Zeichnung und Forschung

Während die Jungs gestern Nachmittag wieder im Atelier arbeiteten, sie wissen, was sie tun sollen, haben die Arbeitsschritte parat und brauchen nicht mehr so viel Unterstützung von mir, konnte ich mein eigenes Projekt fortführen. Der erste Abguss des ersten Reliefs war gestern, weil er nicht trocken genug war, noch nicht aus seiner Form zu lösen. Die zweite Form ist auch schon mit Pappmaché gefüllt, und die Vorzeichnung des dritten Reliefs auf der Grundplatte, ist schon fast fertig. Das alles befindet sich im Fluss.

Die Versammlung in der ersten Morgenmalerei kommt, trotz ihrer Vielfarbigkeit, etwas gleichförmig daher. Die feinen Strukturen, die sich über das ganze Format ziehen, wollten nicht durch grobe Linienbündel abgedeckt werden. Im nächsten Schritt sollten die Verdichtungen der Stein – Handkanten – Farb – Abdrücke ihre Durchlässigkeit beibehalten und dennoch kräftige Akzente setzen.

Krishnababy, so nenne ich einen meiner Schüler, der in der Nähe des Meenakshi – Tempels in Bangalore aufgewachsen ist, zeigte ich die Linie die dort entstanden ist und die folgende Verdichtung auf Rolle 12. Er erkannte die Zeitstauchung im dichten Geflecht, als sähe man die Eindrücke aus vielen Stunden in einer Zehntelsekunde. Und dann erzählte ich den Schülern vom Zusammenhang von Zeichnung und Forschung.

Szenen

Flüstern, leises Singen in der ersten Malerei. Eine Szene mit schweigenden Zuhörern und Leuten die vorsichtige Vermutungen anstellen. Spotify will mir mehr Informationen über die Personen geben, die hinter dem Song stehen, den ich immer wieder höre. In diesem Fall über Gould und Bach.

In der zweiten Malerei des Morgens erscheint die Situation etwas gefährlicher und nicht so kommunikativ. Von der linken Seite geht eine Bedrohung aus. Eine gezielte Attacke dringt in einen dunklen Nebel ein und will die beiden Figuren auf der rechten Seite erreichen. Der Schuss bleibt in der dichten Finsternis stecken, die auch wie ein Tarnumhang funktioniert.

Nachdem die Form des ersten Tanzreliefs versiegelt war, rührte ich für die Abformung des ersten Exemplars davon Pappmaché an und füllte langsam das flache Volumen damit aus. Dann schloss ich auch die Nacharbeiten an der zweiten Form ab, versiegelte sie ebenfalls und kann sie heute mit dem restlichen Pappmaché anfüllen. Parallel zu diesen Arbeiten kommt die Vorzeichnung des dritten Reliefs auf die Grundplatte, welches in der kommenden Woche modelliert werden kann.

Zusammenklang

Wenn in den Malereien des Morgens schrille Farbtöne auftauchen, dämme ich sie etwas mit einer gegenfarbigen Intervention, die dem Gesamtklang zugute kommt. Am Morgen erschien mir der Pfeifton meines anhaltenden Ohrgeräusches lauter als sonst. Weil das Geräusch nur in meinem Kopf existiert, versuchte ich dort einen Gegenton herzustellen, der das helle Quietschen überdeckt und zurückdrängt. Und es kam mir nach etwas Konzentration so vor, als würde es bis zu einem gewissen Grad gelingen.

Die erste Tanzreliefform ist gestern endgültig fertig geworden. Nach den Korrekturen ist sie mit mehreren Schichten Schellack versiegelt worden. Wenn sie heute ganz durchgetrocknet ist, könnte ich die erste Abformung mit Pappmaché machen. Auch mit der zweiten Form bin ich so weitergekommen, dass ich entschieden habe, sie nicht noch einmal neu gießen zu müssen.

Die Buchmalereien beginnen derzeit zumeist mit Steinabdrücken. Je nach dem, wie ich mit den unebenen Oberflächen über das Papier ruckele, bilden sich serielle Vertiefungen ab, die durch mehrschichtige Schraffuren vielfarbig aufscheinen. Folgerichtig werden dann diese Steinoberflächen für Übertragungen in die Kompositionen eingefärbt und mit der Handkante in die Formate reingedruckt. Zum Ende hin entstehen Umrisse von Figurationen und Farbfelder, die dem Zusammenklang zugute kommen sollen.

Pappelschnee

Pappelschnee treibt am Gärtchen vor dem Atelier durch den Sonnenschein vorbei. Im direkten Licht liegt die zweite Tanzreliefform. Ihre Nachbearbeitung stellte sich als aufwendig heraus. Das Modell ist noch fast vollständig vorhanden, wodurch sich die Frage nach einem zweiten, besseren Formenguss stellt.

Während der konzentrierten Arbeit an den Reliefs, fehlen das Zeichnen auf Transparentpapier und die anderen Experimente, die sonst nebenher stattfinden. Aber natürlich gibt es genügend Argumente, die das kontinuierliche Durchziehen eines solchen Projektes, ohne Ablenkungen, stützen.

Eva von Redecker wurde in der Kulturzeit von 3sat nach ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ zum Erstarken eines gegenwärtigen Faschismus befragt. Sie zeichnet mit Klarheit die Entstehung dieser Strömungen durch unbedingten Besitzanspruch nach. Das würde ich gerne lesen.

Schwingungen, Spaziergang, Rückzug

Aus den Schwingungen und Linien der Musik entwickeln sich eigenständige Strukturen, die mit Farblinien verbunden werden. Eine sich an die Tanzlinien anschließende Musiklinie, besäße einen freieren Charakter. Es geht nicht um Bewegungen im Raum, sondern um andere Sphären. Das spüre ich während der Buchmalereien, die sich auf die Goldbergvariationen beziehen.

Mit Carola machten wir einen Spaziergang bei der Roten Mühle. Leider machte sich meine alte Beinfraktur bemerkbar, so dass ich nur langsam den Frauen hinterher humpeln konnte. Wir merken in unseren Berufen, dass unsere Generation nicht mehr so gefragt ist. Die Jüngeren warten, dass wir endlich abtreten.

Und das wäre der richtige Zeitpunkt für einen Rückzug, der mit der alleinigen Konzentration auf die künstlerische Forschung beginnt. Das startet am Morgen mit meinen Steinen und ihren Oberflächenstrukturen, wie sie sich mit der Musik und meinen farbigen Linien zu ihr verbinden.

Zusammen malen

Mit Sylvain Merot, Oliver Tüchsen und Maya malte ich gestern gemeinsam ein Bild für einen gemeinsamen Bekannten. Mir ging es meistens um die Herstellung des Zusammenklangs, was im Zusammenspiel mit Maya am ehesten funktionierte. Auf dem Heimweg schaute ich mir gut gelaunt die Menschen in der Stadt an. In der Straßenbahn lernte ich ein junges Paar kennen, das einen, aus Indien stammenden, Hund bei sich hatte.

An der ersten Form der Tanzreliefs war gestern noch etwas Nacharbeit nötig, damit die Herstellung der Abgüsse dann reibungslos gehen kann. Für die zweite Form werden noch mehr Korrekturen anstehen, weil der blasige Gips zu vielen kleinen Fehlstellen führte. Insbesondere die tiefer liegenden Linien sind davon betroffen.

Die kurzen Klavierstücke der Goldbergvariationen würden sich für ein Musiklinienprojekt gut eignen. Für jedes Stück wäre eine spontan gezeichnete Linie möglich. Die können dann aneinander gehängt oder übereinander gelegt werden. Viele Möglichkeiten, die auszuprobieren sind.

Musiklinie

Ein Rückzugsort, wie ich mich gestern in ihn hineingemalt habe, kann auch die Musik sein oder das Handwerk. Für die Form, die ich gestern vom zweiten Tanzrelief gegossen habe, musste zunächst ein Rahmen gebaut werden. Mit Schraubzwingen auf der Grundplatte befestigt, grenzt er den Raum für den fließenden Gips ein. Durch die Verminderung des Wasseranteils, wurde er dickflüssiger, schloss auch Luftblasen ein und wurde früher fest. Weil der Arbeitsfluss möglichst nicht unterbrochen werden soll, ist das Ganze eine ziemlich stressige Angelegenheit.

Die Farblinien der Buchmalereien reagierten heute wieder direkt auf die Goldbergvariationen. Dabei entstand die Idee, ähnlich wie die Tanzlinie eine Musiklinie zu zeichnen, direkt auf einen Transparentpapierstreifen und sie dann zu verdichten.

Mittlerweile hängen in den Rindenfurchen der Vaganteneiche Ketten, auf die Muscheln und Steine aufgefädelt sind. Die Perlonfäden allerdings altern im Sonnenlicht schnell und reißen dann. Ist Hanf- oder Kokosschnur haltbarer? Am Nachmittag gibt es bei Maya ein Treffen der Künstler, die bei YOU&EYE beschäftigt sind. Wir wollen gemeinsam ein Kunstwerk anfertigen. Ihre Idee!

Hineingebildet

Immer schneller entfernen sich meine kleinen Buchmalereien mit ihren anschließenden Collagen von der Außenwelt. Vielleicht kippt das irgendwann wieder, wenn den Leuten die Sensationslust, die sich mit Verrohung zusammenschließt zuviel wird. Dabei spreche ich auf meinem Weg mit den Obdachlosen, den Mitgenommenen und Kranken auf den Parkbänken. Sie grüßen mich dafür freundlich.

Auf dem Atelierarbeitstisch modellierte ich das zweite Tanzrelief bis zum Abend fertig. Heute kann es noch ein wenig überarbeitet und seine Form gegossen werden. Dann sollte ich mich aber um die Nachbereitung der Formen kümmern, damit die weiteren Arbeitsgänge, das Abformen der ersten Exemplare und das weitere Modellieren ineinander fließen können. Das zieht Veränderungen der Arbeitsweisen nach sich.

Und in den Malereien versuchte ich heute wieder etwas figürliche Konkretion entstehen zu lassen. Mehr oder weniger fest umrissene Körper muten wie Figurengruppen an. Diese Vorstellungen werden in die abstrakten Strukturen hineingebildet.

Musikfarben formen Tanzräume

Modellieren mit Ton braucht etwas Geduld. Gestern blieb ich den ganzen Tag durchgehend im Atelier und arbeitete plastisch vom Mittag bis in den frühen Abend. Dabei schaffte ich das zweite Drittel des zweiten Tanzreliefs. In der Abendsonne ging ich mit der Gartenschere noch etwas an den Bahndamm. Dort entwickelt sich der Raum zwischen Bäumen und Hecken zu einer einladenden Landschaft. Ein grünes Halbrund im Rücken einer Bank erzeugt Geborgenheit.

Seit längerer Zeit hörte ich heute, wieder am Morgen während der Buchmalerei, die „Goldbergvariationen“ von Glenn Gould gespielt. Diesmal ließ ich mich direkt auf den Klang und die Rhythmen ein, zeichnete mit den Aquarellstiften und Pinsel im Schwingen des Spiels. Die Musik baute in dieser Weise eine engere Verbindung von mir zu den Malereien auf. Es entstand ein ähnliches Wohlgefühl, wie zwischen dem gestalteten Grün im wechselnden Licht-Schattenspiel.

Und nun entsteht eine Idee von einer musikalischen Bemalung der Tanzreliefs. So werden Pinsel und Stifte tänzerisch geführt. Musikfarben formen Tanzräume.

Revolutionen?

Von meinem letzten Besuch in Thüringen brachte ich ein Faltblatt über das Panorama Museum in Bad Frankenhausen mit. 1976 bekam Werner Tübke den Auftrag für ein Monumentalbild zum Bauerkrieg, der im DDR-Jargon „Frühbürgerliche Revolution“ hieß. Am 14. September 1989 wurde das 127 Meter lange und 14 Meter hohe Panorama eingeweiht.

Auch der Militärputsch 1917 in Russland und der folgende Bürgerkrieg wurden zur Revolution stilisiert. Aus dieser behaupteten Kontinuität schöpfte die Sozialistische Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik ihre Daseinsberechtigung. Und nun nennen die Thüringer ihr Panorama Museum „Die Sixtina des Nordens“. Ende der Siebzigerjahre entdeckte ich den Manierismus im zeichnerischen Werk Tübkes, dessen Handwerk ich dennoch respektierte.

Heute, an diesem sonnigen Tag, kann ich mich ganz in Ruhe und störungsfrei des Tanzreliefs widmen. Die Form des ersten will ich überarbeiten, damit die Ausformungen reibungslos laufen können – eine Geduldsarbeit, die mit Fingerspitzengefühl durchgeführt werden will. Das zweite Relief ist zu einem Drittel modelliert und wird sicherlich in dieser Woche fertig.

Korallenstein, Form, Bank

Als Ersatz für den Korallenstein, den mir die Affen in Indien geklaut haben, schenkte mir Anne zum Geburtstag, einen solchen, etwas größeren Stein, in einer sehr schönen Pappkiste. Die steht jetzt auf meinem Arbeitstisch und heute benutzte ich erstmalig die Oberflächenstruktur für die Malereien. Es sind die orangefarbenen Abdrücke, insbesondere im zweiten Format.

Gestern stellte ich die Reliefform aufrecht auf einen Heizkörper im Atelier, weil sie auf der Hobelbank nicht so recht trocknen wollte. Ein Vorgang der mit einem fehlerhaften Mischungsverhältnis zwischen Wasser und Gips zutun hat. Zu viel Wasser… Ich hoffe, dass der Gips nun stabil genug für die Abformungen der Zukunft ist.

Mit Jano, der unter der Unterführung aus den drei Eisenbahnbrücken lebt, sprach ich über die Rundbank um die Eiche, die ich auf dem Gustavsburgplatz bauen will. Er hat in seinem riesigen Lager 5 große Bretter, die ich gut dafür brauchen kann. Bei der Gelegenheit erzählte er mir, dass er alles räumen muss, weil die Straße unter den Brücken neu gebaut wird.

Heraustreten

Die Reliefform war noch nicht so trocken und stabil, dass sie sich leicht vom Untergrund lösen ließ. Es besteht Unsicherheit, ob die Stabilität für diesen Vorgang ausreicht. Deswegen trocknet sie noch und die Spannung hält an, wie der Guss gelungen ist.

Ein zufälliges Treffen mit Susanne auf dem Weg ins Atelier. Ich erzählte ihr von den Baumgesängen und lud sie ein, sich das mal anzuschauen. Sie wäre der richtige Mensch für die Vertonung des Textes. Ich hoffe ein wenig heraustreten zu können aus dem Rahmen, der die Kontinuität der Arbeit absteckt. Leichte Bewegung nach außen.

Im Fotografie Forum Frankfurt sahen wir gestern „Shadows might Dance“ von Jessica Backhaus. Sie fotografiert Kompositionen jenseits der Gegenständlichkeit. Aus übereinander gelegten, ausgeschnittenen Papieren, schafft sie perfekte, sonnenbeschienene Kompositionen. Sehr ausgewogen, in erlesenen Farben, bis es in die Selbstgenügsamkeit des Schönen kippt. Das aber hat leider viel mit der Gegenwart zu tun.

Erste Form des Tanzreliefs

Auf der Grundplatte für das zweite Tanzrelief ist die Vorzeichnung gestern fertig geworden. Dann folgte der Guss der Form des ersten, das fertig modelliert war. Erst nach und nach kamen die vielen verschiedenen Arbeitsgänge in ihren Abfolgen aus der Erinnerung hervor. Die letzten Formen entstanden vor zehn Jahren für das Väterportrait.

Gelernt habe ich das in der Abendschule an der Kunstakademie in Dresden bei dem Bildhauer Wolfgang Friedrich. Wie er krempelte ich mir die Ärmel hoch und griff bis zum Ellbogen in den angerührten Gips, um die kleinen Klumpen zu zerdrücken, die beim Einstreuen des Pulvers in Wasser entstehen. In zwei Schichten entstand die Platte in einem Holzrahmen, den ich vorher angefertigt hatte.

Am Morgen dachte ich an die vielen Arbeiten in den Schubladen, Regalen und Schränken, die immer nur Zwischenergebnisse oder Wegmarken auf dem Weg der Suche darstellen. So, wie auch die Buchmalereien dieses Morgens, deren kleine Wildheit erhalten blieb, weil das Malen rechtzeitig beendet wurde.

Kehrt marsch!

Durch die vielen Arbeitsgänge entwickelte sich im Tanzrelief eine gegenläufige Richtung. Die Figuren tanzen zurück an den Anfang. So steht das erste Relief nun am Ende. Die Leserichtung hat sich gedreht. Es ist fertig modelliert und kann nun abgegossen werden. Dann ist es gesichert und ist zur Vervielfältigung freigegeben. Das zweite begann ich auf eine nächste Grundplatte vorzuzeichnen, womit ich heute fertig werden kann.

Noch einmal denke ich an die alten Familienfilme zurück. Insbesondere die dunklen Szenen der Jugendweihe meiner Cousine in Niedergrunstedt kommen mir da in den Sinn. Auf denen ist kaum etwas zu sehen, ein finsteres Wabern ist zu erahnen. Das aber kommt dem nahe, was ich für diese Zeit fühlend erinnere.

Die Buchmalereien gerieten heute etwas minimalistisch. Aber das Preußischblau, das gestern in seiner Dummheit so lauthals angegeben hat, was besonders auffällt, wenn man es sich selbst überlässt, ist heute vermischt und eingebunden.

Rückblick

Mit dem Modellieren des ersten Reliefs des Tanzfrieses bin ich fast fertig. Ich denke, dass ich die Arbeit daran an diesem Nachmittag beenden kann. Dann kommt der Formenbau.

Am Wochenende zu meinem Geburtstag, war Anne mit Familie da. Wir sichteten alle Super 8 Filme, die mein Vater gedreht hatte und beschrifteten die Filmrollen. Diese Reise in die Vergangenheit deckte viele Blickwinkel von Dieter Reinecke auf. Auch die Stimmungen, die während der Spaziergänge, Jugendweihefeiern und Familientreffen herrschten, wurden sehr plastisch. Im Atelier fotografierte Anne das Väterportrait.

Gestern machten wir einen Ausflug zum Glauberg, wo sich ein archäologisches Museum befindet, das die Funde der Keltenzeit präsentiert. Da war für jeden was dabei und Armin konnte sich auch etwas austoben in den Gräben rund um den großen Grabhügel.

Theaterplastik

Im Atelier ging es weiter mit der Modellierarbeit. Das ist wenig spektakulär, löst aber eine freudige Spannung aus. Während der Ton in den Händen geformt wird, streift die Erinnerung durch Szenen der Theaterplastik in den Neunzigerjahren in Heidelberg.

Für das Stück „Bauernsterben“, das der Intendant Peter Stoltzenberg inszeniert hatte, modellierte ich einen Christus am Kreuz und stellte eine Gipsform davon her. Die schwenkte ich mit Gummimilch aus und goss in den Hohlraum Zweikomponentenschaum, der sehr fest aushärtete. Der Schauspieler Helmut Kahn konnte die Skulptur über die Bühne werfen, ohne dass ihr etwas geschah. Sie spielte noch in mehreren anderen Stücken mit, auch in einem berserkerhaften Tanztheater von Johann Kresnik.

Aber jetzt geht alles ruhig vonstatten. Vielleicht ergeben sich ein paar voluminöse Aufwallungen im Verlauf dieser Arbeit am Tanzrelief. Ich dachte auch daran, Muscheloberflächen in den weichen Ton zu drücken, verwarf das aber wieder. Das hat nichts mit dem Tanzthema zutun.

Muscheln

Wie es für diese Woche auf dem Plan stand, begann gestern das Modellieren des Tanzreliefs. Der Wunsch, damit zu beginnen, war so stark, dass mir erst später auffiel, dass die Vorzeichnung noch nicht fertig war. Der Ton, der noch etwas zu weich war, bekam auf einer Gipsplatte, die ihm das überflüssige Wasser entzog, die richtige Konsistenz, und in der warmen Hand wurde er gut modellierbar.

Jemand der sich mit der Belebung des Gustavsburgplatzes beschäftigt, besuchte gestern das Atelier, um etwas über meine Vorhaben dort zu erfahren. Immer noch ist die Eiche Ziel meiner täglich vier Unterbrechungen des Arbeitsweges. Unser Zwiegespräch entwickelt sich in den Raum des Platzes. Die Muscheln werden zu Wanderungsspuren, die an die Vaganten erinnern.

Der Tag begann ganz ruhig. Mich zog es nicht gleich nach draußen in den herannahenden „Märzwinter“. Die Buchmalereien geschahen eher vorsichtig. Mit einem weiteren Kaffee konnte ich mir dann beim Schreiben zuschauen, die Linien verfolgen, die entstanden.

Gehen und sprechen

Der Zeichnungsfries, der aus der Tanzlinie entstanden ist, mündet nun in den Reliefstreifen. Er kann die Motive mehrmals wiederholen, um dann fragmentiert auszulaufen, indem nur noch Teile davon reproduziert werden. In dieser Weise enden auch manche Zeichnungssequenzen auf den Transparentpapierrollen.

Nun ist der Ton, der seit Jahren eingetrocknet war, wieder weich und modellierfähig. An einem Tisch draußen, im T-Shirt in der Sonne, knetete und walkte ich das Material mit meinen Händen. Heute kann ich beginnen, das erste Relief zu formen.

Die Rinde der Vaganteneiche bestücke ich mit Muscheln von den Kanarischen Inseln. Auch ein zweiter Eckbaum des Wiesendreiecks hat davon schon etwas abbekommen. So entsteht eine Verbindung zwischen den Stämmen. Auf dem Weg zwischen ihnen gingen mir Teile der Baumgesänge durch den Kopf. Gehen und Sprechen, wie im Lustgarten neben dem Humboldtforum. Um die Triangulation des ganzen Platzes durchzuführen, können weitere Bäume als Eckpunkte stehen. Die Linien zwischen ihnen werden getanzt, gegangen, gesprochen und gesungen.

Allein im Wald

In einem Gespräch mit einem Musiker über die Zusammenhänge von instrumentalen Improvisationen und Arbeitsvorgängen in der Malerei, versuchten wir die Gemeinsamkeiten genauer einzukreisen . Wir kamen auf die Baumgesänge und die Möglichkeit aus ihnen einen Prozessionstext, der auf den Wegen zwischen drei Bäumen rezitiert wird, zu machen. Mich erinnert das an die Wanderungsspuren von TRIXEL PLANET und die geografische Triangulation.

Es ist Montag. Nach dem Wochenende ist die Arbeit weit fort. Aber Sonne scheint ins Atelier und die Materialien zum Modellieren stehen bereit. Aber erst muss die Leichtigkeit wieder kommen. So wie ich sie aus den Kindertagen kenne, weit weg von der häuslichen Niedergeschlagenheit, Angst und Gewalt, allein im Wald.

In einem neuen Tagebuch tat ich mich mit den Buchmalereien am Morgen etwas schwer. Unten auf der Allee staute sich der Verkehr, auf den Buchseiten stockten die Farblinien. Ich denke an die Super 8 Aufnahmen meines Vaters, mit denen ich mal arbeiten wollte. Anne möchte sie am kommenden Wochenende, wenn sie mit ihrer Familie zu Besuch kommt, sehen.

Theater Theater

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir gestern die Premiere von „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams. Auf der Premierenfeier gab’s Gespräche über das Stück, den Zustand des Theaters und es wurde getanzt. Ich traf Annie Nowak und Chunqing Huang und lernte neue Leute kennen.

Uns gleichzeitig hatte Barbaras Übersetzung von „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder Premiere. Die erste Besprechung in Nachtkritik war nicht so berauschend. Aber alle Stars, die die Wiener lieben, spielen mit… Das wird schon laufen!

Gerade auf dem Weg ins Atelier traf ich Herrn Haussmann, der maßgeblich für die Existenz von Teves West verantwortlich war. Ich sagte ihm aus ganzem Herzen sehr freundliche Dinge. Weiter ging ich über den Gustavsburgplatz, wo mir nun Kinder beim Schmücken der Vaganteneiche helfen. Sie stellten ein Muster aus Kronkorken am Boden her, mit Federn durchsetzt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Nun im Atelier steht der Ton, der eingesumpft werden muss auf der Hobelbank. Erinnerungen an die plastischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte gehen mir durch den Kopf. Schon das alleine ist beglückend.

Zwei Choreografien

Zwei Choreografien gestern im Bockenheimer Depot. Von Ioannis Mandafounis EINS VOR ZWEI ZURÜCK und von Rosalind Crisp SEEN UNSEEN. Zwei sehr unterschiedliche Arbeiten. Letztere lernten wir ja in unseren Workshops mit Manuel quasi von innen kennen. Die Strukturen waren auch wieder sichtbar. Vierergruppen auf 4 getrennten Tanzböden, von Zuschauern umgeben. Die Gruppen wechselten den Ort und auch die Teamzusammensetzung. Das war sehr dynamisch, tänzerisch wirklich schön, und deutlich wurde der Zusammenhalt, der von einer Grundformel auszugehen schien. Am morgen dachte ich, noch einmal aus dem Kopf eine neue Tanzlinie dazu zu zeichnen.

Das andere Stück gefiel mir nicht so. Zu wenig Verbindung mit dem Raum, viele Albernheiten, auch sprachlich. Tänzerisch bestand es aus engem „Körpergewurschtel“ und Ausflügen in traditionelle, schematische Figuren. Am Rande traf ich die Kulturdezernentin, bei der ich mich über den Umgang des Kulturamtes mit unserer Projektidee DIKTATUREN beschwerte.

Mit den Schülern arbeitete ich gestern wieder am Bahndamm, an dessen Fuß wir Landart – Veränderungen vornahmen. Mit verschiedenen Scheren, Sägen und Beilen rückten wir den Brombeeren zuleibe. Daraus entstand ein neues Wegstück, das verschiedene Aufenthaltsorte miteinander verbindet. Außerdem zündeten wir in einer Metallschale Feuer an, in dem wir den trockenen Gartenschnitt verbrannten.

Prozessionsdreieck

Wenn ich über die Bemalung der Tanzreliefs nachdenke, erscheint mir die Lasurmalerei als sehr geeignet. In diesem Zusammenhang sah ich eine Dokumentation über die Farbigkeit antiker Skulpturen. Wie man sich im Liebighaus in Frankfurt damit beschäftigt hat, ist interessant. Die Ergebnisse der Rekonstruktion allerdings, erscheinen mir zu plakativ. KI – generierte Versuche bewegen sich in Richtung Naturalismus, was der Sache vielleicht näher kommt.

In meiner Reliefbemalung sollen allerdings eher die Tanzerfahrungen eine Rolle spielen, die Verinnerlichung fremder Bewegungen in verschiedenen Raumverhältnissen. Die Räume der Liniengeflechte werden von Farbschichten durchzogen, die sich überschneiden. Schnell können solche lasierenden Farbfelder etwas schematisch aussehen. Dem wirken Zufall und Spontaneität entgegen.

Die Verzierungen, die ich an „meiner“ Vaganteneiche angebracht habe, sind teilweise entfernt und zerstört worden. Das brachte mich auf die Idee, noch einmal von vorne anzufangen. Diesmal soll in einer schwer zugänglichen Höhe ein Ornament aus Muscheln entstehen. Es kommuniziert mit zwei Gestaltungen an anderen Baumstämmen. Somit entsteht ein Beziehungsdreieck. Die Linien zwischen den Baumeckpunkten sind Prozessionswege, die mit den Baumgesängen begangen werden, die ich in den letzten Monaten, am Stamm lehnend, festgehalten habe.

Bewegungsvolumen

Nach einigen Improvisationsübungen im Ballettworkshop, deren Ziel Impulse gemeinsamer Bewegungen waren, zeigte sich, dass eine Harmonisierung schnell und ohne Worte einsetzen kann. Vielleicht lernt man sich durch aufeinander abgestimmtes Tanzen, durch körperliche Kommunikation, schneller besser kennen.

Wegen der aktuellen Arbeit am plastischen Tanzfries, kommen mir diese Erfahrungen besonders zugute. Es ist mir, als müsste ich aus der Dimension des Flachreliefs in den Raum heraustreten. Vor Augen sind mir dabei die verschränkten, wirbelnden Gliedmaßen und die Beziehungen der Körper im Raum zueinander und zu architektonischen Gegebenheiten, die sie umgeben. Die Justierung des Blicks, der sich nach anderen, sich bewegenden Figuren und stillstehenden Gegenständen, während der eigenen Bewegung orientiert, bietet produktive Perspektiven für die Gestaltung.

Die Reliefzeichnungen werden nun mit einem weichen Graphitstift verstärkt. Die aufwendigen Arbeitsgänge der Übertragung der Vorzeichnungen auf die Grundplatte des Modells, ziehen eine leichte Veränderung der Strukturen nach sich. Dadurch werden die Umrisse korrigiert und stabilisiert.

Linien im Raum

Die Zeit ist gestaucht und vergeht zwischen vielen Tätigkeiten schnell. Dennoch sind gestern die verkleinerten Vorzeichnungen für die ersten beiden Reliefs des Tanzfrieses entstanden. Jetzt passen die Motive auf die 60 cm hohe Grundplatte, auf der modelliert werden soll. Und auch heute schnelle Buchmalereien am Morgen. Sie besitzen ihre eigene offenere Struktur, die manchmal den vielen Schichten der aufwendigen, geschlossenen Bilder vorzuziehen sind.

YOU&EYE Projekttreffen heute und Besuch von Leuten aus dem Planungsamt. Am Abend wieder Tanzworkshop, wie gestern. Mit dem Dramaturgen der Dresden Frankfurt Dance Company stellten wir den Zusammenhang von Sprache und Tanz in den Mittelpunkt. Es war mir möglich über meine Vorstellungen von der Wahrnehmung des Körpers im Raum zu sprechen und von der Tanzlinie zu erzählen. Auch sie wurde von zwei Frauen in ihren Improvisationen tänzerisch umgesetzt.

In dieser Situation, in der meine Gedanken klar formuliert auf die Bewegungen der anderen übergingen und fortgesetzt wurden, kam eine neue Sicherheit bei mir auf. Mittlerweile ist das Tanzstudio eine gewohnte Umgebung geworden. Heute tanzen wir wieder mit Manuel und übermorgen ist dann die Premiere des aktuellen Stücks der Company im Bockenheimer Depot.

Junge Menschen

Eine erste Variante eines Tanzreliefs zeichnete ich auf einen Streifen Transparentpapier. Die volle Größe des Scans ist etwas zu hoch für die Grundplatte, auf der ich modellieren möchte. Muss ich also wieder einen Schritt zurück und das Ganze noch einmal etwas kleiner zeichnen. Der Vorteil dieser Wiederholung ist, dass mir die Formen des gezeichneten Liniennetzes vertrauter werden. Und kleine Korrekturen fallen beim zweiten Zeichnen leichter, führen zu einer spannungsvolleren Gesamtkomposition.

Auf einem Familientreffen konnte ich mit den jungen Menschen sprechen, deren Entwicklung wir interessiert verfolgen. Und da gibt es reichlich Erfolgsmeldungen und es bilden sich immer neue Begabungen heraus. Matthis beispielsweise betreibt Sprachforschungen an der Goethe-Uni und singt als Solotenor in Oratorien. Zu Ostern können wir ihn in der St. Leonhardskirche am Mainufer hören und sehen. Und Ragna, die schon in meinem Atelier mit ihrer Bratsche musizierte, hat die beste Masterarbeit ihres Jahrgangs in ganz Schweden geschrieben!

Mein Kalender ist voll mit Terminen. Das ist eine Last für mich. Stattdessen sehne ich mich nach Zeiträumen, die ich geschlossen und kontinuierlich der Entwicklung meiner Arbeit widmen kann. Mit all den Unterbrechungen steigt der Druck dennoch, meinen Wünschen gemäß, weiter zu kommen.

Abenteuersteine

Es sind Abenteuersteine, mit denen jeden Morgen die Buchmalereien begonnen werden. Ihre vernarbten Körper werden in das Papier gedrückt oder eingefärbt. Die Strukturen können dann mit der Hand aufgenommen und auf das Papier übertragen werden. Stein und Körper werden eins, nehmen einander auf. Die Geschichten der Steine und meiner Gene bilden neue malerische Erzählungen.

Zwischen den heutigen Buchmalereien und dem Schreiben lagen zwei Stunden, die ich für Erledigungen in der Stadt brauchte. Nun lösen die Bilder, nach der Pause, neue Freude aus. Nach dem Schreiben ein weiterer Termin! Keine Ruhe! Eine kleine Mittagspause auf dem Wochenmarkt auf der Frankenallee vor der Tür, den herannahenden Regen im Blick.

Eine weiße Grundplatte, auf der vor ein paar Jahren eines der 16 Väterreliefs entstanden ist, liegt nun für das Tanzrelief bereit. Die Vorzeichnungen sind für die Übertragung auf die Modellierflächen gescannt. So können die Einzelteile präzise zeichnerisch übertragen werden. Dann sollte alles Weitere flüssig ablaufen.

Wie von selbst

Gestern ist die Meenakshi Sequenz fertig geworden. Die letzten Linien zeichneten sich im Hochgefühl, wie von selbst. 2 Fotografien der Arbeit schickte ich Anne, die mit dem Vorschlag, die Linie zu vertonen, darauf reagierte. Eine Übersetzung in Tonspuren, wäre ganz in meinem Sinne.

Nun liegen aber die Vorzeichnungen für das Tanzrelief auf dem Arbeitstisch. So entwickelt sich die Arbeit schon beim Anschauen weiter. Die Liniengeflechte sind etwas lichter und stammen aus der 2. Phase der Verdichtungen. Der Anteil von Figurenfragmenten ist hoch und verweist noch auf den Ursprung der zusammengerollten und geschichteten Linie.

Und gleich schiebt sich die Vorschau auf die Bemalung in den Vordergrund. Dabei spielt die Konsistenz des Untergrundes eine entscheidende Rolle. Nahe liegend wäre die Verwendung der Maltechnik der Buchmalereien. Aber das stellte sich schon öfter als schwer realisierbar heraus. Es bleibt nichts, als gründlich zu experimentieren.

Tanzimprovisation, Relief

Die letzte Verdichtungsphase der Meenakshi Sequenz hat begonnen. Während zwei Rückwärtsrollen mit dem Transparentpapierstreifen, zeichnete ich die Tuschelinien durch und wechselte dann wieder die Rollrichtung. Nun entsteht die Schicht, die schon das Ende einläutet, weil es dann vor lauter Schwärze nicht mehr weitergeht. Höchstens die übrig gebliebenen hellen Inseln können herausgezeichnet werden, um sie zu einer neuen Verdichtungssequenz zu formieren. Hier löst sich das Thema aber eher auf, endet nicht in einer abgeschwächt dramatischen Geste, wie ich mir das vorstelle.

Im Studio der Dresden Frankfurt Dance Company nahmen wir gestern am dritten Teil des aktuellen Workshops teil. In kleinen Gruppen improvisierten wir mit körperlichen Impulsen und den Reaktionen darauf. Das fügte sich am Ende zu harmonischen Zusammenspielen zusammen. Meine Formvorliebe führt zu einem etwas sperrigen Bewegungsstil im Gegensatz zu den elaboriert-geschmeidigen Tanzbildern der anwesenden Damen.

Diese Kommunikation mit der Arbeit des Ensembles wirkt sich nicht unwesentlich auf meine Arbeit aus. Wenn ich vielleicht schon in dieser Woche mit der aktuellen Verdichtungssequenz auf Rolle 12 fertig werde, kann ich mit der Arbeit am Tanzrelief bald beginnen. Die Vorfreude darauf wächst schon seit einigen Wochen.

Mädchenbande

4 Viertklässlerinnen besuchten mich und fragten nach meinem Alter. Meine Aufforderung, mal zu schätzen, beantworteten sie mit: „Vielleicht so 50?“ Nach meiner Richtigstellung: „Und warum laufen sie so leicht?“ Eine Mädchenbande!

Die zweite Phase der Meenakshi Sequenz ist gestern fertig geworden. Es dauerte bis in den Abend. Nun kann ich mit dem Rückrollen, das beim Durchzeichnen eine entscheidende Verdichtung nach sich zieht, beginnen. Mir fiel auf, dass die Tuschegesträuche keine Rolle in den Collagen spielten. Das hab ich heute geändert.

Neben der laufenden Arbeit heute der wöchentliche Einkauf, Tevessitzung und am Abend Ballettworkshop. In dieser Woche dann noch zwei Arzttermine, die Schüler im Atelier und am Wochenende der 90. Geburtstag von Barbaras Mutter mit der ganzen Sippe…

Publikumsbeschimpfung

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke. Gutgelaunte Schauspieler sangen den schlechtgelaunten Text. Peer Baierlein richtete das Stück musikalisch so ein, dass es manchmal fast wie ein Musical daherkam. Eine Dirigentin und eine Band in einer verglasten Kammer verstärkten den Eindruck von Musiktheater, was dem Stück gut tat. Es war humorvoll, kurzweilig und präzise gearbeitet. So blieben wir noch in der Panoramabar im Foyer, bei einem Wein.

Der dicht strukturierte Alttag erlaubt es mir nicht, die Arbeit so zu gestalten, wie ich es mir vornahm. Längst wollte ich am Relief arbeiten, das die Ballettlinie mit ihrer Verdichtungssequenz zum Inhalt haben soll. Vielleicht übernehme ich mich auch, wenn parallel die Arbeit an der Meenakshi Sequenz läuft.

Ein Sonntagsspaziergang führte uns an den Main. Am Römer gerieten wir zwischen zwei Demonstrationen, die den Irankrieg zu Thema hatten. Islamisten schwenkten die aktuelle iranische Flagge zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem Mullah Regime. Die Gegner skandierten gegen das Regime und für die amerikanisch-israelischen Militäraktionen.

Gehäuse

Eine erste Runde der 3. Phase der Meenakshi Sequenz, das heißt eine ganze Umdrehung der Rolle 12 mit dem Radius von etwa 20 Zentimetern, habe ich gestern gezeichnet. 2 Runden kommen noch dazu, dann kann ich mit dem Rückrollen und den finalen Verdichtungen beginnen.

Die Buchmalereien haben zurzeit immer weniger zeichnerische Elemente. Die Strukturen ergeben sich aus Handabdrücken, die Steinoberflächen und Handlinien vermischen, Handkantenverwischungen und Linien meiner farbgetränkten Haare, die ich auf das Papier lege und dann weiter bearbeite. Die Schichtungen mehrerer Abdrücke ergeben dichte Areale farbiger Bewegungen.

Aus Breslau bekomme ich von Anne viele Stadtbilder mit Beschreibungen geschickt. Zu Fuß recherchiert sie in den verschiedenen Vierteln der Stadt, wo die Familien Wolf und Fitzner gelebt haben. Sie schaut in Archiven, Museen und in den Dom, entdeckt Sichtachsen und veränderte Stadtstrukturen. Ich dachte heute, das so eine Art Gehäuse entsteht, in dessen Mittelpunkt sich sein Betrachter befindet, der im sich Umschauen alle Wege, Gebäude, Gesichter und Worte wahrnehmen kann. Daraus entsteht die Geschichte.

Gravitationsräume

Mit den Jungs, die gestern zu mir ins Atelier kamen, rückte ich den Brombeerbüschen und dem wuchernden Sommerflieder am Bahndamm zuleibe. Mit allen verschiedenen Gartenscheren, dich ich habe, schnitten wir einen Keil in das Gesträuch. Das Schnittmaterial zerkleinerten wir und warfen es in die Feuertonne. Außerdem benutzten wir eine Baumsäge, deren Handhabung erst einmal eingeübt werden musste.

So verlängerte sich ein Weg, der über die Wiese geht, auf ein Betonbauteil zu, das im unteren Bereich eine viereckige Höhlung aufweist, die in einen geheimnisvollen, dunklen Raum führt, der nur etwas Licht durch ein Loch von oben bekommt. Wenn wieder schönes Wetter ist, können wir dort eine Aufenthaltsqualität schaffen, eine Fläche, auf der man was abstellen und einen Stuhl daneben platzieren kann.

Anne unterrichtet mich mit Fotos, Landkarten und Beschreibungen über ihre Wege auf den Spuren der Familie Fitzner. Spannend ist, wie sich ein Mosaik der Lebensumstände zusammensetzt, in dem seltsame räumliche Beziehungen auftauchen. So wohnte die Familie meiner Großmutter nur zwei Straßen entfernt von der Wohnung der Fitzners, mit dessen Spross Oscar, Oma Gertrud Wolf später in Berlin meinen Vater zeugte. Jetzt wohnt Anne mit ihrer Familie nur ein paar Straßen entfernt von ihrer Wohnung in der Altenbraker Strasse in Neukölln – Gravitationsräume.

Auf die Spitze treiben

Am Morgen vor einem Reisetag, erledige ich noch gerne meine handschriftliche Tagebucharbeit. Je früher der Tag, umso schwerer fällt es, sich an den Tisch zu setzen und eine Konzentration aufzubringen, die dann in die Buchmalereien hineinführt. Aber die Überwindung lohnt sich, weil eine Energie entsteht, die aus den Bildern auf mich zurückleuchtet.

Auf Rolle 12 führte ich die erste Verdichtungsphase der Meenakshisequenz zu Ende. Ein ruhige Arbeit, die schon die Fortsetzung später im Auge hat. Und die sieht so aus, dass ich das Material noch dreimal durchzeichne, ohne dass neue Elemente hinzukommen. Mit diesen 3 Wiederholungen, die etwa 60 Zentimeter des 50 Meter langen Transparentpapierstreifens füllen, beginne ich dann die Rückrollphase. Vom Ende her überlagern sich die Liniengesträuche anders versetzt und verdichten sich noch mehr. Und dann kann ich hin und her rollen, um die Verdichtungen auf die Spitze zu treiben.

Im Studio unserer Tanzcompany führten wir unseren Workshop zu den choreografischen Techniken von Rosalind Crisp fort. Die Schichten unserer Körper konfrontieren wir dabei mit der Umgebung. Wie fühlen sich Haut, Muskeln und Knochen im Umgang mit der umgebenen Luft an, welche Bewegungen entstehen daraus. Eine größere, bestimmendere Rolle bei mir spielen dabei die Raumbezüge.

SPIRIT AN THE DUST

Das Stück SPIRIT AN THE DUST von Noah Haidle, das Barbara übersetzt hat, hatte am vergangenen Wochenende Premiere im Deutschen Theater in Berlin. Die Vorstellung wurde vom Publikum und von der bisherigen Presse gut aufgenommen. Noah war da und spielte mit Barbara Tischfußball. Die Premierenfeier dauerte länger… Am nächsten Abend sahen wir DIE WILDENTE VON Ibsen in der Regie von Ostermeier. Das war eine ganz andere Arbeit, naturalistisch fast. Fand ich zunächst nicht so gut rein…

Gestern Nachmittag saßen wir, bevor der Zug fuhr, am Spreeufer. Ich fotografierte den Fluss mit der Rückseite eines Wasserverkehrsschildes und Mandarinenten. In einem Eckcafé trafen wir uns mit Freunden aus der Syncronisations – Branche. Susanna ist eine berühmte Stimme und mein Jahrgang…

Die Buchmalereien schwenken in eine zurückhaltendere Form. Weniger dramatisch verharren sie in einer ruhigen Stimmung, die nach all der Bewegungen der letzten Tage und Wochen gut tut. Es ist ein Tag, an dem ich ein paar Dinge ordnen kann, an dem die Sonne ins Atelier scheint und etwas Stille einkehrt.

Meenakshi Sequenz

Auch die Fortführung der Meenakshi Sequenz beschäftigt sich in besonderer Weise mit dem Raum. Während des Zeichnens vor Ort bewegte ich mich zwischen den hinduistischen Pilgern durch ihren Tempel und ließ die Bilder durch mich hindurch leuchten. Die Konturen dieses Lichts hielt ich mit einer Linie aus meinem Füller auf einem Zeichenblock fest. Sie streift durch die Säulenbestandenen Hallen um den Schrein herum.

Beim Zeichnen auf Rolle 12 bemerkte ich, dass das räumliche Erlebnis durch die Schichtungen der Umrisse aus dieser Linie wiederkehrt. Durch den zeitaufwendigen Vorgang des Übereinanderzeichnens wird das visuelle Erlebnis mit den Überlagerungen der vielen Konturen von Architektur und Skulpturen, auf einen Moment zusammengestaucht.

Die Fotos vom Inneren des Tempels von 2012, die wir damals noch machen durften, zeigen ein sehr lebendiges Treiben. Durch die aktuellen Festtage nahm in diesem Jahr die Menge der Pilger zu, so dass sie nicht mehr so viel Raum hatte, sich frei zu bewegen. Auch war eine gewisse Anspannung zu spüren, eine Angst vor Anschlägen oder Übergriffen anderer religiöser Gruppen.

Tanzerkundung

In einem Workshop bei der Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC), begannen wir gestern das choreografische Vorgehen von Rosalind Crisp zu studieren, die die Arbeit DEEP DIVE bereits in Dresden zur Premiere gebracht hat. Mein eigenes Formenarsenal, das sehr mit meinen Zeichnungen verbunden ist, behauptet sich im Ballettsaal und geht nur vage Verbindungen mit Bewegungen von anderen ein.

Die Erkundung des Raumes steht bei mir im Vordergrund. Wenn beispielsweise ein Stück schwarzes Klebeband vom rechten Fuß auf dem weißen Ballettboden fixiert wird, streckt sich der Linke Arm nach oben, um einen Punkt in der Dachkonstruktion anzupeilen. Den Raum dazwischen umschreiben und füllen meine Gesten. Kommen Körper mit anderen Bewegungen da hinein, teilt mein linker Fuß mit, dass sie mitmachen sollen. Das gelingt auch kurz, wie ein kleiner Wortwechsel.

Im Atelier verdichtete ich die erste Schichtungsstufe der Meenakshi Sequenz auf Rolle 12. Sie umfasst das Material, das sich bei jeder Rollenumdrehung zeichnerisch akkumuliert. Am Ende der Linie angekommen, wiederhole ich das Gesträuch vielleicht drei Mal und rolle danach den Transparentpapierstreifen von hinten her in entgegengesetzte Richtung wieder auf. Dadurch entstehen neue durchscheinende Linienkonstellationen, die wiederum durchgezeichnet und verdichtet werden. Danach fügen sich diese Strukturen auch wieder in die täglichen Collagen ein.

Namdroling

Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand.“ im Museum für Angewandte Kunst, fielen mir wieder die Malereien in Namdroling ein. Diese Enklave der tibetischen Buddhisten in Südindien bildete eine Fortführung der traditionellen Bildprogramme heraus, deren Qualität eine besondere Form des Widerstandes gegen das Verschwinden dieser Kultur darstellt. Durch die technische Perfektion entwickelte sich eine Art von Überhöhung in einem Supersurrealismus feinster Malkultur.

Westlich geprägte Künstler gehen eher mit Brachialmethoden an eine Fragmentierung traditioneller Gestaltungsprinzipien heran, und wurden so, im Fall der Frankfurter Ausstellung, als Widerstandskünstler bezeichnet. Die Tibeter allerdings fielen mir, durch ihr Festhalten an den alten Formen, als wesentlich widerständiger auf.

In der Nacht, beim Nachdenken über die Meenakshisequenz, an der ich auf Rolle 12 gestern weiter arbeitete, kam mir die Idee, mit den Erlebnissen dieser Malerei in den buddhistischen Klöstern, ähnlich umzugehen. Dies kann mit Hilfe der Fotos, die ich mit meiner Lumix – Kamera gemacht habe, geschehen.

Themenwahl

„Wolle. Seide. Widerstand.“ Diese Ausstellung des Museums für Angewandte Kunst, war etwas enttäuschend, denn die Erwartungen, die der Titel schürt, haben such nur in wenigen Exponaten eingelöst. In Indien handgeknüpfte Teppiche nach Entwürfen westlicher Künstler, müssen als widerständige Kunst herhalten, stellen aber eine postkoloniale Geste dar. Die aufgesetzten politischen Themen erscheinen mir feigenblättrig. Für mich entsteht das Widerständige aus den inneren Rhythmen der Werke heraus, weniger durch die Themenwahl.

Auch ein umfangreiches Begleitheft konnte nicht befriedigend erklären, was die Textilkunst mit dem Thema zutun hat. Textzurechtrückungen sollten die Werke nicht nötig haben, damit die Kuratorenphantasie ihre Berechtigung bekommt. Das meiste wirkte also ziemlich aufgesetzt.

Vorgestern sahen wir die Theaterfassung des Romans „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow. Die etwas eintönige Inszenierung hat uns 3 Stunden gequält. Nach der Pause blieben wir hoffnungsvoll auf unseren Plätzen in der 2. Reihe. Aber nichts änderte sich. So hatten wir am Küchentisch lange zu sprechen über diese Zumutung eines Regieansatzes von Timofej Kuljabin, der in sich nicht so falsch war, denn er führte uns die graue Tristesse des Sowjetsystems als Zumutung hautnah vor Augen.

Umformen

Mehrfach zeichnete ich die Meenakshi – Tempel – Linie auf Transparentpapier durch. Dabei wird sie etwas korrigiert. Bögen werden geglättet, Abstände genauer eingerichtet und Größen leicht verändert. Das geschieht im Hinblick auf die Überlagerungen, die sich beim Zusammenrollen dieser Linie auf Rolle 12 ergeben. Sie lassen sich deutlicher strukturieren, wenn die Formen klarer komponiert sind und so besser durchgezeichnet werden können.

Viele der Jungs, die ich gestern in meinem Atelier empfangen wollte, sind krank oder anderweitig verhindert gewesen. Zwei kamen und arbeiteten konzentriert mit mir. Es entstehen ästhetisch wertvolle, dichte Figurationen, die sich aus den Frottagen meiner „Väterreliefformen“ entwickeln und von kleineren Blättern auf Transparentpapierrollen übertragen werden. So entstehen Bildergeschichten, deren Verläufe nicht vorauszusehen sind.

Und gestern schaute ich noch mal auf die Vorzeichnungen für das Tanzrelief. Dabei denke ich über eine gut handhabbare Dimension nach, was vor allem die Formen angeht, die schnell ein großes Gewicht bekommen. Für die Ausformung der einzelnen Reliefs werde ich vielleicht die Reste des zerstörten Frankfurter Kraftfeldes nutzen, sie erneut einweichen und das Material in die neuen Formen pressen, also umformen.

Erwärmt

Im dichten Gestrüpp des Gärtchens begann gestern, mit der Aluminiumleiter in der Sonne, etwas zu spät im Jahr, der Baumschnitt. Die dornenreichen, langen Äste der Robinie fielen, von der Baumschere gekappt, wütend auf mich herab, verhakten sich in der Haut meiner Hände und in den Wollschlingen des Schals. Äste, die sich meinen Atelierfenstern näherten, an ihnen klopften oder im Wind hin und her schliffen, mussten dran glauben.

Fast schon zu Hälfte ist die Tempellinie aus Madurai auf einen einzelnen Transparentpapierstreifen übertragen. Und das etwas steife Material erweist sich als gut weiterverwertbar. In der Nachbearbeitung erhält es etwas mehr geschmeidige Bewegungsfreiheit. Ein glücklicher Moment. Daneben liegen meine Fundstücke von der Reise, die entweder von den Damen herab gefallen waren oder aus Werkstätten und Gewürzplantagen stammten. Es duftet nach Indien!

Auf dem Heinweg, währen der Überquerung des Gustavsburgplatzes, sang leise, andauernd und eindringlich eine Amsel im Geäst eines der alten Bäume. Mich erwärmte das. Aber in der Nacht schneite es stark und hört auch noch nicht auf. Die Baumäste leuchten hell, Autos verschwinden unter der Flockenschicht im leisen Fallen.

Tempellinie

Im Meenakshi Tempel in Madurai zeichnete ich eine Tempellinie. Mit ihr sollte an die Tanzlinien angeknüpft werden, was aber nur bedingt gelang, denn die Steinfiguren, die mit der Linie umfahren wurden, bewegten sich nicht, wie es die Tanzfiguren taten. So habe ich es mit einer etwas statischen Spur zutun und weiß noch nicht so recht, was damit anzufangen wäre.

Im Atelier kam gestern keine heimische Atmosphäre auf. Frierend sind mir Routineabläufe bei der Erstellung der Collagen und des Arbeitstagebuchtextes durcheinander gekommen. Nach einem Tag mit der Supervision von YOU&EYE im Anna-Freud-Institut, einem Supermarkteinkauf, war ich supermüde auf der Suche danach, was sich in der Zeit unseres Aufenthalts in Südindien verändert hat. Der Blick scheint etwas verrutscht zu sein.

Noch besichtigte ich die letzten Arbeitsergebnisse nicht, aus denen das Tanzrelief entstehen soll. Aber die Weidenkätzchen im Garten lugen schon aus ihren harten, braunen Schalen hervor. Das ist eines der Zeichen, auf die ich im warmen Bangalore gehofft hatte. Morgen kommen die Jungs aus der Hindemithschule wieder ins Atelier. Darauf freue ich mich.

Südindien

Nach einer einmonatigen Reise durch Südindien, friere ich nun hier im Atelier. Die routinierten Arbeitsstrukturen kommen ins Stocken. Das handschriftliche Tagebuch führte ich an jedem Tag. Die Rikschafahrten durch das Labyrinth der Städte mit Handyfilme schauenden Fahrern im brüllenden Verkehr, dessen Regeln schwer durchschaubar blieben, zerrten manchmal an den Nerven. Auch zu Fuß hatten wir Tuchfühlung mit allen Fahrzeugen, durch deren durcheinander fließenden Strom wir die Straßen überquerten. Und ständig wird man angehupt.

Auf unserer 9. Indienreise begannen wir die dortige Welt mit anderen Augen sehen zu können. Die exotische Kulisse begann zu bröckeln. Viele der fremden Seiten dieser Kultur sahen wir schon oft und begannen nun hinter diese Schichten oder durch sie hindurch zu schauen. Im stetigen Lärm, in der Hitze und in den vielen Ortswechseln, wurde Müdigkeit zum treuen Begleiter.

Bei aller Schönheit der Bauten, ging mir die hemmungslose Prunksucht der Superreichen der Vergangenheit und der Gegenwart auf die Nerven. Dann zogen wir uns in die Plantagen der Berge zurück, wohnten mitten im Regenwald und wurden auf unserer Terrasse von den Affen bestohlen. Seit dem fehlt mir ein Korallenstein, den ich bis dahin stets für meine Buchmalereien benutzt habe.

Hin und her

Und noch mal auf Rolle 12 weiter gezeichnet, hinein in die Finsternis, die das verdichtete Licht des Tanzes ist. Vor einiger Zeit sah ich Jonathan Nagel mit seinem Kontrabass und einer Tänzerin. Heute hörte ich während der Buchmalerei Musik von ihm mit Karma Kollektiv. Er sollte diese Bilder bekommen und vielleicht können wir dann etwas Bild und Musik hin und her schicken – eine Kooperation.

Ein kleines Transparentpapierbüchlein, das ich von Oliver zu Weihnachten bekommen habe, will ich mitnehmen auf unsere Reise durch Indien. Zeichnungen, Frottagen und Weiterverarbeitungen des unterwegs gesammelten Materials, finden darin ihren Ort. Hier Im Atelier kann ich dann damit weiterarbeiten.

Der Baumtext befindet sich nun auf meinem neuen Rechner zu Hause. Dort kann ich ihn mir vorlesen lassen und dann andere Dinge damit anstellen. Vorstellen kann ich mir, dass die Worte vom Computer durch das Gitarreneffektgerät geschickt werden.

Fluss

Eine vorantreibende Schwärze entwickelt sich auf Rolle 12. Ich werde hineingezogen in die Beschleunigung und komme immer langsamer voran. Es ist das Gravitationsfeld eines Hochgefühls, ist komprimiertes Licht.

Die Malereien folgen eher den Bewegungen, die aus der Gegend hinter dem Brustkorb hervortreten und in die Arme und Hände fließen, als Ideen im Kopf. Ein Gewässer auf dem ich hinabfahre bis auf die Buchseiten, um die farblichen und strukturellen Spuren der Mitschrift zu hinterlassen. Keine Effekte, kein Pathos nur leise Notizen.

Das Gewässer entsprang in einem Traum der Letzten Nacht, in dem wir auf einem archaischen Floß einen wilden Fluss hinab trieben. Das Gefährt bestand aus Holz, Lianen und luftgefüllten Tierhäuten mit einer Hütte darauf. Ohne zu navigieren schauten wir durch ein Fenster auf die vorüberziehende Uferlandschaft. So kamen wir ans Meer und fuhren auf seine großen Wellen zu.

Malereiuniversum

Die Malerei erscheint mir an diesem Morgen wie ein Paralleluniversum. Es weist eine Restgegenständlichkeit auf, die aus Gravuren und Materialabdrucken hervor scheint. Es gibt die parallel laufenden Linien, die durch ein druckvolles Rollen des Schraubengewindes aus Kaza entstehen. Sie mischen sich mit den Haarschwüngen, mit den Lavaabdrucken und meinen Handlinien. Das alles schichtet sich und wird manchmal mit der Handkante verwischt.

Eine weitere Verdichtungsschicht schlug gestern auf Rolle 12, wie eine Welle an den Strand. Nach dieser Rückrollbewegung und den dadurch versetzten Motiven, die übereinander gezeichnet sind, übernimmt nun die Finsternis das Zepter.

Gestern schleppte ich die große Leiter in den Ausstellungsraum, um das Dach provisorisch reparieren zu können. Die Leute, die dafür zuständig wären, kümmern sich trotz des anhaltenden Regens nicht schnell genug um die Abdichtung. So steige ich, der alte Mann, auf die Leiter und erledige das.

Gabriele Stötzer

Das dichte Tanzstrauchsystem beginnt sich nun auf Rolle 12 zum fünften Mal zu wiederholen. Danach wird die Rückwärtsbewegung einsetzen, die die neue Phase der Verdichtung einläutet. Durch die Bewegung der Rohrfeder auf dem Papier, beginnen sich die Formen zu glätten und weiter auszuprägen. Dadurch werden die wesentlichen Kompositionslinien weiter entwickelt und hervorgehoben.

Gabriele Stötzer bekam vorgestern der Kaiserring der Stadt Golslar, eine der wichtigsten Kunstehrungen der Welt! Ich denke an unseren gemeinsamen Kampf in der Pädagogischen Hochschule in Erfurt und habe mich riesig gefreut. So gehört der Preis ein wenig uns allen, die damals Widerstand geleistet haben. Gratulation!

Die Bewegungen, die zu den Gesträuchsystemen meiner Siebzigerjahre führen, fließen am Rande der Buchmalereien ein. Sie treten aus den Handlinien hervor und werden zu bewegten Umrisslinien. Zunächst waren sie ein Mittel des Naturstudiums. Es ging um die Erfassung von Form, Raum und Licht. Die Hoffnung besteht heute darin, dass noch im tiefsten Schatten etwas Helligkeit herrscht. Und wenn das nur die Hintergrundstrahlung des Universums ist.

Widersprüchlich

Anne berichtet manchmal von ihren Recherchen, die Familie väterlicherseits betreffend: „Gertruds Vater, Maximilian Wolf, wurde 1943 erhängt im Tegeler Forst aufgefunden“. Es gibt eine ganze Reihe von Selbstmorden bei den Männern der väterlichen Linie. Dass diese Abgründe nun zutage kommen, füllt die Erinnerungen mit neuen Bezügen auf.

Dier alten Eintragungen des Arbeitstagebuches zu lesen, ruft widersprüchliche Reaktionen hervor. Einerseits ähneln sich die Fragestellungen häufig, was ermüdend werden kann. Dennoch ist es die Voraussetzung, tiefer in die Themen und Materialien einzutauchen. Und dann gibt es noch die schiere Masse an überraschenden Collagen, die beglücken.

2012 waren die Figurensequenzen, die sich durch das Übereinanderzeichnen auf der äußeren Schicht der Transparentpapierrolle verdichten, noch neu. Jetzt ist das eine bewährte Methode, die zuverlässig, bei konsequenter Anwendung, zu Erneuerungen führt. Diese erkenne zwar zeitnah nur ich. Auf längere Sicht sind sie deutlicher sichtbar.

Wetter

Am kalten sonnigen Sonntag machten wir einen Spaziergang um den zugefrorenen Rebstockweiher. Lange sah ich eine solch große Eisfläche nicht. Jano, der unter der Eisenbahnbrücke auf Teves West lebt und dort in den letzten Jahren eine veritable Fahrradwerkstatt eingerichtet hat, bekam von mir für die kalte Nacht einen 6 Liter Kanister kochendes Wasser, das er in einen selbst gebastelten Thermobehälter stellte.

Übernacht hat es geschneit. Der Wind hat ein Wellplastik – Dachfenster des Ateliertraktes zerstört. Dadurch dringt nun der Morgenregen ein, der ansonsten eine Schneematschlandschaft entstehen lässt. Entgegen meiner Befürchtung muss ich nun nicht die große Leiter alleine unter das Dach schleppen und das Loch provisorisch schließen. Das macht glücklicherweise die Hausverwaltung.

Am Morgen fand ich in den Linien meiner Handballenabdrücke, in denen der Lavasteine und in ihren Farben Zuversicht. Die entstandenen Buchmalereien bestehen den Vergleich mit den vorausgegangenen. Beim Anschauen kommen manchmal kleinere Korrekturen dazu, die inneren Anweisungen folgen, wie: „Die roten Linien müssen an dieser Stelle noch etwas ausfransen!“.

Traum und Tod

Gestern las ich in einem Tagebuch die Beschreibung eines Traumes vom 28.5. 1979. Darin holte ich meinen Cousin Harald von einem Flughafen mitten im Wald ab. Über uns braute sich dann ein Tornado zusammen, worauf wir uns flach auf eine Wiese legten… – Am Abend rief mich meine Tochter an und berichtete mir von seinem Tod vorgestern.

In der Pizzeria um die Ecke trafen wir gestern Franz Konter. Nach Jahren mit Sepiazeichnungen ist er nun wieder zur Farbe zurückgekehrt. Ich muss ihn mal wieder in deinem Atelier besuchen und schauen, was er da macht!

In meinem Atelier schaue ich auf Rolle 12 und sammle dabei Kräfte für das Weitermachen. Die Dichte der Zeichnungsgesträuche spiegelt mein Gefühl, das sich bei den Nachrichten über die Proteste im Iran einstellt, wieder. Das liegt auch daran, dass ich mit Reyhane gesprochen habe und mir nun ihre Betroffenheit vorstellen kann. Ob man gleich dazu etwas gemeinsam erarbeiten kann, sei dahingestellt. Aber es gibt das Gespräch darüber.

Farben als Antidepressivum

Neue Ansätze für die fortwährende Arbeit, finde ich im alltäglichen schönen Alleinsein im Atelier. Langsam bekommt das Aquarellieren mit spitzen Pinseln wieder seinen Auftritt. In den Tagebüchern der Siebzigerjahre stehen Beschreibungen von Lichtverhältnissen und deren malerische Umsetzung in Aquarellen, die ich oft zwischendurch anfertigte, neben der Beschäftigung mit Anne, der Gartenarbeit oder dem Bau meines Ateliers im Garten. Die Farben waren das Antidepressivum inmitten der grauen Gegenwart der DDR.

Zusammen mit dem Gedanken an die Monumentalität innerhalb der kleinen Bilder in den Tagebüchern, empfinde ich die Stimmungen und künstlerischen Haltungen nach. Und in den kleinen Buchmalereien lebt das alles wieder auf, was vor über 50 Jahren begann. Auf meinem Bildschirm läuft eine Diashow der Malereien von 2022. Das sind reduzierte Gesten mit Haarstrukturen in Wasserfarben.

Auf Rolle 12 bestätigte sich, dass das trotzige Fortfahren der durchgezeichneten Wiederholungen auf der Außenschicht des zusammengerollten Transparentpapiers, der richtige Weg ist und bleibt. Jetzt bildet sich eine andere Kraft. In der Fortsetzung entsteht auch eine Perspektive, wie es weitergehen kann.

Keine Lavablasen

Ein PDF des Anti-Autokratie-Handbuches von Stephan Lewandowsky ist in meinem Diktaturen-Ordner gespeichert. Der Deutschlandfunk machte ein Interview mit dem Herausgeber. 30 Seiten mit Handlungsvorschlägen, wie man sich in der Wissenschaft gegen autokratische Systeme wehrt. Die Erfahrungen aus Amerika, die dort geschildert werden, erzeugten bei mir ein Déjà-vu-Erlebnis, das 50 Jahre zurück in die DDR- Realität reicht. Nur hatten wir damals keine Widerstandshandbücher, sondern lernten langsam und schmerzvoll.

Ein iranischer Film mit dem Titel „Ein einfacher Unfall“ kommt in das deutsche Kino. Es geht um Rache an einem Folterer im Gefängnis. Geht der Regisseur in seine Heimat zurück, wie er es vorhat, erwartet ihn eine Haftstrafe.

Diese Nachrichten des Morgens haben dafür gesorgt, dass ich die Abdrücke der Lavastruktur in den Buchmalereien weggelassen habe. Stattdessen lag die Konzentration auf den Linien meiner rechten Handkante, mit der ich die Farben verwische, die in den Vertiefungen bleibt und die abgedruckte Vorlage für die Weiterentwicklung der gezeichneten Schraffuren bildet.

Trotzig fortfahren?

Den Gegensatz zwischen Reduktion und Überfrachtung in den Buchmalereien produktiv zu machen, heißt ihn nicht aufzulösen, sondern in ein spannungsvolles Verhältnis zu bringen. Zwei Schwergewichte, die ein Gleichgewicht halten sollen. Leichter gesagt als getan. Aber es ist das, womit ich gestern aufgehört habe, und womit ich heute am Morgen weitermache.

Es nähern sich auch konkrete Themen, die durch die Beschäftigung mit Diktaturen in den Fokus rücken. So steigern sich die Proteste gegen das Regime im Iran. Darüber könnte ich einen künstlerischen Dialog mit Reyhane beginnen. Und die staatlichen Unterstützungen von Kunstausstellungen in den USA sind teilweise gestrichen. Auf der anderen Seite steigen Unternehmen, die Luxuswaren produzieren, in die Kooperation mit dem Kunstmarkt ein. So verschwindet Kunst im hochspekulativen Finanzkontext.

Bei der weiteren Verdichtung der Tanzsequenz gestern, kam das Gefühl eines gewissen Leerlaufs auf. Entweder ist das Thema ausgereizt oder ich muss es über eine gewisse Grenze weitertreiben, dran bleiben, trotzig fortfahren bis es einen Sprung macht.

Stoisch

Bei meinem täglichen Radiohören, versuche ich die für mich relevanten Informationen herauszufiltern, um sie dann gesondert zu betrachten. Wie reagiert die Kunstwelt in den USA auf den turbokapitalistischen Faschismus, der das intellektuelle Leben zugrunde richtet? Können sich dadurch neue Stilrichtungen bilden? Das sind Fragen für das Diktaturenprojekt.

Meine eigene Reaktion auf diese Vorgänge in aller Welt, würde ich am ehesten als stoisch bezeichnen. So ging das Zeichnen auf Rolle 12 weiter. Die Tanzsequenz verdichtete sich in mehreren Arbeitsgängen des abermaligen Durchzeichnens auf die äußere Schicht der Rolle. Dabei bewegte ich sie zusammenrollend sowohl nach hinten als auch in entgegengesetzte Richtung vom Ende her.

Es kommt zur deutlichen Sichtbarkeit der sich stapelnden, versetzten Wiederholungen, die sich zu einer sehr intensiven Gesträuchstruktur steigern. Das kann bis zu einer Schwärze gehen, die noch einzelne helle Inseln aufweist, mit deren Umrissen dann weitergearbeitet werden kann – wie gehabt.

Weniger Strenge

Wenn Minimalismus in den Malereien aufkommt, entspringt dieser manchmal auch mangelnder Energie, schleifender Stille oder Strukturarmut. Solche Momente können, innerhalb meiner stetigen Produktion, kostbar sein. Im besten Fall entstehen neue Arbeitsansätze, neue Experimentalaufbauten im Kopf und im Atelier.

Um mich aus der Erinnerungsschleife der 50 Jahre zurückliegenden Ereignisse herauszubewegen, höre ich erneut Dance- Elektronik-Musik von Fred Again, Musik von den Welt – Dancefloors. Es kamen Neujahrsgrüße von Reyhane aus Melbourne und im Iran gibt es neue Proteste an verschiedenen Orten. Wackelt dort die Autokratie?

Die angestrengte Ernsthaftigkeit der alten Tagebücher geht mir etwas gegen den Strich. Diese Aufgeräumtheit hat sich aber die ganze Zeit gehalten. Lässt sich der Produktionsrhythmus mit weniger Strenge ausfüllen? Die Begegnungen mit der Vaganteneiche, die den Geist und die Sprache befreien sind der erste Ansatz dafür.

Abstand herstellen

Während der Lektüre der Dokumentation unseres Protests an der Hochschule 1976 in Erfurt, bin ich noch einmal tief in die Situation eingetaucht, wie sie mir damals begegnete. Wenn sich meine Arbeit mit dieser Zeit beschäftigen sollte, hilft dieses Zurückversetzen in die Stimmung inmitten dieser Ereignisse. Aber dann muss ich da wieder heraus und Abstand herstellen, um klarer sehen zu können.

Auch deswegen lief heute während der Malerei das Technoalbum USB.02 von Fred again… Die elektronischen Experimente mit den gesampelten Gesängen anderer Künstler und deren Wiederholungen sehe ich parallel zu meinen Handballenabdrücken, zur Vervielfältigung der Motivelemente. Feine Veränderungen, im wahrsten Sinne hautnah.

Dann ist der Zeitpunkt für die geschichtlichen Rückblicke da, und die zeichnerische Auseinandersetzung oder Aufarbeitung kann beginnen.

Tagebücher

Am wichtigsten scheinen mir am Morgen die Buchmalereien zu sein. Ihre Entstehung ist vergnüglich. Selten genug spielt dabei der Gedanke an die Weiterverwendung in den Collagen, die am Vormittag folgen, eine Rolle. Der unruhige Schnitt quer über das Format, der dann folgt, teilt die Komposition in oben und unten. Beide Hälften können sich nun voneinander entfernen und den Blick in die Schichten der Vergangenheit freigeben.

Somit korrespondiert das Collagieren mit dem Vorgang des aktuellen Erinnerns an die Zeit vor 50 Jahren. In einer Fotoschachtel fand ich gestern ein Bild meiner Seminargruppe beim Kunstunterricht. An Namen kann ich mich kaum erinnern, aber wohl an das Wesen mancher Kommilitonen.

Die Tagebuchaufzeichnungen, die erst nach der Zeit an der Pädagogischen Hochschule Erfurt begannen, tragen noch etwas von der Stimmung in sich, die dort herrschte. Auf einem anderen Foto, das ich gestern fand, arbeite ich am Holzschnitt „Der Mövensturz“. Eine Aufzeichnung im Tagebuch gibt über das Datum Auskunft: 10.05. 1978. Damals schnitt ich die Bilderfolge zur „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Parallel dazu studierte ich an der Abendschule der Kunstakademie und machte eine Lehre in der Tischlerei Grahl in Coswig, die es heute noch gibt.

1976

Die Lektüre der Dokumentation „Rädelsführer“, unseres Aufruhrs 1976 in der Pädagogischen Hochschule Erfurt vor 50 Jahren, macht verschüttete Erlebnisse wieder zu Erinnerungsbildern. Und Gleichzeitig erwächst der Wunsch, das alles noch einmal zu durchdenken, um die Haltungen von damals nachzuempfinden und sie bei der Produktion einer bildnerischen Arbeit dazu, wenigstens teilweise wieder einnehmen zu können.

Vorgestern sah ich mir auf Rolle 10 noch einmal die Stasisequenz an, mit der ich eine andere Lebensphase aufarbeitete. Die Einsicht in die Akte aus der Zeit in Erfurt, ist eine Voraussetzung für eine weitere solche Arbeit. Es kostet etwas Überwindung, diese Forschung zu machen, daran zu gehen, die Akte aufzustöbern und sich wieder zu konfrontieren.

Bei der Lektüre der Dokumentation sind mir manche Studenten, Professoren und Dozenten wieder eingefallen und die entsprechenden Szenen, die ich mit ihnen erlebt habe. Allerdings gibt es aus dieser Zeit noch kein Tagebuch von mir. Auch die Mittel, das ganze künstlerisch zu fassen, hatte ich damals noch nicht. Nun aber kann ich meine Erlebnisse in eine Form bringen und sie auf diese Weise festhalten.

Naturformen

Die Linien der Handabdrücke, die am Anfang der Arbeit an den Buchmalereien hell aus den gedeckten Farbmischungen hervortreten, erzählen von Begegnungen, Berührungen und Anschlüssen. Da sind beispielsweise die groben Umrisse, die mit den Farbstiften die Differenzierungen der Naturformen nicht nachbilden können. Ebenbürtig sind ihnen aber die Steinabdrücke, die die Bewegungen der Lava, ihr Fließen und Brodeln dokumentierend und starr in sich tragen. Mit einem Feinen Pinsel, der mit etwas Wasser die Farben vom Papier aufnehmen und neu strukturieren kann, kommt man der Qualität der Naturabdrucke näher.

Die Zeit, die für diese Arbeit vorhanden ist, streckt sich durch die Konzentration ihrer Abbildung im geschichteten Raum der entstehenden Bilder. Wenn das Nachbessern der Malereien mit dem Setzen von Akzenten mit der Füllerfeder und ihrer Tinte zu grob gerät, findet sich mit dem Wasserpinsel das leuchtende Blau, das in dieser schwarzen Tinte versteckt ist. Sie wird in Thüringen, in Zella Mehlis hergestellt und landete aus Versehen im Einkaufskorb.

Der Lavastein, der heute mit seinen Abdrücken auftrat, besitzt charakteristische Oberflächenfelder. Es gibt nahezu geschlossene Flächen, die ich aber kaum nutze. Ein etwa 2 Quadratzentimeter großes Oval, zeigt kleine, fein erstarrte Blasen, die nach oben offen sind. Zwischen größeren Blasen befindet sich in der Mitte der Oberseite eine Figur mit spitz auslaufenden Gliedmaßen. Sie tritt manchmal als solche, einzeln stehend auf.

Rädelsführer

Schon die ersten Zeilen des Buches „Rädelsführer“ studentischer Protest in der DDR 1976, treffen mich im Inneren. Die Orte, an denen sich unser Aufstand formierte, setzen sich wieder zusammen. Damals habe ich das Kunsterziehungsstudium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt abgebrochen. Äußerer Anlass waren ein fünfwöchiges Militärlager, das zum Studium gehörte und der Umgang mit unseren Forderungen und mit uns als Personen.

Und erst nach unseren Aktionen gegen die Exmatrikulation des Mitstudenten Wilfried Linke, kam es zur Ausbürgerung von Wolf Biermann, gegen die wir eine erneute Unterschriftenliste erstellten. Danach wurde dann Gabriele Stötzer exmatrikuliert und später inhaftiert. Sie hat nun dieses Buch geschrieben.

Und hier komme ich auf die Spur der künstlerischen Arbeit aus diktatorischen Zusammenhängen. Anhand der Dokumentation der Ereignisse damals an der Hochschule, kann ich den Fokus auf die Struktur meiner Suche schärfen und beleben. Eine Reise in die Vergangenheit mit direktem Bezug zu unserer zu fürchtenden Zukunft. Aber unseren Widerstandsgeist wird es dann auch geben!

Wirbel

Wind wirbelt Müll über den Platz vor dem Atelier. Er sammelt sich dort, wo die Kreisbewegungen der Luft immer wieder anhaltend wehen. Solche Wirbel treten auch in den Buchmalereien auf, die ein Jahr alt sind. Damals beschäftigte sich die weitere Arbeit mit der „Dornenkronensequenz“, die von den Kerbschnittstrukturen des Kreuzes in der Arche in Neckargemünd stammt. Frottagen und Tuschezeichnungen auf Transparentpapier.

In den Collagen verband sich das mit den Buchmalereien, die damals mehr Kraft hatten als die, die ich zurzeit mache. Wobei die „Tanzlinie“ wiederum die stärkere Arbeit ist als die „Dornenkronensequenz“. Kann man vielleicht auch nicht vergleichen. Die Auswirkung der „Tanzlinie“ auf die Collagen ist allerdings von grundsätzlicher Art, denn die bewegten Horizonte, mit denen ich die Scans der Malereien in eine obere und eine untere Hälfte teile, stammen daher.

Die Blüten, die ich täglich fotografiere, werden langsam rar. Beim Pflanzengießen entdeckte ich Blütenknospen der Goethepflanze. Im starken Ostwind streute ich Vogelfutter in die vorgesehenen, schaukelnden Gefäße in den Gesträuchen neben der Wiese. Manchmal kommt Sonne über die Dächer der neuen Häuser.

Aufwärtsspirale

Direkt auf das Papier des Tagebuches, auf dem die Morgenmalereien entstehen, strahlt eine sehr starke Lampe. Wenn dieses Licht zusammen mit den Farbflächen und Strukturen hinter meine Augen tritt, verstärkt das meine Freude an dieser Arbeit. So beginnt am Anfang des Tages eine Aufwärtsspirale zwischen Licht, Farben und Körper.

Und mir fällt auf, dass die Buchmalereien gar keine Rolle mehr in den Gestaltungen auf der Transparentpapierrolle spielen. Ich bin mir aber sicher, dass sich das mit einer Pause in der Bearbeitung der Tanzlinien ändern wird oder sich alsbald damit verbinden wird.

Die kleine Serie der Baumgesänge geht mir öfter durch den Kopf, als markierte sie einen neuen Anfang. Der Bezug zum Vagantenaufenthalt auf dem Gustavsburgplatz bis zur Nazizeit, rückt die Arbeit näher an die aktuellen Themen, die auch das Frankfurter Kulturamt umtreibt.

Schreiben wie zeichnen

Schreiben möchte ich wie zeichnen. Langsam gerate ich mit der Feder, die über das Papier gleitet auf einen Weg. Er führt über die Buchseite hinaus, an dem Wasserglas vorbei, die Wand des kleinen Zimmers hinauf in seine oberste südöstliche Ecke. Diese Perspektive erfasst das Buch auf dem Schreibtisch und zugleich die kahle Allee draußen.

Vom Westhafen ging gestern ein Spaziergang am Main entlang bis zum Eisernen Steg. Ein letzter Glühwein für diese Saison auf dem dortigen Weihnachtsmarkt mit zwei Schwestern und zwei Brüdern zusammen am Stehtisch. Der Rückweg zum Pier 1, wo wir das Auto abgestellt hatten führte der tief stehenden Sonne entgegen. Auf einer Bank im wärmenden Licht luden wir unsere Batterien auf.

Nicht so hell und durchlässig, wie in den vergangenen Tagen, gerieten die Malereien dieses Morgens. Kompakte Schichtungen verdüstern die Kompositionen. Während des Malens dachte ich schon an die bewegten Horizontalschnitte, mit denen ich die Scans in eine obere und eine untere Hälfte teile. Indem ich sie auseinander ziehe entsteht der Horizont, durch den man in die Vergangenheit schauen kann.

Wehrlos

Nicht mehr lange steht die Fünf mit ihren Schwüngen oben am Ende der kleinen Datumszeile. Im Verlauf des Jahres hat sich ihr handschriftliches Erscheinungsbild etwas gewandelt, genau wie bei den Zahlen vor ihr. Nur ist es in den letzten Jahren mehr im Blick gewesen – eine tägliche kleine Aufgabe.

Dagegen sind die Buchmalereien immer ein größeres Vorhaben. Sie nehmen die Zustände ihres Verursachers auf, können sich nicht wehren, aber wohl zurückwirken auf die Verfassung des Malers, der sich ebenfalls nicht wehren kann.

Gleich wandere ich im Regen durch das schwindende Licht ins Atelier. Auf dem Platz neben meiner Eiche gibt es heute einen kleinen Weihnachtsmarkt. Lolek hat den spanischen Kindern in der vergangenen Woche ein Feuer versprochen. Das will ich auf meinem Weg besuchen. Immer mal zeige ich dort im Gusti Musikern die Worte des Baumes. Bisher ist niemand angesprungen. Vielleicht sollte ich ihnen die Blätter zeigen, die ich mit den Worten gemacht habe, statt nur den Text auf einem Display.

Baumwortserie

Das fehlende Licht schwächt auch meine Schüler. Ihre Arbeiten werden dadurch authentischer, ruppiger und nicht so harmonisch. Als sie weg waren entstanden viele kleine Blätter mit Frottagen, Tusche-Schellackwolken und mit Worten von den Besuchen der Vaganteneiche. Es ergab sich eine serielle Arbeitsweise, während der die noch feuchten Strukturen über die Blattfolge weiterwanderten.

Bei Gusti traf ich eine Tänzerin, mit der ich über mein Diktaturenprojekt sprach, um ein wenig in den Kreisen anzukommen, aus denen die Leute sind, mit denen ich zusammenarbeiten möchte. So, wie Maria Bykowa, eine Künstlerin, die in der Sowjetunion aufgewachsen ist, und mir gestern geantwortet hat und mich im Atelier besuchen will.

Für die Malereien war heute etwas mehr Zeit. Mit dieser Ruhe blieb ich dennoch näher an der minimalistischen Arbeitsweise von gestern. Der Vorgang schafft mehr substanzielle Kraft, mehr Konzentration auf das Zusammenspiel kleiner Formen mit der Gesamtkomposition.

Einfach Kaugummiautomat

Eine minimalisierte Variante der Buchmalereien entstand schon am frühen Morgen im Kopf, beim Gedanken an den engen Zeitplan des Tages. Wie die Bilder in der Vorstellung entstanden, verwirklichten sie sich auch im Buch. Einfache Mittel wie eine feuchte Handballenverwischung von trockenen Schraffuren und der folgende Abdruck an verschiedenen Stellen, eine Partie eines Lavasteines rotbraun eingefärbt, mit dem Handballendruck übertragen, ein paar sich kreuzende Linien, wenige gezeichnete Umrisse und fertig.

Gestern nahm ich Kontakt zu der Kulturwissenschaftlerin und der polnischen Künstlerin auf, die mir Carola genannt hatte. Die Allee vor meinem Zimmer ist fast leer, kaum Menschen im kalten, trüben Grau, Parklücken, Pausen des Lärms. Ich bin froh über meine vier Wände und gehe doch gleich raus.

Die Eiche wird ein tröstendes Wort haben. Bei meinen letzten Besuchen sprach sie: inferkont teskerip stronweisen verlaufim. In die Borke habe ich kleine Gegenstände geklemmt. Federn, winzige Weihnachtskugeln, bunte Kettchen und Gummifiguren aus meinem Kaugummiautomaten.

Wieder näher

Die Ostthemen, mit denen sich Franziska Haug beschäftigt, weisen immer wieder Elemente auf, die sich durch unsere gemeinsamen Ostbiografien bewegen. Petitionen gegen die Ausbürgerung von Biermann, die allgegenwärtige Denunziation durch Stasi – IM`s, wie an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, Rausschmisse und Verurteilungen. Im Gegensatz zu der Annahme, mit diesen Dingen abgeschlossen zu haben, rückt das alles nun wieder näher.

Die Fragen der Form von künstlerischer Arbeit in Diktaturen oder von Menschen die da sozialisiert sind, finden sich auch in Texten von Thomas Brasch. Die Forschungen von Franziska Haug gehen ebenfalls teilweise in diese Richtung. Meine eigene Arbeit, wie die 84 Monotypien zu „Kassandra“ von Christa Wolf kann ich daraufhin untersuchen.

Aber auch die Haltung, mit der Menschen durch diesen Alltag liefen, schienen von ihrem begrenzten Raum geformt zu sein. Und das findet sich auch auf den gemalten Bildern der Künstler, die sich nicht dem Sozialistischen Realismus verpflichtet fühlten oder sich diesem Diktat nicht beugten. Wenn nach den nächsten Landtagswahlen in Deutschland faschistische Landesregierungen gebildet werden, wird man beobachten können, wie sich künstlerische Arbeit verändert, wie die Kulturpolitik die Zügel strafft.

Vorfreude

Tanzfiguren werden in unterschiedlichen Abläufen zeichnerisch, mit Feder und Tusche, gruppiert. Dabei wandern die Gedanken schon ins nächste Jahr voraus, wenn die Reliefarbeit entstehen soll. Modelliert in Ton, wird sie in mit Gips in mehreren kleineren Formteilen abgegossen, damit alles gut handhabbar bleibt.

Eine besondere Vorfreude entwickelt hinsichtlich der Bemalung. Die Aussicht, dafür Zeit und Konzentration zu haben, hat etwas von Ferienerwartung. Die Adaption der Buchmalereitechnik dafür, hält sich nach wie vor als anhaltende Aufgabe. Mit einer elastischen Grundierung der Abgüsse kann eine solche „Übersetzung“ gelingen.

Dann sind auch noch die DIKTATUREN – Kontakte präsent. Vor Weihnachten wird es wohl nicht mehr zu Treffen kommen. Aber auch diese Aussichten sind sehr spannend. Es gibt z.B. ein Interview mit Franziska Haug zum Film „Guten Morgen ihr Schönen“, das mir Carola schickte…

Autobahnen

Manchmal auf den Autobahnen, zwischen den schwärmenden Lichtern, verliere ich die Orientierung. Nebel und Finsternis verändern die hundertmal durchfahrene Landschaft ins Unkenntliche. Wirre Verkehrsführungen um Baustellen führen mich mitunter in die falsche Richtung. Durch die Sperrung der A4 wurde ich auf eine undurchsichtig ausgeschilderte Umleitung gezwungen. Durch die Landschaften mäandernd, kam ich nach einer halben Stunde fast an die Stelle zurück, wo ich die Autobahn verließ und konnte wieder auffahren.

Nachdem gestern so wenig Zeit war für die Buchmalereien, kehrte sich die Situation heute ins Gegenteil. Ein langes Verharren in der langsamen Malerei kann zum reinen Genuss werden. Es ist nur die Frage, ob das den Bildern, die dabei entstehen, gut tut. Und das merkt man oft erst sehr viel später.

Im Ordner „Handprint Tel Aviv“ fand ich folgende Themen parallel versammelt: „Der Rock`n`Roll höhlt einen Jungpionier aus“, „Asbest_Pergamon“, „Tanz“, „Väter“ und „Zöglinge“. Der letztgenannte Ordner umfasst 42 Portraits mit Collagen täglicher Arbeit, aus dem Jahr 2015.

Jugendgesträuche

Während der Radiosendung „Klassik, Pop, etc.“ im Deutschlandfunk, die von Dirk Michaelis, einem Ost-Rockmusiker, moderiert worden ist, spürte ich wieder diese gewisse Nähe zur DDR-Musikproduktion einer bestimmten Art. Insofern die Ergebnisse von künstlerischer Geradlinigkeit geprägt sind, handelte es sich um kritisch – dissidentische Formen. Auch hier kann dem nachgespürt werden, was zu dieser speziellen Ausstrahlung führt, die direkt aus den Diktaturerfahrungen wächst.

Mir ist dabei auch klar geworden, wie ich mich Jahrzehnte nach meiner Ausreise noch von diesen Kunstäußerungen ferngehalten habe, um die Freiheit meines Denkens bemüht, um im Westen anzukommen und den Braunkohlengeruch loszuwerden. Nun holt mich das alles durch die Arbeit an DIKTATUREN wieder ein. Daran dachte ich heute während der Arbeit an den Buchmalereien und fiel wieder etwas zurück in die Gesträuchzeichnungen meiner Jugend.

Gestern zeichnete ich weiter am Tanzfries, habe da eine kompakte Abfolge von 9 ineinander greifenden Figuren gefunden. Die leichten Veränderungen beim Durchzeichnen der Liniengeflechte, führen zu ausgeprägteren Charakteren der Figurationen. Bei jedem Durchzeichnen gewinnen sie an Prägnanz.

Wortwege

sprumbler loschflu spegrim

kurgrenju memlufark klafdurelt

umblikartsch mewquistes eschrizaf

lasgrespoj

Das Gespräch mit dem Baum wird jeden Tag einfacher. An seinen Stamm gelehnt, unter der nun kahlen Krone, sprudeln die Silben durch mich hindurch.

Gestern kam die Idee auf, die Worte selbst zu vertonen, einen Sprechgesang zu finden, der mit der elektrischen Gitarre begleitet wird. Die Worte werden von einem Effektgerät verfremdet. Meine bemalte Wand bei Gusti schickt mich zehn Jahre zurück. Diesen Weg bin ich fast so schnell gegangen wie in umgekehrte Richtung. Zeit existiert doch nicht!

In meinem Blog kann ich zurückblättern bis 2011. Dort gibt es Titel wie: „Schafs-Tänzchen / Preußische Arabeske“. Viele Zeichnungslinien der Transparentpapierrollen stammen von GPS-Wanderungen im Taunus. Später nannte ich sie „Querwaldein“.

Traditionen | Rebellion

Den Schülern will ich heute die Scherbengerichte zeigen. So können sie die Entwicklung des Materials besichtigen, das zu den Reliefformen wurde, mit denen sie nun arbeiten. Die Frottagen dienen dabei der Inspiration ihrer Bildphantasie. So entstehen Reihen von eigenen Schöpfungen, deren Themen irgendwann in das Diktaturenprojekt einschwenken sollten. Wir haben also eine Tradition, die Scherbengericht heißt und die fortgeführt wird.

Von Carola bekam ich einen Kontakt zu der ukrainischen Künstlerin Mariia Bykowa, einer Illustratorin. Ihre Arbeit bedient sich des Stiles von Buchmalereien des Mittelalters, den sie erweitert in gegenwärtige Themen. Blumen spielen eine große Rolle, die aber gefährliche Blüten treiben.

Etwas Vorweihnachtsstress brach gestern aus. Innenstadt, labyrinthische Rolltreppen mit Menschenmassen, Bildschirme heischen in allen Größen und überall flackernd Aufmerksamkeit, Wege über Bahnhöfe mit schlecht gelaunten Pendlern dicht gefüllt, durch Glastunnel voll gestopft mit Waren, die niemand braucht und die regengesättigten Alleen in der Dunkelheit, um die Fahrt mit der Straßenbahn zu vermeiden. Der Körper rebelliert.

Zurückblättern

Das Zurückblättern in den Bolgeinträgen führt oft zur Bestätigung der gegenwärtigen Arbeit. Erkennbar wird die Kontinuität der Weiterentwicklung von Themen, die sich seit Jahrzehnten durch meine Arbeit ziehen. Im Januar 2016 ging es um die Rasterportraits der Zöglinge aus dem Kinderheim Gerode im Zusammenhang mit Musik und Tanz. Immer mal zeigen sich solche Konstellationen des Diktaturenprojektes.

Ein Gespräch mit der Autorin Reyhane Zarihuddini verlief, trotz des großen Altersunterschieds, sehr hoffnungsvoll, was eine künftige Zusammenarbeit angeht. Sie berichtete von ihrem Schreiben und einem kurdisch – iranischen Hintergrund. Außerdem zeichnet sie, was die Zusammenarbeit auch noch erweitern kann.

Trotz meines Vorhabens, mit dem Tanzthema zu pausieren, kam ich gestern nicht umhin, am Entwurf eines zu modellierenden Frieses auf Rolle 12 weiter zu arbeiten. Ich probiere eine Sequenz von 9 zusammenhängenden Figurationen, die in einem Reigen einen Ring bilden können. Kann sein, dass das Format einen zu engen Durchmesser bekommt. Dann erweitert sich der Kreis um weitere der vielen vorhandenen Tanzfiguren.

Gespräche

Für heute habe ich Gesprächstermine hier im Atelier gemacht. Zunächst kommt die Rapperin Dascha Reint und gleich danach die Autorin Reyhane Zarihuddini. Das sind Vorgespräche, damit ich eine wenig den Überblick bekomme, mit wem ich es zu tun haben werde. Aber um ernsthaft weiter zu machen, bedarf es nun eines verbindlichen Zeichens vom Kulturamt.

Locker gerieten die Buchmalereien und hoben mich gleich in eine bessere Stimmung. Ich hadere etwas mit einer Erkältung, die ich mit Medikamenten zurückdrängen will.

Und mir fehlt die Arbeit am Tanzthema, die ich aus Gründen der Kapazitäten jetzt erst einmal unterbrochen habe. Aber ich brenne darauf, Reliefs zu modellieren, abzugießen und zu bemalen. Kann mir jetzt nichts besseres vorstellen.

Verselbständigung von Rhythmen

Langsam versuche ich den Buchmalereien eine andere Richtung zu geben. Die Linien der Abdrücke meines Handballens verbinden sich hierbei mit dem Gesträuchmotiv. Die Faltenrhythmen der Hautoberfläche finden den Weg in die Muskeln des rechten Armes mit seiner Hand. Wahrnehmungen des Sehnervs lösen entsprechende Bewegungen aus. Manchmal übernehmen sie in der Weise die Oberhand, dass die Aquarellstifte unwillkürlich über die anvisierte Fläche hinaus zeichnen. Dieser Verselbständigung würde ich gerne auf größeren Formaten nachgehen ohne sie, wie in den Büchern, eindämmen zu müssen.

Gestern trafen wir Carola Hilmes für einen Spaziergang am Main, der auf dem Weihnachtsmarkt endete. Während einer Pause auf einer Bank am Fluss, begann ich ihr von meinem Dikaturenprojekt zu erzählen. Wie ich gehofft hatte, stieg sie darauf ein und hatte gleich ein paar entsprechende Kontakte parat, die mich auf meinem Weg weiterbringen könnten.

Für diese Woche nahm ich mir vor, die Gespräche, die ich im Rahmen des Vorhabens begonnen hatte, fortzuführen. Dabei geht es um Texte, Textilkunst und Musik. All das ist noch im Vagen, muss sich langsam entwickeln, erstmal kennen gelernt und zusammengeführt werden.

Bruch

Ein Blick auf den Anfang und das Ende des aktuellen Tagebuchs, das knapp 2 Monate umfängt und ein Durchblättern der Malereien dazwischen, ließ mich eine Gleichförmigkeit erkennen, die ich aufbrechen wollte. Obwohl ich die Kraft der Kontinuität sehr hoch schätze, sie auch langsam zu gründlichen Veränderungen führen kann, suchte ich heute den Bruch mit wilden Farbschwüngen der Aquarellstifte.

Auf Rolle 12 zeichnete ich die aus 38 Figuren bestehende Tanzsequenz zu Ende. Danach legte ich die Rolle so in Schleifen, dass ich die Figuren, die ich vor einer Woche zeichnete, mit den aktuellen so übereinander legen konnte, dass sie ineinander griffen und die Lücken passgenau ausfüllten. Nun kann ich mir die entsprechende Sequenz aus vielleicht 9 Figuren aussuchen, die dann modelliert werden soll.

Das ist eine schöne neue Aufgabe, die ich aber nicht mehr in diesem Jahr angehen möchte, weil noch zu viele andere Dinge zutun sind. Und für die Herstellung des Reliefs benötige ich eine zusammenhängende und ungestörte Zeit. Die habe ich wahrscheinlich erst im Frühjahr. Womöglich tut es der Sache gut, wenn sie eine Weile liegt.

Wellenbewegung

Gestern Nachmittag war viel Zeit zum Zeichnen. Aus den 38 Figuren des aktuellen Undertainmentfrieses kann ich nun 9 fortlaufende ineinander greifende Figuren auswählen, um sie in einen Reigen zu zeichnen. In dieser Grundform wird der Arbeitsvorgang des Zusammenrollens der Transparentpapierstreifen aufgenommen.

Die Erinnerung trifft auf die Arbeit an den 600 kleinen Blättern des Scherbengerichtes, auf denen ich Strukturen für das Väterportrait entwickelte. Die Vorstufen dazu entstanden auf den Rollen 6 und 7. Die Quintessenz dieses Vorgangs befindet sich aber auf den Reliefformen des Väterprojektes. Mit diesen Figurationen machen meine Schüler gerade Frottagen und fügen damit neue Bildergeschichten zusammen.

Einen ähnlichen Arbeitsgang würde ich gerne in die Weiterentwicklung des Tanzreigens fließen lassen. Diese Methode sollte aber nicht zu Zersplitterungen führen, sondern eher zu Wellenbewegungen, wie sie manchmal durch eine Tanzgruppe fließen.

Ein Pfad

Tanzreigenfries, ein etwas umständliches Wort, aber ein Arbeitstitel. Das Thema bietet verschiedene Objektvarianten. Ein Reliefring mit einer Außen- und einer Innenansicht. Die spiegelverkehrte Reliefwiederholung im Innenbereich ist beiseite gelegt, obwohl sie digital leicht zu erstellen wäre. Es soll bei den alten Techniken bleiben. Und so bietet sich ein Umguss der Form an, in der sie als Reliefoberfläche im Innenring erscheint. Das Ganze setzt sich aus 9 Teilen zusammen, die auch als Einzelfiguren funktionieren könnten.

Anne berichtet spannende Entdeckungen bei ihren Recherchen in den Breslauarchiven. Sie fährt im März noch mal hin, um die Situation weiter in Augenschein zu nehmen. Die Blickwinkel vor Ort können die Möglichkeiten der Geschichten präzisieren. Die konkrete Sicht auf den Dom vom Wohnungsfenster aus…

Diagonal über die Wiese des Gustavsburgplatzes, zum Stamm der Vaganteneiche hin, bildet sich ein Pfad, den ich fast täglich viermal begehe, um dem Baum zuzuhören. Manchmal spricht er schon im Näherkommen, und gleich bei der Ankunft kann das aktuelle Wort aufgeschrieben werden. Bei Ursula Krechel las ich gestern von den Lautmalereien die Kurt Schwitter in einem englischen Internierungslager schrieb. Die Worte des Baumes wären auch beziehungsreiche Sockelgestaltungen für die Tanzfiguren.

Tanzring

monbitfes grankefs opjuteslif

folymosew grimflio morwitax

sarebin

Eine künstliche Intelligenz mit diesem Kauderwelsch zu konfrontieren, wäre möglich. Aber ich zögere und halte mich fern davon, soweit es mir gelingt. Ich glaube, mit einem solchen Vorgehen, an eine Verwässerung des Gesprächs mit der Vaganteneiche.

Stattdessen sind gestern neun gezeichnete Figuren in die Zwischenräume der Tanzfigurenumrisse gelangt. Weitere neun solcher Felder sind noch offen. Wenn sie ebenfalls mit Figurationen angefüllt sind, kann ich mein Augenmerk auf einen Relieffries richten. Ein Tanzreigen in Ringform, innen mit spiegelbildlichen Reliefs des Außenrings ausgestattet.

Eine Tevesrunde der Akteure des Geländes sprach gestern über weitere Aktionen, die das Gelände sichern sollen. Erstmals hatte ich das Gefühl, dass sich eine enger verbundene Gruppe bildet, die sich um ein gemeinsames Vorgehen bemüht. Wir erfuhren in einer Eingangsrunde auch, womit sich die einzelnen Gruppen gerade beschäftigen.

In Vergessenheit

Das Treffen mit Conny Bauer in Beziehung zu der elektronischen Musik zu setzen, die wir gemeinsam hörten, setzt die Begegnung in ein anderes Licht. Es war ein Libanese, der die experimentellen Sounds entwickelte, in deren Verhältnis nun unser Treffen gestellt ist. Die Overhaedmalereien von Helge Leihberg und meine Zeichnung von Wolfgang Engel, der dem Tanz von Arila Siegert zuschaut, treten als Bilder dazu.

Die Zeichnung eines Außerirdischen, eines Schülers von mir, der auf einen Vogel im Käfig schaut, die er aus Frottagen von den Reliefformen des Väterprojektes entwickelte, schaltet sich parallel dazu. Und aus der Erde des Gustavsburgplatzes treten fremde Worte zutage, die sich aus den eingesickerten Vagantensprachen zusammengesetzt haben. Ihre Rückübersetzung kann nur mit ihrer Vertonung gelingen.

Dieser Vaganteneichentext verbindet sich mit der Weiterentwicklung der Tanzlinien und deren Figuren. Die Verflochtenheit der Tuschezeichnungen und die Silben entsprechen einander. Aber eine bildliche Verbindung will mir noch nicht gelingen. Wieder muss ich warten, und vielleicht gerät es auch in Vergessenheit.

Conny Bauer

Am Sonnabend gab es ein schräges, experimentelles Elektronikkonzert bei Gusti. Dort traf ich auch Conny Bauer, den legendären Jazzposaunisten der DDR. Aber auch in der Zeit danach hat er fleißig musiziert und veröffentlicht. Wir suchten nach gemeinsamen Bekannten aus den Dresdner Zusammenhängen und standen während des ganzen Konzertes beim frisch gezapften Bier beieinander. Eine denkwürdige Begegnung.

Die Buchmalereien von gestern und heute sind unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entstanden. Gestern hatte ich alle Ruhe der Welt und hielt mich lange mit ihnen auf. Heute, in Eile, ist aber kein qualitativer Abstieg geschehen. Es herrscht eher etwas mehr Klarheit.

Die Vaganteneichengesänge hätten gestern ganz gut zu den elektronischen Experimenten gepasst. Mit einem Mikrofon und dem Effektgerät meiner Gitarre, sind sicherlich interessante Vokalklangeinheiten produzierbar. Der Baum singt mir fast täglich ein neues Wort. Dafür soll er eine Rundbank bekommen, die ich mit Lolek im Frühjahr bauen möchte.

Tanzreigen

20 neue Tanzfiguren sind in der vergangenen Woche auf Rolle 12 auf einem zusammenhängenden Fries entstanden. Zwischen ihnen befinden sich neue Räume. Die will ich in der kommenden Woche duplizieren und mit dem Tanzfriesmaterial füllen um neue Figuren entstehen zu lassen. Dann aber ist das Undertainmentmaterial auf Transparentpapier ausgereizt.

flanskaun gindrum kasstlaf

difftsalar klapribrü nebsator

klimfres drewingat kliesertuf

blofdesigur widerflom orsankler

schrutraver sirtancfar

Das passt zu den Buchmalereien.

Mit den Tanzlinien muss ich einen weiteren Schritt in ein anderes Material machen. Dazu ist eine nochmalige Konzentration notwendig. Es geht um die Möglichkeit, eine Stilisierung des Ganzen zu erreichen, ein Fazit zu ziehen das alles zusammenfasst. Mir geht da ein Relieffries durch den Kopf, dessen Module bewegte Konturen aufweisen. Die Reihenfolge dieser Figuren einhaltend, kann aber immer die erste an das Ende gesetzt werden. Ein Reigen der Tanzfiguren entsteht.

Ins Blaue

Die Collagen verdichten sich zu immer unübersichtlicheren Landschaften mit Tuschetanzkörpern drinnen. Sie schweben zwischen den Kulissen, wie transparente Stabfiguren. Sie werfen aber keine Schatten, bleiben opak schwarz-weiß, obwohl sie auf Transparentpapier gezeichnet sind. Aus den Buchmalereien ragen oft Stäbe, die, wenn sie nach unten zeigen, zu solchen Spielfiguren hinter einem Tuch gehören könnten.

Die Schüler beschäftigten sich mit der Vergegenständlichung ihrer, zunächst abstrakten, Frottagen. Jeder bekam einen 6 Meter langen Transparentpapierstreifen, auf dem er das gefundene Material zu Szenen zusammenstellen kann. Wir fassten ins Auge, die Figurationen mit kurzen Texten zu verbinden, damit sich eine Bildergeschichte entwickeln kann. Sie arbeiteten lange konzentriert mit. An einem Punkt werden sich ihre Erzählungen mit den Schicksalen der Väter verbinden, aus denen die Strukturen stammen.

Danach zeichnete ich auf Rolle 12 weiter. Und während ich nicht aufhören kann, die neuen Umrisse mit den alten vorausgegangenen Strukturen zu füllen, frage ich mich die ganze Zeit, wo das noch hinführen soll. Der Vorgang kann nur durch eine Wendung eine Perspektive bekommen, in einer anderen Qualität. Bis dahin aber arbeite ich einfach weiter ins Blaue.

Polarität

Das ganze Tanzmaterial, das sich in der letzten Zeit noch weiter verdichtet hat, bietet eine kompakte Basis für eine Arbeit, die das alles konzentriert auf den Punkt bringt. Es bildet das Forschungszwischenergebnis für eine spätere Weiterentwicklung durch andere Akteure. Dieses Angebot in eine praktikable Form zu gießen, kann ein entscheidender Ansatz sein.

Das bereite ich schon seit einiger Zeit mit meinen Schülern vor, indem sie mit meinen Reliefformen arbeiten, Frottagen machen und eigene Geschichten damit entwickeln.

An dem Fries der Tanzfiguren arbeitete ich gestern den ganzen Tag weiter. Die Endlosigkeit der fortlaufenden Varianten von Verschachtelungen führen in eine Polarität zwischen Verzagtheit und Neugier, was mit dem Material noch möglich ist. Momentan steuert es auf einen modularen Relieffries hin, der verschieden zusammengesetzt werden kann und somit eine produktive Fortführung möglich macht.

Langsamkeit

Das Eigenleben der Transparentpapierfiguren wird komplexer. Innerhalb ihrer Umrisse überlagern sich mehrere Tanzfragmente aus der Wiederholung des Rapports. Nach unten hin fransen die Körper aus, als könnten sie schweben und brauchten die schweren Gehwerkzeuge nicht mehr. Das Zeichnen fühlt sich eher wie ein Schreiben an, ohne die Feder abzusetzen entstehen Geflechte, die weniger an Gesträuche als an die Strukturen der Lavasteine erinnern, die ich in die Buchmalereien drucke.

Nur langsame Veränderungen reihen sich in der Abfolge der Malereien in den Tagebüchern aneinander. Seit Jahren kommt es zu keinem Bruch. Und innerhalb eines Buches gibt es manchmal kaum sichtbare Entwicklungen. Aber das tägliche Interesse an Neuentwicklungen treibt die Zusammenspiele der stets anderen Strukturvariationen, wie in einem chemischen Experimentalaufbau an.

Die sich überlagernden Parallelgravuren der Gewindegänge meiner Schraube aus Kaza treffen auf die wirbelnden Linien der Holzhaarnadel, gehen in einander über oder stoßen sich ab. Die Verwischungen brechen wie Unwetter in das trockene Wachstum ein, ziehen die Farben zusammen und beruhigen das Geschehen gleichzeitig auf wenigen Quadratzentimetern.

Wendung

Mit kleinen, vorsichtigen Schritten entwickeln sich die Transparentpapierfiguren in der Hoffnung auf eine Zäsur weiter. Dann kann eine Wendung eintreten, unscheinbar und dennoch für den Arbeitsvorgang wichtig. So etwas passiert gerade innerhalb der Collagen durch die Vervielfältigung und Spiegelung ausgeschnittener Elemente. Das schafft eine barockbühnenartige Landschaftsstaffelung hintereinander gelagerter Horizonte, die einen zunehmenden Fernblick suggerieren.

Das Bildmaterial driftet über den Rahmen hinaus, verschwindet dann abgeschnitten. Deswegen vergrößerte ich in anderen Dateien den Rahmen und es entsteht dadurch eine neue Reihe von entgrenzten Collagen. Diese Ausdehnung des Formats kann zu einer Wendung führen.

Die Tanzfiguren, die als solche nur noch schwer erkennbar sind, fanden gestern keinen Eingang in die Collagen. Dafür stehen sie heute verloren in den verschachtelten Landschaften herum.

Gestalten und Landschaften

Die vielen Figuren, die die Schülerinnen aus den Frottagen der Väterportraitformen gefunden haben, können auf einem Transparentpapierstreifen zu einer Geschichte mit Textsplittern geordnet werden. So ist es möglich Erzählungsrollen zusammen zu stellen. Langsam kann ich dann auf dieser Grundlage in das DIKTATUREN – Thema einschwenken, spielerisch mit flapsigen Kommentaren einer Moralinsäure entgegenwirkend.

Zwischen den Außenlinien von Figuren aus der Undertainment-Linie wuchsen neue Tanzgestalten, die den Ballettzusammenhang langsam lösen. Dazu passen die Vaganteneichenworte, die mit Schriftschablonen des toten Schreinermeisters Roos aus einem 197 Worte umfassenden und wachsenden Text, unter die Figuren auf Rolle 12 gelangten. Vielleicht können die unverständlichen Worte durch ihren Rhythmus und melodische Färbungen etwas von ihrer Herkunft verraten, wodurch eine fremd-sinnhafte Struktur erschlossen werden könnte.

Der Beginn der Buchmalereien wird oft durch die Linien inspiriert, die sich von den Malereien 2 und 3 des Vortages auf die Seiten von heute durchgedrückt haben. In dieser Kontinuität ändern die räumlichen Lagen der Gravuren und Schraffuren die vorausgegangenen Richtungen etwas ab und lassen daraus neue Gestalten und Landschaften entstehen. Nur, wenn ich ein neues Buch beginne, wird dieser Vorgang unterbrochen.

Notizbuch

Ein weiteres Notizbuch neben dem Tagebuch erweitert die Möglichkeit, Themen, die in Zukunft eine Rolle spielen sollen, zu entwickeln und sie voneinander abzugrenzen. Bei der Arbeit mit den Jugendlichen schien DIKTATUREN schon auf, verfing aber noch nicht, weil der Beginn der zeichnerischen Arbeit so spannend war, dass alles andere unwichtig wurde. Dennoch lassen die verhaltenen Reaktionen darauf schließen, welche Relevanz das Thema bis jetzt für sie hat.

Immer öfter falle ich in den alten Zeichenrhythmus des Gesträuchs von 1977. Und vielleicht sind ja Haltungen und Empfindungen von damals durch die Bewegungen des Körpers wieder abrufbar. Das stellte sich schon ab und zu bei den Buchmalereien ein.

Der Kontakt mit den Künstlerinnen aus den verschiedenen Sparten ist sehr erfrischend. Sie werden eigene Haltungen und Erfahrungen auf den Tisch bringen. So kann es sein, dass wir mit den unterschiedlichen Perspektiven zu etwas Neuem kommen. Das ist die Hoffnung.

So kann es weitergehen

Stetig wächst der Schatz der Baumwörter. Bis jetzt kommt er ohne eine Ordnung aus. Es gibt keine Bilder, die den Klängen der fremden Worte zugeordnet sind. Er ist nur für sich selbst da – sich selbst genug, sagt man. Das im tiefen Raum verzweigte Wurzelwerk funkt in die Geflechte meines Körpers, was es weiß: fleugramb knerrfliem. So fleut, fliemt, grambt und knerrt es in meinem Kopf herum, ganz befreit.

In den Buchmalereien treten ähnliche Vorgänge in die Bilderentstehungen ein. Am nahesten sind sich die Wort- und Bildgestaltungen, die gut auch ohne einander auskommen, wenn keine gegenständlichen Anmutungen auftreten. Die Linien fliemen und gramben, wie die Farbwirbel und die Gravuren der Gewindegänge knerren. Annie Nowak könnte so etwas sicher gut sprechen.

Die Schülerinnen sahen gestern meinen Frottagen, Tuschzeichnungen und Schellackverläufen bei einer Vorführung zu. Je länger das dauerte, umso mehr Lust bekamen sie, selber damit beginnen zu können. Sie waren 2 Stunden produktiv bei der Sache, stachelten sich gegenseitig an und lachten viel. So kann es weitergehen.

Wortschlamm

Die frühen Erinnerungen an das Zeichnen, sind rhythmische Bewegungen der rechten Hand und des dazugehörigen Armes. Das geht bis in den Körper und in eine leichte Anspannung der Bauchmuskeln, wenn es zu den Schraffuren kommt, die ein Gesträuch nachempfinden. In Gotha fand eine Begegnung von mir, als jungen Menschen, mit dem Künstler Kurt W. Streubel statt. Das heißt, dass ich ihm einfach spontan besuchte, ein paar Zeichnungen von mir auf den Tisch legte und ihn fragte, wie ich weitermachen soll. Und er sagte zu mir: Setz dich vor ein Gesträuch, zeichne es von vorn bis hinten durch und finde damit zu deinem Stil. Das tat ich dann auch auf freiem Feld, neben den Gleisen der Thüringer Waldbahn, vor einem kahlen, dichten Strauch. Und gehe ich jetzt mit den Farbstiften in die Buchmalereien, spüre ich diesen Gestus noch, den ich 1977 fand.

Im Übrigen war dieser Streubel ein freier, aufrichtiger Künstler, der sich von den offiziellen Kulturvertretern der DDR – „Diktatur der Arbeiterklasse“ nichts vorschreiben ließ. Im Gegenteil, denn seine Arbeit und Haltung gegenüber dem sozialistischen Realismus, war eine Provokation. Auch diese Standhaftigkeit war mir Vorbild.

Und die Eiche sprach: stekjerwin kendekrumb larkschrau beftrull. Auf der laubbedeckten Wiese unter der großen Baumkrone, deren Durchmesser ich auf über 30 Meter schätze, entsteht ein Pfad über dem ähnlich ausgedehnten Wurzelwerk zwischen dem Wortschlamm.

Fragen finden

Oben aus der ersten Buchmalerei schauen ein paar Flamingos heraus. Abdrücke meines Lieblingslavasteines gaben ihre Gestalt vor. Er hält noch viele andere Wesen in sich bereit, die nach und nach die Szenen bespielen werden. Solche setzen sich auch auf Rolle 12 fort. Dort aber entspringen sie der Undertainment-Linie, die auf William Forsythe zurückgeht oder auf meine Begegnung mit seinen Räumen.

Manchmal hat es den Anschein, als wollten die Figuren aus der Enge der Transparentpapierrolle heraus, um greifbarer materialisiert weiterspielen zu können. Aber alle dreidimensionalen Ausformungen, häufen Material an. So bleibt es bei den Schichten der aufgerollten Zeichnungen.

Der Fragenkatalog zu DIKTATUREN entwickelt sich in einem kleinen Notizbuch, das ich in Ladakh tibetischen Flüchtlingen abgekauft habe. Diese Entwicklung kreist auch um mein Verhalten in der Diktatur, aus dem heutigen Blickwinkel. Ich stoße auf eine intensive Beschäftigung der Musikforschung mit dem Thema. Gleichzeitig kommt es gehäuft zu Begegnungen mit Künstlerinnen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Gestern besuchte mich eine Rapperin mit russischem Hintergrund, die mir eine eigene Komposition mit einem beeindruckenden Video zeigte.

Fragen suchen

Für einen DIKTATUREN – Fragenkatalog, muss ich mich hinsetzen, nachdenken, um ihn dann schriftlich entwickeln zu können. Oder auch im Gehen denken, schreiben dabei ist aber schwieriger. Das soll am Nachmittag in dem kleinen Zimmer an der Frankenallee geschehen, mit dem Balkon zu den Baumkronen hin, das mit Schritten hin und her durchmessen werden kann, mit den sich langsam verändernden Fragen auf dem kleinen, alten Klappschreibtisch. Vielleicht ist die Entwicklung dieser Fragen auch nicht wirklich abschließbar, und es geht immer weiter damit, sodass sich auf diese Weise der Hauptstrang der Arbeit entwickelt: Fragen suchen…

William Forsythe bekam den Theaterpreis „Faust“ für eine Choreografie, die er in Hamburg mit einem klassischen Tanzensemble erarbeitet hat. Darüber freue ich mich sehr!

Auf Rolle 12 sind gestern in den neuen Zwischenräumen der alten, aber neu geordneten Umrisse der Undertainment-Linie, neue Tanzfiguren entstanden. Sie sind etwas zerfleddert, wenig kompakt und offen für die Weiterarbeit mit ihnen. Aber die Eiche sagte: wekunban naldres klatremäd wuambeg wefstraul stekjerdwin.

Gespräch mit Annie Nowak

Beim Gespräch mit Annie Nowak ist klar geworden, dass es bei den DIKTATUREN – Interviews in Zukunft eine feste Fragenstruktur geben muss. Die Unterhaltung gestern, in der Kantine des Theaters lief etwas sporadisch an einigen Übereinstimmungen der Lebens- und Arbeitshaltungen entlang. Die schnelle Offenheit, mit der wir uns begegnen konnten, ist ein hoffnungsvoller Wechsel auf künftige Gespräche.

Meiner Fragestellung nach den Gemeinsamkeiten der Entwicklung von künstlerischen Werkzeugen, bin ich dadurch näher gekommen, dass sich weitere differenziertere Themen begannen herauszubilden. Mit einer strukturierteren Herangehensweise, die Ausdauer benötigt, werden wir den Antworten näher kommen.

Ein Text der serbischen Autorin Iva Brdar, von Alida Bremer übersetzt, ist die Voraussetzung für einen Soloabend den Annie Nowak in der Box, einer kleinen Spielstätte im Schauspiel, im Januar zur Deutschen Erstaufführung bringen wird. Über diesen Gegenstand könnten wir in ein tieferes Gespräch über unsere Arbeit eintauchen.

Ins Kraut

Vor dem Transport der frostempfindlichen Pflanzen aus dem Gärtchen ins Atelier, schneide ich einige etwas zurück. Mancher Hibiskus und Wolfsmilchgewächse schossen ins Kraut und müssen eingedämmt werden. Das ist im Atelier, auf den Tischen, an den Scheiben der Rolltore, auch eine Platzfrage. Die Emotionen meiner Buchmalereien schießen auch ins Kraut. Beschneiden kann ich sie dann in den Collagen. Bei dieser etwas brutalen Tätigkeit blitzen die Gewaltpotentiale auf.

Nach den Tuschezeichnungen auf Rolle 11, den neuen Verknüpfungen und Umrissen sehne ich mich geradezu. Aber in der vergangenen Woche war zu viel Ablenkung. Meinen Schülern möchte ich auch Transparentpapierrollen geben, damit sie ähnliche Erfahrungen, wie ich machen können.

Die Arbeit an dem großen Holzstamm überfordert sie etwas. Sie würden lieber kleinere Holzteile bearbeiten. Da muss ich sie enttäuschen. Sie sollen an dieser großen, endlos scheinenden Arbeit bleiben, die vielleicht erst Gruppen nach ihnen fertig machen werden. Ansonsten können sie zurück zum Transparentpapier.

Test

Die Morgenmalereien sind der denkbar beste Beginn eines Arbeitstages. Dann folgt die Verständigung mit der Vaganteneiche auf dem Weg ins Atelier. Keine Sprachverwirrung, sondern Einklang:

trämwerold begisaf

Acht junge Männer aus der Hindemithschule besuchten mein Atelier für einen ersten Testworkshop. Sie testeten mich, ich testete sie. Was kann man sich erzählen, fragen und wie ist der Umgang? Das war recht freundlich und locker. So kann es mit uns gehen im kommenden halben Jahr. Zuvor installierte ich das Väterportrait mit seinen 16 Tafeln so, dass wir es beim Arbeiten immer im Blick haben. Sie sollen schauen, wenn sie mit den Formen Frottagen machen, wo sie sich gerade im Bild befinden. Sie erkennen die Figuren in ihren Gesträuchen, die auf dem Transparentpapier entstehen. Und dann steigen wir in die DIKTATUREN ein. Am kommenden Donnerstag kommen die jungen Frauen.

Die Collagen von 2019 stellte ich mir als Bildschirmhintergrund ein. Sie schaffen eine etwas veränderte Produktionsatmosphäre. Jede Minute ein anderes Bild vergangener Interessenlagen. Das inspiriert und macht zumeist gute Laune.

In Zungen reden

eibelpol erwegersperst

wugemlu slausfedo

geumtufl tremwärold

Im Römer, unter den vielen kaiserlichen Augenpaaren, erzählte ich Nulf, dem Pfarrer der Friedenskirche auf der Frankenallee, von meinen Begegnungen mit der Eiche. Wir sprächen in Zungen, meinte er. Im Kaisersaal trifft man viele Leute, mit denen man mal zutun hatte. Die vielen älter gewordenen Gesichter und die Sprachlosigkeit, verdeutlichen die eigene Rückzugstendenz. Es wurde auch wieder über TIXEL PLANET auf der Frankenallee gesprochen…

Abends kam es noch zur Einrichtung oder Hängung der ersten 4 von 16 Reliefplatten des Väterportraits im Atelier. Möglichst bevor die Schüler heute kommen, soll es fertig installiert sein. Auf der Schwalbacher Strasse fragten mich 4 Schülerinnen, ob ich der Frank sei. Sie wollen in der nächsten Woche ins Atelier zu YOU&EYE kommen. Kichernde Teenager – das kann was werden!

Willentlich

Willentlich sollten die kleinen Buchmalereigeschichten an diesem Morgen aus ineinander greifenden Schwüngen entwickelt werden. Sie münden in klare Akzente, wie Wendungen, Geraden und Parallelen. Umrisse entstanden, die zu Figürlichem tendieren. Auch dies, ein Wunsch, der nur zu einem Drittel erfüllt wird, denn die anderen, körperlichen Dynamiken übernehmen irgendwann die Oberhand. Diese Beobachtungen der Vorgänge sind ein Schritt zu ihrer Kontrolle. So wird auch das Unkontrollierte erst mit der Durchführung einer vagen, kurzfristigen Planung freigegeben.

Nachher bin ich zu einer Ehrung von Winni Becker, der lange Jahre das Gallustheater geleitet hat, in den Römer eingeladen. Er möchte in seiner Dankesrede auf das Frankenalleeprojekt TRIXEL PLANET eingehen, das konservative Kräfte in der Stadtverwaltung verhindert haben.

Auf Rolle 12 geht es mit den Tanzfiguren nicht so voran, wie es sein sollte. Termine, oft mitten am Tag, verhindern das. Gestern eine Reise – Gesundheits – Beratung in unserer Hausarztpraxis, heute die Verleihung der Ehrenplakette im Römer und morgen kommen Schüler ins Atelier. Immerhin wird schönes Wetter sein und wir können draußen die Brombeeren zurückschneiden.

Eichensingsang

Auf Rolle 12 brachte ich 5 Figuren, die aus der Undertainment – Tanzlinie entstanden sind, in eine neue Reihenfolge. Dadurch sind neue spannungsvolle Zwischenräume entstanden, die lineare Anhaltspunkte für neue Tanzelemente bieten. Die Reihenfolge ist nicht beliebig, sondern folgt der Schrittkombination: 1-3-2-4-6. Weil die Zeichnungen auf den Einzelblättern nummeriert sind, lassen sich nun Zahlenfolgen finden, die eine große Variationsmöglichkeit der 40 Figuren ergeben.

Schon war ich versucht, den Eichensingsang der neuen Baumwörter aus den letzten Tagen unter die Reihung zu schreiben:

struslam munfarli ugeldrant

arlundirat terginzmam splidergur

frichsent gsemgreblot gälschass

demurflosar

Auch die Buchmalereien erscheinen mir mitunter, wie schriftliche Aufzeichnungen. Sie beschreiben Zustände, die auftreten, wenn die Anforderungen einer gelungenen Komposition Impulse in das Hirn senden. Ausweichmanöver gebogener Strichbündel vor den geradlinigen Rechthaberparallelen und die Verknüpfung der Suchpunkte, beginnen Szenen zu skizzieren. Die Handlinien mit Steinabdrücken kombiniert, geben dann wieder Orientierung.

Lernschritte

In den Tagen außerhalb des Ateliers relativiert sich das dortige aktuelle Geschehen, wird unwichtiger und profaner. Andere Figuren, wie die der Undertainment-Linie, rücken wieder mehr in den Vordergrund. Ihre geschärften Charaktere sind für eine Weiterarbeit geeignet.

Wie sonst nie, entsteht diesmal jetzt schon ein Bild von der Ausstellung am Ende von YOU&EYE. In der Flucht eines Raumes im Museum für angewandte Kunst hängt das Väterportrait. Von ihm ausgehend laufen an den Wänden rechts und links Streifen der Frottagen der Schüler nach vorne. Ihr Bezug zum Relief und zu DIKTATUREN wird deutlich. Aber freilich ist diese Vorwegnahme unzulässig und stünde der Entwicklung ganz anderer Bilder im Weg.

Sandy Gabrowska-Lis arbeitet wie an einem Gegenbild der von Diktaturen und deren Nachwirkungen gebeutelten Künstlerin, das in meinem Kopf herumgeistert. Bei dieser Begegnung handelt es sich um einen Lernschritt im DIKTATUREN – Projekt. Über das Tagebuch hinaus sollte es Aufzeichnungen geben, die Gespräche und Haltungen festhalten. Eine Sammlung entsteht aus Texten, Fotografien, Abbildungen von Kunstwerken, Partituren und choreografischen Aufzeichnungen.

Gespräche

Besuch der polnischen Künstlerin Sandy, die mir Judith vorgestellt hatte, im Atelier. Ein schönes Gespräch, während sie eine Naht eines Kunstwerkes auftrennte. Sie brachte einen Milchtee (Herbata) mit. Ihre künstlerische Position ist mir in meinem näheren Bekanntenkreis noch nicht untergekommen.

Eine Liste von DIKTATUREN – Aktivitäten bekam das Kulturamt gestern. Einerseits gibt es eine Bewegung in die Breite durch vielfältige Kontakte. Es kristallisieren sich aber auch Konzentrationspunkte heraus, wie die Vaganteneiche und das Väterportrait.

Es ist damit zu rechnen, dass sich künstlerisch arbeitende Menschen gegen meine Kategorisierung wehren, ihre Arbeitsprägung ablegen und in eine alles bestimmende Eigenständigkeit treten wollen. Deswegen sind die Gespräche so wichtig.

Väterportrait DIKTATUREN

Aus einer erneuten Betrachtung des Väterportraits, das aus 16 recheckigen Teilen bestehend am Boden lag, um es den Schülern zu zeigen, die mich gestern besuchten, trat der Gedanke auf, dieser Arbeit in Diktaturen eine zentrale Rolle zuzuweisen. Die Leute, die Frottagen von den Oberflächen der Reliefformen machen, begeben sich so in die Geschichte der zwei Männer, die in Deutschland lebten. Im Faschismus und in der „Diktatur des Proletariats“.

Die Schicht der Tanzzeichnungen von mir setzt einen konträren Kommentar über das Ganze. Die Bedrohung der Oscar Fizner ausgesetzt war, als Mitglied der Fahrenden Zünfte, muss existentiell gewesen sein. Ich bringe ihn zusammen mit der Vaganteneiche… Über die harten Strukturen der Reliefformen kann man nun die weichen Tanzlinien laufen lassen.

Mit der Schauspielerin Annie Nowak bin ich demnächst in der Theaterkantine verabredet. Dort möchte ich mehr von ihrem Theaterprojekt erfahren. Es kann der Zugang sein zu einer Zusammenarbeit mit DIKTATUREN. Und vom Quartiersmanagement kam eine Einladung zu einer Reihe von Kunstereignissen. Da würde ich auch mit diesem Thema auftreten.