichtbare Gitternetze, die sie mit anderen, entfernten Verwandten verbinden. Diese „neuronalen“ Strukturen bilden einen Teil der künftigen Objekte.

Die Jungen Menschen, mit denen ich manchmal auf den Bänken vor dem Atelier sitze, haben Fragen zur Entstehung der heutigen Grenzen von Deutschland. Und wenn ich ins Erzählen komme, erfahren sie auch etwas vom Bauhaus, das nach hundert Jahren wieder von Faschisten bedroht wird. Gestern berichtete ich ihnen von der Leistung Gorbatschows, ohne die die „friedlich-revolutionäre“ Wende in der DDR nie stattgefunden hätte. Die damals nach der D-Mark schrieen, schreien heute nach Remigration und schimpfen auf die Lügenpresse. Aber im Atelier herrscht Stille und Konzentration.

Bauhaus

Die Aufmerksamkeit auf die Farben und ihre Muster gerichtet, das Hören reduziert und kein Blick auf die Uhr, dass Farbgesang im Kopf entstehen kann. Diese Methode führt am Morgen zu den Buchmalereien. Mit etwas Auflehnung gegen die straffe Arbeitsdisziplin gelingen derzeit leichtere Kompositionen.

Die Beschreibung meiner Arbeit schloss bisher die Umgebungsverhältnisse eher aus. Die Geschehnisse um mich herum manifestieren sich derzeit in der Strenge und fehlenden Farbigkeit der Objekte. Ihre Rohheit umschließt die düsteren Zukunftsräume, die sich z.B. in Ostdeutschland öffnen.

Von Anfang an wurde meine Arbeit sehr von den Ideen des Bauhauses geprägt. Schon, dass ich den Tischlerberuf lernte und dann Künstler wurde, ist dadurch ausgelöst worden. Ich habe Menschen kennen gelernt, die dort vor der Schließung 1933 gearbeitet haben. Dass diese Institution nun wieder durch Faschisten bedroht wird, trifft mich deswegen persönlich. Die Amnesie des Wahlvolkes führt zu Beurteilungsstrukturen, die Wissenschaftsfeindlichkeit und Nationalkunstverlangen hervorbringen. Das ist mir nicht egal!

Farbklangräume

Die Farbklänge des Morgens hatten eine Wirkung wie Gesang im Kopf. Diesen auf die Reliefs und in die Objekte zu übertragen, wäre ein Schritt für die nächsten Arbeitsmonate. Das kann an wenigen Stellen ganz leise beginnen, wie ein Farbklang der sich ausdehnend in die Räume begibt.

Gestern modellierte ich das fünfte Tanzrelief fertig. Zum Ende hin verschwand die Wehmut darüber, dass dieser schöne Arbeitsschritt, der sich über eine ganze Weile gestreckt hatte, nun ein Ende fand. Im Zusammenhang mit den Zöglingsportraits, die ich mich auch als Reliefs vorstellen kann, lese ich „Mein Sturm und meine Zuflucht“ von Arundhati Roy. Die ungeschminkte Schilderung der Brutalität ihrer Mutter, die sie immer nur bei ihrem vollen Namen nannte, und der Schule, die sie leitete, verbindet sich direkt mit meiner Kindheit in Gerode unter meinem Vater Dieter Reinecke.

Die Verbindungen zwischen dem Väterprojekt, den Zöglingsportraits und dem Vorhaben der Retrospektivarbeit, entwickeln neue Räume. Nun, da die Tanzreliefs alle modelliert sind, könnte ich die Transparentpapierrolle wieder hervorholen, um dieses Themengeflecht zu entwickeln.

KI und Mittelalter

Ein zweites Mal sahen wir die in der Schirn die Ausstellung THE WORLD THOUGH AI. Diesmal konnte ich meine Arbeit in Beziehung zu den Vorgängen und Haltungen zur künstlichen Intelligenz stellen. Rein äußerlich sind die Gitterobjekte mit ihren schwebenden Relieffragmenten und Weidenschwüngen manchen gestalteten Fragestellungen ähnlich. Auch in der Haptik gibt es Berührungspunkte. Der entscheidende Unterschied ist mein völliger Verzicht auf Korrekturen durch KI oder auf Nachfragen in diese Richtung.

Ein poröses Muschelstück löste ich aus einer Kette von aufgefädelten Meeresfundstücken. Mit diesem harten Material kann ich Abdrücke in das Papier des Tagebuches drücken, das ganze durch Schraffuren hervorheben und mit einem feuchten Handballen weiter verarbeiten, die Formen vertreiben, wie die Farben. Weicher Nebel tritt in die harten, konstruktiven Linienbündel.

Am Sonnabend fällte ich etwa 10 armdicke Essigbäume und band sie mit einer Kokosschnur zu einem Bündel zusammen. Das schleifte ich über den Betonplatz und die Wiese an den Bahndamm. Während mir die Schnur mir beim Ziehen in meine Hände schnitt, dachte ich: “Wie im Mittelalter!“

Gute Laune

Im Treppenhaus lächelte mich ein Neugeborenes aus der Nachbarschaft an. Das macht gute Laune, wie die Farben der Buchmalereien, deren Kraft die Stimmung aufhellt, was wieder in die Farbauswahl fließt. Ein sich verstärkenden System. Das kann sich auch beim Zeichnen oder beim Bau der Objekte ereignen.

Das Modellierpensum, das ich mir für gestern vorgenommen hatte, erreichte ich gegen 17.20 Uhr. Dann habe ich aufgehört, denn in der kommenden Woche habe ich noch genügend Zeit, den „Kopf“ der Figuration fertig zu stellen. Und wenn diese Form dann gegossen ist, ist das Material für die folgenden Projekte geschaffen. Diese Anstrengungen erschöpfen mich, schaffen aber auch Glück.

Mit dem Startorante kam ich überein, dass ich die Essigbäume, die in diesem Sommer an ihrer Mauer gewachsen sind, fällen werde. Das will ich heute am späteren Nachmittag machen. Ein wenig Gartenarbeit und keine künstlerischen Anstrengungen mehr an diesem Tag.

Retrospektiv

Am Morgen überraschten mich die Farben der Buchmalereien. Ich lasse sie gewähren, denke kaum über sie nach, nur manchmal blitzt ein „Monikagrün“ auf, bevor es auf dem Papier landet. Oder der Gleichgewichtssinn tariert die Anteile der Kontraste aus und die Verteilung der Farbtemperaturen.

Gestern arbeitete ich lange und konzentriert am letzten Relief. Zwei Drittel sind modelliert. Das Ende dieses Arbeitsschrittes fällt in die kommende Woche. Vor meinem Auge entstand ein großer Pappmachéklumpen, der auf einer Seite von einem eingeprägten Relief begrenzt war. Man kann ihn wie einen abgesägten Berg auf die Schnittfläche, das Relief, stellen. Das ganze Gegenteil von den filigranen bisherigen Abformungen. Immer mehr Bilder tauchen auf, wie sich das Projekt weiterentwickeln kann.

Beispielsweise erzählte ich dem Ehrhardt, einem Bekannten, der aus Thüringen stammt, von den Zöglingsportraits gestern beim Mittagessen im Restaurant gegenüber. Ich erzählte ihm auch die Entstehungsgeschichte, die auf dem Erleben vom Jugendwerkhof Gerode gegründet ist. Auch diese Punktrasterportraits könnte ich modellieren und mit den Tanzreliefs verschneiden. So entwickelt sich die Retrospektividee zusammen mit dem Undertainment – Relieffries weiter.

Doppelspiegel

Im Doppelspiegel der Gipsformen und Transparentpapiervorzeichnungen, konnte ich gestern Vormittag die richtigen Seiten nicht mehr zuordnen. Mein Hirn sprang erst hin und her und verfestigte dann das, was es als Fehler erkannt hatte. Das Gute an dieser Fehleinschätzung ist, dass sich durch die Aneinanderreihung von Fehlern das Richtige ergab. Das Relief Nummer 4 muss also nicht noch einmal modelliert werden und die Vorzeichnung von Nummer 5 gelangte auch richtig, also nicht Seitenverkehrt auf die Grundplatte.

Nach dieser Erkenntnis ging ich nach draußen auf meine Wiese und verflocht mich mit ihr und den Gärten durch Arbeit, fällte Essigbäume, grub wildes Strauchwerk aus der Wiese und schnitt Brombeeren zurück. Dann begann ich ruhig und froh zu modellieren. Am Abend probierte ich weitere Raumkompositionen mit einem neuen Objekt, in das ich einige vorgefertigte Einzelelemente einbaute. Meine Vorstellungen, die weiteren Objekte betreffend, galoppieren voraus. Wie immer, komme ich nicht hinterher.

Später am Abend, als ich mich auf den Heimweg machte, traf ich auf eine gemütliche Männerrunde vor dem Nachbaratelier. Innen an der Rückwand war die aktuelle, zielgruppenorientierte und verkaufbare Produktion sichtbar: verwischte Frauenfiguren.

Verwechslungen

Immer wieder kommt es zu Verwechslungen der Zeichnungsrichtungen der Einzelteile des Tanzfrieses auf Transparentpapier. Und leicht passiert eine seitenverkehrte Übertragung des Entwurfes auf die Grundplatte. Die seitenverkehrten Formen stehen überall rum und schnell schaltet das Gehirn um und die Rückseite des Transparentpapiers wird die Vorlage. Und als ich am Morgen ins Atelier kam, sah ich, dass mir genau das bei Relief 4 passiert war. Also noch mal von vorne! Aber gleichzeitig denke ich an eine Erweiterung um diese seitenverkehrte Schicht als Rückseite eines Sandwichs.

In der Nacht erschien mir ein kreisrundes, schwebendes Objekt, aus mindestens zwei Abläufen des fünfteiligen Frieses. Die Rückseiten zeigten schwarz nach außen und waren von einer hellen Gitterkonstruktion umgeben, die das ganze hielt. Um ins Innere zu gelangen, musste man sich etwas bücken, um die leuchtenden Farben der Buchmalereien auf der Innenseite zu sehen.

Die ersten weiß grundierten Reliefs versah ich mit Tuschzeichnungen, die in den vertieften Linien verlaufen. Sie haben unterschiedliche Charaktere. Mal krakelig mit schwarzen Spritzern, mal weich, mit den Pinsel breit ausgeführt. Und dann stellte ich mir vor, wie diese Struktur in weiche Farbwolken übergeht aus denen Figuren wachsen, die nichts mit den Linien unter ihnen zutun haben.

Schnelligkeit

In den letzten Tagen reduzieren sich die Mittel der Buchmalereien. Auch die heutigen Formate sind klarer lesbar. Die malerischen Gesten stehen für sich und werden nicht durch mehrere Schichten anderer Strukturen zurückgedrängt. Die Schnelligkeit, mit der sie entstehen fördert diesen anderen Charakter.

Beim Nachdenken über das Retrospektivvorhaben, kam ich darauf, ältere Arbeiten mit dem Tanzrelief und den daraus entstehenden Objekten zu verbinden. Die Transparentpapierrolle kann wieder die Funktion des Motivsammlers übernehmen. Und die alten Bühnen- und Ballettsaalzeichnungen und die Animationsstills kommen zu neuen malerischen Überarbeitungen.

Die neue Gipsform liegt auf dem Arbeitstisch und fordert mich. Ich schaue darauf und denke aber schon an das nächste Relief. Alle fünf haben nahezu figürliche Umrisse. Das Defilé königlicher Gestalten. Die Muschelkettenformation an meiner Eiche auf dem Gustavsburgplatz wächst auch zu einem ähnlichen Umriss, zu einem gekrönten Tier.

Einöden

Es gibt Orte in der Nähe der Städte, in denen ich in der Vergangenheit gewohnt habe, vom denen ich zwar hörte, sie aber nie sah. Gospiteroda ist solch einer. Diese winzigen Weiler mit wenigen Häusern, Scheunen und Ställen, meist aber mit einer Kirche, liegen weit ab, sind verkehrlich nur sehr bescheiden angebunden. Cumbach ist auch so ein Ort der Einöde, dessen Bewohner angsteinflößend wirken und nur grimmig Auskunft über den Weg zu den Teichen geben.

In Waltershausen waren wir in dem Schwimmbad, in dem ich die Sommer meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Wir saßen nach dem Schwimmen auf einer Bank neben dem Sprungturm und sahen den Kindern beim Springen zu. Sie machten es genauso, wie wir vor sechzig Jahren. Die kindlichen Gefühle stiegen als Ahnung wieder in mir auf, noch nichts wissend vom Eingesperrtsein.

Wieder zurück in der Stadt, ging ich gleich zum Atelier, um die Pflanzen zu gießen, die drei Tage ohne mich auskommen mussten. Und ich konnte nun nicht mehr der Versuchung widerstehen, die Form mit der Hilfe von zwei Holzkeilen vom Modell des vierten Reliefs abzuheben. Sie ist außergewöhnlich gut gelungen. Keine Blasen, sehr genaue Abformung und muss nur minimal nachgearbeitet werden.

Sonne

Kurz verließ ich das Kino, in dem wir die Hollywoodproduktion „Odysseus“ sahen, um einen Blick der Sonnenfinsternis zu erhaschen. In der Spiegelung einer Scheibe sah ich eine „Halbsonne“. Der Film war actionreich, brutal, hatte aber auch ruhige, kluge Szenen. Mir geht diese Art von Mainstreamkino nicht mehr nahe. Die Sonne war beeindruckender.

Die anhaltende Trockenheit, die durch die stehenden Hochdruckgebiete ausgelöst wird, deprimiert mich. Ich sehe die Natur leiden und kann nur in meinem engen Umfeld etwas Linderung mit Wasser spenden. Aus den trockenen Böden steigt in der Hitze kein Wasserdampf auf, es entstehen keine Wolken. Und das hält an!

Die Arbeit an den Reliefs ruht etwas. Erst in der kommenden Woche will ich die vierte Form vom Modell lösen. Vorher kann ich noch etwas am 5. Reliefentwurf feilen, die Übertragung auf die Grundplatte vorbereiten. Die Arbeit hat sich in der vergangenen Woche zu sehr beschleunigt. Das konnte ich in den letzten Tagen korrigieren.

Diktaturen 02

Die Reliefform lasse ich weiter trocknen, denn es gibt keinen Grund zur Eile, außer vielleicht die Ungeduld, das Ergebnis zu sehen. Und die Entwurfzeichnung für das 5. Relief ist entstanden. Nun kann ich mir für die Übertragung auf die Grundplatte und die Anfertigung des Modells, Zeit nehmen.

Die Evangelische Akademie hat eine allgemeine Umfrage nach Diktaturengeschichten gestartet. Auf ihrer Website gibt es eine Projektbeschreibung und die Anfrage nach Beteiligung. Ich habe meine Geschichte zum Bau des Palastes der Republik 1974 / 75 und zur Ausstellung 50 Jahre später zum Thema Palastbau im Humboldtforum skizziert. Vielleicht entwickelt sich eine produktive Kooperation.

In der Frankfurter Rundschau ist ein Artikel über die Frage nach der Zukunft von Teves West erschienen. Eine ganze Seite über unsere Aktivitäten und unsere Geschichte. Ein Statement von der Stadt sagt, dass sie an der Erhaltung des Standortes interessiert ist. Nur in welcher Form das nach 2030 geschehen soll, ist noch nicht klar.

Form, Modell, Stress

Der Formenguss war wieder mit Unsicherheiten verbunden. Die erste Schicht, die die Oberfläche des Modells abformt, gieße ich gerne mit etwas dünnerem Gips. Meine Hand rührt das Gemisch und spürt Klümpchen auf, die noch zerdrückt werden müssen. Mir geriet die Masse aber wieder zu dünn, was mit einer stärker gesättigten nächsten Schicht ausgeglichen werden sollte. Das Wasser, das sich oben absetzte, nahm ich mit Papierhandtüchern herunter.

Nun, am nächsten Morgen ist die Mischung ganz gut abgebunden, muss aber noch weiter trocknen, was mir Geduld abverlangt. Das ist alles etwas aufregend, weil viel Arbeit auf dem Spiel steht, die zerstört werden könnte. Morgen werde ich die Form vom Modell herunterheben und hoffe, dass sie stabil genug sein wird und nicht zerbricht, wie die zuvor.

Jetzt ist die letzte Entwurfszeichnung dran, die aus der Tanzsequenz „Undertainment“ auf Transparentpapier entwickelt wird. Keine große Sache, eher Routine. Ich werde froh sein, wenn die Arbeitsphase des Modellierens und Abformens vorüber ist. Eigentlich hatte ich mich auf ruhige Arbeit gefreut und den möglichen Stress beim Formenguss ausgeblendet.

Gefüllter Raum

Während des Nachdenkens über Projekte, dehnen sie sich zumeist im Laufe der Zeit räumlich aus. Indem sich der erdachte Raum füllt, wachsen die Anforderungen bei der Umsetzung. Aber in der Abwägung der eigenen Leistungsfähigkeit, kann der Umfang auch wieder schrumpfen. Dann bleiben nur Andeutungen der Möglichkeiten übrig.

In der Hitze des gestrigen Nachmittags besuchten wir das Atelierfest „Wimpelflattern“ in der Idsteiner Straße. Leider ging kaum Wind unter dem dunstigen Himmel, wo die Temperatur stieg und wenige Getränke sichtbar unterwegs waren. Kurze Gespräche mit Ruth Luxenhofer, Franz Konter und mit Oliver Tüchsen, der zufällig auch da war. Am Abend aber gab es satt Apfelwein mit Carola im „Mosebach“.

Mit Oliver ging es auch um das Projekt YOU&EYE und um die Frage, ob wir Alten auch wieder mit dabei sein werden. Meine Haltung dazu ist ambivalent. Entscheidend ist aber der Spaß, den ich oft mit den Jugendlichen hatte und sie auch mit mir.

Geometrie

Während meiner Mittagspause ging mir eine Reihe von Objekten durch den Kopf, deren Gitterkern auf beiden Seiten, also vorne und hinten, mit Reliefs versehen ist, sodass etwas wie ein Sandwich entsteht. Reiht man diese Sandwichs aneinander, wächst ein zweiseitiger Fries, der im Raum hängen kann. Die Gitterstrukturen dazwischen sind mit Figuren durchsetzt, die aus den Reliefs stammen.

Auf meinem Weg ins Atelier fand ich eine mathematische Formelsammlung in Buchform. Die hat mich sofort inspiriert, strengere geometrische Regeln bei der Konstruktion der Gitterobjekte walten zu lassen. Punktebenen, die Annäherung einer Hyperbel an die Fläche, alles spannende Vorgänge dafür.

Gestern bin ich mit dem Modellieren des vierten Reliefs fertig geworden. Das erleichterte mich und schafft mir heute mehr Raum zum Ausruhen und Nachdenken. In Ruhe kann ich die Gärten wässern und beschneiden. Vorgestern duschte ich dabei zwei Tauben, die das genossen und sich unter meinem Regen gegenseitig putzten.

Eile

Ein weiches Gummigymnastiktool, das man mit der Hand umschließen kann, habe ich umfunktioniert. Es dient mir dazu, die eingefärbten Steinoberflächen in die Buchmalereien zu drucken. Das gelingt besser, als mit meinem Handballen, weil sich das Material weiter in die Vertiefungen drücken lässt. So werden die Formen, auch wegen der geschlossenen Gummioberfläche, prägnanter auf das Papier übertragen.

Ungewollt gerate ich mit dem Modellieren in Eile. Es ist, als müsste die Arbeit in genaue Zeitabschnitte eingepasst werden. Dreiviertel der Fläche ist modelliert und gerne würde ich heute damit fertig werden. Deswegen bin ich schon viel zeitiger als sonst im Atelier und schaue auf die Uhr. Dabei wollte ich mir für diese schöne Arbeit Zeit nehmen und sie genießen.

Aber ich habe den Monatsabschnitt bis zu unserer Reise vor Augen und möchte spätestens am Ende der kommenden Woche mit dem vierten Formenbau fertig sein. Dann folgt das letzte Relief, dessen Entwurf auch noch fertig gezeichnet, vergrößert und auf die nächste Platte übertragen werden muss, bevor ich mit der Tonarbeit beginnen kann. Für alles habe ich 14 Tage.

Fotografen

Manchmal gibt es Freundschaften, die nicht gleich bewusst werden. Mich verbinden mit Menschen, mit denen ich zutun hatte, Ähnlichkeiten in unserer Biografie. Auch Kleinigkeiten weisen auf Gemeinsamkeit hin. Der Fotograf, der mich für das Humboldtforum in meinem Atelier fotografiert hat, besitzt denselben Aquarellkasten, wie ich. Unsere Erlebnisse und Haltungen sind ähnlich. Und dann fotografierte er mich wieder in Berlin, in der anderen Umgebung.

Bilder des Fotografen Christoph Boeckheler, der unsere Teves West Clique hier auf dem Gelände für die Frankfurter Rundschau fotografierte, hat Claudia vom Startorante geschickt. Der Mann hat ein wirklich gutes Gefühl für die Orte und für das Verhältnis der Menschen zu ihnen darin. Meine derzeitige Arbeit, vor allem die an den Objekten, geht auf seinem Bild von mir, eine Verbindung mit dem Väterportrait hinter mir ein. Die Kontinuität wird sichtbar. Auch unsere Gruppenbilder spielen mit dem Bezug zur Umgebung.

Das Modellieren des Tanzreliefs geht nach wie vor recht langsam voran. Ich kann diese Arbeit zwar genießen, hätte sie dennoch gerne schon vom Tisch, um die Form bauen zu können. Denn die Arbeit, die sich anschließt, ist nicht weniger spannend. Der Sinn für Harmonie der Räume, birgt die Gefahr der Gefälligkeit in sich. Aber ich habe das im Blick.

Ausländisch sprechen

In meiner Erinnerung haben wir in Gerode als Kinder manchmal versucht, ausländisch zu sprechen, ein Phantasiekauderwelsch, weil uns das exotisch vorkam. Es gab keine Fremdsprachen um uns herum. Und vielleicht haben wir doch irgendwann einmal jemanden gehört, der anders sprach als wir. Nur auf der Kurzwelle konnte man, von weit her, fremde Töne aufschnappen. Jetzt horche ich auf, wenn auf der Straße unter meinem Balkon deutsch gesprochen wird.

Im Atelier begann ich mit dem Modellieren. Es geht langsamer vorwärts als ich erinnere. Gerade mal eine handtellergroße Fläche ist entstanden. Immer wieder geht mir die Objektarchitektur im Zusammenspiel mit dem Relieffries durch den Kopf. Es kommt mir in den Sinn, die Dreiecksstruktur teilweise zu verlassen, um freier konstruieren zu können.

Bei der Betrachtung des zu erwartenden Wahlverhaltens in der ehemaligen DDR, fürchte ich mich vor einem System, das dem, das ich verlassen hatte ähnelt. Ich habe keine Lust, noch einmal unter diesem autoritären Druck zu leben und zu arbeiten.

Zwischen Blick und Blick

Mit einem weichen Graphitstift übertrug ich das 4. Reliefmotiv auf zwei Transparentpapierbahnen. Die satten Linien liegen auf der gereinigten Grundplatte, wo sie mit einem harten, spitzen Stift von der Rückseite her nachgezogen und dadurch übertragen werden. Wenn dieser Vorgang heute abgeschlossen wird, kann mit dem Modellieren begonnen werden.

Während der Gespräche auf Carolas Geburtstag traf ich auf eine Theaterwissenschaftlerin, die sich mit verschiedenen performativen Formen und Techniken beschäftigt. Ich erzählte ihr von meinen Kämpfen um die Videoprojektionen im Heidelberger Stadttheater Mitte der Neunzigerjahre. Es gab damals meine Ausstellung „Der Riss ist die Passage“ im Heidelberger Kunstverein, parallel zur Arbeit zur Oper „Die Ehen zwischen der Zonen 3, 4 und 5“. Ich arbeitete zusammen mit Doris Lessing, die das Libretto gemacht hat und dem Komponisten Philip Glass. Und es gibt eine Reihe von Zeichnungen zu einem Klavierkonzert des Komponisten.

Ein weiterer thematischer Strang dieser Arbeit war eine Animation zur Grenzöffnung an der Bornholmer Straße in Berlin. In einer künftigen Retrospektivarbeit sollte ein Bezug zu dieser Zeit, unter der Überschrift „Zwischen Blick und Blick“ von Heiner Müller, erscheinen.

Unter Beobachtung

Zwei Objekte aus Dreiecksgittern, Weidengeflechten und Relieffragmenten, schwarzweiß bemalt, haben in der Wohnung in der Frankenallee Plätze gefunden. In dieser neutralen Umgebung sind sie in anderer Weise unter Beobachtung. Soweit das so festgestellt werden kann, funktionieren sie ganz gut im Raum.

Nun beginnt die Übertragung des Entwurfes des vierten Undertainment – Linien – Relief – Entwurfes auf eine Grundplatte, die noch von den Spuren der vorigen Form befreit werden muss. Ich freue mich auf diese Arbeit, besonders auf das Modellieren mit Ton.

Spontaner Besuch einer Kindergruppe von Galluszentrum gerade eben, die mit Kameras bewaffnet in meinem Gärtchen auftauchten. Sie durften auch im Atelier fotografieren und ich erklärte ihnen das Väterprojekt. Sehr erfrischend und freundlich lief das alles ab. Eine einfache Kooperationsaktion.

Erinnerung an die hermetische Zeit

„Wish You Were Here“, das Lied von Pink Floyd hörte ich am Vormittag in der Küche. Dabei stieg das Gefühl der großen Hoffnungslosigkeit aus dem Jahr 1975 in mir auf. Für Menschen, die diese Erwartung des lebenslänglichen Eingesperrtseins nicht durchlebt haben, ist es kaum nachvollziehbar, wie leer damals uns unsere Zukunft erschien. Obwohl ich mir zehn Jahre später die Freiheit erkämpft hatte, diese Möglichkeit schien zuvor nicht real, bleibt die Erinnerung an diese hermetische Zeit sehr nah und nagt manchmal noch an mir.

In meinem Retrospektivvorhaben kann ich dieses Gefühl noch einmal in den Arbeiten aus dieser Zeit suchen. Es gibt Selbstportraits aber auch viele Bühnenzeichnungen aus Dresden, die das thematisieren könnten. Die verstellte Zukunft aus der jetzigen Perspektive ist ein Thema!

Übermorgen beginne ich mit dem vierten Relief. Vorzeichnung auf der Grundplatte, Modellieren in Ton, Formenguss mit Gips… Mal schauen ob ich das in einer Woche schaffe. Weil es aber schöne Arbeit ist, sollte ich mir ruhig Zeit nehmen.

Wenig spektakulär

Vom Balkon in der ersten Etage geht der Blick auf die wenig belebte Frankenallee mit ihrem Freitagsmarkt. Kunden bleiben aus, die sonst zwischen Spielplatz und dem Weinstand von Rollanderhof mit Gläsern am Zaun stehen. Sie sind an den Meeresstränden oder Bergregionen. Auf meinem Weg ins Atelier will ich etwas kaufen, ein paar Beeren vielleicht und ein Stück Kuchen.

Die, hinter dem Schatten spendenden Gärtchen, wenig spektakulär fließende Arbeit benötig einen Impuls, der eine Veränderung hervorruft. Ob das mit dem Modellieren des nächsten Reliefs gelingt, ist nicht klar. Aber wenn das letzte, das fünfte fertig ist, wird die Objektarbeit endlich zur Gesamtidee des Frieses beitragen. Alles, was jetzt geschieht, ist noch Experiment.

Und mir kommt in den Sinn, die Buchmalereien in einer leichten Weise von den Buchseiten in die Freiheit zu entlassen. Ich könnte mit kleinen Aquarellblättern beginnen, die man leicht in Schubladen verstauen kann. Das kann sich dann langsam weiterentwickeln, ohne dass ich an eine Weiterverarbeitung denken sollte.

Zeit und Kraft

Nachdem die tägliche Arbeitstagebucharbeit erledigt war, reichten Zeit und Kraft noch für die Erarbeitung kleinerer Objekte aus Relieffragmenten und Raumelementen aus Dreieckgittern, Weidengeflechten und ihrer Durchdringung. Sie gehen direkte Verbindungen mit den Flachreliefs ein und werden Konstruktionen für das Zusammenspiel verschiedener Flachreliefteile.

Seit zwei Monaten brennt hier der Sommer regenlos auf die Stadtlandschaft. Alle Verheißungen von Niederschlagswahrscheinlichkeiten verdunsten in der flirrenden Luft. Und wenn Gewitter aus Westen herannahen, umfahren die uns nördlich und südlich. Noch reichen die Wurzeln unserer Alleebäume in die Grundwasserschichten.

Gestern Abend spazierten wir ins Europaviertel und setzten uns neben ein Sonnenblumenfeld zwischen den Häusern in ein Restaurant, um einen Aperol Spritz zu trinken. Das lockerte die Stimmung, die manchmal durch verschiedene Sorgen um mein Atelier gedämpft ist.

Kreis

Gleich nach dem Frühstück, in der Kühle des Morgens, wässerte ich die Gärten beim Atelier, den Wildwuchs vor meinen Rolltoren, die Kräuter des Restaurants und die Wiese. Nebenbei sah ich die Arbeit der letzten Tage, nach einer eintägigen Pause, die ich in Thüringen bei meiner Mutter verbrachte. Die Objekte kamen mir etwas fremd vor, was zu einem Perspektivwechsel führen kann.

Deshalb schaue ich nun gerne auf die Arbeit, die mir bevorsteht. Oberflächlich besteht sie aus Spiel, Experiment, Ausprobieren und Verwerfen. In den Objektbau spielt aber auch der Gedanke, der dem Relieffries zugrunde liegt, nämlich der der Kreisform und der Unendlichkeit eines Zylinders. Weil das Ende der Aneinanderreihung der Motive an den Anfang anschließt, lassen sich die Reliefs beliebig oft aneinanderreihen. Der Zylinder würde dann immer breiter. Auch die Objekte, die mit den Reliefs verbunden sind, sollten diesem Gedanken folgen.

Wenn nun aber das Modellieren der letzten zwei Reliefs ansteht, geht es nur um die Umsetzung der Entwürfe. Dort findet das Spiel in eingegrenztem Terrain statt. Nur die Bemalung hat wieder viele offene Möglichkeiten bereit, von Schwarzweiß bis hin zur Farbigkeit der Buchmalereien.

FRÜHER WAR ALLES BESSER

Die Muster, die ich mit den Steinoberflächen in die Seiten des Tagebuches präge und mit dem Handballen übertrage, stellen sich vor die Nachrichtentexte. Die Zerstörungen von Menschenleben finden sich nur in den Fragmenten der Figuren wieder. Die Gravitation des Hasses schafft die blutigen Zentren auf der Oberfläche der Orte der Zusammenkünfte. Worte fallen in den Untergrund und kontaminieren das Grundwasser. Die Bäume des Tiergartens trinken davon und akkumulieren die Klänge und den Sinn. Es raschelt ein Doppelgänger im Dickicht.

Am Morgen fuhr ich zuerst zum Tanken und dann zu den Gärten, die gewässert werden sollen. Seit Wochen hat es nicht geregnet. Sprunghaft wechselt der Benzinpreis seine Höhe je nach Kriegslage. Eine neue Hitzewelle läuft auf uns zu. FRÜHER WAR ALLES SCHÖNER.

Die Buchmalereien leben derzeit von den Schichtungen der Steinstrukturen und ihren wechselnden Einfärbungen. Das führt zu ruhigen und gleichzeitig aufgelockerten Kompositionen. Figurenanklänge wachsen von alleine aus den Schichten als wollten sie das Sterben überall ungeschehen machen. Es wächst ein Ersatzreservoir des Lebendigen. Nur Andeutungen verheißen diese Parallelräume voller Kreaturen.

Entmaterialisierung

Von einer Straßenbekanntschaft bekam ich Besuch im Atelier. Immer, wenn ich sie sah, hatte sie ihre Fotoausrüstung bei sich, und so kamen wir ins Gespräch. Sie fotografiert Architektur und Natur und war offensichtlich neugierig auf meine Arbeit. Sie bekam Zeichnungen, Reliefs und Objekte zu sehen, sprang dann aber erst auf die Buchmalereien an. Ich wies auf die Schwierigkeiten diese Strukturen und Farbigkeiten auf die Reliefs zu übertragen hin und denke jetzt, dass ich es einfach immer wieder probieren sollte.

Gestern arbeitete ich an den Reliefobjekten weiter und zweifle inzwischen daran, das endlos weiter zu führen, wie all diese Arbeitsstrecken der Vergangenheit. Es führt zu immer mehr Fülle, die mein Entmaterialisierungsprojekt erschwert.

In zwei länglichen Pflanzschalen steckte ich hunderte von Schirmchen mit Samen des Wiesengamsbartes in die Erde. Aber einer meiner gefiederten Gäste nahm das als Einladung und plünderte das Futterangebot gründlich bis auf das letzte Korn. Waren es die Rotkehlchen mit ihrem treuen Blick der kein Wässerchen trübte oder die Meisen, Amseln und Spatzen?

Umwandlung

Die Langsamkeit des gestrigen Vormittags setzte sich bis in den Abend fort. Alte Gitterkonstruktionen veränderte ich durch die Verkürzung mancher Stäbe zwischen den Verbindungsknoten. Diese begann ich wieder mit Pappmachè zu stabilisieren und umzuformen, dass sie auch zu Figuren wachsen können.

Manche der Dreiecke, in denen sich Drucke von Buchmalereien auf Transparentpapier befanden, lege ich so auf die Formen der Tanzreliefs, dass ich sie mit Pappmachédreiecken ausfüllen kann. So wandern Fragmente des Liniengeflechts in die Objekte.

Beim Zurückblättern im Tagebuch stoße ich wieder auf das Vorhaben einer Retrospektivarbeit. Vielleicht werde ich im August mit den Tanzreliefs fertig und kann dann im Herbst mit diesem Projekt beginnen. Ich stelle mir vor, von den Bühnenzeichnungen einige in die Transparentpapierrolle einzufügen und andererseits, parallel dazu, angesammeltes Material zu reduzieren.

Bremsstrukturen

Die Entwicklung der Tanzreliefs und der dazugehörigen Objekte ist ein langsamer Vorgang. Es gibt keine Strukturen, die einer Beschleunigung entgegenkommen, sie bremsen die Vorgänge eher. Eine weiß grundiertes Relief versah ich so mit einer Schicht Schellack, dass in die Vertiefungen sickerte und dort einen satten Bernsteinton erzeugt. Nach dem Trocknen höhte ich die Flächen zwischen den Furchen langsam erneut weiß.

Würde ich mit meiner gewohnten Arbeitsweise fortfahren, so käme nun eine blaue Schicht hinzu, nach der die kleinen Flächen erneut eine weiße Schicht bekämen. Da aber nicht alle erhöhten Bereiche bedacht werden, entsteht langsam eine Figur oder ein Muster, das aus dem Hintergrund herauswächst. Aber ob das so geschehen wird, erweist sich erst, wenn das Objekt länger unter Beobachtung stand.

Außerdem entstehen weiter kleine Reliefobjekte, die sich mit den Weidengeflechten und Gitterkonstruktionen verbinden. Auch sie werden weiß grundiert und bekommen dann ein schwarzes Liniennetz auf der Vorderseite und eine dunkle Rückseite. Ansonsten fehlen mir die Tuschezeichnungen von Rolle 12, die ich wieder hervorholen will.

Neutrinos

Neutrinos, Teile aus dem All, die mühelos unsere Materie durchdringen, sind Gegenstand eines Dokumentarfilmes, den ich gestern sah. Da sie keine sichtbaren Spuren hinterlassen, aber weiteren Aufschluss über die Entstehung des Universums bieten können, wird an verschiedenen Stellen der Welt großer Aufwand betrieben, sie in irgendeiner Weise zu detektieren. An verborgenen Orten, tief im Gestein oder im Eis des Südpols, in einem besonders reinen Wasserreservoir, bestehen große Anlagen, die mit diesen „Geisterteilchen“ interagieren sollen.

Die Ergebnisse sind bisher vage, laufen auf ein anderes Abbild des Universums heraus und außer den riesigen Anlagen in extremer Umgebung, gibt es wenig zu sehen- So war der Film mit indirekten Bildern und Geräuschen gesättigt, aber mit vergleichsweise wenig Information über Forschungsergebnisse.

Die Fahrten im verdichteten Verkehr, dessen Rhythmus durch eine große Anzahl von Baustellen stockt und nicht ruhig fließen kann, Aggressionen hervorruft, sind zunehmend anspruchsvoll, vor allem, wenn ich alleine unterwegs bin, wie gestern zu meiner Mutter nach Thüringen.

Rückblicksarbeit

Mit Barbara sprach ich über meine Idee, eine Rückblicksarbeit zu beginnen, die mit einer Aufräumaktion verbunden werden könnte. Wenn das Aufräumen, Aussortieren und die Reduktion meines Lagers mit dieser künstlerischen Retrospektivarbeit verbunden wird, können sich die beiden Tätigkeiten gegenseitig ergänzen und mit Energie versorgen. Bevor damit begonnen werden kann, sollten die Tanzreliefs fertig sein, damit ich mich ganz darauf konzentrieren kann.

Die Zeit ist mit kleineren Reisen durchsetzt. In den letzten zwei Tagen waren wir in Hamm bei Birgit und Oliver. Morgen fahre ich nach Thüringen zu meiner Mutter und Barbara ist auch die ganze Woche unterwegs. Dann folgt aber, wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, ein ruhiger August.

Und auch der heutige Tag gehört dem Ausruhen. Das Tagebuch und die Gärten sind die Dinge, die mich beschäftigen. Die Kräuterspirale will ich etwas pflegen, die Hochbeete des Restaurants wässern und Gehölze in meinem Garten so zurückschneiden, dass man sich darin bequem aufhalten kann.

Näher

Die kleinen Reliefobjektexperimente wirken leicht, verspielt, etwas unernst und nicht so verbissen zielstrebig. Das tut meinem Arbeitsalltag gut. Auch die sparsamen Buchmalereien dieses Morgens atmen diese beflügelnde Frische. Diese kleinen Bilder kommen mir gerade immer näher.

Beim Zurückschauen auf die Arbeit der vielen Jahrzehnte, begegnen mir häufig Strukturentwicklungen und Denkfiguren, die mir noch immer sehr nahe sind. Es wäre einen Versuch wert, sie aufzureihen zu einem Fries auf Transparentpapier, um sie dann durch die Spiralbewegung des Aufrollens zu überlagern, bzw. einen Raum daraus zu bilden. Naturstudium, Holzschnitte, Bühnenzeichnungen der Achtzigerjahre verbinden sich mit den abstrakten Figurationen der Gegenwart zum Raum der Lebenszeit.

Gestern stieg der Ballon am Ende von Annes Roman auf und gab den Blick auf den grauen Ozean frei. Und dabei kommt die Bedeutung der Muscheln für die wandernde Menschen in der Vergangenheit in den Sinn, die sie mit sich führten, am Hals trugen oder manchmal verschenkten. Sie waren am Meer oder wollen dort hin, z.B. nach Finisterre.

Trost

Im Innenhof von Teves West trafen wir gestern einen Journalisten, dem wir unsere Situation schilderten, da unsere Mietverträge 2030 auslaufen und wir eine Planungssicherheit brauchen. Es beginnt eine Kampagne, die zum Ziel hat, dass wir alle hier als eine zusammenarbeitende Gruppe bleiben können.

Auf den Tanzreliefformen entstehen neue kleine Objekte, in denen Teile der Reliefs ausgeformt und mit räumlichen Konstruktionen im Rücken verbunden werden. So kann eine Figur, die im Liniengeflecht verborgen ist, irgendwo in der Tanzlinie vorkommt, hervortreten, materialisiert werden und mit einem stabilisierenden Bau im Rücken aufrecht stehen. Das Pappmaché hat eine neue Konsistenz, bildet genauer ab und trocknet sehr stabil auf. Vielleicht sollten ein paar Fragmente davon auf meinem Schreibtisch liegen, damit sie mit den Buchmalereivorgängen Berührung bekommen können.

Seit einiger Zeit besteht meine Lektüre aus einem Buch von Eva von Redecker mit dem Titel „Dieser Drang nach Härte“, über den neuen Faschismus. Da hinein, in diese Horrorszenarien, kann ich nur für relativ kurze Zeit eintauchen, ohne Schaden zu nehmen… Aber abends vor dem Schlafengehen gibt es ja noch den Roman von meiner Tochter: „Hinter den Mauern der Ozean“, als Trost.

Wie eine Choreografie

Mit Tusche, Feder und einem spitzen Pinsel begann ich die tiefliegenden Liniennetze der Tanzreliefs hervorzuheben. Hier und da wird die Struktur durch verschiedene Strichstärken variiert. In den Zwischenräumen entstehen so Figurationen abstrakter Gegenständlichkeit. Das beginnt mit einer Suchbewegung, die plastische Formen als Impulse für Zufälligkeiten aufnimmt und weiterentwickelt. Bisher habe ich die Tusche noch nicht verdünnt, bin auch noch nicht mit Schellack in de Flächen gegangen, geschweige denn mit Farben.

Es gibt Experimente mit Ringgeflechten aus Weidenruten und Relieffragmenten, die ihre Kreise ausfüllen. Das bereitet die Objekte vor, die sich aus Weidengeflechten, Dreieckskonstruktionen und den vollständigen Tanzreliefs zusammensetzen sollen. Ein organisches Zusammenspiel der Elemente muss geprobt werden, wie eine Choreografie.

Die etwas klobigen Eckverbindungen der Gitterkonstruktionen baue ich Schicht für Schicht zu kleinen Skulpturen aus. Das sind neue Elemente, deren Funktion noch nicht ganz klar ist. Sie schweben langsam in die Räume, ohne dass ein Ziel vorgegeben ist.

Kleine Arbeiten

Schleifen, spachteln und grundieren von Pappmaché. Kleine Arbeiten an kleinen Objekten. Dazwischen gehe ich durch Gärtchen und begutachte, gemeinsam mit dem Rotkehlchen, das Wachstum der Wildnis. Es gräbt mit seinem Schnabel planvoll die Erdschicht um und findet allerlei Getier.

Dann gehe ich wieder hinein und beschäftige mich mit den Reliefs, taste mich langsam an die Bemalung heran und bin aber immer wieder mit Reparaturen beschäftigt. Das Material ist dünn und brüchig, weil zu wenig Bindemittel in der Mischung vorhanden war.

Es hat mir Freude gemacht, am Müttermantel weiter zu arbeiten. Der rissige Pappelstamm wird immer härter und ist nun von den Brandspuren des vandalistischen Anschlags befreit. Es gibt verschiedene Ansätze, ihn nun per Hand langsam auszuhöhlen. Vielleicht gehe ich an den tiefen Rissen entlang, um mir etwas Arbeit zu sparen.

Schirn / KI

Mit Ragna uns Jakob, die uns 24 Stunden besucht haben, waren wir in einer KI-Ausstellung in der Schirn. Mich überforderte diese Masse an Informationen, die naturgemäß schnell in diesen Zusammenhängen anfallen. Am besten sind konzentriert zusammengefasste Bilder, jenseits von gegenständlichen Anklängen. Gelernt habe ich, dass ich Systeme mit meiner eigenen Arbeit füttern könnte, um andere Entwicklungen auszulösen.

Nach dem anstrengenden Wochenende will ich mir einen „Sonnmontag“ machen, will mich entlasten und den Tag durchschlendern. Der Heimweg mittags allerdings findet bei über dreißig Grad statt – Schattenhüpfen!

Als ich gestern am Abend die Pflanzen des Geländes wässerte, saß ein Mann in der Wiese und zeichnete. Er gab sich als Botaniker zu erkennen, war ganz angetan von meiner Wiese und möchte weitere Samen von Disteln und Königskerzen mitbringen. Vielleicht wäre er ein Partner in meiner Bemühung um Biodiversität auf dem Tevesgelände.

Geträumt, getan

Und gestern stellte ich probeweise ein Objekt auf den Tisch, wie es in der vorletzten Nacht in meinem Kopf entstanden war. Jetzt, gleich nach den Buchmalereien, stelle ich mir die Oberflächen der Reliefs farbig vor. Aber zunächst möchte ich mit Weiß, Schwarz und Schellack beginnen.

Beim Schreiben sprechen die Figuren aus Annes Roman „Hinter den Mauern der Ozean“, den ich gerade noch einmal lese, in meinem Kopf. Beziehungsweise färben sie meinen Text, erinnern mich an meine Arbeit im Humboldtforum und lassen mir die Insel wie ein Stück Heimat von mir erscheinen.

Wir bekommen am Wochenende Besuch von jungen Menschen aus Barbaras Familie. Ich bin auf die Erzählungen aus ihrer Welt gespannt. Gestern kochten wir schon am Nachmittag, damit wir heute Zeit für andere gemeinsame Unternehmungen haben.

Charaktere

Vorsätzlich in den Buchmalereien Charaktere zu entwickeln, oder während der Arbeit an sie zu denken, erzeugt bei mir eine gewisse Verkrampfung, die zu etwas behäbigen Ergebnissen führt. Und dann sind die inhaltsgeladenen Strukturen nicht mehr erkennbar. Ich kam am Morgen darauf, weil ich zuvor daran dachte, die entstandenen Objekte mit solchen charakterlichen Zuschreibungen zu versehen.

Und außerdem entstand ein Bild in meinem Kopf, das die Reliefs des Tanzfrieses in ein Enviroment einband. Es besteht aus stehenden Gitterkonstruktionen, in die die Reliefs eingelassen oder hineinkonstruiert sind. Das Ganze kann auf einem längeren Tisch stehen. Auf dem vielleicht auch Rolle 11 mit der entsprechenden Sequenz zum letzten Forsythestück liegt.

Den ruhigen Tag gestern nutzte ich nicht dafür, nur streng und konzentriert viel zu arbeiten. Für das vierte Relief fertigte ich die Vorzeichnung an, die nun auf die Modellgrundplatte übertragen wird, damit an den Linien entlang das nächste Relief modelliert werden kann. Es ist mir klar, dass es sich nicht gerade um eine innovative Technik handelt. Darauf kommt es mir auch nicht mehr an! Es kommt mir auf mein Gefühl dabei an.

Ausgangspunkte

Einen Brandfleck von etwa einem Quadratmeter auf der begonnen Holzskulptur des Müttermantels, Folge eines vandalistischen Anschlags, beseitigte ich mit Hohleisen und einem scheren Klüpfel. Eine Stunde sehr befriedigende Holzarbeit! Die Späne mit den Brandspuren liegen nun im Gärtchen und vervollständigen die Schicht, von der mein Dschungel lebt.

Mit den Reliefformen entstanden Experimente mit Holzstäben, die Fragmentausformungen umschließen. Aus diesen Dreiecken werden neue Objekte wachsen, in denen auch die Schwünge der geflochtenen Weidenruten als bewegtes, tänzerisches Element eine Rolle spielen.

So etablieren sich langsam verschiedene Ausgangspunkte, die sich miteinander verweben – die Klaviersonate Nr. 31 von Beethoven und die einstürzenden Twintowers, die Fortführung der Kooperation mit Franz und die Tanzreliefs mit den Gitterobjekten.

Franz

Erstmals füllte ich gestern die dritte Form des Tanzreliefs mit Pappmaché aus. Meine Bemühungen das feuchte Material feiner zu zerhäkseln hatte nur wenig Erfolg. Ein weiterer Versuch wäre, es trocken zu Staub zu zermahlen. Dann entsteht mit Wasser eine feine Masse, die die Form genau abbildet. Morgen wird der erste Abguss sicher trocken sein. Dann kann ich ihn grundieren und mit den anderen beiden zusammenbringen.

Franz Konter hat mich gestern im Atelier besucht. Wir sprachen über unsere Arbeit und über die Zweifel an der strikten Kontinuität und die Hoffnung, dass überraschend eine Erneuerung um die Ecke kommt. Beides liegt uns beiden am Herzen. Meine Gitterobjekte sind so ein Versuch der vorsätzlichen Veränderung der Arbeitsgänge. Außerdem fassten wir eine Wiederbelebung unserer künstlerischen Kooperation ins Auge. Die letzten Versuche stehen schon über ein Jahr hier und büßen an Kraft nicht ein.

Gestern blieb ich durchgehend den ganzen Tag im Arbeitsprozess. Nun ist für zwei Tage wieder Normalität angesagt. Das tut meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele gut. Die grüne Wand meines Gärtchens schützt mich klimatisierend vor den Temperaturspitzen.

Raben

Abends konnte ich, von einem Stuhl vor meinem Atelier aus, 3 Raben beobachten, ein Paar mit seinem Jungen. Das rannte sporadisch und aufgeregt über den Platz, verfiel in unkoordiniertes Herumspringen, wenn es freudig etwas entdeckt hatte, das zum Aufpicken geeignet schien. Wenn die Eltern wieder angeflogen kamen, sperrte es weit den Schnabel auf. Sie badeten in der Schlaglochpfütze, die bei trockenem Wetter von mir mit frischem Wasser aufgefüllt wird und tranken etwas ungeschickt daraus.

Zuvor nahm ich mir Zeit, Rolle 12 durchzuschauen und war etwas enttäuscht. Die spannenderen Vorgänge fanden zuvor auf Rolle 11 statt. Die darauf folgende ist so etwas, wie ein Materiallager, wo Zwischenergebnisse aufgehoben sind, die als Voraussetzung für spätere Kompositionen dienen können und schon in sie einflossen.

Bevor die neuen Gitterobjekte weiterentwickelt werden, sollte erst einmal das Tanzrelief fertig werden. Der raumgreifende Charakter der skulpturalen Arbeiten und die daraus entstehenden Lagerprobleme werden dadurch abgefedert, dass alte Dreiecksgitterobjekte aus den Regalen umgearbeitet werden. Vielleicht kann ich nun auch beginnen, einiges zu entsorgen.

Kreisbewegungen

Videoaufnahmen von unserem Fest wandern nun durch die sozialen Medien. Ein alter Mann liest aus seinen Aufzeichnungen vor, den kreisenden Konzentrationsbewegungen seines Denkens. So nahm ich mich wahr. Mit der Klaviersonate Nr. 31 von Beethoven, die ich nun öfter höre, formiert sich langsam ein neues Thema.

Während der Führungen durch das Museum meines Ateliers zeigte ich öfter die Meenakshi – Linie. Auch die Transparentpapierrollen sind Gravitationsstrudel, in deren Spiralen sich die Tuschelinien bewegen und verdichten. Vielleicht lassen sich diese Liniennetze auch dreidimensional abbilden und aus Metall nachbauen, um einen Raum für schwebende Skulpturen zu schaffen.

In diesem Zusammenhang geht mir der Müttermantel durch den Kopf, den ich aus einem Pappelstamm schlagen will. Kann ich ihn dadurch aushöhlen, dass ich Klötze herausschneide, aus denen ich dann Figuren schnitzen würde, um sie in die Gitterstrukturen zu setzen?

Eine weitere Schicht

Erstmals las ich öffentlich aus meinem Tagebuch vor. Ein zwiespältiger Vorgang. Es waren die Texte, bei denen es um die Gravitation im Bezug auf Teves ging. Und nach wie vor interessiert mich die Verbindung zwischen Libeskind, seinem Ground Zero und der Schülerzeichnung mit dem Nineeleven – Attentat.

Eine weitere Schicht bildet nun das Beethovenkonzert, diese Klaviersonate mit den sehr unterschiedlichen Intensitäten und den kreisenden Themen, die im Boxring erklang. Sie legen sich auf die Stille in den Messehallen, die mit dem Einsturz der Twintowers auf der IAA eintrat auf der ich einen Stand konzipiert hatte. Eine Tanzperformance brach ab und das Ensemble strechte zu relaxten Beats auf dem Tanzboden unter den Screens mit den Rauchschwaden, die aus den Ruinen stiegen.

Der Alltag nach drei Tagen Teveswestfest ist Balsam für meinen Körper. Viele Menschen machten Frottagen auf meinen Tanzreliefformen und hatten so mit meinen Linien zutun. Sehr gut gefiel mir das Miteinander der verschiedenen Akteure. Eine freundliche Atmosphäre zwischen uns – sehr schön!

Ford Transit Gravitation

Der Kreis, der die Zeichnung eines Schülers in meinem Atelier, vor ein paar Wochen, mit den Twintowers, dem Flugzeug, das auf sie zurast und das Klavierkonzert im Boxcamp 2018, das der Architekt des Ground Zero Memorials in Manhattan, Daniel Libeskind entworfen hat, umreißt einen wichtigen Konflikt unserer Tage. Es folgte eine lange, vertrauensvolle, kreisende Diskussion um dieses Thema.

Als Mujdat mich etwa 2024 fragte, ob er etwa eine Ford Transit Ladung Theaterrequisiten auf dem Gelände lagern könnte, entwickelte sich eine weitere kreisende Bewegung. Abgesehen von den Runden, die der Ford immer wieder drehte und Dekorationen ablud, setzte eine neue Gravitation ein. Ich dachte: immer her mit dem Theatermaterial, das kommt jetzt genau richtig. Es entfaltete sich in einer spontanen Performance vor meinem Atelier, Stoffe aller Farben flogen durch die Luft…

In dieser Bewegungsstruktur erzeugen alle Projekte auf dem Gelände ihre eigenen Gravitationskräfte. Eine ruhige stetige Bewegung aus Kunst, Ausbildung und Sport, die immer mehr Produktivität nach sich zieht. Diese Energie spürte Daniel Libeskind und ließ einen Flügel in den Boxring hieven, auf dem ein Beethovenkonzert gegeben wurde.

Teveswestfest

Vor meinem Atelier stand ein Tisch, auf dem ich mit Frottagen arbeitete. Ein Mitmachangebot für das Teveswestfest. Aber es interessierte sich kaum jemand dafür. Es liegt mir aber leider sehr fern, mich einem Zufallspublikum so zu nähern, dass es meine Strukturen schmackhaft findet. Stattdessen ließ ich die Frottagen fließen, indem das Papier während des Schraffierens über den Untergrund gezogen wird. Schellack und Tusche gingen mit dieser Bewegung zusammen. Kristallin und Flüssig begegnen sich wie im Tanz.

Besuch bekam ich von einer Dozentin der Hochschule für Darstellende Kunst, die mir erzählte, wie sie sich manchmal malend als Schauspielerin auf ihre Rollen vorbereitet. An der Stelle, wo sich diese Künste begegnen, fanden wir schnell eine gemeinsame Sprache. Und natürlich erzählte ich ihr von der Tanzlinie und den Objekten, die mit Bewegung im Raum zutun haben.

Heute noch mal einen ganzen Tag, die ersten Gäste sind schon da! Zwei Japanerinnen haben Frottagen gemacht und sie weiter verarbeitet für ihren Fensterscheiben zu Hause.

Reduktion neu

In schlängelnden Bewegungen kringelten sich hunderte von Mückenlarven in einem Wasserbottich meines Gärtchens. Ich goss das Wasser und alles, was ich mit hineingelegt hatte aus: ein Speichenrad, zwei Schläuche, ein Bergkristallstein, Weidenruten, die Wurzeln ziehen sollten und ein Bodensatz aus Laub von zwei Jahren. Aus solchen Laubschichten besteht die völlig durchwurzelte Erde, die meinem Dschungel auf dem Beton Nahrung bietet.

Die Reduktion der Buchmalereien folgt dem Kraftangebot meines Körpers und meines aufgeweichten Geistes nach der letzten Hitzeperiode. Dadurch finden sich wieder Ansätze, die neu sind.

Durch eine Wischbewegung entstand in der dritten Malerei eine Figur, die ich mit einer roten Linie umschloss. Mit dem Rest des Wassers, in dieser Form an meinem Handballen sitzend, löste ich mit etwas Druck die Farbschichten auf einem Lavastein an. Zunächst auf meiner Haut, dann als Abdruck auf dem Papier, entstand dieselbe Figur, nur mit anderen Inhalten, die sich auf die alten Farben und die Steinstruktur darunter bezogen.

Daniel Libeskind auf Teves West

Daniel Libeskind veranstaltete 2018 an verschiedenen Frankfurter Orten Konzerte in einer Reihe, die er „One Day in Life“ nannte. Er brachte die Stadt dort zum Klingen, wo sonst Musik keine übergeordnete Rolle spielt. Einer der wichtigsten und populärsten Orte dieser Veranstaltung war das Boxcamp auf Teves West. Der Mann, der das Jüdische Museum in Berlin und den Ground Zero in New York entwarf, hat einen seismischen Sinn für die Energie eines Ortes und würdigt den Raum der Boxer mit der Klaviersonate Nr. 31 As-Dur von Beethoven.

In diesem Zusammenhang denke ich an den Schüler, der in meinem Atelier ein Flugzeug zeichnete, das auf die Twintowers zurast. Die Diskussion die sich rund um diese Zeichnung hier bei mir entwickelte, verbinde ich mit den Entwürfen von Libeskind für den zerstörten Ort und den Menschen, die dem Anschlag zum Opfer gefallen sind. Ich denke an die muslimischen Frauen die an jedem Freitag im Boxcamp trainieren.

Gestern richtete ich mein Atelier für das Teveswestfest ein. Ich bereitete Flächen für Frottagen vor, räumte auf, schuf im Gärtchen Raum für Aufenthalt und ordnete schon Material für den Workshop, den ich anbieten will. Am Freitag soll ich eine Eröffnungsrede für einen Konzertabend halten. Dabei werde ich auch über Libeskind sprechen.

Katzen

Ein Gastspiel mit dem Titel „Tanzende Idioten“ sahen wir auf der großen Bühne des Schauspiels Frankfurt. Eine Rolle war die eines Katers, die sehr realistisch ausgefüllt wurde. Weil ich Katzen aus eigener Beobachtung ganz gut kenne, konnte ich das genaue Spiel des Darstellers, das aus langen Studien der Tiere herrühren muss, sehr genießen.

Mich erinnert das an eine Begegnung mit dem Kätzchen auf dem Köllhof, während ich auf der Wiese liegend, etwas am rechten vorderen Radkasten des Autos reparierte. Plötzlich spürte ich in meinem Rücken das kleine lebendige Wesen, das sich an mich kuschelnd im Gras räkelte. Während der konzentrierten Arbeit, war es nicht möglich, auf den Annäherungsversuch zu reagieren. Und bald war es mit seinem schwarzen Fell und den weißen Pfoten wieder davongelaufen.

Kühlere Luft hat in der Nacht lindernde Gewitter entstehen lassen. Das Wässern der Tevesgärten bei 37 Grad Lufttemperatur und das anschließende Zusammenrollen des 50 m langen Gartenschlauchs mit meinem Armen und ganzem Körpereinsatz, war in diesen Tagen eine Übung in Demut. Nun liegt das dreitägige Teveswestfest vor uns, was die Arbeit unterbricht.

Gabriele Stötzer im Gropiusbau

Meine Steine sind meine Freunde. Besonders, wenn sie eine abwechslungsreiche Oberflächenstruktur bieten, kommen sie mit mannigfaltigen Abdrücken in den Buchmalereien vor. Sie unterstützen mich, müssen aber auch im Zaum gehalten werden. Am engsten ist meine Beziehung zu ihnen, wenn ich mit eigenen zeichnerischen Bewegungen, auf ihren Spuren in den Malereien, in ihre Schichten vordringe.

Im Atelier liegt ein Objekt, dessen Reliefoberfläche sich durch die Trocknung des Pappmachés verformt hat. Diese geschwungene Form spannt sich über die kristallinen Gitterstrukturen. Um dort hinein noch kleinere Skulpturen setzen zu können, muss ich das Pappmaché, mit dem ich die bauen will, noch feiner zerkleinern. Dafür hängt ein Passierstab in der hiesigen Atelierküche.

Gabriele Stötzer hat nun eine Ausstellung Im Gropiusbau in Berlin. Darüber freue ich mich sehr. Es hat die richtige getroffen. Sie hat ihre radikaleren Ausdruckweisen schon in der DDR gefunden, als ich mich noch der Kraft verbunden fühlte, die aus dem Naturstudium wächst. Ich freue mich darauf, die Ausstellung zu sehen.

Weniger ausufernd

Die Tanzlinie bekommt neue Räume. Ein weiteres Gitterobjekt ist auf zwei aneinander liegenden Dreiecken mit einer durchgehenden Struktur des Tanzreliefs belegt. Es stellt sich ein Produktionsprozess ein, der ein Objekt nach dem anderen mit neuen Kompostionsstrategien entstehen lässt.

Neu ist die Frage nach der unterzubringenden Menge des entstehenden Materials. Ihr folgt der Gedanke nach stärkerer Konzentration in weniger seriell ausufernden Reihen und mehr Fokus auf einzelne allein stehende Arbeiten. Das liegt mir nicht so nahe. Meine Arbeitsweise strebt eher nach Aneinanderreihungen ähnlicher Fragestellungen. In den Tagebüchern kann ich mir das leisten. Die benötigen wenig Platz für hunderte Entwicklungen ähnlicher Kompositionen.

Eine Gruppe junger Menschen besuchte mich gestern, ausgerüstet mit Kameras zur Erkundung neuer Perspektiven. Ich erzählte ihnen von Raum, Tanz und davon, wie sich das in den Objekten widerspiegelt. Dann erzählte ich die Geschichte der Väterportraits.

Noch zu entdecken

Ein Gitterobjekt legte ich mit einem seiner leeren Dreiecke auf eine der Tanzreliefformen und füllte die Fläche mit Pappmaché aus, das ich in die Form drückte und mit dem Gestänge verband. Trotz der hohen Lufttemperaturen, war das Ganze am Morgen noch nicht trocken. Die vielen Möglichkeiten des Collagierens im Raum, lassen ein reiches Experimentieren zu: geschlossene Formen, schwebende Fragmente, skulpturale Eckverbindungen und die Weidenrutenschwünge klingen zusammen, wie Organismen aus einer noch zu entdeckenden Welt.

Zum zweiten Mal sahen wir gestern Abend im Schauspiel die Inszenierung von Publikumsbeschimpfung von Peter Handke. Es war die Demiere und es hat sich wirklich noch einmal gelohnt. Für mich war das Zusammenspiel von Lifemusik, Text und Darstellung der Höhepunkt des Abends. Außerdem hatte die klare Inszenierung und das genau gesetzte Spiel von Improvisation eine außergewöhnliche Spannung.

Mit Fred, der mit seiner Mutter mitkam, sprach ich über seine Zukunft als Dokumentarfilmer, über die Herangehensweise an Projekte und über „Handprint Tel Aviv“, das mir immer noch durch den Kopf geht.

Rückkopplung

Die langen warmen Tage strecken die Zeit. Sie scheint zähflüssiger zu vergehen, ist verwischt und bildet Blasen. In ihnen entstehen die kleinen Partikel der Buchmalereien. Zuerst meist rechts unten auf der Doppelseite. Von dort breiten sie sich zunächst zum oberen Format aus, bilden kleine Inseln, die bald zusammenwachsen.

Es entsteht eine Rückkopplung mit dem Gehör, das Einzelgeräusche wie Musik aufnimmt und mit den sichtbaren Mustern auf dem Papier interagiert. Die eigentlichen wichtigen Ereignisse finden auf den Wegen zwischen Gehör und Sehnerv statt. Die Beweglichkeit dieses verschmolzenen Materials, ähnelt der Opernstruktur.

Und was ich schreibe, sind Linien. Die fragmentarische Figuren entstehen lassen. Partikelmuster und sich bewegende Kontinentalplatten. An den Rändern stehen sich gegensätzliche Aggregatzustände gegenüber. Weit oben das Eis, weit darunter Lava. Auf dem Papier meiner Bücher zeugen manche Abdrücke von diesen Vorgängen.

Was bleibt, was wird?

Das Material, das im Atelier herumliegt besteht beispielsweise aus Resten von Pappmacheabformungen, aus alten Dreiecksgitterkonstruktionen und aus Naturmaterial, wie die geflochtenen Ringe der Weidenverzweigungen. Die bilden, wenn sie lasierend weiß grundiert sind, eine stilisierte Vorgabe für neue Konstruktionselemente, die aber ihre eigene Oberflächenstruktur nicht ganz verloren hat.

Die löchrigen Pappmachefragmente sind instabil und werden durch die weißen Grundierungsschichten stabilisiert. Dann bilden sie Gründe für Tuschzeichnungen im fließenden Zusammenspiel mit Schellackspuren. Ein Fundus an Elementen, die in die Konstruktionen eingesetzt werden können, entsteht auf diese Weise, langsam wachsend.

Keine Verbindung besteht derzeit von dort aus zu den Buchmalereien. Sie haben gerade eine Suchbewegung hinter sich, sind sozusagen mit sich selbst beschäftigt. Langsam finden sie wieder in die Nähe ihrer alten Gestalt, die zuvor vertieft wurde. Mal sehen was bleibt, was wird.

Weibliche Konzepte

In unserer kurzen Auszeit an der Eggstädter Seenplatte wohnten wir auf einem ehemaligen Bauernhof, der nun Ferienwohnungen hat und keine Tiere mehr. Er ist fest in weiblicher Hand, was dem Betrieb, den Umgangsformen und dem Gesamtzustand des Hofes gut tut. In der traditionsdurchwachsenen Umgebung ist dieser Frauenbetrieb sicherlich eine Herausforderung.

Mechthild reiste zu einem buddhistischen Seminar in Süddeutschland. Das findet in einem Kloster statt, das auch von einer Frau geleitet wird. Die weiblichen Konzepte haben bei uns gerade Konjunktur. Das war unter uns schon immer so, wird aber in der Gesellschaft präsenter und wichtiger. Seit meinen Kontakten zu Christa Wolf ist mir diese Seite der Entwicklungen sehr nahe.

Nach unserer Rückreise kümmerte ich mich um die Pflanzen rund um das Atelier. Dazu gehört die Restaurantterrasse mit ihren Kräuterhochbeeten, mein Gärtchen auf dem Beton und die Wiese mit ein paar Pflanzen, die besonders in Fokus meiner Aufmerksamkeit sind. Am Rand der Wiese steht ein kleiner Ahornbaum, der erst zwei Jahre alt ist und in diesem Jahr zum zweiten Mal austreibt. Ich möchte ihn schützen, damit er groß werden kann.

Schönheit

Nun sind die Dreiecksgitterobjekte an ihrem Ort, an einer weißen Wand in Barbaras Arbeitszimmer. Ich habe sie gestern dort hin transportiert. Sie machen sich fast zu gut an dieser Stelle, sind fast zu schön und ungebrochen komponiert. Vielleicht sollte ich das Thema Schönheit ernsthafter bearbeiten. Wir tranken ein Glas Wein auf der Terrasse, während ich mich lobte.

Zuvor holte ich eines der sechzehn Reliefteile des Väterportraits aus dem Museum für Angewandte Kunst. Am Morgen brachten wir Mechthild zum Bahnhof, damit sie ihre Reise fortsetzen konnte, und am Nachmittag telefonierte ich mit Anne am Mainufer, erzählte ihr von den Gesprächen mit meiner Mutter, mit der man ganz gut in ihrem Langzeitgedächtnis stöbern kann. Wir redeten noch über unsere Arbeit und darüber für wen wir sie machen.

Gleichzeitig tauchte Joana, die viele Jahre in meinem Atelier gearbeitet hat, in meinem Gesichtsfeld auf, erkannte mich aber nicht gleich, sah mich einfach nicht. Wir haben uns die ganze Zeit, vielleicht etwa 8 Jahre, nie getroffen. Jetzt umarmten wir uns herzlich ob der Freude des Wiedersehens.

Grundraum

Durch die weiße Grundierung bekommen die Gitterobjekte den Charakter einer durchlässigen Leinwand, die es zu bemalen gilt. So werden sie der Grundraum, der gefüllt werden soll. Zwei dieser offenen Konstruktionen mit den skulpturalen Eckverbindungen, sind bereit für die Aufnahme von gestalteten Gegenständen. Außerdem färbte ich einige Zweige der geflochtenen Weiden weiß, die ebenfalls in den umgrenzten Räumen schweben können.

Die Durchdringung von Innen und Außen, die Definition der verschiedenen Zustände, können mit Hilfe dieser Skulpturen sichtbarer werden. Auch die Buchmalereien und anderen Arbeiten sind die Wege, auf denen ich die Stoffe und ihre Aggregatzustände erkunde. Dabei laufen ästhetische Entscheidungen stetig parallel und wie von selbst ab.

Im Atelier von Franz sah ich nun Farben auf seinen Blättern mit den Sepiazeichnungen. Dass er versucht, während dieser Arbeit nicht zu denken, schlägt sich manchmal in den Kompositionen nieder, die sehr spontan erscheinen. So bekommen seine kraftvollen Striche manchmal eine schüttere Note.

Von innen nach außen und zurück

Vielen Eidechsen im Gärtchen fehlen die Spitzen ihrer Schwänze. Seit einiger Zeit fragte ich mich, wer da wildert. Und gestern sah ich eine Maus, die das Unterholz der Birke direkt am Atelier bewohnt. Mäuse fressen Eidechsen. Deswegen werde ich sie fangen und jenseits vom Bahndamm wieder aussetzen.

Mit Mechthild, die uns gerade besucht, sprachen wir am Vormittag noch einmal über die Linien die ich im Durchgang zum Versammlungsraum in Tabo aufgenommen habe. Wir spekulierten über ihre Bedeutung im Rahmen eines Übergangs von der alten Bönreligion, mit ihren weiblichen Führungsfiguren, hin zum Buddhismus.

Meine Buchmalereien kann ich ebenfalls als Protokolle des Übergangs von einer äußeren zu einer inneren Welt lesen. Manche gegenständlichen Anklänge sind in der äußeren verankert und Nichtgegenständliches wird vom synaptischen Zusammenspiel gerne in eine figürliche Form gebracht. Dieses Vexierspiel erscheint als Vorgang des Wechsels von außen nach innen und zurück.

Mehr weglassen

Die Buchmalereien entstanden heute etwas weniger aufwendig, weil ich etwas in Eile bin. Aber auch diese Herangehensweise, mehr wegzulassen als sonst, hat ihre Vorteile. Arbeitsweisen werden sichtbarer, Schichten durchlässiger und Strukturen klarer.

Erhard aus Thüringen, den ich vor einer Weile kennen gelernt hatte, erzählte mir gestern von seiner Praxis als Lesepate in einer Schule in Nied. Er hielt mich etwas vom Arbeiten ab, was mir ganz recht war. Vor unserer Erholungsreise an die Bayrischen Seen, werde ich sowieso nicht mehr so viel hinbekommen, was meine aktuellen Projekte weiter schreibt. Stattdessen schneide ich Weiden zurück, damit die Seerosen mehr Sonne bekommen. Die Zweige stelle ich ins Wasser, damit sie Wurzeln treiben. Weiden wären auch am Bahndamm ganz schön.

In einem Dokumentarfilm über Gaudi und die Sagrada Familia begegnete mir die Zerstörungswut der Republikanischen Linken in der Form, dass sie das große Atelier des Architekten zerstörten. Parallel denke ich an die maoistischen Roten Garden, die die Buddhistischen Klöster auslöschten. Aber die große Kirche haben sie in Barcelona verschont. Deswegen kann ich nun für meine Arbeit studieren, wie skulpturale Formen aus den Konstruktionen wachsen.

Ich habe Zeit

Manchmal höre ich am Morgen Musik von Joe Zawinul, Jazzstücke, die mich einerseits an Film Noir erinnern, aber deutliche Freejazzattacken aushalten müssen. Im besten Fall inspiriert mich das innerhalb meiner Buchmalereien zu Linien, Strukturen und Farbflächen.

Den gestrigen Sonntag hielten wir von kulturellen Aktivitäten frei. Kein Tanz, kein Schauspiel, kein Museum und kein Konzert. Stattdessen spazierten wir am Westhafen und blickten mit einem Drink auf die weite, glitzernde Wasserfläche des Flusses. Ich hielt mich fern vom Atelier.

Und heute könnte eigentlich auch ein freier Tag für mich sein. Aus diesem Gedanken heraus versuche ich ihn zu gestalten. Bin schon spät dran und habe das handschriftliche Tagebuch hinter mir. Auf dem Weg zu meinen Scans und Collagen Gespräche unterwegs und die Begegnung mit meinem Baum. Ich habe Zeit!

Singsang

Eine Anfrage an die KI nach einem Singsang meines Vaters:„Gellewa gellewa gingangei, oh jekuje“, erbrachte, dass es sich um einem Pfadfindergesang handelt, der nichts bedeutet, ein Nonsenslied, das aber an Lagerfeuern gesungen wurde. Mich erinnert das etwas an die Baumgesänge, wie ich sie in meinem Rücken hörte. Rund um den Baum ist heute ein Fest mit Bands und Flohmarkt. Dort werde ich ein wenig verweilen.

Bei der Weiterarbeit an den Dreiecksgitterobjekten stellen sich Möglichkeiten ein, dass aus den skulpturalen Eckverbindungen Figuren wachsen, wie Äste aus einem Baum. In Barbaras Zimmer hängt ein geschweißtes Gitterobjekt mit einer darin schwebenden Holzfigur. So könnten die neuen Objekte aussehen.

Zu Hause erfreue ich mich an den fremden Pflanzen, die ich aus Samen ziehe, deren Herkunft ich vergessen habe. Es treten Überraschungen hervor, bei denen man gespannt sein kann, was aus ihnen wird. Irgendwelche exotischen Schoten liegen seit Jahren in Gläsern, die ich nun hervorhole, aufbreche und den Inhalt in die feuchte Erde stecke…

Luxus

Der Luxus stellt sich ein, wenn ich im Atelier die Papiermasse gründlich durchknete, die Hand zwischen Festigkeit und weicher Formbarkeit bewege und sich Langsamkeit bei der Bearbeitung der Gitterobjekte einstellt. Das Modellieren, Montieren und die Bemalung sind in einer spannungsvollen Weise auch haptisch aufeinander angestimmt.

Ähnlich ist es beim Aufbau der Farbigkeiten während der Buchmalerei. Die Strukturschichten, die in das Papier geprägt und durch gegenfarbige Schraffuren hervorgehoben werden, schaffen eine räumliche Tiefe. Sie kann durch Verwischungen oder Wasserwolken vernebelt oder mit einer neutralen Farblasur teilweise abgedeckt werden. So entsteht die Energie zwischen Farbstrukturschichten im Hintergrund und den weichen Mischungen davor.

Auf der Schauspielbühne fand die Premiere zweier gegensätzlicher Tanzstücke statt. Thomas Bradley zeigte mit weiteren 5 Tänzerinnen und Tänzern, die die Company verlassen werden, ein reduziertes, geradliniges und herausforderndes Werk. Sehr gelungen fand ich das, genau richtig für meine Lust, an den Formen im Kopf mitzuarbeiten. Das zweite Stück vom Ballettchef Mandafounis war verspielter, leichter aber oberflächlicher. Erinnerungen an das Kinderspiel sollten gezeigt werden, was aber ohne den Bruch der unmöglichen Wiederholung dessen in späteren Lebensphasen, nicht glaubhaft gelingt. Getanzt ist das alles auf hohem technischem Niveau! Diese unterschiedlichen Handschriften verweisen auf die Spannungen innerhalb der Company, die im Vorfeld kolportiert wurden.

Materialberge

Aus den Materialbergen im Atelier kommen 2 Dreiecksgitterobjekte, mit unregelmäßigen Kantenlängen. Sie lagen mit anderen zusammen auf dem Schrank, der meine Computernische vom restlichen Raum abtrennt. So hatte ich sie täglich, rechts von mir, im Blick. Die Arbeit begann mit der Herstellung von Pappmaché aus alten getrockneten Resten, Masken- und Relieffragmenten. Beim Einkaschieren der Eckverbindungen stellte sich die feuchte Masse als ein Material heraus, mit dem man gut modellieren kann. Es lässt sich formen, glatt streichen und trocknet zu festen dichten Volumen. So werden die Stellen, an denen sich die Stäbe treffen, zu kleinen Skulpturen.

Eine alte Reliefform mit abgegossenen Symbolen menschlicher Wanderung, füllte ich mit Pappmaché und verband die Rückseite des entstehenden Reliefs mit einem Weidengeflecht. Die Form des Frankfurter Kraftfeldes und das zerstörte 14 Meter lange Relief, könnten das Grundmaterial für eine neue große Arbeit bilden, in der die Dreiecksgitterobjekte Wanderungsspuren aufnehmen.

Genügend Inhalte dafür befinden sich in der Form. Sie können Grundlage für Skulpturen bilden, die aus den vorgeformten Volumina wachsen und die Gitterobjekte bevölkern. Vielleicht kann das ganze etwas kompakter und konzentrierter sein als das große Relief. Diese Idee entstand aus der Umarbeitung der alten Gitterobjekte.

Eigenleben

Die Buchmalereien, wenn sie für sich bleiben, auf den Seiten auf sich gestellt, entwickeln sie kleine Überraschungen nur für mich. Ich frage mich nach der Bedeutung dessen für ihre Gestalt. Manchmal werden sie vorausschauend schon in die Collagen eingefügt oder ihre Umrisse landen im Kopf bereits auf den Transparentpapierrollen. Manchmal erscheinen sie hinter den Augen vergrößert auf anderem Material. Damit entfernen sie sich von ihrer immanenten Selbstgenügsamkeit.

Am Abend lese ich Barbaras Übersetzung von „Bis hierhin war´s ein langer Weg“ von Jamie Attenberg. In dieser autobiografischen Lebensbeschreibung trifft sie in Frankfurt auf meine Frau. Sie schildert die Begegnung präzise, freundlich, achtungsvoll und zutreffend. Ich las es gerne.

Mit Anne rätsele ich um die Identität eines der Fitznerbrüder auf dem Foto im Haus Vaterland. Manches, was ich als selbstverständlich voraussetzte, stellt sie Infrage. Die Unwägbarkeiten aus der Familiengeschichte machen viele neue mögliche Stränge auf. Auf meinem Arbeitstisch liegt viel kleines Material, das ich bearbeite. Auch diese kleinen Dinge sind zuerst für mich da und für sich selbst. Ihr Eigenleben ist ihre Bestimmung.

Unterbrechungen

Die drei Gitterobjekte, deren Gestalt ich in den letzten Wochen gründlich verändert habe. sind nun fertig geworden. Die kleinen Ausdrucke der figürlichen Buchmalereien, die auf dreieckigen Transparentpapieren zwischen die Stäbe gespannt waren, sind nun übrig. Am Morgen dachte ich, sie könnten in recheckige Formate geschnitten und mit Tusche neu konturiert und ergänzt werden zu einer Serie.

Die Tanzreliefs liegen auf dem Tisch. Der Fries ist unfertig und ich habe mich gedanklich davon entfernt. Bin mir unsicher, ob das zu etwas Sinnvollem führen kann. Vielleicht in Verbindung mit einer Malerei, die dem Ganzen eine andere, etwas zwingendere Richtung gibt.

Ein paar Tage Kontinuität, ohne die ständigen Unterbrechungen, würden den Dingen, die ich weiterführen möchte, gut tun. So gibt es beispielsweise noch viele Gitterstrukturen mit unregelmäßigen Kantenlängen, die ich weiter bearbeiten könnte. So würden die Erfahrungen, die ich bei den letzten Objekten gesammelt habe, angewendet und weiterentwickelt werden.

Feinmotorik

Während eines Spaziergangs am Mainufer, besuchten wir die Alten Meister im Städel. Zwischen manchen gemalten hingen digitale Spielereien. Dort erhebt sich dann der gemalte Schmetterling in der elektronischen Kopie und umflattert die Birne, die auf den Tisch steht. Aber die alten Malereien lohnen immer einen Besuch. Auf dem Rückweg blies mir der Wind meine Schirmmütze in das Westhafenbecken. Zwei Sekunden zuvor hatte ich die Szene schon im Kopf, reagierte aber dennoch nicht schnell genug, um das Versinken meiner Mütze, die seit Jahren zu mir gehörte, zu verhindern.

Während der Buchmalereien achtete ich auf die feinmotorischen Zuckungen, die von den unregelmäßigen Schraffuren oder besser gesagt von den Gesträuchlinienbewegungen ausgehend, sich verselbständigen.  Wenn die Hand in diese unwillkürlichen Bewegungsabläufe gerät, muss ich sie zügeln, sonst schießen die Linien über das Format hinaus oder stören die Komposition, die während des Malens in meinem Gehirn wächst.

Ein paar Einschränkungen in meiner rechten Hand nehmen zu. Der Grund ist wahrscheinlich eine Arthrose an der Daumenwurzel. Das wirkt sich nicht nur auf meine Handschrift, sondern auch auf das Zeichnen aus.

Arundati Roy

Bilder von den Backwaters in Kerala, wie wir sie kennen, in einem Film über die Autorin Arundati Roy. Eine Kämpferin für die Rechte von Frauen und den unteren Kasten in Indien. Immer öfter, auch während unserer Reisen, sahen wir die Schattenseiten unseres geliebten Reiseziels, die man schnell vergessen kann, wenn die schönen Tempel in den Vordergrund rücken.

Endlich ist bei der Arbeit an den Gitterobjekten, an denen ich viel länger als gedacht gearbeitet habe, Land in Sicht. Und nun bin ich soweit, dass ich mir vorstellen könnte, mit weiteren Objekten die Form dieser Arbeit weiter zu entwickeln. Im wahrsten Sinne des Wortes gibt es dafür genügend Spielraum zwischen den Stangen der alten Gitterobjekte.

Und wenn ich bei der Bearbeitung eines solchen Projektes da angekommen bin, treten die Buchmalereien hervor und verlangen ihren Anteil an der Weiterentwicklung. Deren Strukturen, Farbigkeiten und Kompositionen wollen wieder in den kommenden Experimenten ihre Rolle spielen.

William Forsythe

Wir sahen gestern „Endless Love“ im Gallustheater, ein Tanzstück von Tony Rizzi. Er erzählte von seinem Leben als junger, schwuler Mann und seiner Faszination von Filmstars und deren Ruhm. Das inspirierte seine Karriere und tut es offensichtlich bis heute. Im Hintergrund der schmucklosen Bühne liefen alte Filmszenen und davor tanze Rizzi gemeinsam mit unserem Tanzlehrer Manuel.

Im Publikum war auch Bill Forsythe. Endlich ging ich zu ihm, um zu sagen, welche große Rolle seine Arbeit für meine Kunst spielte und immer noch spielt. Seit Jahrzehnten arbeite ich zu seinen Stoffen, nehme die Themen immer wieder auf, fülle meine Denkräume mit seinen Bewegungen auf der Bühne. Er bedankte sich sehr freundlich: „Schön, dazu etwas beigetragen zu haben.“ Nun bin ich geradezu erleichtert, das losgeworden zu sein, was mir seit über 30 Jahren auf der Seele lag.

Abdrücke meiner Steine, die ich an den Küsten sammelte, befinden sich nun als Spuren auf den Tagebuchseiten. Nachdem die Malereien eigentlich beendet waren, fügte ich dann doch noch Farbabdrücke der blasigen Oberflächenstruktur eines Lavasteins ein. Einen ähnlichen hängte ich heute mit einer Schlinge in die Borke der Vaganteneiche auf dem Gustavsburgplatz. Christian, mit einer Bierdose in der Hand, fragte mich nach der Bedeutung dessen, was ich da tue.

Routine fehlt

Die Arbeit an den Gitterobjekten entwickelt eine Vervielfältigungsmechanik, die sich auf die Anzahl von Arbeitsschritten auswirkt. Die ungewohnten Schritte, bei denen jede Form von Routine fehlt, führen auch zu Ergebnissen, die immer wieder korrigiert werden müssen. Die Hoffnung dabei ist, dass irgendwann der Knoten platzt, indem sich das Gestaltungselement findet, das alles zusammenführt.

Ein Krankenhausaufenthalt meiner Mutter hält mich etwas in Atem. Dazu kommen die hohen Temperaturen, die den Tagesablauf etwas verändern. Nach dem Vormittag gehe ich erst später ins Atelier, wo auch die Gärten zunehmend gewässert werden müssen.

Einziges Kontinuum sind derzeit die Buchmalereien, die sich gerade wieder etwas verändern. Die machen mir Freude, bis hin zu den digitalen Collagen. Mit einer bewegten Linie, die sich an der Komposition orientiert, schneide ich die Formate quer auf. Die zwei nach oben und unten auseinander geschobenen Teile, werden dann auf eine bestimmte vorausgegangene Collage der Reihenfolge gesetzt.

Monet im Städel

Im Städel sahen wir „Monets Küste. Die Entdeckung von Éretat“. Aber nicht nur Küstenbilder von Monet waren zu sehen, sondern auch solche von Courbet, Valloton und vielen Zeitgenossen. Außerdem gab’s Fotografie und Malerei bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Es war genug Zeit da, um sich mit der Farbigkeit, den Strukturen und deren Übergängen ineinander zu beschäftigen. Die Behandlung der Wasserflächen geschah bei Monet fast naiv, mit Bogenstrichen, wie die von Kindern die Wasser zeichnen. Die Farben aber, sind ein Erlebnis. Im Nizza am Main tranken wir noch einen Aperol und verlängerten damit noch die Stimmung mancher Bilder.

Heute nahm ich den flüchtigeren Stil der Buchmalereien wieder auf. Gestern entstand er aus Zeitmangel. Heute aber kultivierte ich ihn in aller Ruhe. Anne schickte mir Fotos von alten großen Holzschnitten, die sie in Wiesenbach gefunden hat. Eine Auftragsarbeit aus den Achtzigerjahren. Erstaunliches Material!

Pfingspause

Trotz des Nachdenkens über die sparsameren Buchmalereien und ihre Vorteile, entwickeln sich die Dynamiken bei der Arbeit hin zur Opulenz. Diese Eigenbewegung kann bei den kleinen Formaten manches verschwinden lassen, das durchschaubarer, lichter und deutlicher macht, worum es mir in diesem Augenblick geht.

In den vergangenen Pfingsttagen machte sich eine Arbeitspause breit. Auf meinem Balkon finden sich Steine; Muscheln und Federn für planloses Kinderspiel ohne Ablenkung und Blick auf die Zeit.

Zwei Wiesengamsbärte stehen unter eine Glaskuppel geschützt im Wasser auf dem Ateliertisch. Ihre Samen sollen eine erneute Vermehrung dieser Pflanze, die sich von alleine auf der Wiese angesiedelt hat, ermöglichen.

Zirkus Kafka

Im Schauspiel sahen wir die Premiere von „Zirkus Kafka“ von Roi Chen in der Regie von Dor Aloni. Auch nach einer längeren Nacht am Küchentisch, blieben wir etwas ratlos. Sowohl das Stück, das noch etwas von einem Entwurf hatte, als auch die Regie überzeugten uns nicht. Die Schauspieler gaben allerdings alles, was versöhnlich war.

Dennoch blieben wir zur Premierenfeier in der Kantine, bzw. davor auf dem Gehweg auf Bierbänken. Dort hatten wir bald Gesellschaft von zwei jungen Männern, einem Schauspielstudenten und einem angehenden Regisseur. Sie baten uns um Rat für ihre Berufe, und wir erzählten von unserer künstlerischen Praxis.

Im Atelier arbeite ich ganz gemütlich an den Gitterobjekten. Die Bearbeitung der Elemente, die in die Raumkompositionen eingesetzt werden, geschieht am Tisch. Die Montage im Stehen oder in Bewegung. Kleben, male, probieren, verwerfen, anschauen und neu von vorne. Heute Abend wieder Theater, diesmal aber Shakespeare.

Am Tisch

Vor meinem Balkon auf der Allee wurde der farbig leuchtende Gemüsestand aufgebaut. Sein Anblick hebt an jedem Freitagmorgen meine Stimmung. Und heute um so mehr, als die Frühsonne durch das frisch gewachsene Blätterdach der Allee strahlt. Nach unserem Treffen im Atelier gingen Barbara und ich gestern noch auf ein Bier auf den Gustavsburgplatz. Eine Band spielte im Gartenlokal von Caro und Lolek vor vielen jungen Menschen.

Am Tisch im Atelier bemalte ich Relieffragmente, schnitt ihre unregelmäßigen Umrisse etwas zurecht, um sie in die Gitterräume der Objekte einfügen zu können. Die kristalline Grundstruktur, in die schon die Schwünge der Weidengeflechte eingesetzt sind, hat eine weiße Grundierung bekommen. Jetzt können an manche Eckverbindungen schwarze Tuscheakzente gesetzt werden, die auslaufend in die Struktur sickern. Eine feuchte Pappe drückte ich in die dritte Tanzreliefform und verstärkte die Linien mit Graphit und Tusche auf weißem Grund. Das soll als weiteres Element etwas mehr Abgeschlossenheit, an manchen Stellen der offenen Komposition, ermöglichen.

Die Buchmalereien machen wieder Spaß und helfen mir. Alles andere Material erscheint mir wie ein kompostierter Humus, auf den weitere Dinge wachsen, die wieder und wieder verändert werden und so zu einer anderen Entwicklungsform hintreiben.

Anderes Licht

Über die Recherchen meiner Tochter zu den weit verzweigten Familiennetzen unter den Namen Fitzner, Wolf und Reinecke, gab es ein langes, ruhiges Gespräch mit meiner Mutter. Mein Vater hatte sich von dieser Geschichte gründlich distanziert. Durch seinen Förderer, dem Architekten Stefanowitz, entfernte er sich aus der proletarischen Welt der Zimmerleute und Gleisbauer und strebte eine pädagogische Laufbahn an. Der Bastard einer Näherin und eines fahrenden Tischlers, wurde ein sozialistischer Erzieher.

Der Tag in Thüringen mit der fünfstündigen Fahrt über die Autobahn und den Unternehmungen mit meiner greisen Mutter, strengte mich an. Das Väterrelief mit den ineinander verwobenen Rasterportraits von Oskar Fitzner und meinem Vater, erscheint mir in einem anderen Licht. Der Akt, sie zusammen zu bringen wendet sich gegen die Absetzbewegung meines Vaters.

Am Morgen gingen mir meine Materialien Gips, Papier, Holz und Wandweiß, Tusche, Graphit und Schellack durch den Kopf. Aber diesmal ging es um skulpturale Formen, gespannte, leicht gewölbte Flächen, rissig und geschliffen mit zeichnerischen Elementen. Das verbindet sich mit der Arbeit an den Gitterobjekten.

Aber alles gut

Längere ernsthafte Arbeit an den Gitterobjekten, in die nun die Weidengeflechtverschlingungen fest eingebaut sind. Übernacht trockneten die Pappmachéknotenpunkte, mit denen die Elemente verbunden sind. Diese Arbeit müsste mehr Objekte umfangen, damit die Erfahrungen ähnlich einer Forschungsreihe gemacht werden könnten.

Parallel dazu geht mit den Tanzreliefs nichts voran. Es fehlt mir die ruhige Konzentration, die für 2 solche Vorgänge notwendig wäre. Dafür ist zu viel rundherum aus dem Takt. Morgen fahre ich zu meiner zweiundneunzigjährigen Mutter nach Thüringen und heute kam meine Frau aus der Klinik nach Hause. Aber alles gut!

Manchmal kommt ein Thüringer meiner Generation zu Besuch auf das Tevesgelände. Wir erzählen uns andere Dinge, als das sonst in dieser Umgebung üblich ist. Das liegt an unserer sehr ähnlichen Sozialisierung. Andere Leute verstehen uns nicht so gut. Ich erzählte ihm vom Rock`n`Roll der einen Jungpionier aushöhlte.

Verunsicherungen

Manchmal schwindet die Sicherheit mit der die täglichen Collagen entstehen. Dann rühren sie beim Anschauen an ein befremdendes Gefühl. Das führt zum Nachdenken über den Vorgang, bei dem schon seit 8 Monaten die Buchmalereien mit einer bewegten Linie quer aufschnitten werden. Durch das Auseianderschieben nach oben und unten, öffnet sich der Spalt, durch den man auf die vorherigen Durchblicke in die Vergangenheit schauen kann. Nach einigem Überlegen, bleibe ich weiter bei diesem Vorgehen.

Auch bei der Verbindung der Gitterobjekte mit den Verschlingungen der geflochtenen Weidenverästelungen schleicht sich ein Unwohlsein ein. Das passiert in den Moment, in dem die unterschiedlichen Gestaltungsformen gleichwertig werden und sich sozusagen gegenseitig aufheben. Dem kann aber mit bemalten Relieffragmenten gegengesteuert werden. Und weniger ist hier deutlich mehr.

Gestern passierte etwas sehr ungewöhnliches: mir ist meine Arbeitslust abhanden gekommen! Das dauerte bis zum Anfertigen der heutigen Collagen. Selbst während der Malerei hatte ich Minuten, in denen der innere Antrieb ausblieb. Das verunsichert mich, weil ich so etwas überhaupt nicht von mir kenne.

Malen befreit!

Die Arbeit läuft ruhig weiter. Die Objekte bekommen zusätzlich Reliefelemente, die in den Ecken des Ateliers auftauchen. Die werden stabilisiert, grundiert und neu bemalt. Das bewegt sich gleichmäßig vor sich hin und diese Ruhe entdecke ich als einen neuen Reiz. Außerdem versiegelte ich die dritte Reliefform endlich, mit der nun eine neue Experimentalrunde beginnt.

Die vandalisierenden Übergriffe auf manche Bereiche unseres Geländes machen mir etwas Sorgen. Das einzige, was mir dazu einfällt ist, die Folgen der Feuer und der Randale sofort zu beseitigen, um kein Areal entstehen zu lassen, in dem das alles normal wird und sich fortsetzt. Also nehme ich einen Besen mach sauber und frage erst einmal nicht danach, ob das in meine Zuständigkeit fällt.

Anspannungen dieser Art, die sich in meinem Körper zusammenballen, vertraue ich den Buchmalereien an. Sie geleiten mich durch die verschiedenen Aggregatzustände meiner täglichen Zustände. Malen befreit!

GEN Z

Im Fotografieforum Frankfurt besuchten wir eine Ausstellung, die die Themen und ästhetischen Ausdruckweisen der GEN Z zeigen soll. Man hat das Gefühl, dass es in erster Linie um sexuelle Identität, um sehr viel Intimität und Selbstbespiegelung geht. Die massive körperliche Egozentrik geht gleichzeitig mit großer Gefühlskälte und mangelnder Empathie einher.

Weil wir durch die Braubachstraße bummelten, kamen wir bei einem Sommergetränk auf die Idee, die Ausstellung „After Nature“ der Crespo Foundation zu besuchen. Umwelt und Technik wurde dort auf hohem technischem Niveau und eher kalt und ästhetisch perfekt behandelt.

In den Muscheln, die ich an den Stamm der Eiche gehängt habe, sammeln sich asiatische Maikäfer. Bevorzugt in kleinen Vertiefungen setzen sie sich fest und verändern ihr Aussehen, je nach Entwicklungsstadium.

Licht!

Himmelfahrt – Feiertage unterbrechen den Gang der Dinge, die Arbeit an den Objekten, Reliefs und die Besuche bei meinem Baum. Was aber immer bleibt, ist das Tagebuch, in dem ich der Handschrift bei ihrer Entstehung zuschauen kann. Und diesen Satz schreibe ich mit geschlossenen Augen – etwas schief!

Die Eisheiligen haben die Landschaft in ganz Europa unter einen kühlen Himmel gepackt. Die Gitterobjekte strich ich gestern kaltweiß und setzte ein paar weiße Weidengeflechte in die Räume, die die Dreiecke bilden. Von diesem Zustand schickte ich Barbara Neu ein Foto nach Schottland, wo sie ihren Sohn besucht, der Dokumentarfilme machen wird. Das gefällt mir!

Gestern sah ich einen schönen, toll fotografierten Film über Künstler, die sich gemeinsam mit Wissenschaftlern mit Licht beschäftigen. Ein sehr spannender Prozess mit erstaunlichen Ergebnissen. Wie beispielsweise, macht man die Ausbreitung eines Laserstrahls in einem Raum, der weniger als eine Millisekunde dafür braucht, für das menschliche Auge sichtbar?

YOU&EYE im MAK

Am Morgen eröffneten wir die Ausstellung YOU&EYE im Museum für Angewandte Kunst. Unterwegs dorthin in der Straßenbahn, grüßten mich viele Schüler, auch solche, die in den vergangenen Jahren bei mir im Atelier lernten und arbeiteten. Ich bin froh über ihre Freundlichkeit, Emotionalität und ihren Respekt.

Nachdem nun alle Eckverbindungen der Dreiecksgitterobjekte ummantelt sind, kann ich mit der eigentlichen Arbeit an den dreidimensionalen Collagen beginnen. Die Hoffnung ist, dass sich durch die Parallelität der Beschäftigung mit der Tanzlinie in den Reliefs, beide Themen miteinander verbinden. Ein Gedanke ist, Büttenpapier nass in die Reliefformen zu drücken, um auf diese Weise einzelne Fragmente herauszuheben, die dann in den Objekten einen Platz bekommen.

Die Arbeitsweise, Steinabdrücke in mehreren farbigen Schichten in die Buchmalereien zu platzieren, verdiente mehr Aufmerksamkeit. Hier wäre die Konzentration darauf, bei gleichzeitiger Verknappung der Formationen, ein Mittel diese Technik mehr in den Mittelpunkt zu rücken und weiter zu entwickeln.

Goldbergvariationen bei Luzern

Vikingur Ólafsson und Olafur Eliasson haben in der Nähe von Luzern gemeinsam ein Konzert der Goldbergvariationen gestaltet. Life zum Klavier fuhr Eliasson seine Projektionen, die von außen auf einen durchscheinenden Marmorkubus, in dem die Veranstaltung stattfand, gerichtet waren. Natürlich ist eine solche gigantische Präsentation in ihrer Geschlossenheit überwältigend. Es fühlt sich seltsam an, dass „meine“ Musik der letzten Jahrzehnte in dieser Weise bebildert wurde.

Und mein Zeichnungsvorhaben dazu ist klein. Allerdings gibt es schon viele Buchmalereien, die sich damit befassten, die das vorbereiteten. Mir gehen nun erneut die Strukturen der einzelnen Stücke durch den Kopf, die ich jeweilig mit einer Linie einfangen will, ähnlich wie bei den Linien und deren Verdichtungen zum Tanzthema und zum Meenakshi-Schrein.

Die Eckverbindungen der Gitterobjekte begann ich mit Pappmaché zu verkleiden. Das sind kleine Skulpturen aus denen die Stäbe wachsen. Gut wäre es, die alten Drucke der Buchmalereien, die die Dreieckfelder ausfüllten, wieder mit zu verarbeiten. Es werden dreidimensionale Collagen, in denen auch Fragmente des Tanzreliefs eine Rolle spielen können. Die Farbigkeit wird auf der weißen Grundierung durch Graphit, Schellack und Tusche begrenzt.

Trinkwasser

Jetzt fällt der Regen, auf den ich schon wieder gewartet hatte. Meistens herrscht die Sorge bei mir vor, dass die Wasserreservoire nicht genügend gefüllt sind. Jeder Tropfen, den der geflutete Himmel hergibt, vergrößert mein Sicherheitsgefühl.

Ein existentielles Bewusstsein für Wasserknappheit, hat sich deutlich auf meiner Reise alleine durch Namibia eingestellt. Die Durchquerung menschenleerer Wüstenregionen und der Zusammenstoß mit einer Paviangruppe, die mich an einer Wasserstelle als Eindringling in ihr Revier wahrnahm, schärften meinen Sinn für Trinkwassersicherheit. Die Reisen durch die verschiedenen indischen Landschaften, machten mir ebenfalls deutlich, welch einen Luxus es darstellt, dass trinkbares Wasser aus einem flächendeckenden Rohrleitungsnetz kommt.

Der Wetterbericht sagt uns ein paar Tage Regen voraus. Das ist auch gut für meine Wiese und für alles Getier in ihr. Im Atelier beginne ich heute ernsthaft mit der Umwandlung der alten Gitterobjekte. Einiges Material habe ich dafür bereits zusammengetragen. Ich freue mich auf diese Arbeit.

Erneuerung

An die Gitterskulpturen denkend, die ich zur Neugestaltung zurück in mein Atelier geholt habe, fällt mir das Arbeitsmaterial ein, das bei den vielen Reliefexperimenten angefallen ist. Im Zusammenhang mit den Tanzreliefs, stellen ich mir vor, dass die Benutzung dieser kompakten Skulpturfragmente zu schwereren, stabilen Objekten führen kann.

Ich freue mich auf diese Vorgänge und würde sogar die Arbeit an den Reliefs unterbrechen, um ausgeformte Tanzreliefteile in die Räume der Objekte einzufügen. Auch die kreisförmigen Weidengeflechte sind Grundmaterial für diese Verwandlung.

Gestern, am Freitagnachmittag habe ich nicht mehr gearbeitet, bin mit der Gartenschere an den Bahndamm gegangen und schnitt die Brombeeren zurück und ruhte mich beim Gärtnern noch ein wenig aus. Gleich laufe ich ins Atelier und statte meiner Eiche unterwegs noch einen Besuch ab.

Der Drang nach Härte

In Ostdeutschland hieß dieses Datum eine zeitlang „Tag der Befreiung“. Man kann das Gefühl bekommen, dass viele dort heute dieses Ereignis wieder rückgängig machen wollen. Schlechtgelaunt schwimmen sie im Reichtum und hängen Verschwörungsszenarien an, in denen sie von „denen da oben“ vergiftet, ausgebeutet und anderweitig hinters Licht geführt werden. Böswillig fristen sie ihr Dasein, das dadurch noch trauriger erscheint.

In Eva Redeckers Buch über den neuen Faschismus, das den Titel „Der Drang nach Härte“ trägt, werden die unterschiedlichen Argumente und Erscheinungsformen des rechten, rassistischen Nationalismus unter die Lupe genommen. Genau denken kann in dieser Situation sehr hilfreich sein. Die Dumpfbacken werden das aber nicht lesen.

Mit den Schülern transportierte ich die Ergebnisse unserer YOU&EYE – Arbeit ins MAK. Das war eher unspektakulär. Auf dem Eisernen Steg aber machten sie Interviews und auf dem Römer saßen wir alle, Eis essend, zum Abschluss beieinander. Etwas Erleichterung aber auch etwas Wehmut stellte sich ein.

Nachbearbeitung der Form

Bei der Nacharbeitung der dritten Flachreliefform des Tanzrelieffrieses, macht sich der Arbeitsvorgang selbständig. Mit einem feinen Metallmesser aus der Porzellanmanufaktur Meißen, schneide ich Begradigungen, entferne Grate und Hintergriffigkeiten. Das wächst sich so aus, dass sich das ganze Bild langsam leicht verändert. Die Volumina der kleinen, flachen Erhebungen, vergrößern sich, wachsen etwas in die Höhe und nehmen auch leichte Formveränderungen an.

Heute kommen die Jungs aus der Hindemithschule nur ins Atelier, um ihre Arbeiten in das Museum für Angewandte Kunst zu transportieren. Auch ich werde eines der 16 Teile des Väterreliefs einpacken und mitnehmen. So soll klar werden, wie die Schüler zu ihren Strukturen gekommen sind, denn sie fertigten Frottagen von den Formen dieser Arbeit an und fanden daraus ihre eigenen Figurationen.

Gedanken über die Reduktion der täglichen Arbeit treten auf. Dabei geht es aber in erster Linie um die physikalischen Dimensionen der Ergebnisse. Irgendwann werden die Erben des Ganzen damit belastet. Und das möchte ich gerne in Grenzen halten.

Begegnung

Begegnung auf der Tevesstraße vor dem Atelier: Ein Mann, etwas jünger als ich, gab sich durch seinen Tonfall als Thüringer zu erkennen. Er wohnte in Wahlwinkel in der Nähe des VEB Gummikombinat Thüringen, wo ich meinen ersten Beruf, Facharbeiter für Gummi und Asbest, erlernte und parallel dazu Abitur machte. Er lernte seinerseits im Kalibergbau in Sangerhausen und wurde dort einer politischen Straftat überführt.

Mit anderen Lehrlingen stellte er ein paar Thesen gegen den real existierenden Sozialismus auf. Deswegen wurde er angeklagt und verurteilt. Dass er nur eine Geldstrafe bekam, verdankte er einem älteren Genossen, der sich für ihn einsetzte. Um solche jungen Männer weiter zu drangsalieren, wurden sie erst mit etwa 30 Jahren zum Militärdienst eingezogen, wenn sie, nicht wie die Achtzehnjährigen, schon Familie und einen Beruf hatten. Dieses Schicksal blieb ihm erspart, weil zuvor die Mauer fiel.

Gestern beendete ich den zweiten Versuch des Formgusses des dritten Tanzreliefs. Die Form trocknete schnell und konnte bald von Modell getrennt werden. Diesmal lief alles glatt. Jetzt kann sie versiegelt werden und ist dann für die Vervielfältigung des Motivs bereit. Am Nachmittag grundierte ich gründlich und aufmerksam die Pappmachéreliefs und draußen setzte endlich der ersehnte Regen ein.

Zerbrochen

Die dritte Form der Tanzreliefs ist mir gestern beim Trennen vom Modell zerbrochen, was mir noch nie passiert ist. Zugunsten einer feinen, blasenlosen Abbildung aller Details, habe ich das Mischungsverhältnis für den Gipsguss zu stark verdünnt. Dadurch trocknete der Gips schlecht, reagierte nicht, wie er sollte und blieb brüchig. Das Modell war jedoch unversehrt, wodurch ich gleich an die Herstellung der neuen Form gehen konnte.

Diesmal rührte ich kleine Portionen von der Größe eines Gipsbechers an und baute die Form langsam auf. Das hat den Vorteil, dass man Mischungsverhältnisse von Portion zu Portion etwas korrigieren kann. Und die kleineren Areale lassen sich gut durch Klopfen blasenfrei halten. Heute muss ich noch eine letzte Schicht gießen, die dann bestimmt schnell getrocknet sein wird.

Der wochenlange Ostwind hat die Landschaft staubtrocken geblasen. Ich warte auf Regen auch für meine Wiese, die unter der Trockenheit leidet. Aber alle vorhergesagten Niederschläge lösen sich immer wieder auf. So hoffe ich auf den heutigen Nachmittag und die kommende Nacht, wofür die Prognosen Regenwolken ankündigten.

Theresia Walser

Mit Carola waren wir am Wochenende im Schauspiel und sahen „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser. Es geht im Stück um 3 Diktatorengattinnen, die sich mit einem Dolmetscher auf einen gemeinsamen Presseauftritt vorbereiten. Manja Kuhl spielt Margot Honecker und zeigt die maskenhafte Kälte, die mir heute noch einen Schauder über den Rücken laufen ließ.

Wir saßen nach der Vorstellung noch beim Bier und redeten ziemlich lange über den Abend. Die Sätze des Dolmetschers, der nie genau übersetzt, was gesagt wurde, hätte ich mir wichtiger und klarer gewünscht, die Textverdrehungen genauer. In diese Richtung geht auch, dass mir die Margotfigur zu geradlinig und bruchlos war. Das machte sie weniger glaubwürdig.

Wir hatten gestern einen ruhigen Sonntag mit einem langen Spaziergang durch die Parks in unserer Nähe. Am Rebstockweiher beobachteten wir die Kanadagänse, die ihre Jungen hüteten, saßen auf einer Bank mit Blick durch die Bäume auf die Wasserfläche, wie zwei alte Leute…

Schnelligkeit

Die eiligen Buchmalereien von heute haben ihre eigene Qualität durch die Geschwindigkeit, mit der sie entstanden, bekommen. Beim schnellen Malen unter Zeitdruck, gelingt es mir manchmal, schneller auf den Punkt zu kommen. Die Routine von vielen Jahrzehnten täglicher Übung ist die Voraussetzung für dieses Gelingen.

Grund der Eile ist, dass ich nachher pünktlich um 16 Uhr, wie an jedem Sonnabend mit meiner zweiundneunzigjährigen Mutter telefonieren will. Ich weiß, dass sie diese zuverlässige Pünktlichkeit schätzt und genießt.

Wir richteten unsere zwei Balkone für den Sommer her. Auf meinem, der nach Norden zur Frankenallee hin geht, schrubbte ich mit einer harten Bürste den Boden. Der eingefressene Winterdreck aus Abgas, Algen und Vogelscheiße löste sich unter dem Essigreiniger und meiner anhaltenden Schrubbergewalt. Pflanzen und Sessel nach draußen, für die lauen Abende…

Neue Malerei

Das Gespräch mit den Jungs über das Attentat auf die Twintowers war ganz aufschlussreich. Ich spürte ihren Oppositionsgeist der westlichen Kultur gegenüber aber auch die Widersprüche, in denen sie sich einfangen. Die klare Aussage der Zeichnung, als Bekenntnis zu dem Anschlag, wurde umgewandelt in ein harmloses Bild. Damit endete die Arbeit für diese YOU&EYE – Saison in meinem Atelier. Beim nächsten Termin tragen wir unsere Arbeit ins MMK.

Stille, konzentrierte Buchmalereien mit einigen Strukturschichten, die verschiedene kontrastreiche Farben aufnehmen. Viele dieser Ebenen zusammen ergeben eine Farbtiefe. Diese entdecke ich seit einigen Wochen wieder. Sie schiebt sich in der Aufmerksamkeit vor die Figurationen und ihre Beziehungen zueinander.

In diesem Zusammenhang dachte ich wieder an die Reliefbemalung. Wenn diese Technik dafür angeglichen werden könnte, dann käme ich zu einer neuen Malerei für mich. Derzeit trocknet noch die dritte Form. Ein spannender Vorgang, für den ich viel Geduld mobilisieren muss.

Die dritte Form

Der Formenguss des dritten Tanzreliefs fand gestern Nachmittag statt. Ob er gelungen ist, wird zu sehen sein, wenn Modell und Form getrennt werden. Die Reliefs Nummer 4 und 5 werden später in Angriff genommen, denn es folgt erst einmal ein verlängertes Wochenende, an dem ich eine Pause machen will.

Beim Rückzug in die Buchmalereien komme ich in Schichten meines Unterbewusstseins, die ich nicht einmal beim meditativen Zeichnen auf den Transparentpapierrollen erreiche. Die Steine und Farben sind meine Helfer, die den Ausgleich herstellen, der für die Suche nach Überlebensstrategien in der verrohten Umgebung notwendig ist.

Beim Nachdenken über die Thematisierung des Anschlags auf die Twintowers in Manhattan durch einen meiner Schüler, blätterte ich in den Tagebüchern des entsprechenden Jahres und stieß auf eine Buchmalerei, die das schreckliche Ereignis zum Inhalt hatte. Die möchte ich ihm heute zeigen, um darüber ins Gespräch zu kommen. Außerdem erinnere ich mich an die großen Screens auf der IAA, auf denen der Zusammenbruch der Hochhäuser in Endlosschleife lief.

Gewalt

Mit meinen verletzlichen Arbeitsergebnissen befinde ich mich in einer gewaltvollen Umgebung. Oft erwarte ich, bei meiner morgendlichen Ankunft im Atelier, Verwüstungen der vorausgegangenen Nacht. Der Baumstamm den ich mit Schülern bearbeite ist großflächig angebrannt worden. Montageschaum wurde auf einer Fläche von etwa 200 Quadratmetern auf den Boden gesprüht. Auch mein Einbaum hat davon etwas abbekommen. Vorgestern war eine randalierende Kinderbande zu beobachten, die ich zur Rede stellte und mit ihnen das wieder reparierte, was sie im Vorbeigehen zerstört hatten.

Mit freudiger Farbigkeit und vorsichtiger Zurückhaltung reagieren meine Buchmalereien gegen all diese zunehmende Gewalt. Vorboten der nationalistisch-rechtsradikalen Kulturpolitik liegen in der Luft. Zunächst werden die Menschen in Sachsen-Anhalt ihre Stimmen so zahlreich für die entsprechende Partei abgeben, dass sie an die Macht kommt. Was wird aus den Theatern, Museen und Gedenkstätten? Wie reagieren die Künstler und Wissenschaftlerinnen?

Bei der Arbeit an den Tanzreliefs bin ich aus dem Tritt geraten. Stattdessen weißele ich die Weidengeflechte, schiebe damit den nächsten Formenbau vor mir her. Also sollte ich ganz in Ruhe damit beginnen, ohne Hast einen Rahmen bauen, der dann auf die Grundplatte montiert werden kann. Dann alles abdichten und eine Pause einlegen…

nine eleven

Die trockenen Weidengeflechte begann ich gestern weiß einzufärben, damit sie einen Teil ihres natürlichen Aussehens verlieren und dadurch einen neutraleren Ausgangspunkt für Gestaltungen bieten. Die Möglichkeit, sie unterschiedlich einzufärben und dann miteinander zu verflechten, so dass daraus räumliche Farbgeflechte entstehen, geht mir als Variante durch den Kopf.

Einer meiner Schüler zeichnete die Twintowers mit einem auf sie zufliegenden Flugzeug auf seine Transparentpapierrolle. Obwohl die Szenerie der Situation von nine eleven nicht direkt ähnelt, sprach ich ihn darauf an. Er sollte mit Nachfragen rechnen, falls wir das im MMK ausstellen würden. Dann begann er das Ganze zeichnerisch abzuändern. Es war am Ende unseres Kurses, so dass wir das Gespräch darüber erst übermorgen fortsetzen können werden.

Die Buntheit der gegenwärtigen Buchmalereien könnte ich leicht mit Lasuren und Schraffuren zurückfahren, um die Bilder erträglicher zu machen, tue es aber nicht konsequent. Gerade erfreut mich diese zutage tretende seltene Seite meiner Arbeit.

Weidengeflechte

Es fanden gestern am Sonntag weitere Experimente mit den Weidengeflechten statt. Sie sind sehr trocken und zerbrechlich. Keine richtige Arbeit, etwas spielerische Kontinuität. Auch sie alleine, ohne die alten Gitterstrukturen, lassen sich zu schwebenden Objekten zusammen flechten, die eventuell mit Papier und Pappmaché stabilisiert werden.

Zwischen zwei Gipsplatten trocknet das erste abgeformte und grundierte Tanzrelief, das ein wenig wellig aus der Form gekommen war. Nun ist es fast ebenso glatt, wie die anderen. Zunächst werde ich beginnen mit Tuschelinien neue Spuren in den Vertiefungen zu verfolgen, neue Figuren anzulegen. Der Kontrast kann dann mit Schellack abgefedert werden, wie auf den älteren Reliefs.

Die Buchmalereien werden immer farbiger. Ohne Scheu toben sich die Kontraste in den kleinen Formaten groß aus. Durch die bunten Strukturen der Steinoberflächen und deren Schichtungen bekommen sie einen impressionistischen Einschlag. Aus diesen unbestimmten Formationen treten manchmal, ohne meinen Willen, Figuren hervor.

Der Preußische Ikarus

Am Morgen dachte ich an den Preußischen Ikarus, das Lied, das Wolf Biermann für mich alleine im Heidelberger Stadttheater gesungen hatte. Während der Vorbereitungen auf sein Konzert, erzählte ich ihm von unseren Unterschriftenlisten an der PH Erfurt gegen seine Ausbürgerung und davon, dass wir seine Texte mit alten Schreibmaschinen und Durchschlägen vervielfältigt hatten. Darauf sagte er auf den leeren Zuschauerraum weisend: „setz dich mal hin.“ Und dann spielte er das Lied.

Gestern modellierte ich das dritte Tanzrelief fertig. Nach ein wenig Überarbeitung ist es bereit für den Formguss. Die Pappmachéexemplare der ersten Reliefs, die in Ruhe trockneten, sind ganz eben und bretthart. Dieser Arbeitsprozess zog mich heute am Sonntag doch wieder ins Atelier.

Aus der Weide, deren Triebe mit den Schülern zu Ringen geflochten wurden, schnitt ich die trockenen Flechtwerke, die nicht mehr weiter wachsen wollten, heraus. Nun habe ich sehr interessante, verschlungene Figuren, die ich zur Ergänzung und Erneuerung der alten Dreiecksgitterstrukturen verwenden kann.

Jede Muschel ein Wort

Ein paar Muscheln, die sich aus einer Kette gelöst hatten, fädelte ich gestern neu auf und stellte damit 4 „Fädel“ für die Vaganteneiche her. Jede Muschel, die dort aufgereiht hängt, steht für ein Wort, das mir der Baum geflüstert hat. Und darüber hinaus sind sie Zeichen der Sprachen, die heute noch durch den Stamm in die Blätter steigen.

Am Tisch im offenen Rolltor des Ateliers findet die Weiterarbeit am Tanzrelieffries statt. Zur abgeschotteten Arbeitsweise im Winter, ist diese Situation eine Abwechslung. Der Blick durch das dichte Blattwerk, führt direkt in den Verlauf der Straße, die auf unser Gelände führt und hier endet. Es ist anregend, dort zu modellieren.

Nun ist die Rückkehr der Mauersegler, in ihre kurze Brutzeit bei uns verbringen, zu erwarten. Sie sollten um dieses Datum herum eintreffen und unseren Himmel bevölkern. Im Gärtchen beobachte ich viel Kleingetier. Die Mückenlarven werde ich in diesem Jahr in Ruhe lassen. Alle sind mir willkommen – Wespen, Bienen, Motten, Feuerwanzen, Ameisen, Libellen, Schwebfliegen, Schmetterlinge, Blattläuse, Tausendfüßler, Regenwürmer, Asseln…

Feuerpause

Wortsplitter, Sinnfragmente rasen im Streit zwischen den Figuren durch ihre Körper. Lautsalven, die durch den Raum geschossen werden, treffen auf die Entzifferungsmaschinen hinter den Trommelfellen. Das Schweigen ist die erholsame Feuerpause – summende Melodien der Übereinkunft.

Gestern hatte ich Besuch von der Ausstellungsmacherin in meinem Atelier, die YOU&EYE im Museum für Angewandte Kunst präsentiert. Sie sichtete einen Teil des Materials und wir umrissen dann die Konzeption der Präsentation der Transparentpapierarbeiten. Wir wollen auch eine Tafel des Väterportraits dazuhängen, damit klar wird, worauf sich die Schülerarbeiten beziehen.

Gestern transportierte ich den Rest der Pflanzen in das Gärtchen nach draußen. Dann rettete ich mal wieder eine Taube, die in die stehende, 4 Meter hohe, Pappröhre gefallen ist und sich nicht mehr von alleine daraus befreien konnte. Am Morgen gieße ich Wasser in das Schlagloch der Betonfläche vor dem Atelier, damit sie trinken kann.

Dann wird es ernst

In den kleinen Buchmalereien kommen kurze Gespräche auf. Wenn die Figuren keine Kraft mehr haben, wird es still, die Farben kollabieren. Aber es gibt eine Energie, die dieses Gleichgewicht des Schweigens erzeugt. Leise Töne in dieser instabilen Situation suchen nach ihrem Klang – Rückkopplung oder Echo.

In seiner meditativen Ruhe ähnelt das Formen des Tons mit den Fingerspitzen und einem Modellierholz, dem Zeichnen auf der Transparentpapierrolle. Veränderungen der Umrisse finden durch minimale Bewegungen und schnelle Entscheidungen in Gedanken an die Abformung, Grundierung und die Bemalung statt.

Das erste der drei Dreiecksgitterobjekte, die zur Neubearbeitung ins Atelier zurückgekommen sind, habe ich von den Bedruckten Transparentpapierdreiecken befreit. In das Volumen fügte ich ringförmige Weidengeflechte ein, die einen Kontrast zur kristallinen Grundstruktur bilden. Irgendwann, nach dem vergnüglichen herumprobieren, werden die Zustände der Skulptur fixiert und teilweise ummantelt. Dann wird es ernst.