Schönheit

Nun sind die Dreiecksgitterobjekte an ihrem Ort, an einer weißen Wand in Barbaras Arbeitszimmer. Ich habe sie gestern dort hin transportiert. Sie machen sich fast zu gut an dieser Stelle, sind fast zu schön und ungebrochen komponiert. Vielleicht sollte ich das Thema Schönheit ernsthafter bearbeiten. Wir tranken ein Glas Wein auf der Terrasse, während ich mich lobte.

Zuvor holte ich eines der sechzehn Reliefteile des Väterportraits aus dem Museum für Angewandte Kunst. Am Morgen brachten wir Mechthild zum Bahnhof, damit sie ihre Reise fortsetzen konnte, und am Nachmittag telefonierte ich mit Anne am Mainufer, erzählte ihr von den Gesprächen mit meiner Mutter, mit der man ganz gut in ihrem Langzeitgedächtnis stöbern kann. Wir redeten noch über unsere Arbeit und darüber für wen wir sie machen.

Gleichzeitig tauchte Joana, die viele Jahre in meinem Atelier gearbeitet hat, in meinem Gesichtsfeld auf, erkannte mich aber nicht gleich, sah mich einfach nicht. Wir haben uns die ganze Zeit, vielleicht etwa 8 Jahre, nie getroffen. Jetzt umarmten wir uns herzlich ob der Freude des Wiedersehens.

Grundraum

Durch die weiße Grundierung bekommen die Gitterobjekte den Charakter einer durchlässigen Leinwand, die es zu bemalen gilt. So werden sie der Grundraum, der gefüllt werden soll. Zwei dieser offenen Konstruktionen mit den skulpturalen Eckverbindungen, sind bereit für die Aufnahme von gestalteten Gegenständen. Außerdem färbte ich einige Zweige der geflochtenen Weiden weiß, die ebenfalls in den umgrenzten Räumen schweben können.

Die Durchdringung von Innen und Außen, die Definition der verschiedenen Zustände, können mit Hilfe dieser Skulpturen sichtbarer werden. Auch die Buchmalereien und anderen Arbeiten sind die Wege, auf denen ich die Stoffe und ihre Aggregatzustände erkunde. Dabei laufen ästhetische Entscheidungen stetig parallel und wie von selbst ab.

Im Atelier von Franz sah ich nun Farben auf seinen Blättern mit den Sepiazeichnungen. Dass er versucht, während dieser Arbeit nicht zu denken, schlägt sich manchmal in den Kompositionen nieder, die sehr spontan erscheinen. So bekommen seine kraftvollen Striche manchmal eine schüttere Note.

Von innen nach außen und zurück

Vielen Eidechsen im Gärtchen fehlen die Spitzen ihrer Schwänze. Seit einiger Zeit fragte ich mich, wer da wildert. Und gestern sah ich eine Maus, die das Unterholz der Birke direkt am Atelier bewohnt. Mäuse fressen Eidechsen. Deswegen werde ich sie fangen und jenseits vom Bahndamm wieder aussetzen.

Mit Mechthild, die uns gerade besucht, sprachen wir am Vormittag noch einmal über die Linien die ich im Durchgang zum Versammlungsraum in Tabo aufgenommen habe. Wir spekulierten über ihre Bedeutung im Rahmen eines Übergangs von der alten Bönreligion, mit ihren weiblichen Führungsfiguren, hin zum Buddhismus.

Meine Buchmalereien kann ich ebenfalls als Protokolle des Übergangs von einer äußeren zu einer inneren Welt lesen. Manche gegenständlichen Anklänge sind in der äußeren verankert und Nichtgegenständliches wird vom synaptischen Zusammenspiel gerne in eine figürliche Form gebracht. Dieses Vexierspiel erscheint als Vorgang des Wechsels von außen nach innen und zurück.

Mehr weglassen

Die Buchmalereien entstanden heute etwas weniger aufwendig, weil ich etwas in Eile bin. Aber auch diese Herangehensweise, mehr wegzulassen als sonst, hat ihre Vorteile. Arbeitsweisen werden sichtbarer, Schichten durchlässiger und Strukturen klarer.

Erhard aus Thüringen, den ich vor einer Weile kennen gelernt hatte, erzählte mir gestern von seiner Praxis als Lesepate in einer Schule in Nied. Er hielt mich etwas vom Arbeiten ab, was mir ganz recht war. Vor unserer Erholungsreise an die Bayrischen Seen, werde ich sowieso nicht mehr so viel hinbekommen, was meine aktuellen Projekte weiter schreibt. Stattdessen schneide ich Weiden zurück, damit die Seerosen mehr Sonne bekommen. Die Zweige stelle ich ins Wasser, damit sie Wurzeln treiben. Weiden wären auch am Bahndamm ganz schön.

In einem Dokumentarfilm über Gaudi und die Sagrada Familia begegnete mir die Zerstörungswut der Republikanischen Linken in der Form, dass sie das große Atelier des Architekten zerstörten. Parallel denke ich an die maoistischen Roten Garden, die die Buddhistischen Klöster auslöschten. Aber die große Kirche haben sie in Barcelona verschont. Deswegen kann ich nun für meine Arbeit studieren, wie skulpturale Formen aus den Konstruktionen wachsen.

Ich habe Zeit

Manchmal höre ich am Morgen Musik von Joe Zawinul, Jazzstücke, die mich einerseits an Film Noir erinnern, aber deutliche Freejazzattacken aushalten müssen. Im besten Fall inspiriert mich das innerhalb meiner Buchmalereien zu Linien, Strukturen und Farbflächen.

Den gestrigen Sonntag hielten wir von kulturellen Aktivitäten frei. Kein Tanz, kein Schauspiel, kein Museum und kein Konzert. Stattdessen spazierten wir am Westhafen und blickten mit einem Drink auf die weite, glitzernde Wasserfläche des Flusses. Ich hielt mich fern vom Atelier.

Und heute könnte eigentlich auch ein freier Tag für mich sein. Aus diesem Gedanken heraus versuche ich ihn zu gestalten. Bin schon spät dran und habe das handschriftliche Tagebuch hinter mir. Auf dem Weg zu meinen Scans und Collagen Gespräche unterwegs und die Begegnung mit meinem Baum. Ich habe Zeit!

Singsang

Eine Anfrage an die KI nach einem Singsang meines Vaters:„Gellewa gellewa gingangei, oh jekuje“, erbrachte, dass es sich um einem Pfadfindergesang handelt, der nichts bedeutet, ein Nonsenslied, das aber an Lagerfeuern gesungen wurde. Mich erinnert das etwas an die Baumgesänge, wie ich sie in meinem Rücken hörte. Rund um den Baum ist heute ein Fest mit Bands und Flohmarkt. Dort werde ich ein wenig verweilen.

Bei der Weiterarbeit an den Dreiecksgitterobjekten stellen sich Möglichkeiten ein, dass aus den skulpturalen Eckverbindungen Figuren wachsen, wie Äste aus einem Baum. In Barbaras Zimmer hängt ein geschweißtes Gitterobjekt mit einer darin schwebenden Holzfigur. So könnten die neuen Objekte aussehen.

Zu Hause erfreue ich mich an den fremden Pflanzen, die ich aus Samen ziehe, deren Herkunft ich vergessen habe. Es treten Überraschungen hervor, bei denen man gespannt sein kann, was aus ihnen wird. Irgendwelche exotischen Schoten liegen seit Jahren in Gläsern, die ich nun hervorhole, aufbreche und den Inhalt in die feuchte Erde stecke…

Luxus

Der Luxus stellt sich ein, wenn ich im Atelier die Papiermasse gründlich durchknete, die Hand zwischen Festigkeit und weicher Formbarkeit bewege und sich Langsamkeit bei der Bearbeitung der Gitterobjekte einstellt. Das Modellieren, Montieren und die Bemalung sind in einer spannungsvollen Weise auch haptisch aufeinander angestimmt.

Ähnlich ist es beim Aufbau der Farbigkeiten während der Buchmalerei. Die Strukturschichten, die in das Papier geprägt und durch gegenfarbige Schraffuren hervorgehoben werden, schaffen eine räumliche Tiefe. Sie kann durch Verwischungen oder Wasserwolken vernebelt oder mit einer neutralen Farblasur teilweise abgedeckt werden. So entsteht die Energie zwischen Farbstrukturschichten im Hintergrund und den weichen Mischungen davor.

Auf der Schauspielbühne fand die Premiere zweier gegensätzlicher Tanzstücke statt. Thomas Bradley zeigte mit weiteren 5 Tänzerinnen und Tänzern, die die Company verlassen werden, ein reduziertes, geradliniges und herausforderndes Werk. Sehr gelungen fand ich das, genau richtig für meine Lust, an den Formen im Kopf mitzuarbeiten. Das zweite Stück vom Ballettchef Mandafounis war verspielter, leichter aber oberflächlicher. Erinnerungen an das Kinderspiel sollten gezeigt werden, was aber ohne den Bruch der unmöglichen Wiederholung dessen in späteren Lebensphasen, nicht glaubhaft gelingt. Getanzt ist das alles auf hohem technischem Niveau! Diese unterschiedlichen Handschriften verweisen auf die Spannungen innerhalb der Company, die im Vorfeld kolportiert wurden.

Materialberge

Aus den Materialbergen im Atelier kommen 2 Dreiecksgitterobjekte, mit unregelmäßigen Kantenlängen. Sie lagen mit anderen zusammen auf dem Schrank, der meine Computernische vom restlichen Raum abtrennt. So hatte ich sie täglich, rechts von mir, im Blick. Die Arbeit begann mit der Herstellung von Pappmaché aus alten getrockneten Resten, Masken- und Relieffragmenten. Beim Einkaschieren der Eckverbindungen stellte sich die feuchte Masse als ein Material heraus, mit dem man gut modellieren kann. Es lässt sich formen, glatt streichen und trocknet zu festen dichten Volumen. So werden die Stellen, an denen sich die Stäbe treffen, zu kleinen Skulpturen.

Eine alte Reliefform mit abgegossenen Symbolen menschlicher Wanderung, füllte ich mit Pappmaché und verband die Rückseite des entstehenden Reliefs mit einem Weidengeflecht. Die Form des Frankfurter Kraftfeldes und das zerstörte 14 Meter lange Relief, könnten das Grundmaterial für eine neue große Arbeit bilden, in der die Dreiecksgitterobjekte Wanderungsspuren aufnehmen.

Genügend Inhalte dafür befinden sich in der Form. Sie können Grundlage für Skulpturen bilden, die aus den vorgeformten Volumina wachsen und die Gitterobjekte bevölkern. Vielleicht kann das ganze etwas kompakter und konzentrierter sein als das große Relief. Diese Idee entstand aus der Umarbeitung der alten Gitterobjekte.

Eigenleben

Die Buchmalereien, wenn sie für sich bleiben, auf den Seiten auf sich gestellt, entwickeln sie kleine Überraschungen nur für mich. Ich frage mich nach der Bedeutung dessen für ihre Gestalt. Manchmal werden sie vorausschauend schon in die Collagen eingefügt oder ihre Umrisse landen im Kopf bereits auf den Transparentpapierrollen. Manchmal erscheinen sie hinter den Augen vergrößert auf anderem Material. Damit entfernen sie sich von ihrer immanenten Selbstgenügsamkeit.

Am Abend lese ich Barbaras Übersetzung von „Bis hierhin war´s ein langer Weg“ von Jamie Attenberg. In dieser autobiografischen Lebensbeschreibung trifft sie in Frankfurt auf meine Frau. Sie schildert die Begegnung präzise, freundlich, achtungsvoll und zutreffend. Ich las es gerne.

Mit Anne rätsele ich um die Identität eines der Fitznerbrüder auf dem Foto im Haus Vaterland. Manches, was ich als selbstverständlich voraussetzte, stellt sie Infrage. Die Unwägbarkeiten aus der Familiengeschichte machen viele neue mögliche Stränge auf. Auf meinem Arbeitstisch liegt viel kleines Material, das ich bearbeite. Auch diese kleinen Dinge sind zuerst für mich da und für sich selbst. Ihr Eigenleben ist ihre Bestimmung.

Unterbrechungen

Die drei Gitterobjekte, deren Gestalt ich in den letzten Wochen gründlich verändert habe. sind nun fertig geworden. Die kleinen Ausdrucke der figürlichen Buchmalereien, die auf dreieckigen Transparentpapieren zwischen die Stäbe gespannt waren, sind nun übrig. Am Morgen dachte ich, sie könnten in recheckige Formate geschnitten und mit Tusche neu konturiert und ergänzt werden zu einer Serie.

Die Tanzreliefs liegen auf dem Tisch. Der Fries ist unfertig und ich habe mich gedanklich davon entfernt. Bin mir unsicher, ob das zu etwas Sinnvollem führen kann. Vielleicht in Verbindung mit einer Malerei, die dem Ganzen eine andere, etwas zwingendere Richtung gibt.

Ein paar Tage Kontinuität, ohne die ständigen Unterbrechungen, würden den Dingen, die ich weiterführen möchte, gut tun. So gibt es beispielsweise noch viele Gitterstrukturen mit unregelmäßigen Kantenlängen, die ich weiter bearbeiten könnte. So würden die Erfahrungen, die ich bei den letzten Objekten gesammelt habe, angewendet und weiterentwickelt werden.

Feinmotorik

Während eines Spaziergangs am Mainufer, besuchten wir die Alten Meister im Städel. Zwischen manchen gemalten hingen digitale Spielereien. Dort erhebt sich dann der gemalte Schmetterling in der elektronischen Kopie und umflattert die Birne, die auf den Tisch steht. Aber die alten Malereien lohnen immer einen Besuch. Auf dem Rückweg blies mir der Wind meine Schirmmütze in das Westhafenbecken. Zwei Sekunden zuvor hatte ich die Szene schon im Kopf, reagierte aber dennoch nicht schnell genug, um das Versinken meiner Mütze, die seit Jahren zu mir gehörte, zu verhindern.

Während der Buchmalereien achtete ich auf die feinmotorischen Zuckungen, die von den unregelmäßigen Schraffuren oder besser gesagt von den Gesträuchlinienbewegungen ausgehend, sich verselbständigen.  Wenn die Hand in diese unwillkürlichen Bewegungsabläufe gerät, muss ich sie zügeln, sonst schießen die Linien über das Format hinaus oder stören die Komposition, die während des Malens in meinem Gehirn wächst.

Ein paar Einschränkungen in meiner rechten Hand nehmen zu. Der Grund ist wahrscheinlich eine Arthrose an der Daumenwurzel. Das wirkt sich nicht nur auf meine Handschrift, sondern auch auf das Zeichnen aus.

Arundati Roy

Bilder von den Backwaters in Kerala, wie wir sie kennen, in einem Film über die Autorin Arundati Roy. Eine Kämpferin für die Rechte von Frauen und den unteren Kasten in Indien. Immer öfter, auch während unserer Reisen, sahen wir die Schattenseiten unseres geliebten Reiseziels, die man schnell vergessen kann, wenn die schönen Tempel in den Vordergrund rücken.

Endlich ist bei der Arbeit an den Gitterobjekten, an denen ich viel länger als gedacht gearbeitet habe, Land in Sicht. Und nun bin ich soweit, dass ich mir vorstellen könnte, mit weiteren Objekten die Form dieser Arbeit weiter zu entwickeln. Im wahrsten Sinne des Wortes gibt es dafür genügend Spielraum zwischen den Stangen der alten Gitterobjekte.

Und wenn ich bei der Bearbeitung eines solchen Projektes da angekommen bin, treten die Buchmalereien hervor und verlangen ihren Anteil an der Weiterentwicklung. Deren Strukturen, Farbigkeiten und Kompositionen wollen wieder in den kommenden Experimenten ihre Rolle spielen.

William Forsythe

Wir sahen gestern „Endless Love“ im Gallustheater, ein Tanzstück von Tony Rizzi. Er erzählte von seinem Leben als junger, schwuler Mann und seiner Faszination von Filmstars und deren Ruhm. Das inspirierte seine Karriere und tut es offensichtlich bis heute. Im Hintergrund der schmucklosen Bühne liefen alte Filmszenen und davor tanze Rizzi gemeinsam mit unserem Tanzlehrer Manuel.

Im Publikum war auch Bill Forsythe. Endlich ging ich zu ihm, um zu sagen, welche große Rolle seine Arbeit für meine Kunst spielte und immer noch spielt. Seit Jahrzehnten arbeite ich zu seinen Stoffen, nehme die Themen immer wieder auf, fülle meine Denkräume mit seinen Bewegungen auf der Bühne. Er bedankte sich sehr freundlich: „Schön, dazu etwas beigetragen zu haben.“ Nun bin ich geradezu erleichtert, das losgeworden zu sein, was mir seit über 30 Jahren auf der Seele lag.

Abdrücke meiner Steine, die ich an den Küsten sammelte, befinden sich nun als Spuren auf den Tagebuchseiten. Nachdem die Malereien eigentlich beendet waren, fügte ich dann doch noch Farbabdrücke der blasigen Oberflächenstruktur eines Lavasteins ein. Einen ähnlichen hängte ich heute mit einer Schlinge in die Borke der Vaganteneiche auf dem Gustavsburgplatz. Christian, mit einer Bierdose in der Hand, fragte mich nach der Bedeutung dessen, was ich da tue.

Routine fehlt

Die Arbeit an den Gitterobjekten entwickelt eine Vervielfältigungsmechanik, die sich auf die Anzahl von Arbeitsschritten auswirkt. Die ungewohnten Schritte, bei denen jede Form von Routine fehlt, führen auch zu Ergebnissen, die immer wieder korrigiert werden müssen. Die Hoffnung dabei ist, dass irgendwann der Knoten platzt, indem sich das Gestaltungselement findet, das alles zusammenführt.

Ein Krankenhausaufenthalt meiner Mutter hält mich etwas in Atem. Dazu kommen die hohen Temperaturen, die den Tagesablauf etwas verändern. Nach dem Vormittag gehe ich erst später ins Atelier, wo auch die Gärten zunehmend gewässert werden müssen.

Einziges Kontinuum sind derzeit die Buchmalereien, die sich gerade wieder etwas verändern. Die machen mir Freude, bis hin zu den digitalen Collagen. Mit einer bewegten Linie, die sich an der Komposition orientiert, schneide ich die Formate quer auf. Die zwei nach oben und unten auseinander geschobenen Teile, werden dann auf eine bestimmte vorausgegangene Collage der Reihenfolge gesetzt.

Monet im Städel

Im Städel sahen wir „Monets Küste. Die Entdeckung von Éretat“. Aber nicht nur Küstenbilder von Monet waren zu sehen, sondern auch solche von Courbet, Valloton und vielen Zeitgenossen. Außerdem gab’s Fotografie und Malerei bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Es war genug Zeit da, um sich mit der Farbigkeit, den Strukturen und deren Übergängen ineinander zu beschäftigen. Die Behandlung der Wasserflächen geschah bei Monet fast naiv, mit Bogenstrichen, wie die von Kindern die Wasser zeichnen. Die Farben aber, sind ein Erlebnis. Im Nizza am Main tranken wir noch einen Aperol und verlängerten damit noch die Stimmung mancher Bilder.

Heute nahm ich den flüchtigeren Stil der Buchmalereien wieder auf. Gestern entstand er aus Zeitmangel. Heute aber kultivierte ich ihn in aller Ruhe. Anne schickte mir Fotos von alten großen Holzschnitten, die sie in Wiesenbach gefunden hat. Eine Auftragsarbeit aus den Achtzigerjahren. Erstaunliches Material!

Pfingspause

Trotz des Nachdenkens über die sparsameren Buchmalereien und ihre Vorteile, entwickeln sich die Dynamiken bei der Arbeit hin zur Opulenz. Diese Eigenbewegung kann bei den kleinen Formaten manches verschwinden lassen, das durchschaubarer, lichter und deutlicher macht, worum es mir in diesem Augenblick geht.

In den vergangenen Pfingsttagen machte sich eine Arbeitspause breit. Auf meinem Balkon finden sich Steine; Muscheln und Federn für planloses Kinderspiel ohne Ablenkung und Blick auf die Zeit.

Zwei Wiesengamsbärte stehen unter eine Glaskuppel geschützt im Wasser auf dem Ateliertisch. Ihre Samen sollen eine erneute Vermehrung dieser Pflanze, die sich von alleine auf der Wiese angesiedelt hat, ermöglichen.

Zirkus Kafka

Im Schauspiel sahen wir die Premiere von „Zirkus Kafka“ von Roi Chen in der Regie von Dor Aloni. Auch nach einer längeren Nacht am Küchentisch, blieben wir etwas ratlos. Sowohl das Stück, das noch etwas von einem Entwurf hatte, als auch die Regie überzeugten uns nicht. Die Schauspieler gaben allerdings alles, was versöhnlich war.

Dennoch blieben wir zur Premierenfeier in der Kantine, bzw. davor auf dem Gehweg auf Bierbänken. Dort hatten wir bald Gesellschaft von zwei jungen Männern, einem Schauspielstudenten und einem angehenden Regisseur. Sie baten uns um Rat für ihre Berufe, und wir erzählten von unserer künstlerischen Praxis.

Im Atelier arbeite ich ganz gemütlich an den Gitterobjekten. Die Bearbeitung der Elemente, die in die Raumkompositionen eingesetzt werden, geschieht am Tisch. Die Montage im Stehen oder in Bewegung. Kleben, male, probieren, verwerfen, anschauen und neu von vorne. Heute Abend wieder Theater, diesmal aber Shakespeare.

Am Tisch

Vor meinem Balkon auf der Allee wurde der farbig leuchtende Gemüsestand aufgebaut. Sein Anblick hebt an jedem Freitagmorgen meine Stimmung. Und heute um so mehr, als die Frühsonne durch das frisch gewachsene Blätterdach der Allee strahlt. Nach unserem Treffen im Atelier gingen Barbara und ich gestern noch auf ein Bier auf den Gustavsburgplatz. Eine Band spielte im Gartenlokal von Caro und Lolek vor vielen jungen Menschen.

Am Tisch im Atelier bemalte ich Relieffragmente, schnitt ihre unregelmäßigen Umrisse etwas zurecht, um sie in die Gitterräume der Objekte einfügen zu können. Die kristalline Grundstruktur, in die schon die Schwünge der Weidengeflechte eingesetzt sind, hat eine weiße Grundierung bekommen. Jetzt können an manche Eckverbindungen schwarze Tuscheakzente gesetzt werden, die auslaufend in die Struktur sickern. Eine feuchte Pappe drückte ich in die dritte Tanzreliefform und verstärkte die Linien mit Graphit und Tusche auf weißem Grund. Das soll als weiteres Element etwas mehr Abgeschlossenheit, an manchen Stellen der offenen Komposition, ermöglichen.

Die Buchmalereien machen wieder Spaß und helfen mir. Alles andere Material erscheint mir wie ein kompostierter Humus, auf den weitere Dinge wachsen, die wieder und wieder verändert werden und so zu einer anderen Entwicklungsform hintreiben.

Anderes Licht

Über die Recherchen meiner Tochter zu den weit verzweigten Familiennetzen unter den Namen Fitzner, Wolf und Reinecke, gab es ein langes, ruhiges Gespräch mit meiner Mutter. Mein Vater hatte sich von dieser Geschichte gründlich distanziert. Durch seinen Förderer, dem Architekten Stefanowitz, entfernte er sich aus der proletarischen Welt der Zimmerleute und Gleisbauer und strebte eine pädagogische Laufbahn an. Der Bastard einer Näherin und eines fahrenden Tischlers, wurde ein sozialistischer Erzieher.

Der Tag in Thüringen mit der fünfstündigen Fahrt über die Autobahn und den Unternehmungen mit meiner greisen Mutter, strengte mich an. Das Väterrelief mit den ineinander verwobenen Rasterportraits von Oskar Fitzner und meinem Vater, erscheint mir in einem anderen Licht. Der Akt, sie zusammen zu bringen wendet sich gegen die Absetzbewegung meines Vaters.

Am Morgen gingen mir meine Materialien Gips, Papier, Holz und Wandweiß, Tusche, Graphit und Schellack durch den Kopf. Aber diesmal ging es um skulpturale Formen, gespannte, leicht gewölbte Flächen, rissig und geschliffen mit zeichnerischen Elementen. Das verbindet sich mit der Arbeit an den Gitterobjekten.

Aber alles gut

Längere ernsthafte Arbeit an den Gitterobjekten, in die nun die Weidengeflechtverschlingungen fest eingebaut sind. Übernacht trockneten die Pappmachéknotenpunkte, mit denen die Elemente verbunden sind. Diese Arbeit müsste mehr Objekte umfangen, damit die Erfahrungen ähnlich einer Forschungsreihe gemacht werden könnten.

Parallel dazu geht mit den Tanzreliefs nichts voran. Es fehlt mir die ruhige Konzentration, die für 2 solche Vorgänge notwendig wäre. Dafür ist zu viel rundherum aus dem Takt. Morgen fahre ich zu meiner zweiundneunzigjährigen Mutter nach Thüringen und heute kam meine Frau aus der Klinik nach Hause. Aber alles gut!

Manchmal kommt ein Thüringer meiner Generation zu Besuch auf das Tevesgelände. Wir erzählen uns andere Dinge, als das sonst in dieser Umgebung üblich ist. Das liegt an unserer sehr ähnlichen Sozialisierung. Andere Leute verstehen uns nicht so gut. Ich erzählte ihm vom Rock`n`Roll der einen Jungpionier aushöhlte.

Verunsicherungen

Manchmal schwindet die Sicherheit mit der die täglichen Collagen entstehen. Dann rühren sie beim Anschauen an ein befremdendes Gefühl. Das führt zum Nachdenken über den Vorgang, bei dem schon seit 8 Monaten die Buchmalereien mit einer bewegten Linie quer aufschnitten werden. Durch das Auseianderschieben nach oben und unten, öffnet sich der Spalt, durch den man auf die vorherigen Durchblicke in die Vergangenheit schauen kann. Nach einigem Überlegen, bleibe ich weiter bei diesem Vorgehen.

Auch bei der Verbindung der Gitterobjekte mit den Verschlingungen der geflochtenen Weidenverästelungen schleicht sich ein Unwohlsein ein. Das passiert in den Moment, in dem die unterschiedlichen Gestaltungsformen gleichwertig werden und sich sozusagen gegenseitig aufheben. Dem kann aber mit bemalten Relieffragmenten gegengesteuert werden. Und weniger ist hier deutlich mehr.

Gestern passierte etwas sehr ungewöhnliches: mir ist meine Arbeitslust abhanden gekommen! Das dauerte bis zum Anfertigen der heutigen Collagen. Selbst während der Malerei hatte ich Minuten, in denen der innere Antrieb ausblieb. Das verunsichert mich, weil ich so etwas überhaupt nicht von mir kenne.

Malen befreit!

Die Arbeit läuft ruhig weiter. Die Objekte bekommen zusätzlich Reliefelemente, die in den Ecken des Ateliers auftauchen. Die werden stabilisiert, grundiert und neu bemalt. Das bewegt sich gleichmäßig vor sich hin und diese Ruhe entdecke ich als einen neuen Reiz. Außerdem versiegelte ich die dritte Reliefform endlich, mit der nun eine neue Experimentalrunde beginnt.

Die vandalisierenden Übergriffe auf manche Bereiche unseres Geländes machen mir etwas Sorgen. Das einzige, was mir dazu einfällt ist, die Folgen der Feuer und der Randale sofort zu beseitigen, um kein Areal entstehen zu lassen, in dem das alles normal wird und sich fortsetzt. Also nehme ich einen Besen mach sauber und frage erst einmal nicht danach, ob das in meine Zuständigkeit fällt.

Anspannungen dieser Art, die sich in meinem Körper zusammenballen, vertraue ich den Buchmalereien an. Sie geleiten mich durch die verschiedenen Aggregatzustände meiner täglichen Zustände. Malen befreit!

GEN Z

Im Fotografieforum Frankfurt besuchten wir eine Ausstellung, die die Themen und ästhetischen Ausdruckweisen der GEN Z zeigen soll. Man hat das Gefühl, dass es in erster Linie um sexuelle Identität, um sehr viel Intimität und Selbstbespiegelung geht. Die massive körperliche Egozentrik geht gleichzeitig mit großer Gefühlskälte und mangelnder Empathie einher.

Weil wir durch die Braubachstraße bummelten, kamen wir bei einem Sommergetränk auf die Idee, die Ausstellung „After Nature“ der Crespo Foundation zu besuchen. Umwelt und Technik wurde dort auf hohem technischem Niveau und eher kalt und ästhetisch perfekt behandelt.

In den Muscheln, die ich an den Stamm der Eiche gehängt habe, sammeln sich asiatische Maikäfer. Bevorzugt in kleinen Vertiefungen setzen sie sich fest und verändern ihr Aussehen, je nach Entwicklungsstadium.

Licht!

Himmelfahrt – Feiertage unterbrechen den Gang der Dinge, die Arbeit an den Objekten, Reliefs und die Besuche bei meinem Baum. Was aber immer bleibt, ist das Tagebuch, in dem ich der Handschrift bei ihrer Entstehung zuschauen kann. Und diesen Satz schreibe ich mit geschlossenen Augen – etwas schief!

Die Eisheiligen haben die Landschaft in ganz Europa unter einen kühlen Himmel gepackt. Die Gitterobjekte strich ich gestern kaltweiß und setzte ein paar weiße Weidengeflechte in die Räume, die die Dreiecke bilden. Von diesem Zustand schickte ich Barbara Neu ein Foto nach Schottland, wo sie ihren Sohn besucht, der Dokumentarfilme machen wird. Das gefällt mir!

Gestern sah ich einen schönen, toll fotografierten Film über Künstler, die sich gemeinsam mit Wissenschaftlern mit Licht beschäftigen. Ein sehr spannender Prozess mit erstaunlichen Ergebnissen. Wie beispielsweise, macht man die Ausbreitung eines Laserstrahls in einem Raum, der weniger als eine Millisekunde dafür braucht, für das menschliche Auge sichtbar?

YOU&EYE im MAK

Am Morgen eröffneten wir die Ausstellung YOU&EYE im Museum für Angewandte Kunst. Unterwegs dorthin in der Straßenbahn, grüßten mich viele Schüler, auch solche, die in den vergangenen Jahren bei mir im Atelier lernten und arbeiteten. Ich bin froh über ihre Freundlichkeit, Emotionalität und ihren Respekt.

Nachdem nun alle Eckverbindungen der Dreiecksgitterobjekte ummantelt sind, kann ich mit der eigentlichen Arbeit an den dreidimensionalen Collagen beginnen. Die Hoffnung ist, dass sich durch die Parallelität der Beschäftigung mit der Tanzlinie in den Reliefs, beide Themen miteinander verbinden. Ein Gedanke ist, Büttenpapier nass in die Reliefformen zu drücken, um auf diese Weise einzelne Fragmente herauszuheben, die dann in den Objekten einen Platz bekommen.

Die Arbeitsweise, Steinabdrücke in mehreren farbigen Schichten in die Buchmalereien zu platzieren, verdiente mehr Aufmerksamkeit. Hier wäre die Konzentration darauf, bei gleichzeitiger Verknappung der Formationen, ein Mittel diese Technik mehr in den Mittelpunkt zu rücken und weiter zu entwickeln.

Goldbergvariationen bei Luzern

Vikingur Ólafsson und Olafur Eliasson haben in der Nähe von Luzern gemeinsam ein Konzert der Goldbergvariationen gestaltet. Life zum Klavier fuhr Eliasson seine Projektionen, die von außen auf einen durchscheinenden Marmorkubus, in dem die Veranstaltung stattfand, gerichtet waren. Natürlich ist eine solche gigantische Präsentation in ihrer Geschlossenheit überwältigend. Es fühlt sich seltsam an, dass „meine“ Musik der letzten Jahrzehnte in dieser Weise bebildert wurde.

Und mein Zeichnungsvorhaben dazu ist klein. Allerdings gibt es schon viele Buchmalereien, die sich damit befassten, die das vorbereiteten. Mir gehen nun erneut die Strukturen der einzelnen Stücke durch den Kopf, die ich jeweilig mit einer Linie einfangen will, ähnlich wie bei den Linien und deren Verdichtungen zum Tanzthema und zum Meenakshi-Schrein.

Die Eckverbindungen der Gitterobjekte begann ich mit Pappmaché zu verkleiden. Das sind kleine Skulpturen aus denen die Stäbe wachsen. Gut wäre es, die alten Drucke der Buchmalereien, die die Dreieckfelder ausfüllten, wieder mit zu verarbeiten. Es werden dreidimensionale Collagen, in denen auch Fragmente des Tanzreliefs eine Rolle spielen können. Die Farbigkeit wird auf der weißen Grundierung durch Graphit, Schellack und Tusche begrenzt.

Trinkwasser

Jetzt fällt der Regen, auf den ich schon wieder gewartet hatte. Meistens herrscht die Sorge bei mir vor, dass die Wasserreservoire nicht genügend gefüllt sind. Jeder Tropfen, den der geflutete Himmel hergibt, vergrößert mein Sicherheitsgefühl.

Ein existentielles Bewusstsein für Wasserknappheit, hat sich deutlich auf meiner Reise alleine durch Namibia eingestellt. Die Durchquerung menschenleerer Wüstenregionen und der Zusammenstoß mit einer Paviangruppe, die mich an einer Wasserstelle als Eindringling in ihr Revier wahrnahm, schärften meinen Sinn für Trinkwassersicherheit. Die Reisen durch die verschiedenen indischen Landschaften, machten mir ebenfalls deutlich, welch einen Luxus es darstellt, dass trinkbares Wasser aus einem flächendeckenden Rohrleitungsnetz kommt.

Der Wetterbericht sagt uns ein paar Tage Regen voraus. Das ist auch gut für meine Wiese und für alles Getier in ihr. Im Atelier beginne ich heute ernsthaft mit der Umwandlung der alten Gitterobjekte. Einiges Material habe ich dafür bereits zusammengetragen. Ich freue mich auf diese Arbeit.

Erneuerung

An die Gitterskulpturen denkend, die ich zur Neugestaltung zurück in mein Atelier geholt habe, fällt mir das Arbeitsmaterial ein, das bei den vielen Reliefexperimenten angefallen ist. Im Zusammenhang mit den Tanzreliefs, stellen ich mir vor, dass die Benutzung dieser kompakten Skulpturfragmente zu schwereren, stabilen Objekten führen kann.

Ich freue mich auf diese Vorgänge und würde sogar die Arbeit an den Reliefs unterbrechen, um ausgeformte Tanzreliefteile in die Räume der Objekte einzufügen. Auch die kreisförmigen Weidengeflechte sind Grundmaterial für diese Verwandlung.

Gestern, am Freitagnachmittag habe ich nicht mehr gearbeitet, bin mit der Gartenschere an den Bahndamm gegangen und schnitt die Brombeeren zurück und ruhte mich beim Gärtnern noch ein wenig aus. Gleich laufe ich ins Atelier und statte meiner Eiche unterwegs noch einen Besuch ab.

Der Drang nach Härte

In Ostdeutschland hieß dieses Datum eine zeitlang „Tag der Befreiung“. Man kann das Gefühl bekommen, dass viele dort heute dieses Ereignis wieder rückgängig machen wollen. Schlechtgelaunt schwimmen sie im Reichtum und hängen Verschwörungsszenarien an, in denen sie von „denen da oben“ vergiftet, ausgebeutet und anderweitig hinters Licht geführt werden. Böswillig fristen sie ihr Dasein, das dadurch noch trauriger erscheint.

In Eva Redeckers Buch über den neuen Faschismus, das den Titel „Der Drang nach Härte“ trägt, werden die unterschiedlichen Argumente und Erscheinungsformen des rechten, rassistischen Nationalismus unter die Lupe genommen. Genau denken kann in dieser Situation sehr hilfreich sein. Die Dumpfbacken werden das aber nicht lesen.

Mit den Schülern transportierte ich die Ergebnisse unserer YOU&EYE – Arbeit ins MAK. Das war eher unspektakulär. Auf dem Eisernen Steg aber machten sie Interviews und auf dem Römer saßen wir alle, Eis essend, zum Abschluss beieinander. Etwas Erleichterung aber auch etwas Wehmut stellte sich ein.

Nachbearbeitung der Form

Bei der Nacharbeitung der dritten Flachreliefform des Tanzrelieffrieses, macht sich der Arbeitsvorgang selbständig. Mit einem feinen Metallmesser aus der Porzellanmanufaktur Meißen, schneide ich Begradigungen, entferne Grate und Hintergriffigkeiten. Das wächst sich so aus, dass sich das ganze Bild langsam leicht verändert. Die Volumina der kleinen, flachen Erhebungen, vergrößern sich, wachsen etwas in die Höhe und nehmen auch leichte Formveränderungen an.

Heute kommen die Jungs aus der Hindemithschule nur ins Atelier, um ihre Arbeiten in das Museum für Angewandte Kunst zu transportieren. Auch ich werde eines der 16 Teile des Väterreliefs einpacken und mitnehmen. So soll klar werden, wie die Schüler zu ihren Strukturen gekommen sind, denn sie fertigten Frottagen von den Formen dieser Arbeit an und fanden daraus ihre eigenen Figurationen.

Gedanken über die Reduktion der täglichen Arbeit treten auf. Dabei geht es aber in erster Linie um die physikalischen Dimensionen der Ergebnisse. Irgendwann werden die Erben des Ganzen damit belastet. Und das möchte ich gerne in Grenzen halten.

Begegnung

Begegnung auf der Tevesstraße vor dem Atelier: Ein Mann, etwas jünger als ich, gab sich durch seinen Tonfall als Thüringer zu erkennen. Er wohnte in Wahlwinkel in der Nähe des VEB Gummikombinat Thüringen, wo ich meinen ersten Beruf, Facharbeiter für Gummi und Asbest, erlernte und parallel dazu Abitur machte. Er lernte seinerseits im Kalibergbau in Sangerhausen und wurde dort einer politischen Straftat überführt.

Mit anderen Lehrlingen stellte er ein paar Thesen gegen den real existierenden Sozialismus auf. Deswegen wurde er angeklagt und verurteilt. Dass er nur eine Geldstrafe bekam, verdankte er einem älteren Genossen, der sich für ihn einsetzte. Um solche jungen Männer weiter zu drangsalieren, wurden sie erst mit etwa 30 Jahren zum Militärdienst eingezogen, wenn sie, nicht wie die Achtzehnjährigen, schon Familie und einen Beruf hatten. Dieses Schicksal blieb ihm erspart, weil zuvor die Mauer fiel.

Gestern beendete ich den zweiten Versuch des Formgusses des dritten Tanzreliefs. Die Form trocknete schnell und konnte bald von Modell getrennt werden. Diesmal lief alles glatt. Jetzt kann sie versiegelt werden und ist dann für die Vervielfältigung des Motivs bereit. Am Nachmittag grundierte ich gründlich und aufmerksam die Pappmachéreliefs und draußen setzte endlich der ersehnte Regen ein.

Zerbrochen

Die dritte Form der Tanzreliefs ist mir gestern beim Trennen vom Modell zerbrochen, was mir noch nie passiert ist. Zugunsten einer feinen, blasenlosen Abbildung aller Details, habe ich das Mischungsverhältnis für den Gipsguss zu stark verdünnt. Dadurch trocknete der Gips schlecht, reagierte nicht, wie er sollte und blieb brüchig. Das Modell war jedoch unversehrt, wodurch ich gleich an die Herstellung der neuen Form gehen konnte.

Diesmal rührte ich kleine Portionen von der Größe eines Gipsbechers an und baute die Form langsam auf. Das hat den Vorteil, dass man Mischungsverhältnisse von Portion zu Portion etwas korrigieren kann. Und die kleineren Areale lassen sich gut durch Klopfen blasenfrei halten. Heute muss ich noch eine letzte Schicht gießen, die dann bestimmt schnell getrocknet sein wird.

Der wochenlange Ostwind hat die Landschaft staubtrocken geblasen. Ich warte auf Regen auch für meine Wiese, die unter der Trockenheit leidet. Aber alle vorhergesagten Niederschläge lösen sich immer wieder auf. So hoffe ich auf den heutigen Nachmittag und die kommende Nacht, wofür die Prognosen Regenwolken ankündigten.

Theresia Walser

Mit Carola waren wir am Wochenende im Schauspiel und sahen „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser. Es geht im Stück um 3 Diktatorengattinnen, die sich mit einem Dolmetscher auf einen gemeinsamen Presseauftritt vorbereiten. Manja Kuhl spielt Margot Honecker und zeigt die maskenhafte Kälte, die mir heute noch einen Schauder über den Rücken laufen ließ.

Wir saßen nach der Vorstellung noch beim Bier und redeten ziemlich lange über den Abend. Die Sätze des Dolmetschers, der nie genau übersetzt, was gesagt wurde, hätte ich mir wichtiger und klarer gewünscht, die Textverdrehungen genauer. In diese Richtung geht auch, dass mir die Margotfigur zu geradlinig und bruchlos war. Das machte sie weniger glaubwürdig.

Wir hatten gestern einen ruhigen Sonntag mit einem langen Spaziergang durch die Parks in unserer Nähe. Am Rebstockweiher beobachteten wir die Kanadagänse, die ihre Jungen hüteten, saßen auf einer Bank mit Blick durch die Bäume auf die Wasserfläche, wie zwei alte Leute…

Schnelligkeit

Die eiligen Buchmalereien von heute haben ihre eigene Qualität durch die Geschwindigkeit, mit der sie entstanden, bekommen. Beim schnellen Malen unter Zeitdruck, gelingt es mir manchmal, schneller auf den Punkt zu kommen. Die Routine von vielen Jahrzehnten täglicher Übung ist die Voraussetzung für dieses Gelingen.

Grund der Eile ist, dass ich nachher pünktlich um 16 Uhr, wie an jedem Sonnabend mit meiner zweiundneunzigjährigen Mutter telefonieren will. Ich weiß, dass sie diese zuverlässige Pünktlichkeit schätzt und genießt.

Wir richteten unsere zwei Balkone für den Sommer her. Auf meinem, der nach Norden zur Frankenallee hin geht, schrubbte ich mit einer harten Bürste den Boden. Der eingefressene Winterdreck aus Abgas, Algen und Vogelscheiße löste sich unter dem Essigreiniger und meiner anhaltenden Schrubbergewalt. Pflanzen und Sessel nach draußen, für die lauen Abende…

Neue Malerei

Das Gespräch mit den Jungs über das Attentat auf die Twintowers war ganz aufschlussreich. Ich spürte ihren Oppositionsgeist der westlichen Kultur gegenüber aber auch die Widersprüche, in denen sie sich einfangen. Die klare Aussage der Zeichnung, als Bekenntnis zu dem Anschlag, wurde umgewandelt in ein harmloses Bild. Damit endete die Arbeit für diese YOU&EYE – Saison in meinem Atelier. Beim nächsten Termin tragen wir unsere Arbeit ins MMK.

Stille, konzentrierte Buchmalereien mit einigen Strukturschichten, die verschiedene kontrastreiche Farben aufnehmen. Viele dieser Ebenen zusammen ergeben eine Farbtiefe. Diese entdecke ich seit einigen Wochen wieder. Sie schiebt sich in der Aufmerksamkeit vor die Figurationen und ihre Beziehungen zueinander.

In diesem Zusammenhang dachte ich wieder an die Reliefbemalung. Wenn diese Technik dafür angeglichen werden könnte, dann käme ich zu einer neuen Malerei für mich. Derzeit trocknet noch die dritte Form. Ein spannender Vorgang, für den ich viel Geduld mobilisieren muss.

Die dritte Form

Der Formenguss des dritten Tanzreliefs fand gestern Nachmittag statt. Ob er gelungen ist, wird zu sehen sein, wenn Modell und Form getrennt werden. Die Reliefs Nummer 4 und 5 werden später in Angriff genommen, denn es folgt erst einmal ein verlängertes Wochenende, an dem ich eine Pause machen will.

Beim Rückzug in die Buchmalereien komme ich in Schichten meines Unterbewusstseins, die ich nicht einmal beim meditativen Zeichnen auf den Transparentpapierrollen erreiche. Die Steine und Farben sind meine Helfer, die den Ausgleich herstellen, der für die Suche nach Überlebensstrategien in der verrohten Umgebung notwendig ist.

Beim Nachdenken über die Thematisierung des Anschlags auf die Twintowers in Manhattan durch einen meiner Schüler, blätterte ich in den Tagebüchern des entsprechenden Jahres und stieß auf eine Buchmalerei, die das schreckliche Ereignis zum Inhalt hatte. Die möchte ich ihm heute zeigen, um darüber ins Gespräch zu kommen. Außerdem erinnere ich mich an die großen Screens auf der IAA, auf denen der Zusammenbruch der Hochhäuser in Endlosschleife lief.

Gewalt

Mit meinen verletzlichen Arbeitsergebnissen befinde ich mich in einer gewaltvollen Umgebung. Oft erwarte ich, bei meiner morgendlichen Ankunft im Atelier, Verwüstungen der vorausgegangenen Nacht. Der Baumstamm den ich mit Schülern bearbeite ist großflächig angebrannt worden. Montageschaum wurde auf einer Fläche von etwa 200 Quadratmetern auf den Boden gesprüht. Auch mein Einbaum hat davon etwas abbekommen. Vorgestern war eine randalierende Kinderbande zu beobachten, die ich zur Rede stellte und mit ihnen das wieder reparierte, was sie im Vorbeigehen zerstört hatten.

Mit freudiger Farbigkeit und vorsichtiger Zurückhaltung reagieren meine Buchmalereien gegen all diese zunehmende Gewalt. Vorboten der nationalistisch-rechtsradikalen Kulturpolitik liegen in der Luft. Zunächst werden die Menschen in Sachsen-Anhalt ihre Stimmen so zahlreich für die entsprechende Partei abgeben, dass sie an die Macht kommt. Was wird aus den Theatern, Museen und Gedenkstätten? Wie reagieren die Künstler und Wissenschaftlerinnen?

Bei der Arbeit an den Tanzreliefs bin ich aus dem Tritt geraten. Stattdessen weißele ich die Weidengeflechte, schiebe damit den nächsten Formenbau vor mir her. Also sollte ich ganz in Ruhe damit beginnen, ohne Hast einen Rahmen bauen, der dann auf die Grundplatte montiert werden kann. Dann alles abdichten und eine Pause einlegen…

nine eleven

Die trockenen Weidengeflechte begann ich gestern weiß einzufärben, damit sie einen Teil ihres natürlichen Aussehens verlieren und dadurch einen neutraleren Ausgangspunkt für Gestaltungen bieten. Die Möglichkeit, sie unterschiedlich einzufärben und dann miteinander zu verflechten, so dass daraus räumliche Farbgeflechte entstehen, geht mir als Variante durch den Kopf.

Einer meiner Schüler zeichnete die Twintowers mit einem auf sie zufliegenden Flugzeug auf seine Transparentpapierrolle. Obwohl die Szenerie der Situation von nine eleven nicht direkt ähnelt, sprach ich ihn darauf an. Er sollte mit Nachfragen rechnen, falls wir das im MMK ausstellen würden. Dann begann er das Ganze zeichnerisch abzuändern. Es war am Ende unseres Kurses, so dass wir das Gespräch darüber erst übermorgen fortsetzen können werden.

Die Buntheit der gegenwärtigen Buchmalereien könnte ich leicht mit Lasuren und Schraffuren zurückfahren, um die Bilder erträglicher zu machen, tue es aber nicht konsequent. Gerade erfreut mich diese zutage tretende seltene Seite meiner Arbeit.

Weidengeflechte

Es fanden gestern am Sonntag weitere Experimente mit den Weidengeflechten statt. Sie sind sehr trocken und zerbrechlich. Keine richtige Arbeit, etwas spielerische Kontinuität. Auch sie alleine, ohne die alten Gitterstrukturen, lassen sich zu schwebenden Objekten zusammen flechten, die eventuell mit Papier und Pappmaché stabilisiert werden.

Zwischen zwei Gipsplatten trocknet das erste abgeformte und grundierte Tanzrelief, das ein wenig wellig aus der Form gekommen war. Nun ist es fast ebenso glatt, wie die anderen. Zunächst werde ich beginnen mit Tuschelinien neue Spuren in den Vertiefungen zu verfolgen, neue Figuren anzulegen. Der Kontrast kann dann mit Schellack abgefedert werden, wie auf den älteren Reliefs.

Die Buchmalereien werden immer farbiger. Ohne Scheu toben sich die Kontraste in den kleinen Formaten groß aus. Durch die bunten Strukturen der Steinoberflächen und deren Schichtungen bekommen sie einen impressionistischen Einschlag. Aus diesen unbestimmten Formationen treten manchmal, ohne meinen Willen, Figuren hervor.

Der Preußische Ikarus

Am Morgen dachte ich an den Preußischen Ikarus, das Lied, das Wolf Biermann für mich alleine im Heidelberger Stadttheater gesungen hatte. Während der Vorbereitungen auf sein Konzert, erzählte ich ihm von unseren Unterschriftenlisten an der PH Erfurt gegen seine Ausbürgerung und davon, dass wir seine Texte mit alten Schreibmaschinen und Durchschlägen vervielfältigt hatten. Darauf sagte er auf den leeren Zuschauerraum weisend: „setz dich mal hin.“ Und dann spielte er das Lied.

Gestern modellierte ich das dritte Tanzrelief fertig. Nach ein wenig Überarbeitung ist es bereit für den Formguss. Die Pappmachéexemplare der ersten Reliefs, die in Ruhe trockneten, sind ganz eben und bretthart. Dieser Arbeitsprozess zog mich heute am Sonntag doch wieder ins Atelier.

Aus der Weide, deren Triebe mit den Schülern zu Ringen geflochten wurden, schnitt ich die trockenen Flechtwerke, die nicht mehr weiter wachsen wollten, heraus. Nun habe ich sehr interessante, verschlungene Figuren, die ich zur Ergänzung und Erneuerung der alten Dreiecksgitterstrukturen verwenden kann.

Jede Muschel ein Wort

Ein paar Muscheln, die sich aus einer Kette gelöst hatten, fädelte ich gestern neu auf und stellte damit 4 „Fädel“ für die Vaganteneiche her. Jede Muschel, die dort aufgereiht hängt, steht für ein Wort, das mir der Baum geflüstert hat. Und darüber hinaus sind sie Zeichen der Sprachen, die heute noch durch den Stamm in die Blätter steigen.

Am Tisch im offenen Rolltor des Ateliers findet die Weiterarbeit am Tanzrelieffries statt. Zur abgeschotteten Arbeitsweise im Winter, ist diese Situation eine Abwechslung. Der Blick durch das dichte Blattwerk, führt direkt in den Verlauf der Straße, die auf unser Gelände führt und hier endet. Es ist anregend, dort zu modellieren.

Nun ist die Rückkehr der Mauersegler, in ihre kurze Brutzeit bei uns verbringen, zu erwarten. Sie sollten um dieses Datum herum eintreffen und unseren Himmel bevölkern. Im Gärtchen beobachte ich viel Kleingetier. Die Mückenlarven werde ich in diesem Jahr in Ruhe lassen. Alle sind mir willkommen – Wespen, Bienen, Motten, Feuerwanzen, Ameisen, Libellen, Schwebfliegen, Schmetterlinge, Blattläuse, Tausendfüßler, Regenwürmer, Asseln…

Feuerpause

Wortsplitter, Sinnfragmente rasen im Streit zwischen den Figuren durch ihre Körper. Lautsalven, die durch den Raum geschossen werden, treffen auf die Entzifferungsmaschinen hinter den Trommelfellen. Das Schweigen ist die erholsame Feuerpause – summende Melodien der Übereinkunft.

Gestern hatte ich Besuch von der Ausstellungsmacherin in meinem Atelier, die YOU&EYE im Museum für Angewandte Kunst präsentiert. Sie sichtete einen Teil des Materials und wir umrissen dann die Konzeption der Präsentation der Transparentpapierarbeiten. Wir wollen auch eine Tafel des Väterportraits dazuhängen, damit klar wird, worauf sich die Schülerarbeiten beziehen.

Gestern transportierte ich den Rest der Pflanzen in das Gärtchen nach draußen. Dann rettete ich mal wieder eine Taube, die in die stehende, 4 Meter hohe, Pappröhre gefallen ist und sich nicht mehr von alleine daraus befreien konnte. Am Morgen gieße ich Wasser in das Schlagloch der Betonfläche vor dem Atelier, damit sie trinken kann.

Dann wird es ernst

In den kleinen Buchmalereien kommen kurze Gespräche auf. Wenn die Figuren keine Kraft mehr haben, wird es still, die Farben kollabieren. Aber es gibt eine Energie, die dieses Gleichgewicht des Schweigens erzeugt. Leise Töne in dieser instabilen Situation suchen nach ihrem Klang – Rückkopplung oder Echo.

In seiner meditativen Ruhe ähnelt das Formen des Tons mit den Fingerspitzen und einem Modellierholz, dem Zeichnen auf der Transparentpapierrolle. Veränderungen der Umrisse finden durch minimale Bewegungen und schnelle Entscheidungen in Gedanken an die Abformung, Grundierung und die Bemalung statt.

Das erste der drei Dreiecksgitterobjekte, die zur Neubearbeitung ins Atelier zurückgekommen sind, habe ich von den Bedruckten Transparentpapierdreiecken befreit. In das Volumen fügte ich ringförmige Weidengeflechte ein, die einen Kontrast zur kristallinen Grundstruktur bilden. Irgendwann, nach dem vergnüglichen herumprobieren, werden die Zustände der Skulptur fixiert und teilweise ummantelt. Dann wird es ernst.

Aufwand uns Leichtigkeit

Das Modellieren der Tanzreliefs ist aufwendig. Das Haptische der anachronistischen Technik gehört zu mir, meine Sinne fordern das von mir. Die Arbeit am dritten Teil des Frieses dauert mindestens noch die ganze Woche. Parallel dazu will ich die ersten Exemplare grundieren und mit den Experimenten zur Bemalung beginnen.

In der Supervision zu YOU&EYE sprachen wir über die Auswirkungen des Ramadan auf die Arbeit mit den Schülern. Wir glitten dann in den Bereich der Ausübung von Religion im öffentlichen Raum und schweiften von unseren eigentlichen Themen ab. Meine Siebzehnjährigen wollen zum Abschluss mit mir Bier trinken. Das steht im Widerspruch zu ihrem eifrigen Fasten.

Die Buchmalereien gerieten an diesem Morgen etwas schütter. Die Oberflächenstruktur des Lavasteins, mit dem ich einen Großteil der Farben auf meine Handkante und dann auf das Papier übertrug, lenkte das Geschehen im Zusammenspiel mit meiner Motorik in Richtung Leichtigkeit. Die Frage steht, ob mit dieser Technik auch die Bemalung der Reliefs möglich ist.

Kontaktaufnahme

Trotz des langen Arbeitstages gestern, kam ich nicht zu allen Dingen, die mir am Morgen durch den Kopf gegangen sind. Aber eine zweite Ausformung des ersten Reliefs ist entstanden und das Modell des dritten habe ich begonnen in Ton zu modellieren. Andere Reliefformen aus der Vergangenheit liegen auf dem Arbeitstisch und werden erneut mit Pappmaché gefüllt.

Ein Kontaktaufnahmeversuch mit Kerstin Gneuß, nach etwa 40 Jahren… Ihre Arbeit, die im Netz sichtbar ist, ähnelt thematisch meinen Gesträuchen. Bei ihr sind es Radierungen. Sie gefallen mir. Und Erfolg hatte sie damit auch – öffentliche Aufträge, Ausstellungen und Stipendien.

Nachdem Trixelsplitter gestern in die Buchmalereien eingedrangen, sind diese Elemente heute noch da, aber eher als Echo vom Vortag. Und ich arbeitete heute an den Bildern mit einem neuen Stein, der zuvor noch keine Rolle gespielt hatte. Dabei wird deutlich, wie sehr die Charaktere der Steine und ihrer Abdrücke mit der Stimmung der Bilder verbunden sind.

Parallelitäten

Im Atelier führte ich die Korrekturen an den Tanzreliefs aus, die ich mir vorgenommen hatte. Zwar könnte ich mit einer welligen Flächenstruktur, die entstanden ist, arbeiten, die müsste aber zielgerichtet, für bestimmte Fragen hergestellt werden und Antworten auf diese bieten.

Am Morgen gingen mir die Dreiecksgitterobjekte durch den Kopf, die zur Überarbeitung oder Neufassung ins Atelier zurückgewandert sind. Dabei sollen die Weidengeflechte aus dem Gärtchen und die Tanzreliefs eine Rolle spielen. Die Eckverbindungen der Stäbe kann ich mit Pappmachéakzenten verstärken und anschließend skulpturale Auswüchse heraustreiben lassen.

So entwickeln sich nun Parallelitäten von Tanzreliefarbeit, Objektbau und Buchmalerei, wo die Dreiecksgitterthemen des Trixel Planeten heute schon Eingang gefunden haben. Die alten Motive, die auf den vor 20 Jahren gegossenen Steinen abgebildet sind, können zu dieser Arbeit hinzugezogen werden.

Ungeduld

Die Malereien entwickelten sich heute aus Musiklinien. Mit einzelnen Stücken der Goldbergvariationen ließe sich das differenzieren. Jedes einzelne Stück, von Glenn Gould 1981 eingespielt, bekommt eine eigene Linie. Die lässt sich überlagern von denen zur Einspielung von 1956.

Der erste Abguss des ersten Tanzreliefs hat sich verzogen, weil er nicht gleichmäßig getrocknet ist. Hab ihn zu früh aus der Form gehoben und muss ihn nun noch einmal angefeuchtet da hineinlegen, um ihn mit einem planen Gewicht erneut trocknen zu lassen. War zu ungeduldig!

Die dritte Vorzeichnung der Tanzreliefs ist nun fertig. Muss an manchen Stellen noch etwas verstärkt werden, damit sie beim Modellieren nicht verwischt wird. Die Arbeit geht in der kommenden Woche gleichmäßig weiter.

Zeichnung und Forschung

Während die Jungs gestern Nachmittag wieder im Atelier arbeiteten, sie wissen, was sie tun sollen, haben die Arbeitsschritte parat und brauchen nicht mehr so viel Unterstützung von mir, konnte ich mein eigenes Projekt fortführen. Der erste Abguss des ersten Reliefs war gestern, weil er nicht trocken genug war, noch nicht aus seiner Form zu lösen. Die zweite Form ist auch schon mit Pappmaché gefüllt, und die Vorzeichnung des dritten Reliefs auf der Grundplatte, ist schon fast fertig. Das alles befindet sich im Fluss.

Die Versammlung in der ersten Morgenmalerei kommt, trotz ihrer Vielfarbigkeit, etwas gleichförmig daher. Die feinen Strukturen, die sich über das ganze Format ziehen, wollten nicht durch grobe Linienbündel abgedeckt werden. Im nächsten Schritt sollten die Verdichtungen der Stein – Handkanten – Farb – Abdrücke ihre Durchlässigkeit beibehalten und dennoch kräftige Akzente setzen.

Krishnababy, so nenne ich einen meiner Schüler, der in der Nähe des Meenakshi – Tempels in Bangalore aufgewachsen ist, zeigte ich die Linie die dort entstanden ist und die folgende Verdichtung auf Rolle 12. Er erkannte die Zeitstauchung im dichten Geflecht, als sähe man die Eindrücke aus vielen Stunden in einer Zehntelsekunde. Und dann erzählte ich den Schülern vom Zusammenhang von Zeichnung und Forschung.

Szenen

Flüstern, leises Singen in der ersten Malerei. Eine Szene mit schweigenden Zuhörern und Leuten die vorsichtige Vermutungen anstellen. Spotify will mir mehr Informationen über die Personen geben, die hinter dem Song stehen, den ich immer wieder höre. In diesem Fall über Gould und Bach.

In der zweiten Malerei des Morgens erscheint die Situation etwas gefährlicher und nicht so kommunikativ. Von der linken Seite geht eine Bedrohung aus. Eine gezielte Attacke dringt in einen dunklen Nebel ein und will die beiden Figuren auf der rechten Seite erreichen. Der Schuss bleibt in der dichten Finsternis stecken, die auch wie ein Tarnumhang funktioniert.

Nachdem die Form des ersten Tanzreliefs versiegelt war, rührte ich für die Abformung des ersten Exemplars davon Pappmaché an und füllte langsam das flache Volumen damit aus. Dann schloss ich auch die Nacharbeiten an der zweiten Form ab, versiegelte sie ebenfalls und kann sie heute mit dem restlichen Pappmaché anfüllen. Parallel zu diesen Arbeiten kommt die Vorzeichnung des dritten Reliefs auf die Grundplatte, welches in der kommenden Woche modelliert werden kann.

Zusammenklang

Wenn in den Malereien des Morgens schrille Farbtöne auftauchen, dämme ich sie etwas mit einer gegenfarbigen Intervention, die dem Gesamtklang zugute kommt. Am Morgen erschien mir der Pfeifton meines anhaltenden Ohrgeräusches lauter als sonst. Weil das Geräusch nur in meinem Kopf existiert, versuchte ich dort einen Gegenton herzustellen, der das helle Quietschen überdeckt und zurückdrängt. Und es kam mir nach etwas Konzentration so vor, als würde es bis zu einem gewissen Grad gelingen.

Die erste Tanzreliefform ist gestern endgültig fertig geworden. Nach den Korrekturen ist sie mit mehreren Schichten Schellack versiegelt worden. Wenn sie heute ganz durchgetrocknet ist, könnte ich die erste Abformung mit Pappmaché machen. Auch mit der zweiten Form bin ich so weitergekommen, dass ich entschieden habe, sie nicht noch einmal neu gießen zu müssen.

Die Buchmalereien beginnen derzeit zumeist mit Steinabdrücken. Je nach dem, wie ich mit den unebenen Oberflächen über das Papier ruckele, bilden sich serielle Vertiefungen ab, die durch mehrschichtige Schraffuren vielfarbig aufscheinen. Folgerichtig werden dann diese Steinoberflächen für Übertragungen in die Kompositionen eingefärbt und mit der Handkante in die Formate reingedruckt. Zum Ende hin entstehen Umrisse von Figurationen und Farbfelder, die dem Zusammenklang zugute kommen sollen.

Pappelschnee

Pappelschnee treibt am Gärtchen vor dem Atelier durch den Sonnenschein vorbei. Im direkten Licht liegt die zweite Tanzreliefform. Ihre Nachbearbeitung stellte sich als aufwendig heraus. Das Modell ist noch fast vollständig vorhanden, wodurch sich die Frage nach einem zweiten, besseren Formenguss stellt.

Während der konzentrierten Arbeit an den Reliefs, fehlen das Zeichnen auf Transparentpapier und die anderen Experimente, die sonst nebenher stattfinden. Aber natürlich gibt es genügend Argumente, die das kontinuierliche Durchziehen eines solchen Projektes, ohne Ablenkungen, stützen.

Eva von Redecker wurde in der Kulturzeit von 3sat nach ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ zum Erstarken eines gegenwärtigen Faschismus befragt. Sie zeichnet mit Klarheit die Entstehung dieser Strömungen durch unbedingten Besitzanspruch nach. Das würde ich gerne lesen.

Schwingungen, Spaziergang, Rückzug

Aus den Schwingungen und Linien der Musik entwickeln sich eigenständige Strukturen, die mit Farblinien verbunden werden. Eine sich an die Tanzlinien anschließende Musiklinie, besäße einen freieren Charakter. Es geht nicht um Bewegungen im Raum, sondern um andere Sphären. Das spüre ich während der Buchmalereien, die sich auf die Goldbergvariationen beziehen.

Mit Carola machten wir einen Spaziergang bei der Roten Mühle. Leider machte sich meine alte Beinfraktur bemerkbar, so dass ich nur langsam den Frauen hinterher humpeln konnte. Wir merken in unseren Berufen, dass unsere Generation nicht mehr so gefragt ist. Die Jüngeren warten, dass wir endlich abtreten.

Und das wäre der richtige Zeitpunkt für einen Rückzug, der mit der alleinigen Konzentration auf die künstlerische Forschung beginnt. Das startet am Morgen mit meinen Steinen und ihren Oberflächenstrukturen, wie sie sich mit der Musik und meinen farbigen Linien zu ihr verbinden.

Zusammen malen

Mit Sylvain Merot, Oliver Tüchsen und Maya malte ich gestern gemeinsam ein Bild für einen gemeinsamen Bekannten. Mir ging es meistens um die Herstellung des Zusammenklangs, was im Zusammenspiel mit Maya am ehesten funktionierte. Auf dem Heimweg schaute ich mir gut gelaunt die Menschen in der Stadt an. In der Straßenbahn lernte ich ein junges Paar kennen, das einen, aus Indien stammenden, Hund bei sich hatte.

An der ersten Form der Tanzreliefs war gestern noch etwas Nacharbeit nötig, damit die Herstellung der Abgüsse dann reibungslos gehen kann. Für die zweite Form werden noch mehr Korrekturen anstehen, weil der blasige Gips zu vielen kleinen Fehlstellen führte. Insbesondere die tiefer liegenden Linien sind davon betroffen.

Die kurzen Klavierstücke der Goldbergvariationen würden sich für ein Musiklinienprojekt gut eignen. Für jedes Stück wäre eine spontan gezeichnete Linie möglich. Die können dann aneinander gehängt oder übereinander gelegt werden. Viele Möglichkeiten, die auszuprobieren sind.

Musiklinie

Ein Rückzugsort, wie ich mich gestern in ihn hineingemalt habe, kann auch die Musik sein oder das Handwerk. Für die Form, die ich gestern vom zweiten Tanzrelief gegossen habe, musste zunächst ein Rahmen gebaut werden. Mit Schraubzwingen auf der Grundplatte befestigt, grenzt er den Raum für den fließenden Gips ein. Durch die Verminderung des Wasseranteils, wurde er dickflüssiger, schloss auch Luftblasen ein und wurde früher fest. Weil der Arbeitsfluss möglichst nicht unterbrochen werden soll, ist das Ganze eine ziemlich stressige Angelegenheit.

Die Farblinien der Buchmalereien reagierten heute wieder direkt auf die Goldbergvariationen. Dabei entstand die Idee, ähnlich wie die Tanzlinie eine Musiklinie zu zeichnen, direkt auf einen Transparentpapierstreifen und sie dann zu verdichten.

Mittlerweile hängen in den Rindenfurchen der Vaganteneiche Ketten, auf die Muscheln und Steine aufgefädelt sind. Die Perlonfäden allerdings altern im Sonnenlicht schnell und reißen dann. Ist Hanf- oder Kokosschnur haltbarer? Am Nachmittag gibt es bei Maya ein Treffen der Künstler, die bei YOU&EYE beschäftigt sind. Wir wollen gemeinsam ein Kunstwerk anfertigen. Ihre Idee!

Hineingebildet

Immer schneller entfernen sich meine kleinen Buchmalereien mit ihren anschließenden Collagen von der Außenwelt. Vielleicht kippt das irgendwann wieder, wenn den Leuten die Sensationslust, die sich mit Verrohung zusammenschließt zuviel wird. Dabei spreche ich auf meinem Weg mit den Obdachlosen, den Mitgenommenen und Kranken auf den Parkbänken. Sie grüßen mich dafür freundlich.

Auf dem Atelierarbeitstisch modellierte ich das zweite Tanzrelief bis zum Abend fertig. Heute kann es noch ein wenig überarbeitet und seine Form gegossen werden. Dann sollte ich mich aber um die Nachbereitung der Formen kümmern, damit die weiteren Arbeitsgänge, das Abformen der ersten Exemplare und das weitere Modellieren ineinander fließen können. Das zieht Veränderungen der Arbeitsweisen nach sich.

Und in den Malereien versuchte ich heute wieder etwas figürliche Konkretion entstehen zu lassen. Mehr oder weniger fest umrissene Körper muten wie Figurengruppen an. Diese Vorstellungen werden in die abstrakten Strukturen hineingebildet.

Musikfarben formen Tanzräume

Modellieren mit Ton braucht etwas Geduld. Gestern blieb ich den ganzen Tag durchgehend im Atelier und arbeitete plastisch vom Mittag bis in den frühen Abend. Dabei schaffte ich das zweite Drittel des zweiten Tanzreliefs. In der Abendsonne ging ich mit der Gartenschere noch etwas an den Bahndamm. Dort entwickelt sich der Raum zwischen Bäumen und Hecken zu einer einladenden Landschaft. Ein grünes Halbrund im Rücken einer Bank erzeugt Geborgenheit.

Seit längerer Zeit hörte ich heute, wieder am Morgen während der Buchmalerei, die „Goldbergvariationen“ von Glenn Gould gespielt. Diesmal ließ ich mich direkt auf den Klang und die Rhythmen ein, zeichnete mit den Aquarellstiften und Pinsel im Schwingen des Spiels. Die Musik baute in dieser Weise eine engere Verbindung von mir zu den Malereien auf. Es entstand ein ähnliches Wohlgefühl, wie zwischen dem gestalteten Grün im wechselnden Licht-Schattenspiel.

Und nun entsteht eine Idee von einer musikalischen Bemalung der Tanzreliefs. So werden Pinsel und Stifte tänzerisch geführt. Musikfarben formen Tanzräume.

Revolutionen?

Von meinem letzten Besuch in Thüringen brachte ich ein Faltblatt über das Panorama Museum in Bad Frankenhausen mit. 1976 bekam Werner Tübke den Auftrag für ein Monumentalbild zum Bauerkrieg, der im DDR-Jargon „Frühbürgerliche Revolution“ hieß. Am 14. September 1989 wurde das 127 Meter lange und 14 Meter hohe Panorama eingeweiht.

Auch der Militärputsch 1917 in Russland und der folgende Bürgerkrieg wurden zur Revolution stilisiert. Aus dieser behaupteten Kontinuität schöpfte die Sozialistische Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik ihre Daseinsberechtigung. Und nun nennen die Thüringer ihr Panorama Museum „Die Sixtina des Nordens“. Ende der Siebzigerjahre entdeckte ich den Manierismus im zeichnerischen Werk Tübkes, dessen Handwerk ich dennoch respektierte.

Heute, an diesem sonnigen Tag, kann ich mich ganz in Ruhe und störungsfrei des Tanzreliefs widmen. Die Form des ersten will ich überarbeiten, damit die Ausformungen reibungslos laufen können – eine Geduldsarbeit, die mit Fingerspitzengefühl durchgeführt werden will. Das zweite Relief ist zu einem Drittel modelliert und wird sicherlich in dieser Woche fertig.

Korallenstein, Form, Bank

Als Ersatz für den Korallenstein, den mir die Affen in Indien geklaut haben, schenkte mir Anne zum Geburtstag, einen solchen, etwas größeren Stein, in einer sehr schönen Pappkiste. Die steht jetzt auf meinem Arbeitstisch und heute benutzte ich erstmalig die Oberflächenstruktur für die Malereien. Es sind die orangefarbenen Abdrücke, insbesondere im zweiten Format.

Gestern stellte ich die Reliefform aufrecht auf einen Heizkörper im Atelier, weil sie auf der Hobelbank nicht so recht trocknen wollte. Ein Vorgang der mit einem fehlerhaften Mischungsverhältnis zwischen Wasser und Gips zutun hat. Zu viel Wasser… Ich hoffe, dass der Gips nun stabil genug für die Abformungen der Zukunft ist.

Mit Jano, der unter der Unterführung aus den drei Eisenbahnbrücken lebt, sprach ich über die Rundbank um die Eiche, die ich auf dem Gustavsburgplatz bauen will. Er hat in seinem riesigen Lager 5 große Bretter, die ich gut dafür brauchen kann. Bei der Gelegenheit erzählte er mir, dass er alles räumen muss, weil die Straße unter den Brücken neu gebaut wird.

Heraustreten

Die Reliefform war noch nicht so trocken und stabil, dass sie sich leicht vom Untergrund lösen ließ. Es besteht Unsicherheit, ob die Stabilität für diesen Vorgang ausreicht. Deswegen trocknet sie noch und die Spannung hält an, wie der Guss gelungen ist.

Ein zufälliges Treffen mit Susanne auf dem Weg ins Atelier. Ich erzählte ihr von den Baumgesängen und lud sie ein, sich das mal anzuschauen. Sie wäre der richtige Mensch für die Vertonung des Textes. Ich hoffe ein wenig heraustreten zu können aus dem Rahmen, der die Kontinuität der Arbeit absteckt. Leichte Bewegung nach außen.

Im Fotografie Forum Frankfurt sahen wir gestern „Shadows might Dance“ von Jessica Backhaus. Sie fotografiert Kompositionen jenseits der Gegenständlichkeit. Aus übereinander gelegten, ausgeschnittenen Papieren, schafft sie perfekte, sonnenbeschienene Kompositionen. Sehr ausgewogen, in erlesenen Farben, bis es in die Selbstgenügsamkeit des Schönen kippt. Das aber hat leider viel mit der Gegenwart zu tun.

Erste Form des Tanzreliefs

Auf der Grundplatte für das zweite Tanzrelief ist die Vorzeichnung gestern fertig geworden. Dann folgte der Guss der Form des ersten, das fertig modelliert war. Erst nach und nach kamen die vielen verschiedenen Arbeitsgänge in ihren Abfolgen aus der Erinnerung hervor. Die letzten Formen entstanden vor zehn Jahren für das Väterportrait.

Gelernt habe ich das in der Abendschule an der Kunstakademie in Dresden bei dem Bildhauer Wolfgang Friedrich. Wie er krempelte ich mir die Ärmel hoch und griff bis zum Ellbogen in den angerührten Gips, um die kleinen Klumpen zu zerdrücken, die beim Einstreuen des Pulvers in Wasser entstehen. In zwei Schichten entstand die Platte in einem Holzrahmen, den ich vorher angefertigt hatte.

Am Morgen dachte ich an die vielen Arbeiten in den Schubladen, Regalen und Schränken, die immer nur Zwischenergebnisse oder Wegmarken auf dem Weg der Suche darstellen. So, wie auch die Buchmalereien dieses Morgens, deren kleine Wildheit erhalten blieb, weil das Malen rechtzeitig beendet wurde.

Kehrt marsch!

Durch die vielen Arbeitsgänge entwickelte sich im Tanzrelief eine gegenläufige Richtung. Die Figuren tanzen zurück an den Anfang. So steht das erste Relief nun am Ende. Die Leserichtung hat sich gedreht. Es ist fertig modelliert und kann nun abgegossen werden. Dann ist es gesichert und ist zur Vervielfältigung freigegeben. Das zweite begann ich auf eine nächste Grundplatte vorzuzeichnen, womit ich heute fertig werden kann.

Noch einmal denke ich an die alten Familienfilme zurück. Insbesondere die dunklen Szenen der Jugendweihe meiner Cousine in Niedergrunstedt kommen mir da in den Sinn. Auf denen ist kaum etwas zu sehen, ein finsteres Wabern ist zu erahnen. Das aber kommt dem nahe, was ich für diese Zeit fühlend erinnere.

Die Buchmalereien gerieten heute etwas minimalistisch. Aber das Preußischblau, das gestern in seiner Dummheit so lauthals angegeben hat, was besonders auffällt, wenn man es sich selbst überlässt, ist heute vermischt und eingebunden.

Rückblick

Mit dem Modellieren des ersten Reliefs des Tanzfrieses bin ich fast fertig. Ich denke, dass ich die Arbeit daran an diesem Nachmittag beenden kann. Dann kommt der Formenbau.

Am Wochenende zu meinem Geburtstag, war Anne mit Familie da. Wir sichteten alle Super 8 Filme, die mein Vater gedreht hatte und beschrifteten die Filmrollen. Diese Reise in die Vergangenheit deckte viele Blickwinkel von Dieter Reinecke auf. Auch die Stimmungen, die während der Spaziergänge, Jugendweihefeiern und Familientreffen herrschten, wurden sehr plastisch. Im Atelier fotografierte Anne das Väterportrait.

Gestern machten wir einen Ausflug zum Glauberg, wo sich ein archäologisches Museum befindet, das die Funde der Keltenzeit präsentiert. Da war für jeden was dabei und Armin konnte sich auch etwas austoben in den Gräben rund um den großen Grabhügel.

Theaterplastik

Im Atelier ging es weiter mit der Modellierarbeit. Das ist wenig spektakulär, löst aber eine freudige Spannung aus. Während der Ton in den Händen geformt wird, streift die Erinnerung durch Szenen der Theaterplastik in den Neunzigerjahren in Heidelberg.

Für das Stück „Bauernsterben“, das der Intendant Peter Stoltzenberg inszeniert hatte, modellierte ich einen Christus am Kreuz und stellte eine Gipsform davon her. Die schwenkte ich mit Gummimilch aus und goss in den Hohlraum Zweikomponentenschaum, der sehr fest aushärtete. Der Schauspieler Helmut Kahn konnte die Skulptur über die Bühne werfen, ohne dass ihr etwas geschah. Sie spielte noch in mehreren anderen Stücken mit, auch in einem berserkerhaften Tanztheater von Johann Kresnik.

Aber jetzt geht alles ruhig vonstatten. Vielleicht ergeben sich ein paar voluminöse Aufwallungen im Verlauf dieser Arbeit am Tanzrelief. Ich dachte auch daran, Muscheloberflächen in den weichen Ton zu drücken, verwarf das aber wieder. Das hat nichts mit dem Tanzthema zutun.

Muscheln

Wie es für diese Woche auf dem Plan stand, begann gestern das Modellieren des Tanzreliefs. Der Wunsch, damit zu beginnen, war so stark, dass mir erst später auffiel, dass die Vorzeichnung noch nicht fertig war. Der Ton, der noch etwas zu weich war, bekam auf einer Gipsplatte, die ihm das überflüssige Wasser entzog, die richtige Konsistenz, und in der warmen Hand wurde er gut modellierbar.

Jemand der sich mit der Belebung des Gustavsburgplatzes beschäftigt, besuchte gestern das Atelier, um etwas über meine Vorhaben dort zu erfahren. Immer noch ist die Eiche Ziel meiner täglich vier Unterbrechungen des Arbeitsweges. Unser Zwiegespräch entwickelt sich in den Raum des Platzes. Die Muscheln werden zu Wanderungsspuren, die an die Vaganten erinnern.

Der Tag begann ganz ruhig. Mich zog es nicht gleich nach draußen in den herannahenden „Märzwinter“. Die Buchmalereien geschahen eher vorsichtig. Mit einem weiteren Kaffee konnte ich mir dann beim Schreiben zuschauen, die Linien verfolgen, die entstanden.

Gehen und sprechen

Der Zeichnungsfries, der aus der Tanzlinie entstanden ist, mündet nun in den Reliefstreifen. Er kann die Motive mehrmals wiederholen, um dann fragmentiert auszulaufen, indem nur noch Teile davon reproduziert werden. In dieser Weise enden auch manche Zeichnungssequenzen auf den Transparentpapierrollen.

Nun ist der Ton, der seit Jahren eingetrocknet war, wieder weich und modellierfähig. An einem Tisch draußen, im T-Shirt in der Sonne, knetete und walkte ich das Material mit meinen Händen. Heute kann ich beginnen, das erste Relief zu formen.

Die Rinde der Vaganteneiche bestücke ich mit Muscheln von den Kanarischen Inseln. Auch ein zweiter Eckbaum des Wiesendreiecks hat davon schon etwas abbekommen. So entsteht eine Verbindung zwischen den Stämmen. Auf dem Weg zwischen ihnen gingen mir Teile der Baumgesänge durch den Kopf. Gehen und Sprechen, wie im Lustgarten neben dem Humboldtforum. Um die Triangulation des ganzen Platzes durchzuführen, können weitere Bäume als Eckpunkte stehen. Die Linien zwischen ihnen werden getanzt, gegangen, gesprochen und gesungen.

Allein im Wald

In einem Gespräch mit einem Musiker über die Zusammenhänge von instrumentalen Improvisationen und Arbeitsvorgängen in der Malerei, versuchten wir die Gemeinsamkeiten genauer einzukreisen . Wir kamen auf die Baumgesänge und die Möglichkeit aus ihnen einen Prozessionstext, der auf den Wegen zwischen drei Bäumen rezitiert wird, zu machen. Mich erinnert das an die Wanderungsspuren von TRIXEL PLANET und die geografische Triangulation.

Es ist Montag. Nach dem Wochenende ist die Arbeit weit fort. Aber Sonne scheint ins Atelier und die Materialien zum Modellieren stehen bereit. Aber erst muss die Leichtigkeit wieder kommen. So wie ich sie aus den Kindertagen kenne, weit weg von der häuslichen Niedergeschlagenheit, Angst und Gewalt, allein im Wald.

In einem neuen Tagebuch tat ich mich mit den Buchmalereien am Morgen etwas schwer. Unten auf der Allee staute sich der Verkehr, auf den Buchseiten stockten die Farblinien. Ich denke an die Super 8 Aufnahmen meines Vaters, mit denen ich mal arbeiten wollte. Anne möchte sie am kommenden Wochenende, wenn sie mit ihrer Familie zu Besuch kommt, sehen.

Theater Theater

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir gestern die Premiere von „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams. Auf der Premierenfeier gab’s Gespräche über das Stück, den Zustand des Theaters und es wurde getanzt. Ich traf Annie Nowak und Chunqing Huang und lernte neue Leute kennen.

Uns gleichzeitig hatte Barbaras Übersetzung von „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder Premiere. Die erste Besprechung in Nachtkritik war nicht so berauschend. Aber alle Stars, die die Wiener lieben, spielen mit… Das wird schon laufen!

Gerade auf dem Weg ins Atelier traf ich Herrn Haussmann, der maßgeblich für die Existenz von Teves West verantwortlich war. Ich sagte ihm aus ganzem Herzen sehr freundliche Dinge. Weiter ging ich über den Gustavsburgplatz, wo mir nun Kinder beim Schmücken der Vaganteneiche helfen. Sie stellten ein Muster aus Kronkorken am Boden her, mit Federn durchsetzt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Nun im Atelier steht der Ton, der eingesumpft werden muss auf der Hobelbank. Erinnerungen an die plastischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte gehen mir durch den Kopf. Schon das alleine ist beglückend.

Zwei Choreografien

Zwei Choreografien gestern im Bockenheimer Depot. Von Ioannis Mandafounis EINS VOR ZWEI ZURÜCK und von Rosalind Crisp SEEN UNSEEN. Zwei sehr unterschiedliche Arbeiten. Letztere lernten wir ja in unseren Workshops mit Manuel quasi von innen kennen. Die Strukturen waren auch wieder sichtbar. Vierergruppen auf 4 getrennten Tanzböden, von Zuschauern umgeben. Die Gruppen wechselten den Ort und auch die Teamzusammensetzung. Das war sehr dynamisch, tänzerisch wirklich schön, und deutlich wurde der Zusammenhalt, der von einer Grundformel auszugehen schien. Am morgen dachte ich, noch einmal aus dem Kopf eine neue Tanzlinie dazu zu zeichnen.

Das andere Stück gefiel mir nicht so. Zu wenig Verbindung mit dem Raum, viele Albernheiten, auch sprachlich. Tänzerisch bestand es aus engem „Körpergewurschtel“ und Ausflügen in traditionelle, schematische Figuren. Am Rande traf ich die Kulturdezernentin, bei der ich mich über den Umgang des Kulturamtes mit unserer Projektidee DIKTATUREN beschwerte.

Mit den Schülern arbeitete ich gestern wieder am Bahndamm, an dessen Fuß wir Landart – Veränderungen vornahmen. Mit verschiedenen Scheren, Sägen und Beilen rückten wir den Brombeeren zuleibe. Daraus entstand ein neues Wegstück, das verschiedene Aufenthaltsorte miteinander verbindet. Außerdem zündeten wir in einer Metallschale Feuer an, in dem wir den trockenen Gartenschnitt verbrannten.

Prozessionsdreieck

Wenn ich über die Bemalung der Tanzreliefs nachdenke, erscheint mir die Lasurmalerei als sehr geeignet. In diesem Zusammenhang sah ich eine Dokumentation über die Farbigkeit antiker Skulpturen. Wie man sich im Liebighaus in Frankfurt damit beschäftigt hat, ist interessant. Die Ergebnisse der Rekonstruktion allerdings, erscheinen mir zu plakativ. KI – generierte Versuche bewegen sich in Richtung Naturalismus, was der Sache vielleicht näher kommt.

In meiner Reliefbemalung sollen allerdings eher die Tanzerfahrungen eine Rolle spielen, die Verinnerlichung fremder Bewegungen in verschiedenen Raumverhältnissen. Die Räume der Liniengeflechte werden von Farbschichten durchzogen, die sich überschneiden. Schnell können solche lasierenden Farbfelder etwas schematisch aussehen. Dem wirken Zufall und Spontaneität entgegen.

Die Verzierungen, die ich an „meiner“ Vaganteneiche angebracht habe, sind teilweise entfernt und zerstört worden. Das brachte mich auf die Idee, noch einmal von vorne anzufangen. Diesmal soll in einer schwer zugänglichen Höhe ein Ornament aus Muscheln entstehen. Es kommuniziert mit zwei Gestaltungen an anderen Baumstämmen. Somit entsteht ein Beziehungsdreieck. Die Linien zwischen den Baumeckpunkten sind Prozessionswege, die mit den Baumgesängen begangen werden, die ich in den letzten Monaten, am Stamm lehnend, festgehalten habe.

Bewegungsvolumen

Nach einigen Improvisationsübungen im Ballettworkshop, deren Ziel Impulse gemeinsamer Bewegungen waren, zeigte sich, dass eine Harmonisierung schnell und ohne Worte einsetzen kann. Vielleicht lernt man sich durch aufeinander abgestimmtes Tanzen, durch körperliche Kommunikation, schneller besser kennen.

Wegen der aktuellen Arbeit am plastischen Tanzfries, kommen mir diese Erfahrungen besonders zugute. Es ist mir, als müsste ich aus der Dimension des Flachreliefs in den Raum heraustreten. Vor Augen sind mir dabei die verschränkten, wirbelnden Gliedmaßen und die Beziehungen der Körper im Raum zueinander und zu architektonischen Gegebenheiten, die sie umgeben. Die Justierung des Blicks, der sich nach anderen, sich bewegenden Figuren und stillstehenden Gegenständen, während der eigenen Bewegung orientiert, bietet produktive Perspektiven für die Gestaltung.

Die Reliefzeichnungen werden nun mit einem weichen Graphitstift verstärkt. Die aufwendigen Arbeitsgänge der Übertragung der Vorzeichnungen auf die Grundplatte des Modells, ziehen eine leichte Veränderung der Strukturen nach sich. Dadurch werden die Umrisse korrigiert und stabilisiert.

Linien im Raum

Die Zeit ist gestaucht und vergeht zwischen vielen Tätigkeiten schnell. Dennoch sind gestern die verkleinerten Vorzeichnungen für die ersten beiden Reliefs des Tanzfrieses entstanden. Jetzt passen die Motive auf die 60 cm hohe Grundplatte, auf der modelliert werden soll. Und auch heute schnelle Buchmalereien am Morgen. Sie besitzen ihre eigene offenere Struktur, die manchmal den vielen Schichten der aufwendigen, geschlossenen Bilder vorzuziehen sind.

YOU&EYE Projekttreffen heute und Besuch von Leuten aus dem Planungsamt. Am Abend wieder Tanzworkshop, wie gestern. Mit dem Dramaturgen der Dresden Frankfurt Dance Company stellten wir den Zusammenhang von Sprache und Tanz in den Mittelpunkt. Es war mir möglich über meine Vorstellungen von der Wahrnehmung des Körpers im Raum zu sprechen und von der Tanzlinie zu erzählen. Auch sie wurde von zwei Frauen in ihren Improvisationen tänzerisch umgesetzt.

In dieser Situation, in der meine Gedanken klar formuliert auf die Bewegungen der anderen übergingen und fortgesetzt wurden, kam eine neue Sicherheit bei mir auf. Mittlerweile ist das Tanzstudio eine gewohnte Umgebung geworden. Heute tanzen wir wieder mit Manuel und übermorgen ist dann die Premiere des aktuellen Stücks der Company im Bockenheimer Depot.

Junge Menschen

Eine erste Variante eines Tanzreliefs zeichnete ich auf einen Streifen Transparentpapier. Die volle Größe des Scans ist etwas zu hoch für die Grundplatte, auf der ich modellieren möchte. Muss ich also wieder einen Schritt zurück und das Ganze noch einmal etwas kleiner zeichnen. Der Vorteil dieser Wiederholung ist, dass mir die Formen des gezeichneten Liniennetzes vertrauter werden. Und kleine Korrekturen fallen beim zweiten Zeichnen leichter, führen zu einer spannungsvolleren Gesamtkomposition.

Auf einem Familientreffen konnte ich mit den jungen Menschen sprechen, deren Entwicklung wir interessiert verfolgen. Und da gibt es reichlich Erfolgsmeldungen und es bilden sich immer neue Begabungen heraus. Matthis beispielsweise betreibt Sprachforschungen an der Goethe-Uni und singt als Solotenor in Oratorien. Zu Ostern können wir ihn in der St. Leonhardskirche am Mainufer hören und sehen. Und Ragna, die schon in meinem Atelier mit ihrer Bratsche musizierte, hat die beste Masterarbeit ihres Jahrgangs in ganz Schweden geschrieben!

Mein Kalender ist voll mit Terminen. Das ist eine Last für mich. Stattdessen sehne ich mich nach Zeiträumen, die ich geschlossen und kontinuierlich der Entwicklung meiner Arbeit widmen kann. Mit all den Unterbrechungen steigt der Druck dennoch, meinen Wünschen gemäß, weiter zu kommen.

Abenteuersteine

Es sind Abenteuersteine, mit denen jeden Morgen die Buchmalereien begonnen werden. Ihre vernarbten Körper werden in das Papier gedrückt oder eingefärbt. Die Strukturen können dann mit der Hand aufgenommen und auf das Papier übertragen werden. Stein und Körper werden eins, nehmen einander auf. Die Geschichten der Steine und meiner Gene bilden neue malerische Erzählungen.

Zwischen den heutigen Buchmalereien und dem Schreiben lagen zwei Stunden, die ich für Erledigungen in der Stadt brauchte. Nun lösen die Bilder, nach der Pause, neue Freude aus. Nach dem Schreiben ein weiterer Termin! Keine Ruhe! Eine kleine Mittagspause auf dem Wochenmarkt auf der Frankenallee vor der Tür, den herannahenden Regen im Blick.

Eine weiße Grundplatte, auf der vor ein paar Jahren eines der 16 Väterreliefs entstanden ist, liegt nun für das Tanzrelief bereit. Die Vorzeichnungen sind für die Übertragung auf die Modellierflächen gescannt. So können die Einzelteile präzise zeichnerisch übertragen werden. Dann sollte alles Weitere flüssig ablaufen.

Wie von selbst

Gestern ist die Meenakshi Sequenz fertig geworden. Die letzten Linien zeichneten sich im Hochgefühl, wie von selbst. 2 Fotografien der Arbeit schickte ich Anne, die mit dem Vorschlag, die Linie zu vertonen, darauf reagierte. Eine Übersetzung in Tonspuren, wäre ganz in meinem Sinne.

Nun liegen aber die Vorzeichnungen für das Tanzrelief auf dem Arbeitstisch. So entwickelt sich die Arbeit schon beim Anschauen weiter. Die Liniengeflechte sind etwas lichter und stammen aus der 2. Phase der Verdichtungen. Der Anteil von Figurenfragmenten ist hoch und verweist noch auf den Ursprung der zusammengerollten und geschichteten Linie.

Und gleich schiebt sich die Vorschau auf die Bemalung in den Vordergrund. Dabei spielt die Konsistenz des Untergrundes eine entscheidende Rolle. Nahe liegend wäre die Verwendung der Maltechnik der Buchmalereien. Aber das stellte sich schon öfter als schwer realisierbar heraus. Es bleibt nichts, als gründlich zu experimentieren.

Tanzimprovisation, Relief

Die letzte Verdichtungsphase der Meenakshi Sequenz hat begonnen. Während zwei Rückwärtsrollen mit dem Transparentpapierstreifen, zeichnete ich die Tuschelinien durch und wechselte dann wieder die Rollrichtung. Nun entsteht die Schicht, die schon das Ende einläutet, weil es dann vor lauter Schwärze nicht mehr weitergeht. Höchstens die übrig gebliebenen hellen Inseln können herausgezeichnet werden, um sie zu einer neuen Verdichtungssequenz zu formieren. Hier löst sich das Thema aber eher auf, endet nicht in einer abgeschwächt dramatischen Geste, wie ich mir das vorstelle.

Im Studio der Dresden Frankfurt Dance Company nahmen wir gestern am dritten Teil des aktuellen Workshops teil. In kleinen Gruppen improvisierten wir mit körperlichen Impulsen und den Reaktionen darauf. Das fügte sich am Ende zu harmonischen Zusammenspielen zusammen. Meine Formvorliebe führt zu einem etwas sperrigen Bewegungsstil im Gegensatz zu den elaboriert-geschmeidigen Tanzbildern der anwesenden Damen.

Diese Kommunikation mit der Arbeit des Ensembles wirkt sich nicht unwesentlich auf meine Arbeit aus. Wenn ich vielleicht schon in dieser Woche mit der aktuellen Verdichtungssequenz auf Rolle 12 fertig werde, kann ich mit der Arbeit am Tanzrelief bald beginnen. Die Vorfreude darauf wächst schon seit einigen Wochen.

Mädchenbande

4 Viertklässlerinnen besuchten mich und fragten nach meinem Alter. Meine Aufforderung, mal zu schätzen, beantworteten sie mit: „Vielleicht so 50?“ Nach meiner Richtigstellung: „Und warum laufen sie so leicht?“ Eine Mädchenbande!

Die zweite Phase der Meenakshi Sequenz ist gestern fertig geworden. Es dauerte bis in den Abend. Nun kann ich mit dem Rückrollen, das beim Durchzeichnen eine entscheidende Verdichtung nach sich zieht, beginnen. Mir fiel auf, dass die Tuschegesträuche keine Rolle in den Collagen spielten. Das hab ich heute geändert.

Neben der laufenden Arbeit heute der wöchentliche Einkauf, Tevessitzung und am Abend Ballettworkshop. In dieser Woche dann noch zwei Arzttermine, die Schüler im Atelier und am Wochenende der 90. Geburtstag von Barbaras Mutter mit der ganzen Sippe…

Publikumsbeschimpfung

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke. Gutgelaunte Schauspieler sangen den schlechtgelaunten Text. Peer Baierlein richtete das Stück musikalisch so ein, dass es manchmal fast wie ein Musical daherkam. Eine Dirigentin und eine Band in einer verglasten Kammer verstärkten den Eindruck von Musiktheater, was dem Stück gut tat. Es war humorvoll, kurzweilig und präzise gearbeitet. So blieben wir noch in der Panoramabar im Foyer, bei einem Wein.

Der dicht strukturierte Alttag erlaubt es mir nicht, die Arbeit so zu gestalten, wie ich es mir vornahm. Längst wollte ich am Relief arbeiten, das die Ballettlinie mit ihrer Verdichtungssequenz zum Inhalt haben soll. Vielleicht übernehme ich mich auch, wenn parallel die Arbeit an der Meenakshi Sequenz läuft.

Ein Sonntagsspaziergang führte uns an den Main. Am Römer gerieten wir zwischen zwei Demonstrationen, die den Irankrieg zu Thema hatten. Islamisten schwenkten die aktuelle iranische Flagge zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem Mullah Regime. Die Gegner skandierten gegen das Regime und für die amerikanisch-israelischen Militäraktionen.

Gehäuse

Eine erste Runde der 3. Phase der Meenakshi Sequenz, das heißt eine ganze Umdrehung der Rolle 12 mit dem Radius von etwa 20 Zentimetern, habe ich gestern gezeichnet. 2 Runden kommen noch dazu, dann kann ich mit dem Rückrollen und den finalen Verdichtungen beginnen.

Die Buchmalereien haben zurzeit immer weniger zeichnerische Elemente. Die Strukturen ergeben sich aus Handabdrücken, die Steinoberflächen und Handlinien vermischen, Handkantenverwischungen und Linien meiner farbgetränkten Haare, die ich auf das Papier lege und dann weiter bearbeite. Die Schichtungen mehrerer Abdrücke ergeben dichte Areale farbiger Bewegungen.

Aus Breslau bekomme ich von Anne viele Stadtbilder mit Beschreibungen geschickt. Zu Fuß recherchiert sie in den verschiedenen Vierteln der Stadt, wo die Familien Wolf und Fitzner gelebt haben. Sie schaut in Archiven, Museen und in den Dom, entdeckt Sichtachsen und veränderte Stadtstrukturen. Ich dachte heute, das so eine Art Gehäuse entsteht, in dessen Mittelpunkt sich sein Betrachter befindet, der im sich Umschauen alle Wege, Gebäude, Gesichter und Worte wahrnehmen kann. Daraus entsteht die Geschichte.

Gravitationsräume

Mit den Jungs, die gestern zu mir ins Atelier kamen, rückte ich den Brombeerbüschen und dem wuchernden Sommerflieder am Bahndamm zuleibe. Mit allen verschiedenen Gartenscheren, dich ich habe, schnitten wir einen Keil in das Gesträuch. Das Schnittmaterial zerkleinerten wir und warfen es in die Feuertonne. Außerdem benutzten wir eine Baumsäge, deren Handhabung erst einmal eingeübt werden musste.

So verlängerte sich ein Weg, der über die Wiese geht, auf ein Betonbauteil zu, das im unteren Bereich eine viereckige Höhlung aufweist, die in einen geheimnisvollen, dunklen Raum führt, der nur etwas Licht durch ein Loch von oben bekommt. Wenn wieder schönes Wetter ist, können wir dort eine Aufenthaltsqualität schaffen, eine Fläche, auf der man was abstellen und einen Stuhl daneben platzieren kann.

Anne unterrichtet mich mit Fotos, Landkarten und Beschreibungen über ihre Wege auf den Spuren der Familie Fitzner. Spannend ist, wie sich ein Mosaik der Lebensumstände zusammensetzt, in dem seltsame räumliche Beziehungen auftauchen. So wohnte die Familie meiner Großmutter nur zwei Straßen entfernt von der Wohnung der Fitzners, mit dessen Spross Oscar, Oma Gertrud Wolf später in Berlin meinen Vater zeugte. Jetzt wohnt Anne mit ihrer Familie nur ein paar Straßen entfernt von ihrer Wohnung in der Altenbraker Strasse in Neukölln – Gravitationsräume.

Auf die Spitze treiben

Am Morgen vor einem Reisetag, erledige ich noch gerne meine handschriftliche Tagebucharbeit. Je früher der Tag, umso schwerer fällt es, sich an den Tisch zu setzen und eine Konzentration aufzubringen, die dann in die Buchmalereien hineinführt. Aber die Überwindung lohnt sich, weil eine Energie entsteht, die aus den Bildern auf mich zurückleuchtet.

Auf Rolle 12 führte ich die erste Verdichtungsphase der Meenakshisequenz zu Ende. Ein ruhige Arbeit, die schon die Fortsetzung später im Auge hat. Und die sieht so aus, dass ich das Material noch dreimal durchzeichne, ohne dass neue Elemente hinzukommen. Mit diesen 3 Wiederholungen, die etwa 60 Zentimeter des 50 Meter langen Transparentpapierstreifens füllen, beginne ich dann die Rückrollphase. Vom Ende her überlagern sich die Liniengesträuche anders versetzt und verdichten sich noch mehr. Und dann kann ich hin und her rollen, um die Verdichtungen auf die Spitze zu treiben.

Im Studio unserer Tanzcompany führten wir unseren Workshop zu den choreografischen Techniken von Rosalind Crisp fort. Die Schichten unserer Körper konfrontieren wir dabei mit der Umgebung. Wie fühlen sich Haut, Muskeln und Knochen im Umgang mit der umgebenen Luft an, welche Bewegungen entstehen daraus. Eine größere, bestimmendere Rolle bei mir spielen dabei die Raumbezüge.

SPIRIT AN THE DUST

Das Stück SPIRIT AN THE DUST von Noah Haidle, das Barbara übersetzt hat, hatte am vergangenen Wochenende Premiere im Deutschen Theater in Berlin. Die Vorstellung wurde vom Publikum und von der bisherigen Presse gut aufgenommen. Noah war da und spielte mit Barbara Tischfußball. Die Premierenfeier dauerte länger… Am nächsten Abend sahen wir DIE WILDENTE VON Ibsen in der Regie von Ostermeier. Das war eine ganz andere Arbeit, naturalistisch fast. Fand ich zunächst nicht so gut rein…

Gestern Nachmittag saßen wir, bevor der Zug fuhr, am Spreeufer. Ich fotografierte den Fluss mit der Rückseite eines Wasserverkehrsschildes und Mandarinenten. In einem Eckcafé trafen wir uns mit Freunden aus der Syncronisations – Branche. Susanna ist eine berühmte Stimme und mein Jahrgang…

Die Buchmalereien schwenken in eine zurückhaltendere Form. Weniger dramatisch verharren sie in einer ruhigen Stimmung, die nach all der Bewegungen der letzten Tage und Wochen gut tut. Es ist ein Tag, an dem ich ein paar Dinge ordnen kann, an dem die Sonne ins Atelier scheint und etwas Stille einkehrt.

Meenakshi Sequenz

Auch die Fortführung der Meenakshi Sequenz beschäftigt sich in besonderer Weise mit dem Raum. Während des Zeichnens vor Ort bewegte ich mich zwischen den hinduistischen Pilgern durch ihren Tempel und ließ die Bilder durch mich hindurch leuchten. Die Konturen dieses Lichts hielt ich mit einer Linie aus meinem Füller auf einem Zeichenblock fest. Sie streift durch die Säulenbestandenen Hallen um den Schrein herum.

Beim Zeichnen auf Rolle 12 bemerkte ich, dass das räumliche Erlebnis durch die Schichtungen der Umrisse aus dieser Linie wiederkehrt. Durch den zeitaufwendigen Vorgang des Übereinanderzeichnens wird das visuelle Erlebnis mit den Überlagerungen der vielen Konturen von Architektur und Skulpturen, auf einen Moment zusammengestaucht.

Die Fotos vom Inneren des Tempels von 2012, die wir damals noch machen durften, zeigen ein sehr lebendiges Treiben. Durch die aktuellen Festtage nahm in diesem Jahr die Menge der Pilger zu, so dass sie nicht mehr so viel Raum hatte, sich frei zu bewegen. Auch war eine gewisse Anspannung zu spüren, eine Angst vor Anschlägen oder Übergriffen anderer religiöser Gruppen.

Tanzerkundung

In einem Workshop bei der Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC), begannen wir gestern das choreografische Vorgehen von Rosalind Crisp zu studieren, die die Arbeit DEEP DIVE bereits in Dresden zur Premiere gebracht hat. Mein eigenes Formenarsenal, das sehr mit meinen Zeichnungen verbunden ist, behauptet sich im Ballettsaal und geht nur vage Verbindungen mit Bewegungen von anderen ein.

Die Erkundung des Raumes steht bei mir im Vordergrund. Wenn beispielsweise ein Stück schwarzes Klebeband vom rechten Fuß auf dem weißen Ballettboden fixiert wird, streckt sich der Linke Arm nach oben, um einen Punkt in der Dachkonstruktion anzupeilen. Den Raum dazwischen umschreiben und füllen meine Gesten. Kommen Körper mit anderen Bewegungen da hinein, teilt mein linker Fuß mit, dass sie mitmachen sollen. Das gelingt auch kurz, wie ein kleiner Wortwechsel.

Im Atelier verdichtete ich die erste Schichtungsstufe der Meenakshi Sequenz auf Rolle 12. Sie umfasst das Material, das sich bei jeder Rollenumdrehung zeichnerisch akkumuliert. Am Ende der Linie angekommen, wiederhole ich das Gesträuch vielleicht drei Mal und rolle danach den Transparentpapierstreifen von hinten her in entgegengesetzte Richtung wieder auf. Dadurch entstehen neue durchscheinende Linienkonstellationen, die wiederum durchgezeichnet und verdichtet werden. Danach fügen sich diese Strukturen auch wieder in die täglichen Collagen ein.

Namdroling

Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand.“ im Museum für Angewandte Kunst, fielen mir wieder die Malereien in Namdroling ein. Diese Enklave der tibetischen Buddhisten in Südindien bildete eine Fortführung der traditionellen Bildprogramme heraus, deren Qualität eine besondere Form des Widerstandes gegen das Verschwinden dieser Kultur darstellt. Durch die technische Perfektion entwickelte sich eine Art von Überhöhung in einem Supersurrealismus feinster Malkultur.

Westlich geprägte Künstler gehen eher mit Brachialmethoden an eine Fragmentierung traditioneller Gestaltungsprinzipien heran, und wurden so, im Fall der Frankfurter Ausstellung, als Widerstandskünstler bezeichnet. Die Tibeter allerdings fielen mir, durch ihr Festhalten an den alten Formen, als wesentlich widerständiger auf.

In der Nacht, beim Nachdenken über die Meenakshisequenz, an der ich auf Rolle 12 gestern weiter arbeitete, kam mir die Idee, mit den Erlebnissen dieser Malerei in den buddhistischen Klöstern, ähnlich umzugehen. Dies kann mit Hilfe der Fotos, die ich mit meiner Lumix – Kamera gemacht habe, geschehen.

Themenwahl

„Wolle. Seide. Widerstand.“ Diese Ausstellung des Museums für Angewandte Kunst, war etwas enttäuschend, denn die Erwartungen, die der Titel schürt, haben such nur in wenigen Exponaten eingelöst. In Indien handgeknüpfte Teppiche nach Entwürfen westlicher Künstler, müssen als widerständige Kunst herhalten, stellen aber eine postkoloniale Geste dar. Die aufgesetzten politischen Themen erscheinen mir feigenblättrig. Für mich entsteht das Widerständige aus den inneren Rhythmen der Werke heraus, weniger durch die Themenwahl.

Auch ein umfangreiches Begleitheft konnte nicht befriedigend erklären, was die Textilkunst mit dem Thema zutun hat. Textzurechtrückungen sollten die Werke nicht nötig haben, damit die Kuratorenphantasie ihre Berechtigung bekommt. Das meiste wirkte also ziemlich aufgesetzt.

Vorgestern sahen wir die Theaterfassung des Romans „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow. Die etwas eintönige Inszenierung hat uns 3 Stunden gequält. Nach der Pause blieben wir hoffnungsvoll auf unseren Plätzen in der 2. Reihe. Aber nichts änderte sich. So hatten wir am Küchentisch lange zu sprechen über diese Zumutung eines Regieansatzes von Timofej Kuljabin, der in sich nicht so falsch war, denn er führte uns die graue Tristesse des Sowjetsystems als Zumutung hautnah vor Augen.

Umformen

Mehrfach zeichnete ich die Meenakshi – Tempel – Linie auf Transparentpapier durch. Dabei wird sie etwas korrigiert. Bögen werden geglättet, Abstände genauer eingerichtet und Größen leicht verändert. Das geschieht im Hinblick auf die Überlagerungen, die sich beim Zusammenrollen dieser Linie auf Rolle 12 ergeben. Sie lassen sich deutlicher strukturieren, wenn die Formen klarer komponiert sind und so besser durchgezeichnet werden können.

Viele der Jungs, die ich gestern in meinem Atelier empfangen wollte, sind krank oder anderweitig verhindert gewesen. Zwei kamen und arbeiteten konzentriert mit mir. Es entstehen ästhetisch wertvolle, dichte Figurationen, die sich aus den Frottagen meiner „Väterreliefformen“ entwickeln und von kleineren Blättern auf Transparentpapierrollen übertragen werden. So entstehen Bildergeschichten, deren Verläufe nicht vorauszusehen sind.

Und gestern schaute ich noch mal auf die Vorzeichnungen für das Tanzrelief. Dabei denke ich über eine gut handhabbare Dimension nach, was vor allem die Formen angeht, die schnell ein großes Gewicht bekommen. Für die Ausformung der einzelnen Reliefs werde ich vielleicht die Reste des zerstörten Frankfurter Kraftfeldes nutzen, sie erneut einweichen und das Material in die neuen Formen pressen, also umformen.

Erwärmt

Im dichten Gestrüpp des Gärtchens begann gestern, mit der Aluminiumleiter in der Sonne, etwas zu spät im Jahr, der Baumschnitt. Die dornenreichen, langen Äste der Robinie fielen, von der Baumschere gekappt, wütend auf mich herab, verhakten sich in der Haut meiner Hände und in den Wollschlingen des Schals. Äste, die sich meinen Atelierfenstern näherten, an ihnen klopften oder im Wind hin und her schliffen, mussten dran glauben.

Fast schon zu Hälfte ist die Tempellinie aus Madurai auf einen einzelnen Transparentpapierstreifen übertragen. Und das etwas steife Material erweist sich als gut weiterverwertbar. In der Nachbearbeitung erhält es etwas mehr geschmeidige Bewegungsfreiheit. Ein glücklicher Moment. Daneben liegen meine Fundstücke von der Reise, die entweder von den Damen herab gefallen waren oder aus Werkstätten und Gewürzplantagen stammten. Es duftet nach Indien!

Auf dem Heinweg, währen der Überquerung des Gustavsburgplatzes, sang leise, andauernd und eindringlich eine Amsel im Geäst eines der alten Bäume. Mich erwärmte das. Aber in der Nacht schneite es stark und hört auch noch nicht auf. Die Baumäste leuchten hell, Autos verschwinden unter der Flockenschicht im leisen Fallen.

Tempellinie

Im Meenakshi Tempel in Madurai zeichnete ich eine Tempellinie. Mit ihr sollte an die Tanzlinien angeknüpft werden, was aber nur bedingt gelang, denn die Steinfiguren, die mit der Linie umfahren wurden, bewegten sich nicht, wie es die Tanzfiguren taten. So habe ich es mit einer etwas statischen Spur zutun und weiß noch nicht so recht, was damit anzufangen wäre.

Im Atelier kam gestern keine heimische Atmosphäre auf. Frierend sind mir Routineabläufe bei der Erstellung der Collagen und des Arbeitstagebuchtextes durcheinander gekommen. Nach einem Tag mit der Supervision von YOU&EYE im Anna-Freud-Institut, einem Supermarkteinkauf, war ich supermüde auf der Suche danach, was sich in der Zeit unseres Aufenthalts in Südindien verändert hat. Der Blick scheint etwas verrutscht zu sein.

Noch besichtigte ich die letzten Arbeitsergebnisse nicht, aus denen das Tanzrelief entstehen soll. Aber die Weidenkätzchen im Garten lugen schon aus ihren harten, braunen Schalen hervor. Das ist eines der Zeichen, auf die ich im warmen Bangalore gehofft hatte. Morgen kommen die Jungs aus der Hindemithschule wieder ins Atelier. Darauf freue ich mich.

Südindien

Nach einer einmonatigen Reise durch Südindien, friere ich nun hier im Atelier. Die routinierten Arbeitsstrukturen kommen ins Stocken. Das handschriftliche Tagebuch führte ich an jedem Tag. Die Rikschafahrten durch das Labyrinth der Städte mit Handyfilme schauenden Fahrern im brüllenden Verkehr, dessen Regeln schwer durchschaubar blieben, zerrten manchmal an den Nerven. Auch zu Fuß hatten wir Tuchfühlung mit allen Fahrzeugen, durch deren durcheinander fließenden Strom wir die Straßen überquerten. Und ständig wird man angehupt.

Auf unserer 9. Indienreise begannen wir die dortige Welt mit anderen Augen sehen zu können. Die exotische Kulisse begann zu bröckeln. Viele der fremden Seiten dieser Kultur sahen wir schon oft und begannen nun hinter diese Schichten oder durch sie hindurch zu schauen. Im stetigen Lärm, in der Hitze und in den vielen Ortswechseln, wurde Müdigkeit zum treuen Begleiter.

Bei aller Schönheit der Bauten, ging mir die hemmungslose Prunksucht der Superreichen der Vergangenheit und der Gegenwart auf die Nerven. Dann zogen wir uns in die Plantagen der Berge zurück, wohnten mitten im Regenwald und wurden auf unserer Terrasse von den Affen bestohlen. Seit dem fehlt mir ein Korallenstein, den ich bis dahin stets für meine Buchmalereien benutzt habe.

Hin und her

Und noch mal auf Rolle 12 weiter gezeichnet, hinein in die Finsternis, die das verdichtete Licht des Tanzes ist. Vor einiger Zeit sah ich Jonathan Nagel mit seinem Kontrabass und einer Tänzerin. Heute hörte ich während der Buchmalerei Musik von ihm mit Karma Kollektiv. Er sollte diese Bilder bekommen und vielleicht können wir dann etwas Bild und Musik hin und her schicken – eine Kooperation.

Ein kleines Transparentpapierbüchlein, das ich von Oliver zu Weihnachten bekommen habe, will ich mitnehmen auf unsere Reise durch Indien. Zeichnungen, Frottagen und Weiterverarbeitungen des unterwegs gesammelten Materials, finden darin ihren Ort. Hier Im Atelier kann ich dann damit weiterarbeiten.

Der Baumtext befindet sich nun auf meinem neuen Rechner zu Hause. Dort kann ich ihn mir vorlesen lassen und dann andere Dinge damit anstellen. Vorstellen kann ich mir, dass die Worte vom Computer durch das Gitarreneffektgerät geschickt werden.

Fluss

Eine vorantreibende Schwärze entwickelt sich auf Rolle 12. Ich werde hineingezogen in die Beschleunigung und komme immer langsamer voran. Es ist das Gravitationsfeld eines Hochgefühls, ist komprimiertes Licht.

Die Malereien folgen eher den Bewegungen, die aus der Gegend hinter dem Brustkorb hervortreten und in die Arme und Hände fließen, als Ideen im Kopf. Ein Gewässer auf dem ich hinabfahre bis auf die Buchseiten, um die farblichen und strukturellen Spuren der Mitschrift zu hinterlassen. Keine Effekte, kein Pathos nur leise Notizen.

Das Gewässer entsprang in einem Traum der Letzten Nacht, in dem wir auf einem archaischen Floß einen wilden Fluss hinab trieben. Das Gefährt bestand aus Holz, Lianen und luftgefüllten Tierhäuten mit einer Hütte darauf. Ohne zu navigieren schauten wir durch ein Fenster auf die vorüberziehende Uferlandschaft. So kamen wir ans Meer und fuhren auf seine großen Wellen zu.

Malereiuniversum

Die Malerei erscheint mir an diesem Morgen wie ein Paralleluniversum. Es weist eine Restgegenständlichkeit auf, die aus Gravuren und Materialabdrucken hervor scheint. Es gibt die parallel laufenden Linien, die durch ein druckvolles Rollen des Schraubengewindes aus Kaza entstehen. Sie mischen sich mit den Haarschwüngen, mit den Lavaabdrucken und meinen Handlinien. Das alles schichtet sich und wird manchmal mit der Handkante verwischt.

Eine weitere Verdichtungsschicht schlug gestern auf Rolle 12, wie eine Welle an den Strand. Nach dieser Rückrollbewegung und den dadurch versetzten Motiven, die übereinander gezeichnet sind, übernimmt nun die Finsternis das Zepter.

Gestern schleppte ich die große Leiter in den Ausstellungsraum, um das Dach provisorisch reparieren zu können. Die Leute, die dafür zuständig wären, kümmern sich trotz des anhaltenden Regens nicht schnell genug um die Abdichtung. So steige ich, der alte Mann, auf die Leiter und erledige das.

Gabriele Stötzer

Das dichte Tanzstrauchsystem beginnt sich nun auf Rolle 12 zum fünften Mal zu wiederholen. Danach wird die Rückwärtsbewegung einsetzen, die die neue Phase der Verdichtung einläutet. Durch die Bewegung der Rohrfeder auf dem Papier, beginnen sich die Formen zu glätten und weiter auszuprägen. Dadurch werden die wesentlichen Kompositionslinien weiter entwickelt und hervorgehoben.

Gabriele Stötzer bekam vorgestern der Kaiserring der Stadt Golslar, eine der wichtigsten Kunstehrungen der Welt! Ich denke an unseren gemeinsamen Kampf in der Pädagogischen Hochschule in Erfurt und habe mich riesig gefreut. So gehört der Preis ein wenig uns allen, die damals Widerstand geleistet haben. Gratulation!

Die Bewegungen, die zu den Gesträuchsystemen meiner Siebzigerjahre führen, fließen am Rande der Buchmalereien ein. Sie treten aus den Handlinien hervor und werden zu bewegten Umrisslinien. Zunächst waren sie ein Mittel des Naturstudiums. Es ging um die Erfassung von Form, Raum und Licht. Die Hoffnung besteht heute darin, dass noch im tiefsten Schatten etwas Helligkeit herrscht. Und wenn das nur die Hintergrundstrahlung des Universums ist.

Widersprüchlich

Anne berichtet manchmal von ihren Recherchen, die Familie väterlicherseits betreffend: „Gertruds Vater, Maximilian Wolf, wurde 1943 erhängt im Tegeler Forst aufgefunden“. Es gibt eine ganze Reihe von Selbstmorden bei den Männern der väterlichen Linie. Dass diese Abgründe nun zutage kommen, füllt die Erinnerungen mit neuen Bezügen auf.

Dier alten Eintragungen des Arbeitstagebuches zu lesen, ruft widersprüchliche Reaktionen hervor. Einerseits ähneln sich die Fragestellungen häufig, was ermüdend werden kann. Dennoch ist es die Voraussetzung, tiefer in die Themen und Materialien einzutauchen. Und dann gibt es noch die schiere Masse an überraschenden Collagen, die beglücken.

2012 waren die Figurensequenzen, die sich durch das Übereinanderzeichnen auf der äußeren Schicht der Transparentpapierrolle verdichten, noch neu. Jetzt ist das eine bewährte Methode, die zuverlässig, bei konsequenter Anwendung, zu Erneuerungen führt. Diese erkenne zwar zeitnah nur ich. Auf längere Sicht sind sie deutlicher sichtbar.

Wetter

Am kalten sonnigen Sonntag machten wir einen Spaziergang um den zugefrorenen Rebstockweiher. Lange sah ich eine solch große Eisfläche nicht. Jano, der unter der Eisenbahnbrücke auf Teves West lebt und dort in den letzten Jahren eine veritable Fahrradwerkstatt eingerichtet hat, bekam von mir für die kalte Nacht einen 6 Liter Kanister kochendes Wasser, das er in einen selbst gebastelten Thermobehälter stellte.

Übernacht hat es geschneit. Der Wind hat ein Wellplastik – Dachfenster des Ateliertraktes zerstört. Dadurch dringt nun der Morgenregen ein, der ansonsten eine Schneematschlandschaft entstehen lässt. Entgegen meiner Befürchtung muss ich nun nicht die große Leiter alleine unter das Dach schleppen und das Loch provisorisch schließen. Das macht glücklicherweise die Hausverwaltung.

Am Morgen fand ich in den Linien meiner Handballenabdrücke, in denen der Lavasteine und in ihren Farben Zuversicht. Die entstandenen Buchmalereien bestehen den Vergleich mit den vorausgegangenen. Beim Anschauen kommen manchmal kleinere Korrekturen dazu, die inneren Anweisungen folgen, wie: „Die roten Linien müssen an dieser Stelle noch etwas ausfransen!“.

Traum und Tod

Gestern las ich in einem Tagebuch die Beschreibung eines Traumes vom 28.5. 1979. Darin holte ich meinen Cousin Harald von einem Flughafen mitten im Wald ab. Über uns braute sich dann ein Tornado zusammen, worauf wir uns flach auf eine Wiese legten… – Am Abend rief mich meine Tochter an und berichtete mir von seinem Tod vorgestern.

In der Pizzeria um die Ecke trafen wir gestern Franz Konter. Nach Jahren mit Sepiazeichnungen ist er nun wieder zur Farbe zurückgekehrt. Ich muss ihn mal wieder in deinem Atelier besuchen und schauen, was er da macht!

In meinem Atelier schaue ich auf Rolle 12 und sammle dabei Kräfte für das Weitermachen. Die Dichte der Zeichnungsgesträuche spiegelt mein Gefühl, das sich bei den Nachrichten über die Proteste im Iran einstellt, wieder. Das liegt auch daran, dass ich mit Reyhane gesprochen habe und mir nun ihre Betroffenheit vorstellen kann. Ob man gleich dazu etwas gemeinsam erarbeiten kann, sei dahingestellt. Aber es gibt das Gespräch darüber.

Farben als Antidepressivum

Neue Ansätze für die fortwährende Arbeit, finde ich im alltäglichen schönen Alleinsein im Atelier. Langsam bekommt das Aquarellieren mit spitzen Pinseln wieder seinen Auftritt. In den Tagebüchern der Siebzigerjahre stehen Beschreibungen von Lichtverhältnissen und deren malerische Umsetzung in Aquarellen, die ich oft zwischendurch anfertigte, neben der Beschäftigung mit Anne, der Gartenarbeit oder dem Bau meines Ateliers im Garten. Die Farben waren das Antidepressivum inmitten der grauen Gegenwart der DDR.

Zusammen mit dem Gedanken an die Monumentalität innerhalb der kleinen Bilder in den Tagebüchern, empfinde ich die Stimmungen und künstlerischen Haltungen nach. Und in den kleinen Buchmalereien lebt das alles wieder auf, was vor über 50 Jahren begann. Auf meinem Bildschirm läuft eine Diashow der Malereien von 2022. Das sind reduzierte Gesten mit Haarstrukturen in Wasserfarben.

Auf Rolle 12 bestätigte sich, dass das trotzige Fortfahren der durchgezeichneten Wiederholungen auf der Außenschicht des zusammengerollten Transparentpapiers, der richtige Weg ist und bleibt. Jetzt bildet sich eine andere Kraft. In der Fortsetzung entsteht auch eine Perspektive, wie es weitergehen kann.

Keine Lavablasen

Ein PDF des Anti-Autokratie-Handbuches von Stephan Lewandowsky ist in meinem Diktaturen-Ordner gespeichert. Der Deutschlandfunk machte ein Interview mit dem Herausgeber. 30 Seiten mit Handlungsvorschlägen, wie man sich in der Wissenschaft gegen autokratische Systeme wehrt. Die Erfahrungen aus Amerika, die dort geschildert werden, erzeugten bei mir ein Déjà-vu-Erlebnis, das 50 Jahre zurück in die DDR- Realität reicht. Nur hatten wir damals keine Widerstandshandbücher, sondern lernten langsam und schmerzvoll.

Ein iranischer Film mit dem Titel „Ein einfacher Unfall“ kommt in das deutsche Kino. Es geht um Rache an einem Folterer im Gefängnis. Geht der Regisseur in seine Heimat zurück, wie er es vorhat, erwartet ihn eine Haftstrafe.

Diese Nachrichten des Morgens haben dafür gesorgt, dass ich die Abdrücke der Lavastruktur in den Buchmalereien weggelassen habe. Stattdessen lag die Konzentration auf den Linien meiner rechten Handkante, mit der ich die Farben verwische, die in den Vertiefungen bleibt und die abgedruckte Vorlage für die Weiterentwicklung der gezeichneten Schraffuren bildet.

Trotzig fortfahren?

Den Gegensatz zwischen Reduktion und Überfrachtung in den Buchmalereien produktiv zu machen, heißt ihn nicht aufzulösen, sondern in ein spannungsvolles Verhältnis zu bringen. Zwei Schwergewichte, die ein Gleichgewicht halten sollen. Leichter gesagt als getan. Aber es ist das, womit ich gestern aufgehört habe, und womit ich heute am Morgen weitermache.

Es nähern sich auch konkrete Themen, die durch die Beschäftigung mit Diktaturen in den Fokus rücken. So steigern sich die Proteste gegen das Regime im Iran. Darüber könnte ich einen künstlerischen Dialog mit Reyhane beginnen. Und die staatlichen Unterstützungen von Kunstausstellungen in den USA sind teilweise gestrichen. Auf der anderen Seite steigen Unternehmen, die Luxuswaren produzieren, in die Kooperation mit dem Kunstmarkt ein. So verschwindet Kunst im hochspekulativen Finanzkontext.

Bei der weiteren Verdichtung der Tanzsequenz gestern, kam das Gefühl eines gewissen Leerlaufs auf. Entweder ist das Thema ausgereizt oder ich muss es über eine gewisse Grenze weitertreiben, dran bleiben, trotzig fortfahren bis es einen Sprung macht.

Stoisch

Bei meinem täglichen Radiohören, versuche ich die für mich relevanten Informationen herauszufiltern, um sie dann gesondert zu betrachten. Wie reagiert die Kunstwelt in den USA auf den turbokapitalistischen Faschismus, der das intellektuelle Leben zugrunde richtet? Können sich dadurch neue Stilrichtungen bilden? Das sind Fragen für das Diktaturenprojekt.

Meine eigene Reaktion auf diese Vorgänge in aller Welt, würde ich am ehesten als stoisch bezeichnen. So ging das Zeichnen auf Rolle 12 weiter. Die Tanzsequenz verdichtete sich in mehreren Arbeitsgängen des abermaligen Durchzeichnens auf die äußere Schicht der Rolle. Dabei bewegte ich sie zusammenrollend sowohl nach hinten als auch in entgegengesetzte Richtung vom Ende her.

Es kommt zur deutlichen Sichtbarkeit der sich stapelnden, versetzten Wiederholungen, die sich zu einer sehr intensiven Gesträuchstruktur steigern. Das kann bis zu einer Schwärze gehen, die noch einzelne helle Inseln aufweist, mit deren Umrissen dann weitergearbeitet werden kann – wie gehabt.