Hin und her

Und noch mal auf Rolle 12 weiter gezeichnet, hinein in die Finsternis, die das verdichtete Licht des Tanzes ist. Vor einiger Zeit sah ich Jonathan Nagel mit seinem Kontrabass und einer Tänzerin. Heute hörte ich während der Buchmalerei Musik von ihm mit Karma Kollektiv. Er sollte diese Bilder bekommen und vielleicht können wir dann etwas Bild und Musik hin und her schicken – eine Kooperation.

Ein kleines Transparentpapierbüchlein, das ich von Oliver zu Weihnachten bekommen habe, will ich mitnehmen auf unsere Reise durch Indien. Zeichnungen, Frottagen und Weiterverarbeitungen des unterwegs gesammelten Materials, finden darin ihren Ort. Hier Im Atelier kann ich dann damit weiterarbeiten.

Der Baumtext befindet sich nun auf meinem neuen Rechner zu Hause. Dort kann ich ihn mir vorlesen lassen und dann andere Dinge damit anstellen. Vorstellen kann ich mir, dass die Worte vom Computer durch das Gitarreneffektgerät geschickt werden.

Fluss

Eine vorantreibende Schwärze entwickelt sich auf Rolle 12. Ich werde hineingezogen in die Beschleunigung und komme immer langsamer voran. Es ist das Gravitationsfeld eines Hochgefühls, ist komprimiertes Licht.

Die Malereien folgen eher den Bewegungen, die aus der Gegend hinter dem Brustkorb hervortreten und in die Arme und Hände fließen, als Ideen im Kopf. Ein Gewässer auf dem ich hinabfahre bis auf die Buchseiten, um die farblichen und strukturellen Spuren der Mitschrift zu hinterlassen. Keine Effekte, kein Pathos nur leise Notizen.

Das Gewässer entsprang in einem Traum der Letzten Nacht, in dem wir auf einem archaischen Floß einen wilden Fluss hinab trieben. Das Gefährt bestand aus Holz, Lianen und luftgefüllten Tierhäuten mit einer Hütte darauf. Ohne zu navigieren schauten wir durch ein Fenster auf die vorüberziehende Uferlandschaft. So kamen wir ans Meer und fuhren auf seine großen Wellen zu.

Malereiuniversum

Die Malerei erscheint mir an diesem Morgen wie ein Paralleluniversum. Es weist eine Restgegenständlichkeit auf, die aus Gravuren und Materialabdrucken hervor scheint. Es gibt die parallel laufenden Linien, die durch ein druckvolles Rollen des Schraubengewindes aus Kaza entstehen. Sie mischen sich mit den Haarschwüngen, mit den Lavaabdrucken und meinen Handlinien. Das alles schichtet sich und wird manchmal mit der Handkante verwischt.

Eine weitere Verdichtungsschicht schlug gestern auf Rolle 12, wie eine Welle an den Strand. Nach dieser Rückrollbewegung und den dadurch versetzten Motiven, die übereinander gezeichnet sind, übernimmt nun die Finsternis das Zepter.

Gestern schleppte ich die große Leiter in den Ausstellungsraum, um das Dach provisorisch reparieren zu können. Die Leute, die dafür zuständig wären, kümmern sich trotz des anhaltenden Regens nicht schnell genug um die Abdichtung. So steige ich, der alte Mann, auf die Leiter und erledige das.

Gabriele Stötzer

Das dichte Tanzstrauchsystem beginnt sich nun auf Rolle 12 zum fünften Mal zu wiederholen. Danach wird die Rückwärtsbewegung einsetzen, die die neue Phase der Verdichtung einläutet. Durch die Bewegung der Rohrfeder auf dem Papier, beginnen sich die Formen zu glätten und weiter auszuprägen. Dadurch werden die wesentlichen Kompositionslinien weiter entwickelt und hervorgehoben.

Gabriele Stötzer bekam vorgestern der Kaiserring der Stadt Golslar, eine der wichtigsten Kunstehrungen der Welt! Ich denke an unseren gemeinsamen Kampf in der Pädagogischen Hochschule in Erfurt und habe mich riesig gefreut. So gehört der Preis ein wenig uns allen, die damals Widerstand geleistet haben. Gratulation!

Die Bewegungen, die zu den Gesträuchsystemen meiner Siebzigerjahre führen, fließen am Rande der Buchmalereien ein. Sie treten aus den Handlinien hervor und werden zu bewegten Umrisslinien. Zunächst waren sie ein Mittel des Naturstudiums. Es ging um die Erfassung von Form, Raum und Licht. Die Hoffnung besteht heute darin, dass noch im tiefsten Schatten etwas Helligkeit herrscht. Und wenn das nur die Hintergrundstrahlung des Universums ist.

Widersprüchlich

Anne berichtet manchmal von ihren Recherchen, die Familie väterlicherseits betreffend: „Gertruds Vater, Maximilian Wolf, wurde 1943 erhängt im Tegeler Forst aufgefunden“. Es gibt eine ganze Reihe von Selbstmorden bei den Männern der väterlichen Linie. Dass diese Abgründe nun zutage kommen, füllt die Erinnerungen mit neuen Bezügen auf.

Dier alten Eintragungen des Arbeitstagebuches zu lesen, ruft widersprüchliche Reaktionen hervor. Einerseits ähneln sich die Fragestellungen häufig, was ermüdend werden kann. Dennoch ist es die Voraussetzung, tiefer in die Themen und Materialien einzutauchen. Und dann gibt es noch die schiere Masse an überraschenden Collagen, die beglücken.

2012 waren die Figurensequenzen, die sich durch das Übereinanderzeichnen auf der äußeren Schicht der Transparentpapierrolle verdichten, noch neu. Jetzt ist das eine bewährte Methode, die zuverlässig, bei konsequenter Anwendung, zu Erneuerungen führt. Diese erkenne zwar zeitnah nur ich. Auf längere Sicht sind sie deutlicher sichtbar.

Wetter

Am kalten sonnigen Sonntag machten wir einen Spaziergang um den zugefrorenen Rebstockweiher. Lange sah ich eine solch große Eisfläche nicht. Jano, der unter der Eisenbahnbrücke auf Teves West lebt und dort in den letzten Jahren eine veritable Fahrradwerkstatt eingerichtet hat, bekam von mir für die kalte Nacht einen 6 Liter Kanister kochendes Wasser, das er in einen selbst gebastelten Thermobehälter stellte.

Übernacht hat es geschneit. Der Wind hat ein Wellplastik – Dachfenster des Ateliertraktes zerstört. Dadurch dringt nun der Morgenregen ein, der ansonsten eine Schneematschlandschaft entstehen lässt. Entgegen meiner Befürchtung muss ich nun nicht die große Leiter alleine unter das Dach schleppen und das Loch provisorisch schließen. Das macht glücklicherweise die Hausverwaltung.

Am Morgen fand ich in den Linien meiner Handballenabdrücke, in denen der Lavasteine und in ihren Farben Zuversicht. Die entstandenen Buchmalereien bestehen den Vergleich mit den vorausgegangenen. Beim Anschauen kommen manchmal kleinere Korrekturen dazu, die inneren Anweisungen folgen, wie: „Die roten Linien müssen an dieser Stelle noch etwas ausfransen!“.

Traum und Tod

Gestern las ich in einem Tagebuch die Beschreibung eines Traumes vom 28.5. 1979. Darin holte ich meinen Cousin Harald von einem Flughafen mitten im Wald ab. Über uns braute sich dann ein Tornado zusammen, worauf wir uns flach auf eine Wiese legten… – Am Abend rief mich meine Tochter an und berichtete mir von seinem Tod vorgestern.

In der Pizzeria um die Ecke trafen wir gestern Franz Konter. Nach Jahren mit Sepiazeichnungen ist er nun wieder zur Farbe zurückgekehrt. Ich muss ihn mal wieder in deinem Atelier besuchen und schauen, was er da macht!

In meinem Atelier schaue ich auf Rolle 12 und sammle dabei Kräfte für das Weitermachen. Die Dichte der Zeichnungsgesträuche spiegelt mein Gefühl, das sich bei den Nachrichten über die Proteste im Iran einstellt, wieder. Das liegt auch daran, dass ich mit Reyhane gesprochen habe und mir nun ihre Betroffenheit vorstellen kann. Ob man gleich dazu etwas gemeinsam erarbeiten kann, sei dahingestellt. Aber es gibt das Gespräch darüber.

Farben als Antidepressivum

Neue Ansätze für die fortwährende Arbeit, finde ich im alltäglichen schönen Alleinsein im Atelier. Langsam bekommt das Aquarellieren mit spitzen Pinseln wieder seinen Auftritt. In den Tagebüchern der Siebzigerjahre stehen Beschreibungen von Lichtverhältnissen und deren malerische Umsetzung in Aquarellen, die ich oft zwischendurch anfertigte, neben der Beschäftigung mit Anne, der Gartenarbeit oder dem Bau meines Ateliers im Garten. Die Farben waren das Antidepressivum inmitten der grauen Gegenwart der DDR.

Zusammen mit dem Gedanken an die Monumentalität innerhalb der kleinen Bilder in den Tagebüchern, empfinde ich die Stimmungen und künstlerischen Haltungen nach. Und in den kleinen Buchmalereien lebt das alles wieder auf, was vor über 50 Jahren begann. Auf meinem Bildschirm läuft eine Diashow der Malereien von 2022. Das sind reduzierte Gesten mit Haarstrukturen in Wasserfarben.

Auf Rolle 12 bestätigte sich, dass das trotzige Fortfahren der durchgezeichneten Wiederholungen auf der Außenschicht des zusammengerollten Transparentpapiers, der richtige Weg ist und bleibt. Jetzt bildet sich eine andere Kraft. In der Fortsetzung entsteht auch eine Perspektive, wie es weitergehen kann.

Keine Lavablasen

Ein PDF des Anti-Autokratie-Handbuches von Stephan Lewandowsky ist in meinem Diktaturen-Ordner gespeichert. Der Deutschlandfunk machte ein Interview mit dem Herausgeber. 30 Seiten mit Handlungsvorschlägen, wie man sich in der Wissenschaft gegen autokratische Systeme wehrt. Die Erfahrungen aus Amerika, die dort geschildert werden, erzeugten bei mir ein Déjà-vu-Erlebnis, das 50 Jahre zurück in die DDR- Realität reicht. Nur hatten wir damals keine Widerstandshandbücher, sondern lernten langsam und schmerzvoll.

Ein iranischer Film mit dem Titel „Ein einfacher Unfall“ kommt in das deutsche Kino. Es geht um Rache an einem Folterer im Gefängnis. Geht der Regisseur in seine Heimat zurück, wie er es vorhat, erwartet ihn eine Haftstrafe.

Diese Nachrichten des Morgens haben dafür gesorgt, dass ich die Abdrücke der Lavastruktur in den Buchmalereien weggelassen habe. Stattdessen lag die Konzentration auf den Linien meiner rechten Handkante, mit der ich die Farben verwische, die in den Vertiefungen bleibt und die abgedruckte Vorlage für die Weiterentwicklung der gezeichneten Schraffuren bildet.

Trotzig fortfahren?

Den Gegensatz zwischen Reduktion und Überfrachtung in den Buchmalereien produktiv zu machen, heißt ihn nicht aufzulösen, sondern in ein spannungsvolles Verhältnis zu bringen. Zwei Schwergewichte, die ein Gleichgewicht halten sollen. Leichter gesagt als getan. Aber es ist das, womit ich gestern aufgehört habe, und womit ich heute am Morgen weitermache.

Es nähern sich auch konkrete Themen, die durch die Beschäftigung mit Diktaturen in den Fokus rücken. So steigern sich die Proteste gegen das Regime im Iran. Darüber könnte ich einen künstlerischen Dialog mit Reyhane beginnen. Und die staatlichen Unterstützungen von Kunstausstellungen in den USA sind teilweise gestrichen. Auf der anderen Seite steigen Unternehmen, die Luxuswaren produzieren, in die Kooperation mit dem Kunstmarkt ein. So verschwindet Kunst im hochspekulativen Finanzkontext.

Bei der weiteren Verdichtung der Tanzsequenz gestern, kam das Gefühl eines gewissen Leerlaufs auf. Entweder ist das Thema ausgereizt oder ich muss es über eine gewisse Grenze weitertreiben, dran bleiben, trotzig fortfahren bis es einen Sprung macht.

Stoisch

Bei meinem täglichen Radiohören, versuche ich die für mich relevanten Informationen herauszufiltern, um sie dann gesondert zu betrachten. Wie reagiert die Kunstwelt in den USA auf den turbokapitalistischen Faschismus, der das intellektuelle Leben zugrunde richtet? Können sich dadurch neue Stilrichtungen bilden? Das sind Fragen für das Diktaturenprojekt.

Meine eigene Reaktion auf diese Vorgänge in aller Welt, würde ich am ehesten als stoisch bezeichnen. So ging das Zeichnen auf Rolle 12 weiter. Die Tanzsequenz verdichtete sich in mehreren Arbeitsgängen des abermaligen Durchzeichnens auf die äußere Schicht der Rolle. Dabei bewegte ich sie zusammenrollend sowohl nach hinten als auch in entgegengesetzte Richtung vom Ende her.

Es kommt zur deutlichen Sichtbarkeit der sich stapelnden, versetzten Wiederholungen, die sich zu einer sehr intensiven Gesträuchstruktur steigern. Das kann bis zu einer Schwärze gehen, die noch einzelne helle Inseln aufweist, mit deren Umrissen dann weitergearbeitet werden kann – wie gehabt.

Weniger Strenge

Wenn Minimalismus in den Malereien aufkommt, entspringt dieser manchmal auch mangelnder Energie, schleifender Stille oder Strukturarmut. Solche Momente können, innerhalb meiner stetigen Produktion, kostbar sein. Im besten Fall entstehen neue Arbeitsansätze, neue Experimentalaufbauten im Kopf und im Atelier.

Um mich aus der Erinnerungsschleife der 50 Jahre zurückliegenden Ereignisse herauszubewegen, höre ich erneut Dance- Elektronik-Musik von Fred Again, Musik von den Welt – Dancefloors. Es kamen Neujahrsgrüße von Reyhane aus Melbourne und im Iran gibt es neue Proteste an verschiedenen Orten. Wackelt dort die Autokratie?

Die angestrengte Ernsthaftigkeit der alten Tagebücher geht mir etwas gegen den Strich. Diese Aufgeräumtheit hat sich aber die ganze Zeit gehalten. Lässt sich der Produktionsrhythmus mit weniger Strenge ausfüllen? Die Begegnungen mit der Vaganteneiche, die den Geist und die Sprache befreien sind der erste Ansatz dafür.

Abstand herstellen

Während der Lektüre der Dokumentation unseres Protests an der Hochschule 1976 in Erfurt, bin ich noch einmal tief in die Situation eingetaucht, wie sie mir damals begegnete. Wenn sich meine Arbeit mit dieser Zeit beschäftigen sollte, hilft dieses Zurückversetzen in die Stimmung inmitten dieser Ereignisse. Aber dann muss ich da wieder heraus und Abstand herstellen, um klarer sehen zu können.

Auch deswegen lief heute während der Malerei das Technoalbum USB.02 von Fred again… Die elektronischen Experimente mit den gesampelten Gesängen anderer Künstler und deren Wiederholungen sehe ich parallel zu meinen Handballenabdrücken, zur Vervielfältigung der Motivelemente. Feine Veränderungen, im wahrsten Sinne hautnah.

Dann ist der Zeitpunkt für die geschichtlichen Rückblicke da, und die zeichnerische Auseinandersetzung oder Aufarbeitung kann beginnen.

Tagebücher

Am wichtigsten scheinen mir am Morgen die Buchmalereien zu sein. Ihre Entstehung ist vergnüglich. Selten genug spielt dabei der Gedanke an die Weiterverwendung in den Collagen, die am Vormittag folgen, eine Rolle. Der unruhige Schnitt quer über das Format, der dann folgt, teilt die Komposition in oben und unten. Beide Hälften können sich nun voneinander entfernen und den Blick in die Schichten der Vergangenheit freigeben.

Somit korrespondiert das Collagieren mit dem Vorgang des aktuellen Erinnerns an die Zeit vor 50 Jahren. In einer Fotoschachtel fand ich gestern ein Bild meiner Seminargruppe beim Kunstunterricht. An Namen kann ich mich kaum erinnern, aber wohl an das Wesen mancher Kommilitonen.

Die Tagebuchaufzeichnungen, die erst nach der Zeit an der Pädagogischen Hochschule Erfurt begannen, tragen noch etwas von der Stimmung in sich, die dort herrschte. Auf einem anderen Foto, das ich gestern fand, arbeite ich am Holzschnitt „Der Mövensturz“. Eine Aufzeichnung im Tagebuch gibt über das Datum Auskunft: 10.05. 1978. Damals schnitt ich die Bilderfolge zur „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Parallel dazu studierte ich an der Abendschule der Kunstakademie und machte eine Lehre in der Tischlerei Grahl in Coswig, die es heute noch gibt.

1976

Die Lektüre der Dokumentation „Rädelsführer“, unseres Aufruhrs 1976 in der Pädagogischen Hochschule Erfurt vor 50 Jahren, macht verschüttete Erlebnisse wieder zu Erinnerungsbildern. Und Gleichzeitig erwächst der Wunsch, das alles noch einmal zu durchdenken, um die Haltungen von damals nachzuempfinden und sie bei der Produktion einer bildnerischen Arbeit dazu, wenigstens teilweise wieder einnehmen zu können.

Vorgestern sah ich mir auf Rolle 10 noch einmal die Stasisequenz an, mit der ich eine andere Lebensphase aufarbeitete. Die Einsicht in die Akte aus der Zeit in Erfurt, ist eine Voraussetzung für eine weitere solche Arbeit. Es kostet etwas Überwindung, diese Forschung zu machen, daran zu gehen, die Akte aufzustöbern und sich wieder zu konfrontieren.

Bei der Lektüre der Dokumentation sind mir manche Studenten, Professoren und Dozenten wieder eingefallen und die entsprechenden Szenen, die ich mit ihnen erlebt habe. Allerdings gibt es aus dieser Zeit noch kein Tagebuch von mir. Auch die Mittel, das ganze künstlerisch zu fassen, hatte ich damals noch nicht. Nun aber kann ich meine Erlebnisse in eine Form bringen und sie auf diese Weise festhalten.

Naturformen

Die Linien der Handabdrücke, die am Anfang der Arbeit an den Buchmalereien hell aus den gedeckten Farbmischungen hervortreten, erzählen von Begegnungen, Berührungen und Anschlüssen. Da sind beispielsweise die groben Umrisse, die mit den Farbstiften die Differenzierungen der Naturformen nicht nachbilden können. Ebenbürtig sind ihnen aber die Steinabdrücke, die die Bewegungen der Lava, ihr Fließen und Brodeln dokumentierend und starr in sich tragen. Mit einem Feinen Pinsel, der mit etwas Wasser die Farben vom Papier aufnehmen und neu strukturieren kann, kommt man der Qualität der Naturabdrucke näher.

Die Zeit, die für diese Arbeit vorhanden ist, streckt sich durch die Konzentration ihrer Abbildung im geschichteten Raum der entstehenden Bilder. Wenn das Nachbessern der Malereien mit dem Setzen von Akzenten mit der Füllerfeder und ihrer Tinte zu grob gerät, findet sich mit dem Wasserpinsel das leuchtende Blau, das in dieser schwarzen Tinte versteckt ist. Sie wird in Thüringen, in Zella Mehlis hergestellt und landete aus Versehen im Einkaufskorb.

Der Lavastein, der heute mit seinen Abdrücken auftrat, besitzt charakteristische Oberflächenfelder. Es gibt nahezu geschlossene Flächen, die ich aber kaum nutze. Ein etwa 2 Quadratzentimeter großes Oval, zeigt kleine, fein erstarrte Blasen, die nach oben offen sind. Zwischen größeren Blasen befindet sich in der Mitte der Oberseite eine Figur mit spitz auslaufenden Gliedmaßen. Sie tritt manchmal als solche, einzeln stehend auf.

Rädelsführer

Schon die ersten Zeilen des Buches „Rädelsführer“ studentischer Protest in der DDR 1976, treffen mich im Inneren. Die Orte, an denen sich unser Aufstand formierte, setzen sich wieder zusammen. Damals habe ich das Kunsterziehungsstudium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt abgebrochen. Äußerer Anlass waren ein fünfwöchiges Militärlager, das zum Studium gehörte und der Umgang mit unseren Forderungen und mit uns als Personen.

Und erst nach unseren Aktionen gegen die Exmatrikulation des Mitstudenten Wilfried Linke, kam es zur Ausbürgerung von Wolf Biermann, gegen die wir eine erneute Unterschriftenliste erstellten. Danach wurde dann Gabriele Stötzer exmatrikuliert und später inhaftiert. Sie hat nun dieses Buch geschrieben.

Und hier komme ich auf die Spur der künstlerischen Arbeit aus diktatorischen Zusammenhängen. Anhand der Dokumentation der Ereignisse damals an der Hochschule, kann ich den Fokus auf die Struktur meiner Suche schärfen und beleben. Eine Reise in die Vergangenheit mit direktem Bezug zu unserer zu fürchtenden Zukunft. Aber unseren Widerstandsgeist wird es dann auch geben!

Wirbel

Wind wirbelt Müll über den Platz vor dem Atelier. Er sammelt sich dort, wo die Kreisbewegungen der Luft immer wieder anhaltend wehen. Solche Wirbel treten auch in den Buchmalereien auf, die ein Jahr alt sind. Damals beschäftigte sich die weitere Arbeit mit der „Dornenkronensequenz“, die von den Kerbschnittstrukturen des Kreuzes in der Arche in Neckargemünd stammt. Frottagen und Tuschezeichnungen auf Transparentpapier.

In den Collagen verband sich das mit den Buchmalereien, die damals mehr Kraft hatten als die, die ich zurzeit mache. Wobei die „Tanzlinie“ wiederum die stärkere Arbeit ist als die „Dornenkronensequenz“. Kann man vielleicht auch nicht vergleichen. Die Auswirkung der „Tanzlinie“ auf die Collagen ist allerdings von grundsätzlicher Art, denn die bewegten Horizonte, mit denen ich die Scans der Malereien in eine obere und eine untere Hälfte teile, stammen daher.

Die Blüten, die ich täglich fotografiere, werden langsam rar. Beim Pflanzengießen entdeckte ich Blütenknospen der Goethepflanze. Im starken Ostwind streute ich Vogelfutter in die vorgesehenen, schaukelnden Gefäße in den Gesträuchen neben der Wiese. Manchmal kommt Sonne über die Dächer der neuen Häuser.

Aufwärtsspirale

Direkt auf das Papier des Tagebuches, auf dem die Morgenmalereien entstehen, strahlt eine sehr starke Lampe. Wenn dieses Licht zusammen mit den Farbflächen und Strukturen hinter meine Augen tritt, verstärkt das meine Freude an dieser Arbeit. So beginnt am Anfang des Tages eine Aufwärtsspirale zwischen Licht, Farben und Körper.

Und mir fällt auf, dass die Buchmalereien gar keine Rolle mehr in den Gestaltungen auf der Transparentpapierrolle spielen. Ich bin mir aber sicher, dass sich das mit einer Pause in der Bearbeitung der Tanzlinien ändern wird oder sich alsbald damit verbinden wird.

Die kleine Serie der Baumgesänge geht mir öfter durch den Kopf, als markierte sie einen neuen Anfang. Der Bezug zum Vagantenaufenthalt auf dem Gustavsburgplatz bis zur Nazizeit, rückt die Arbeit näher an die aktuellen Themen, die auch das Frankfurter Kulturamt umtreibt.

Schreiben wie zeichnen

Schreiben möchte ich wie zeichnen. Langsam gerate ich mit der Feder, die über das Papier gleitet auf einen Weg. Er führt über die Buchseite hinaus, an dem Wasserglas vorbei, die Wand des kleinen Zimmers hinauf in seine oberste südöstliche Ecke. Diese Perspektive erfasst das Buch auf dem Schreibtisch und zugleich die kahle Allee draußen.

Vom Westhafen ging gestern ein Spaziergang am Main entlang bis zum Eisernen Steg. Ein letzter Glühwein für diese Saison auf dem dortigen Weihnachtsmarkt mit zwei Schwestern und zwei Brüdern zusammen am Stehtisch. Der Rückweg zum Pier 1, wo wir das Auto abgestellt hatten führte der tief stehenden Sonne entgegen. Auf einer Bank im wärmenden Licht luden wir unsere Batterien auf.

Nicht so hell und durchlässig, wie in den vergangenen Tagen, gerieten die Malereien dieses Morgens. Kompakte Schichtungen verdüstern die Kompositionen. Während des Malens dachte ich schon an die bewegten Horizontalschnitte, mit denen ich die Scans in eine obere und eine untere Hälfte teile. Indem ich sie auseinander ziehe entsteht der Horizont, durch den man in die Vergangenheit schauen kann.

Wehrlos

Nicht mehr lange steht die Fünf mit ihren Schwüngen oben am Ende der kleinen Datumszeile. Im Verlauf des Jahres hat sich ihr handschriftliches Erscheinungsbild etwas gewandelt, genau wie bei den Zahlen vor ihr. Nur ist es in den letzten Jahren mehr im Blick gewesen – eine tägliche kleine Aufgabe.

Dagegen sind die Buchmalereien immer ein größeres Vorhaben. Sie nehmen die Zustände ihres Verursachers auf, können sich nicht wehren, aber wohl zurückwirken auf die Verfassung des Malers, der sich ebenfalls nicht wehren kann.

Gleich wandere ich im Regen durch das schwindende Licht ins Atelier. Auf dem Platz neben meiner Eiche gibt es heute einen kleinen Weihnachtsmarkt. Lolek hat den spanischen Kindern in der vergangenen Woche ein Feuer versprochen. Das will ich auf meinem Weg besuchen. Immer mal zeige ich dort im Gusti Musikern die Worte des Baumes. Bisher ist niemand angesprungen. Vielleicht sollte ich ihnen die Blätter zeigen, die ich mit den Worten gemacht habe, statt nur den Text auf einem Display.

Baumwortserie

Das fehlende Licht schwächt auch meine Schüler. Ihre Arbeiten werden dadurch authentischer, ruppiger und nicht so harmonisch. Als sie weg waren entstanden viele kleine Blätter mit Frottagen, Tusche-Schellackwolken und mit Worten von den Besuchen der Vaganteneiche. Es ergab sich eine serielle Arbeitsweise, während der die noch feuchten Strukturen über die Blattfolge weiterwanderten.

Bei Gusti traf ich eine Tänzerin, mit der ich über mein Diktaturenprojekt sprach, um ein wenig in den Kreisen anzukommen, aus denen die Leute sind, mit denen ich zusammenarbeiten möchte. So, wie Maria Bykowa, eine Künstlerin, die in der Sowjetunion aufgewachsen ist, und mir gestern geantwortet hat und mich im Atelier besuchen will.

Für die Malereien war heute etwas mehr Zeit. Mit dieser Ruhe blieb ich dennoch näher an der minimalistischen Arbeitsweise von gestern. Der Vorgang schafft mehr substanzielle Kraft, mehr Konzentration auf das Zusammenspiel kleiner Formen mit der Gesamtkomposition.

Einfach Kaugummiautomat

Eine minimalisierte Variante der Buchmalereien entstand schon am frühen Morgen im Kopf, beim Gedanken an den engen Zeitplan des Tages. Wie die Bilder in der Vorstellung entstanden, verwirklichten sie sich auch im Buch. Einfache Mittel wie eine feuchte Handballenverwischung von trockenen Schraffuren und der folgende Abdruck an verschiedenen Stellen, eine Partie eines Lavasteines rotbraun eingefärbt, mit dem Handballendruck übertragen, ein paar sich kreuzende Linien, wenige gezeichnete Umrisse und fertig.

Gestern nahm ich Kontakt zu der Kulturwissenschaftlerin und der polnischen Künstlerin auf, die mir Carola genannt hatte. Die Allee vor meinem Zimmer ist fast leer, kaum Menschen im kalten, trüben Grau, Parklücken, Pausen des Lärms. Ich bin froh über meine vier Wände und gehe doch gleich raus.

Die Eiche wird ein tröstendes Wort haben. Bei meinen letzten Besuchen sprach sie: inferkont teskerip stronweisen verlaufim. In die Borke habe ich kleine Gegenstände geklemmt. Federn, winzige Weihnachtskugeln, bunte Kettchen und Gummifiguren aus meinem Kaugummiautomaten.

Wieder näher

Die Ostthemen, mit denen sich Franziska Haug beschäftigt, weisen immer wieder Elemente auf, die sich durch unsere gemeinsamen Ostbiografien bewegen. Petitionen gegen die Ausbürgerung von Biermann, die allgegenwärtige Denunziation durch Stasi – IM`s, wie an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, Rausschmisse und Verurteilungen. Im Gegensatz zu der Annahme, mit diesen Dingen abgeschlossen zu haben, rückt das alles nun wieder näher.

Die Fragen der Form von künstlerischer Arbeit in Diktaturen oder von Menschen die da sozialisiert sind, finden sich auch in Texten von Thomas Brasch. Die Forschungen von Franziska Haug gehen ebenfalls teilweise in diese Richtung. Meine eigene Arbeit, wie die 84 Monotypien zu „Kassandra“ von Christa Wolf kann ich daraufhin untersuchen.

Aber auch die Haltung, mit der Menschen durch diesen Alltag liefen, schienen von ihrem begrenzten Raum geformt zu sein. Und das findet sich auch auf den gemalten Bildern der Künstler, die sich nicht dem Sozialistischen Realismus verpflichtet fühlten oder sich diesem Diktat nicht beugten. Wenn nach den nächsten Landtagswahlen in Deutschland faschistische Landesregierungen gebildet werden, wird man beobachten können, wie sich künstlerische Arbeit verändert, wie die Kulturpolitik die Zügel strafft.

Vorfreude

Tanzfiguren werden in unterschiedlichen Abläufen zeichnerisch, mit Feder und Tusche, gruppiert. Dabei wandern die Gedanken schon ins nächste Jahr voraus, wenn die Reliefarbeit entstehen soll. Modelliert in Ton, wird sie in mit Gips in mehreren kleineren Formteilen abgegossen, damit alles gut handhabbar bleibt.

Eine besondere Vorfreude entwickelt hinsichtlich der Bemalung. Die Aussicht, dafür Zeit und Konzentration zu haben, hat etwas von Ferienerwartung. Die Adaption der Buchmalereitechnik dafür, hält sich nach wie vor als anhaltende Aufgabe. Mit einer elastischen Grundierung der Abgüsse kann eine solche „Übersetzung“ gelingen.

Dann sind auch noch die DIKTATUREN – Kontakte präsent. Vor Weihnachten wird es wohl nicht mehr zu Treffen kommen. Aber auch diese Aussichten sind sehr spannend. Es gibt z.B. ein Interview mit Franziska Haug zum Film „Guten Morgen ihr Schönen“, das mir Carola schickte…

Autobahnen

Manchmal auf den Autobahnen, zwischen den schwärmenden Lichtern, verliere ich die Orientierung. Nebel und Finsternis verändern die hundertmal durchfahrene Landschaft ins Unkenntliche. Wirre Verkehrsführungen um Baustellen führen mich mitunter in die falsche Richtung. Durch die Sperrung der A4 wurde ich auf eine undurchsichtig ausgeschilderte Umleitung gezwungen. Durch die Landschaften mäandernd, kam ich nach einer halben Stunde fast an die Stelle zurück, wo ich die Autobahn verließ und konnte wieder auffahren.

Nachdem gestern so wenig Zeit war für die Buchmalereien, kehrte sich die Situation heute ins Gegenteil. Ein langes Verharren in der langsamen Malerei kann zum reinen Genuss werden. Es ist nur die Frage, ob das den Bildern, die dabei entstehen, gut tut. Und das merkt man oft erst sehr viel später.

Im Ordner „Handprint Tel Aviv“ fand ich folgende Themen parallel versammelt: „Der Rock`n`Roll höhlt einen Jungpionier aus“, „Asbest_Pergamon“, „Tanz“, „Väter“ und „Zöglinge“. Der letztgenannte Ordner umfasst 42 Portraits mit Collagen täglicher Arbeit, aus dem Jahr 2015.

Jugendgesträuche

Während der Radiosendung „Klassik, Pop, etc.“ im Deutschlandfunk, die von Dirk Michaelis, einem Ost-Rockmusiker, moderiert worden ist, spürte ich wieder diese gewisse Nähe zur DDR-Musikproduktion einer bestimmten Art. Insofern die Ergebnisse von künstlerischer Geradlinigkeit geprägt sind, handelte es sich um kritisch – dissidentische Formen. Auch hier kann dem nachgespürt werden, was zu dieser speziellen Ausstrahlung führt, die direkt aus den Diktaturerfahrungen wächst.

Mir ist dabei auch klar geworden, wie ich mich Jahrzehnte nach meiner Ausreise noch von diesen Kunstäußerungen ferngehalten habe, um die Freiheit meines Denkens bemüht, um im Westen anzukommen und den Braunkohlengeruch loszuwerden. Nun holt mich das alles durch die Arbeit an DIKTATUREN wieder ein. Daran dachte ich heute während der Arbeit an den Buchmalereien und fiel wieder etwas zurück in die Gesträuchzeichnungen meiner Jugend.

Gestern zeichnete ich weiter am Tanzfries, habe da eine kompakte Abfolge von 9 ineinander greifenden Figuren gefunden. Die leichten Veränderungen beim Durchzeichnen der Liniengeflechte, führen zu ausgeprägteren Charakteren der Figurationen. Bei jedem Durchzeichnen gewinnen sie an Prägnanz.

Wortwege

sprumbler loschflu spegrim

kurgrenju memlufark klafdurelt

umblikartsch mewquistes eschrizaf

lasgrespoj

Das Gespräch mit dem Baum wird jeden Tag einfacher. An seinen Stamm gelehnt, unter der nun kahlen Krone, sprudeln die Silben durch mich hindurch.

Gestern kam die Idee auf, die Worte selbst zu vertonen, einen Sprechgesang zu finden, der mit der elektrischen Gitarre begleitet wird. Die Worte werden von einem Effektgerät verfremdet. Meine bemalte Wand bei Gusti schickt mich zehn Jahre zurück. Diesen Weg bin ich fast so schnell gegangen wie in umgekehrte Richtung. Zeit existiert doch nicht!

In meinem Blog kann ich zurückblättern bis 2011. Dort gibt es Titel wie: „Schafs-Tänzchen / Preußische Arabeske“. Viele Zeichnungslinien der Transparentpapierrollen stammen von GPS-Wanderungen im Taunus. Später nannte ich sie „Querwaldein“.

Traditionen | Rebellion

Den Schülern will ich heute die Scherbengerichte zeigen. So können sie die Entwicklung des Materials besichtigen, das zu den Reliefformen wurde, mit denen sie nun arbeiten. Die Frottagen dienen dabei der Inspiration ihrer Bildphantasie. So entstehen Reihen von eigenen Schöpfungen, deren Themen irgendwann in das Diktaturenprojekt einschwenken sollten. Wir haben also eine Tradition, die Scherbengericht heißt und die fortgeführt wird.

Von Carola bekam ich einen Kontakt zu der ukrainischen Künstlerin Mariia Bykowa, einer Illustratorin. Ihre Arbeit bedient sich des Stiles von Buchmalereien des Mittelalters, den sie erweitert in gegenwärtige Themen. Blumen spielen eine große Rolle, die aber gefährliche Blüten treiben.

Etwas Vorweihnachtsstress brach gestern aus. Innenstadt, labyrinthische Rolltreppen mit Menschenmassen, Bildschirme heischen in allen Größen und überall flackernd Aufmerksamkeit, Wege über Bahnhöfe mit schlecht gelaunten Pendlern dicht gefüllt, durch Glastunnel voll gestopft mit Waren, die niemand braucht und die regengesättigten Alleen in der Dunkelheit, um die Fahrt mit der Straßenbahn zu vermeiden. Der Körper rebelliert.

Zurückblättern

Das Zurückblättern in den Bolgeinträgen führt oft zur Bestätigung der gegenwärtigen Arbeit. Erkennbar wird die Kontinuität der Weiterentwicklung von Themen, die sich seit Jahrzehnten durch meine Arbeit ziehen. Im Januar 2016 ging es um die Rasterportraits der Zöglinge aus dem Kinderheim Gerode im Zusammenhang mit Musik und Tanz. Immer mal zeigen sich solche Konstellationen des Diktaturenprojektes.

Ein Gespräch mit der Autorin Reyhane Zarihuddini verlief, trotz des großen Altersunterschieds, sehr hoffnungsvoll, was eine künftige Zusammenarbeit angeht. Sie berichtete von ihrem Schreiben und einem kurdisch – iranischen Hintergrund. Außerdem zeichnet sie, was die Zusammenarbeit auch noch erweitern kann.

Trotz meines Vorhabens, mit dem Tanzthema zu pausieren, kam ich gestern nicht umhin, am Entwurf eines zu modellierenden Frieses auf Rolle 12 weiter zu arbeiten. Ich probiere eine Sequenz von 9 zusammenhängenden Figurationen, die in einem Reigen einen Ring bilden können. Kann sein, dass das Format einen zu engen Durchmesser bekommt. Dann erweitert sich der Kreis um weitere der vielen vorhandenen Tanzfiguren.

Gespräche

Für heute habe ich Gesprächstermine hier im Atelier gemacht. Zunächst kommt die Rapperin Dascha Reint und gleich danach die Autorin Reyhane Zarihuddini. Das sind Vorgespräche, damit ich eine wenig den Überblick bekomme, mit wem ich es zu tun haben werde. Aber um ernsthaft weiter zu machen, bedarf es nun eines verbindlichen Zeichens vom Kulturamt.

Locker gerieten die Buchmalereien und hoben mich gleich in eine bessere Stimmung. Ich hadere etwas mit einer Erkältung, die ich mit Medikamenten zurückdrängen will.

Und mir fehlt die Arbeit am Tanzthema, die ich aus Gründen der Kapazitäten jetzt erst einmal unterbrochen habe. Aber ich brenne darauf, Reliefs zu modellieren, abzugießen und zu bemalen. Kann mir jetzt nichts besseres vorstellen.

Verselbständigung von Rhythmen

Langsam versuche ich den Buchmalereien eine andere Richtung zu geben. Die Linien der Abdrücke meines Handballens verbinden sich hierbei mit dem Gesträuchmotiv. Die Faltenrhythmen der Hautoberfläche finden den Weg in die Muskeln des rechten Armes mit seiner Hand. Wahrnehmungen des Sehnervs lösen entsprechende Bewegungen aus. Manchmal übernehmen sie in der Weise die Oberhand, dass die Aquarellstifte unwillkürlich über die anvisierte Fläche hinaus zeichnen. Dieser Verselbständigung würde ich gerne auf größeren Formaten nachgehen ohne sie, wie in den Büchern, eindämmen zu müssen.

Gestern trafen wir Carola Hilmes für einen Spaziergang am Main, der auf dem Weihnachtsmarkt endete. Während einer Pause auf einer Bank am Fluss, begann ich ihr von meinem Dikaturenprojekt zu erzählen. Wie ich gehofft hatte, stieg sie darauf ein und hatte gleich ein paar entsprechende Kontakte parat, die mich auf meinem Weg weiterbringen könnten.

Für diese Woche nahm ich mir vor, die Gespräche, die ich im Rahmen des Vorhabens begonnen hatte, fortzuführen. Dabei geht es um Texte, Textilkunst und Musik. All das ist noch im Vagen, muss sich langsam entwickeln, erstmal kennen gelernt und zusammengeführt werden.

Bruch

Ein Blick auf den Anfang und das Ende des aktuellen Tagebuchs, das knapp 2 Monate umfängt und ein Durchblättern der Malereien dazwischen, ließ mich eine Gleichförmigkeit erkennen, die ich aufbrechen wollte. Obwohl ich die Kraft der Kontinuität sehr hoch schätze, sie auch langsam zu gründlichen Veränderungen führen kann, suchte ich heute den Bruch mit wilden Farbschwüngen der Aquarellstifte.

Auf Rolle 12 zeichnete ich die aus 38 Figuren bestehende Tanzsequenz zu Ende. Danach legte ich die Rolle so in Schleifen, dass ich die Figuren, die ich vor einer Woche zeichnete, mit den aktuellen so übereinander legen konnte, dass sie ineinander griffen und die Lücken passgenau ausfüllten. Nun kann ich mir die entsprechende Sequenz aus vielleicht 9 Figuren aussuchen, die dann modelliert werden soll.

Das ist eine schöne neue Aufgabe, die ich aber nicht mehr in diesem Jahr angehen möchte, weil noch zu viele andere Dinge zutun sind. Und für die Herstellung des Reliefs benötige ich eine zusammenhängende und ungestörte Zeit. Die habe ich wahrscheinlich erst im Frühjahr. Womöglich tut es der Sache gut, wenn sie eine Weile liegt.

Wellenbewegung

Gestern Nachmittag war viel Zeit zum Zeichnen. Aus den 38 Figuren des aktuellen Undertainmentfrieses kann ich nun 9 fortlaufende ineinander greifende Figuren auswählen, um sie in einen Reigen zu zeichnen. In dieser Grundform wird der Arbeitsvorgang des Zusammenrollens der Transparentpapierstreifen aufgenommen.

Die Erinnerung trifft auf die Arbeit an den 600 kleinen Blättern des Scherbengerichtes, auf denen ich Strukturen für das Väterportrait entwickelte. Die Vorstufen dazu entstanden auf den Rollen 6 und 7. Die Quintessenz dieses Vorgangs befindet sich aber auf den Reliefformen des Väterprojektes. Mit diesen Figurationen machen meine Schüler gerade Frottagen und fügen damit neue Bildergeschichten zusammen.

Einen ähnlichen Arbeitsgang würde ich gerne in die Weiterentwicklung des Tanzreigens fließen lassen. Diese Methode sollte aber nicht zu Zersplitterungen führen, sondern eher zu Wellenbewegungen, wie sie manchmal durch eine Tanzgruppe fließen.

Ein Pfad

Tanzreigenfries, ein etwas umständliches Wort, aber ein Arbeitstitel. Das Thema bietet verschiedene Objektvarianten. Ein Reliefring mit einer Außen- und einer Innenansicht. Die spiegelverkehrte Reliefwiederholung im Innenbereich ist beiseite gelegt, obwohl sie digital leicht zu erstellen wäre. Es soll bei den alten Techniken bleiben. Und so bietet sich ein Umguss der Form an, in der sie als Reliefoberfläche im Innenring erscheint. Das Ganze setzt sich aus 9 Teilen zusammen, die auch als Einzelfiguren funktionieren könnten.

Anne berichtet spannende Entdeckungen bei ihren Recherchen in den Breslauarchiven. Sie fährt im März noch mal hin, um die Situation weiter in Augenschein zu nehmen. Die Blickwinkel vor Ort können die Möglichkeiten der Geschichten präzisieren. Die konkrete Sicht auf den Dom vom Wohnungsfenster aus…

Diagonal über die Wiese des Gustavsburgplatzes, zum Stamm der Vaganteneiche hin, bildet sich ein Pfad, den ich fast täglich viermal begehe, um dem Baum zuzuhören. Manchmal spricht er schon im Näherkommen, und gleich bei der Ankunft kann das aktuelle Wort aufgeschrieben werden. Bei Ursula Krechel las ich gestern von den Lautmalereien die Kurt Schwitter in einem englischen Internierungslager schrieb. Die Worte des Baumes wären auch beziehungsreiche Sockelgestaltungen für die Tanzfiguren.

Tanzring

monbitfes grankefs opjuteslif

folymosew grimflio morwitax

sarebin

Eine künstliche Intelligenz mit diesem Kauderwelsch zu konfrontieren, wäre möglich. Aber ich zögere und halte mich fern davon, soweit es mir gelingt. Ich glaube, mit einem solchen Vorgehen, an eine Verwässerung des Gesprächs mit der Vaganteneiche.

Stattdessen sind gestern neun gezeichnete Figuren in die Zwischenräume der Tanzfigurenumrisse gelangt. Weitere neun solcher Felder sind noch offen. Wenn sie ebenfalls mit Figurationen angefüllt sind, kann ich mein Augenmerk auf einen Relieffries richten. Ein Tanzreigen in Ringform, innen mit spiegelbildlichen Reliefs des Außenrings ausgestattet.

Eine Tevesrunde der Akteure des Geländes sprach gestern über weitere Aktionen, die das Gelände sichern sollen. Erstmals hatte ich das Gefühl, dass sich eine enger verbundene Gruppe bildet, die sich um ein gemeinsames Vorgehen bemüht. Wir erfuhren in einer Eingangsrunde auch, womit sich die einzelnen Gruppen gerade beschäftigen.

In Vergessenheit

Das Treffen mit Conny Bauer in Beziehung zu der elektronischen Musik zu setzen, die wir gemeinsam hörten, setzt die Begegnung in ein anderes Licht. Es war ein Libanese, der die experimentellen Sounds entwickelte, in deren Verhältnis nun unser Treffen gestellt ist. Die Overhaedmalereien von Helge Leihberg und meine Zeichnung von Wolfgang Engel, der dem Tanz von Arila Siegert zuschaut, treten als Bilder dazu.

Die Zeichnung eines Außerirdischen, eines Schülers von mir, der auf einen Vogel im Käfig schaut, die er aus Frottagen von den Reliefformen des Väterprojektes entwickelte, schaltet sich parallel dazu. Und aus der Erde des Gustavsburgplatzes treten fremde Worte zutage, die sich aus den eingesickerten Vagantensprachen zusammengesetzt haben. Ihre Rückübersetzung kann nur mit ihrer Vertonung gelingen.

Dieser Vaganteneichentext verbindet sich mit der Weiterentwicklung der Tanzlinien und deren Figuren. Die Verflochtenheit der Tuschezeichnungen und die Silben entsprechen einander. Aber eine bildliche Verbindung will mir noch nicht gelingen. Wieder muss ich warten, und vielleicht gerät es auch in Vergessenheit.

Conny Bauer

Am Sonnabend gab es ein schräges, experimentelles Elektronikkonzert bei Gusti. Dort traf ich auch Conny Bauer, den legendären Jazzposaunisten der DDR. Aber auch in der Zeit danach hat er fleißig musiziert und veröffentlicht. Wir suchten nach gemeinsamen Bekannten aus den Dresdner Zusammenhängen und standen während des ganzen Konzertes beim frisch gezapften Bier beieinander. Eine denkwürdige Begegnung.

Die Buchmalereien von gestern und heute sind unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entstanden. Gestern hatte ich alle Ruhe der Welt und hielt mich lange mit ihnen auf. Heute, in Eile, ist aber kein qualitativer Abstieg geschehen. Es herrscht eher etwas mehr Klarheit.

Die Vaganteneichengesänge hätten gestern ganz gut zu den elektronischen Experimenten gepasst. Mit einem Mikrofon und dem Effektgerät meiner Gitarre, sind sicherlich interessante Vokalklangeinheiten produzierbar. Der Baum singt mir fast täglich ein neues Wort. Dafür soll er eine Rundbank bekommen, die ich mit Lolek im Frühjahr bauen möchte.

Tanzreigen

20 neue Tanzfiguren sind in der vergangenen Woche auf Rolle 12 auf einem zusammenhängenden Fries entstanden. Zwischen ihnen befinden sich neue Räume. Die will ich in der kommenden Woche duplizieren und mit dem Tanzfriesmaterial füllen um neue Figuren entstehen zu lassen. Dann aber ist das Undertainmentmaterial auf Transparentpapier ausgereizt.

flanskaun gindrum kasstlaf

difftsalar klapribrü nebsator

klimfres drewingat kliesertuf

blofdesigur widerflom orsankler

schrutraver sirtancfar

Das passt zu den Buchmalereien.

Mit den Tanzlinien muss ich einen weiteren Schritt in ein anderes Material machen. Dazu ist eine nochmalige Konzentration notwendig. Es geht um die Möglichkeit, eine Stilisierung des Ganzen zu erreichen, ein Fazit zu ziehen das alles zusammenfasst. Mir geht da ein Relieffries durch den Kopf, dessen Module bewegte Konturen aufweisen. Die Reihenfolge dieser Figuren einhaltend, kann aber immer die erste an das Ende gesetzt werden. Ein Reigen der Tanzfiguren entsteht.

Ins Blaue

Die Collagen verdichten sich zu immer unübersichtlicheren Landschaften mit Tuschetanzkörpern drinnen. Sie schweben zwischen den Kulissen, wie transparente Stabfiguren. Sie werfen aber keine Schatten, bleiben opak schwarz-weiß, obwohl sie auf Transparentpapier gezeichnet sind. Aus den Buchmalereien ragen oft Stäbe, die, wenn sie nach unten zeigen, zu solchen Spielfiguren hinter einem Tuch gehören könnten.

Die Schüler beschäftigten sich mit der Vergegenständlichung ihrer, zunächst abstrakten, Frottagen. Jeder bekam einen 6 Meter langen Transparentpapierstreifen, auf dem er das gefundene Material zu Szenen zusammenstellen kann. Wir fassten ins Auge, die Figurationen mit kurzen Texten zu verbinden, damit sich eine Bildergeschichte entwickeln kann. Sie arbeiteten lange konzentriert mit. An einem Punkt werden sich ihre Erzählungen mit den Schicksalen der Väter verbinden, aus denen die Strukturen stammen.

Danach zeichnete ich auf Rolle 12 weiter. Und während ich nicht aufhören kann, die neuen Umrisse mit den alten vorausgegangenen Strukturen zu füllen, frage ich mich die ganze Zeit, wo das noch hinführen soll. Der Vorgang kann nur durch eine Wendung eine Perspektive bekommen, in einer anderen Qualität. Bis dahin aber arbeite ich einfach weiter ins Blaue.

Polarität

Das ganze Tanzmaterial, das sich in der letzten Zeit noch weiter verdichtet hat, bietet eine kompakte Basis für eine Arbeit, die das alles konzentriert auf den Punkt bringt. Es bildet das Forschungszwischenergebnis für eine spätere Weiterentwicklung durch andere Akteure. Dieses Angebot in eine praktikable Form zu gießen, kann ein entscheidender Ansatz sein.

Das bereite ich schon seit einiger Zeit mit meinen Schülern vor, indem sie mit meinen Reliefformen arbeiten, Frottagen machen und eigene Geschichten damit entwickeln.

An dem Fries der Tanzfiguren arbeitete ich gestern den ganzen Tag weiter. Die Endlosigkeit der fortlaufenden Varianten von Verschachtelungen führen in eine Polarität zwischen Verzagtheit und Neugier, was mit dem Material noch möglich ist. Momentan steuert es auf einen modularen Relieffries hin, der verschieden zusammengesetzt werden kann und somit eine produktive Fortführung möglich macht.

Langsamkeit

Das Eigenleben der Transparentpapierfiguren wird komplexer. Innerhalb ihrer Umrisse überlagern sich mehrere Tanzfragmente aus der Wiederholung des Rapports. Nach unten hin fransen die Körper aus, als könnten sie schweben und brauchten die schweren Gehwerkzeuge nicht mehr. Das Zeichnen fühlt sich eher wie ein Schreiben an, ohne die Feder abzusetzen entstehen Geflechte, die weniger an Gesträuche als an die Strukturen der Lavasteine erinnern, die ich in die Buchmalereien drucke.

Nur langsame Veränderungen reihen sich in der Abfolge der Malereien in den Tagebüchern aneinander. Seit Jahren kommt es zu keinem Bruch. Und innerhalb eines Buches gibt es manchmal kaum sichtbare Entwicklungen. Aber das tägliche Interesse an Neuentwicklungen treibt die Zusammenspiele der stets anderen Strukturvariationen, wie in einem chemischen Experimentalaufbau an.

Die sich überlagernden Parallelgravuren der Gewindegänge meiner Schraube aus Kaza treffen auf die wirbelnden Linien der Holzhaarnadel, gehen in einander über oder stoßen sich ab. Die Verwischungen brechen wie Unwetter in das trockene Wachstum ein, ziehen die Farben zusammen und beruhigen das Geschehen gleichzeitig auf wenigen Quadratzentimetern.

Wendung

Mit kleinen, vorsichtigen Schritten entwickeln sich die Transparentpapierfiguren in der Hoffnung auf eine Zäsur weiter. Dann kann eine Wendung eintreten, unscheinbar und dennoch für den Arbeitsvorgang wichtig. So etwas passiert gerade innerhalb der Collagen durch die Vervielfältigung und Spiegelung ausgeschnittener Elemente. Das schafft eine barockbühnenartige Landschaftsstaffelung hintereinander gelagerter Horizonte, die einen zunehmenden Fernblick suggerieren.

Das Bildmaterial driftet über den Rahmen hinaus, verschwindet dann abgeschnitten. Deswegen vergrößerte ich in anderen Dateien den Rahmen und es entsteht dadurch eine neue Reihe von entgrenzten Collagen. Diese Ausdehnung des Formats kann zu einer Wendung führen.

Die Tanzfiguren, die als solche nur noch schwer erkennbar sind, fanden gestern keinen Eingang in die Collagen. Dafür stehen sie heute verloren in den verschachtelten Landschaften herum.

Gestalten und Landschaften

Die vielen Figuren, die die Schülerinnen aus den Frottagen der Väterportraitformen gefunden haben, können auf einem Transparentpapierstreifen zu einer Geschichte mit Textsplittern geordnet werden. So ist es möglich Erzählungsrollen zusammen zu stellen. Langsam kann ich dann auf dieser Grundlage in das DIKTATUREN – Thema einschwenken, spielerisch mit flapsigen Kommentaren einer Moralinsäure entgegenwirkend.

Zwischen den Außenlinien von Figuren aus der Undertainment-Linie wuchsen neue Tanzgestalten, die den Ballettzusammenhang langsam lösen. Dazu passen die Vaganteneichenworte, die mit Schriftschablonen des toten Schreinermeisters Roos aus einem 197 Worte umfassenden und wachsenden Text, unter die Figuren auf Rolle 12 gelangten. Vielleicht können die unverständlichen Worte durch ihren Rhythmus und melodische Färbungen etwas von ihrer Herkunft verraten, wodurch eine fremd-sinnhafte Struktur erschlossen werden könnte.

Der Beginn der Buchmalereien wird oft durch die Linien inspiriert, die sich von den Malereien 2 und 3 des Vortages auf die Seiten von heute durchgedrückt haben. In dieser Kontinuität ändern die räumlichen Lagen der Gravuren und Schraffuren die vorausgegangenen Richtungen etwas ab und lassen daraus neue Gestalten und Landschaften entstehen. Nur, wenn ich ein neues Buch beginne, wird dieser Vorgang unterbrochen.

Notizbuch

Ein weiteres Notizbuch neben dem Tagebuch erweitert die Möglichkeit, Themen, die in Zukunft eine Rolle spielen sollen, zu entwickeln und sie voneinander abzugrenzen. Bei der Arbeit mit den Jugendlichen schien DIKTATUREN schon auf, verfing aber noch nicht, weil der Beginn der zeichnerischen Arbeit so spannend war, dass alles andere unwichtig wurde. Dennoch lassen die verhaltenen Reaktionen darauf schließen, welche Relevanz das Thema bis jetzt für sie hat.

Immer öfter falle ich in den alten Zeichenrhythmus des Gesträuchs von 1977. Und vielleicht sind ja Haltungen und Empfindungen von damals durch die Bewegungen des Körpers wieder abrufbar. Das stellte sich schon ab und zu bei den Buchmalereien ein.

Der Kontakt mit den Künstlerinnen aus den verschiedenen Sparten ist sehr erfrischend. Sie werden eigene Haltungen und Erfahrungen auf den Tisch bringen. So kann es sein, dass wir mit den unterschiedlichen Perspektiven zu etwas Neuem kommen. Das ist die Hoffnung.

So kann es weitergehen

Stetig wächst der Schatz der Baumwörter. Bis jetzt kommt er ohne eine Ordnung aus. Es gibt keine Bilder, die den Klängen der fremden Worte zugeordnet sind. Er ist nur für sich selbst da – sich selbst genug, sagt man. Das im tiefen Raum verzweigte Wurzelwerk funkt in die Geflechte meines Körpers, was es weiß: fleugramb knerrfliem. So fleut, fliemt, grambt und knerrt es in meinem Kopf herum, ganz befreit.

In den Buchmalereien treten ähnliche Vorgänge in die Bilderentstehungen ein. Am nahesten sind sich die Wort- und Bildgestaltungen, die gut auch ohne einander auskommen, wenn keine gegenständlichen Anmutungen auftreten. Die Linien fliemen und gramben, wie die Farbwirbel und die Gravuren der Gewindegänge knerren. Annie Nowak könnte so etwas sicher gut sprechen.

Die Schülerinnen sahen gestern meinen Frottagen, Tuschzeichnungen und Schellackverläufen bei einer Vorführung zu. Je länger das dauerte, umso mehr Lust bekamen sie, selber damit beginnen zu können. Sie waren 2 Stunden produktiv bei der Sache, stachelten sich gegenseitig an und lachten viel. So kann es weitergehen.

Wortschlamm

Die frühen Erinnerungen an das Zeichnen, sind rhythmische Bewegungen der rechten Hand und des dazugehörigen Armes. Das geht bis in den Körper und in eine leichte Anspannung der Bauchmuskeln, wenn es zu den Schraffuren kommt, die ein Gesträuch nachempfinden. In Gotha fand eine Begegnung von mir, als jungen Menschen, mit dem Künstler Kurt W. Streubel statt. Das heißt, dass ich ihm einfach spontan besuchte, ein paar Zeichnungen von mir auf den Tisch legte und ihn fragte, wie ich weitermachen soll. Und er sagte zu mir: Setz dich vor ein Gesträuch, zeichne es von vorn bis hinten durch und finde damit zu deinem Stil. Das tat ich dann auch auf freiem Feld, neben den Gleisen der Thüringer Waldbahn, vor einem kahlen, dichten Strauch. Und gehe ich jetzt mit den Farbstiften in die Buchmalereien, spüre ich diesen Gestus noch, den ich 1977 fand.

Im Übrigen war dieser Streubel ein freier, aufrichtiger Künstler, der sich von den offiziellen Kulturvertretern der DDR – „Diktatur der Arbeiterklasse“ nichts vorschreiben ließ. Im Gegenteil, denn seine Arbeit und Haltung gegenüber dem sozialistischen Realismus, war eine Provokation. Auch diese Standhaftigkeit war mir Vorbild.

Und die Eiche sprach: stekjerwin kendekrumb larkschrau beftrull. Auf der laubbedeckten Wiese unter der großen Baumkrone, deren Durchmesser ich auf über 30 Meter schätze, entsteht ein Pfad über dem ähnlich ausgedehnten Wurzelwerk zwischen dem Wortschlamm.

Fragen finden

Oben aus der ersten Buchmalerei schauen ein paar Flamingos heraus. Abdrücke meines Lieblingslavasteines gaben ihre Gestalt vor. Er hält noch viele andere Wesen in sich bereit, die nach und nach die Szenen bespielen werden. Solche setzen sich auch auf Rolle 12 fort. Dort aber entspringen sie der Undertainment-Linie, die auf William Forsythe zurückgeht oder auf meine Begegnung mit seinen Räumen.

Manchmal hat es den Anschein, als wollten die Figuren aus der Enge der Transparentpapierrolle heraus, um greifbarer materialisiert weiterspielen zu können. Aber alle dreidimensionalen Ausformungen, häufen Material an. So bleibt es bei den Schichten der aufgerollten Zeichnungen.

Der Fragenkatalog zu DIKTATUREN entwickelt sich in einem kleinen Notizbuch, das ich in Ladakh tibetischen Flüchtlingen abgekauft habe. Diese Entwicklung kreist auch um mein Verhalten in der Diktatur, aus dem heutigen Blickwinkel. Ich stoße auf eine intensive Beschäftigung der Musikforschung mit dem Thema. Gleichzeitig kommt es gehäuft zu Begegnungen mit Künstlerinnen, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Gestern besuchte mich eine Rapperin mit russischem Hintergrund, die mir eine eigene Komposition mit einem beeindruckenden Video zeigte.

Fragen suchen

Für einen DIKTATUREN – Fragenkatalog, muss ich mich hinsetzen, nachdenken, um ihn dann schriftlich entwickeln zu können. Oder auch im Gehen denken, schreiben dabei ist aber schwieriger. Das soll am Nachmittag in dem kleinen Zimmer an der Frankenallee geschehen, mit dem Balkon zu den Baumkronen hin, das mit Schritten hin und her durchmessen werden kann, mit den sich langsam verändernden Fragen auf dem kleinen, alten Klappschreibtisch. Vielleicht ist die Entwicklung dieser Fragen auch nicht wirklich abschließbar, und es geht immer weiter damit, sodass sich auf diese Weise der Hauptstrang der Arbeit entwickelt: Fragen suchen…

William Forsythe bekam den Theaterpreis „Faust“ für eine Choreografie, die er in Hamburg mit einem klassischen Tanzensemble erarbeitet hat. Darüber freue ich mich sehr!

Auf Rolle 12 sind gestern in den neuen Zwischenräumen der alten, aber neu geordneten Umrisse der Undertainment-Linie, neue Tanzfiguren entstanden. Sie sind etwas zerfleddert, wenig kompakt und offen für die Weiterarbeit mit ihnen. Aber die Eiche sagte: wekunban naldres klatremäd wuambeg wefstraul stekjerdwin.

Gespräch mit Annie Nowak

Beim Gespräch mit Annie Nowak ist klar geworden, dass es bei den DIKTATUREN – Interviews in Zukunft eine feste Fragenstruktur geben muss. Die Unterhaltung gestern, in der Kantine des Theaters lief etwas sporadisch an einigen Übereinstimmungen der Lebens- und Arbeitshaltungen entlang. Die schnelle Offenheit, mit der wir uns begegnen konnten, ist ein hoffnungsvoller Wechsel auf künftige Gespräche.

Meiner Fragestellung nach den Gemeinsamkeiten der Entwicklung von künstlerischen Werkzeugen, bin ich dadurch näher gekommen, dass sich weitere differenziertere Themen begannen herauszubilden. Mit einer strukturierteren Herangehensweise, die Ausdauer benötigt, werden wir den Antworten näher kommen.

Ein Text der serbischen Autorin Iva Brdar, von Alida Bremer übersetzt, ist die Voraussetzung für einen Soloabend den Annie Nowak in der Box, einer kleinen Spielstätte im Schauspiel, im Januar zur Deutschen Erstaufführung bringen wird. Über diesen Gegenstand könnten wir in ein tieferes Gespräch über unsere Arbeit eintauchen.

Ins Kraut

Vor dem Transport der frostempfindlichen Pflanzen aus dem Gärtchen ins Atelier, schneide ich einige etwas zurück. Mancher Hibiskus und Wolfsmilchgewächse schossen ins Kraut und müssen eingedämmt werden. Das ist im Atelier, auf den Tischen, an den Scheiben der Rolltore, auch eine Platzfrage. Die Emotionen meiner Buchmalereien schießen auch ins Kraut. Beschneiden kann ich sie dann in den Collagen. Bei dieser etwas brutalen Tätigkeit blitzen die Gewaltpotentiale auf.

Nach den Tuschezeichnungen auf Rolle 11, den neuen Verknüpfungen und Umrissen sehne ich mich geradezu. Aber in der vergangenen Woche war zu viel Ablenkung. Meinen Schülern möchte ich auch Transparentpapierrollen geben, damit sie ähnliche Erfahrungen, wie ich machen können.

Die Arbeit an dem großen Holzstamm überfordert sie etwas. Sie würden lieber kleinere Holzteile bearbeiten. Da muss ich sie enttäuschen. Sie sollen an dieser großen, endlos scheinenden Arbeit bleiben, die vielleicht erst Gruppen nach ihnen fertig machen werden. Ansonsten können sie zurück zum Transparentpapier.

Test

Die Morgenmalereien sind der denkbar beste Beginn eines Arbeitstages. Dann folgt die Verständigung mit der Vaganteneiche auf dem Weg ins Atelier. Keine Sprachverwirrung, sondern Einklang:

trämwerold begisaf

Acht junge Männer aus der Hindemithschule besuchten mein Atelier für einen ersten Testworkshop. Sie testeten mich, ich testete sie. Was kann man sich erzählen, fragen und wie ist der Umgang? Das war recht freundlich und locker. So kann es mit uns gehen im kommenden halben Jahr. Zuvor installierte ich das Väterportrait mit seinen 16 Tafeln so, dass wir es beim Arbeiten immer im Blick haben. Sie sollen schauen, wenn sie mit den Formen Frottagen machen, wo sie sich gerade im Bild befinden. Sie erkennen die Figuren in ihren Gesträuchen, die auf dem Transparentpapier entstehen. Und dann steigen wir in die DIKTATUREN ein. Am kommenden Donnerstag kommen die jungen Frauen.

Die Collagen von 2019 stellte ich mir als Bildschirmhintergrund ein. Sie schaffen eine etwas veränderte Produktionsatmosphäre. Jede Minute ein anderes Bild vergangener Interessenlagen. Das inspiriert und macht zumeist gute Laune.

In Zungen reden

eibelpol erwegersperst

wugemlu slausfedo

geumtufl tremwärold

Im Römer, unter den vielen kaiserlichen Augenpaaren, erzählte ich Nulf, dem Pfarrer der Friedenskirche auf der Frankenallee, von meinen Begegnungen mit der Eiche. Wir sprächen in Zungen, meinte er. Im Kaisersaal trifft man viele Leute, mit denen man mal zutun hatte. Die vielen älter gewordenen Gesichter und die Sprachlosigkeit, verdeutlichen die eigene Rückzugstendenz. Es wurde auch wieder über TIXEL PLANET auf der Frankenallee gesprochen…

Abends kam es noch zur Einrichtung oder Hängung der ersten 4 von 16 Reliefplatten des Väterportraits im Atelier. Möglichst bevor die Schüler heute kommen, soll es fertig installiert sein. Auf der Schwalbacher Strasse fragten mich 4 Schülerinnen, ob ich der Frank sei. Sie wollen in der nächsten Woche ins Atelier zu YOU&EYE kommen. Kichernde Teenager – das kann was werden!

Willentlich

Willentlich sollten die kleinen Buchmalereigeschichten an diesem Morgen aus ineinander greifenden Schwüngen entwickelt werden. Sie münden in klare Akzente, wie Wendungen, Geraden und Parallelen. Umrisse entstanden, die zu Figürlichem tendieren. Auch dies, ein Wunsch, der nur zu einem Drittel erfüllt wird, denn die anderen, körperlichen Dynamiken übernehmen irgendwann die Oberhand. Diese Beobachtungen der Vorgänge sind ein Schritt zu ihrer Kontrolle. So wird auch das Unkontrollierte erst mit der Durchführung einer vagen, kurzfristigen Planung freigegeben.

Nachher bin ich zu einer Ehrung von Winni Becker, der lange Jahre das Gallustheater geleitet hat, in den Römer eingeladen. Er möchte in seiner Dankesrede auf das Frankenalleeprojekt TRIXEL PLANET eingehen, das konservative Kräfte in der Stadtverwaltung verhindert haben.

Auf Rolle 12 geht es mit den Tanzfiguren nicht so voran, wie es sein sollte. Termine, oft mitten am Tag, verhindern das. Gestern eine Reise – Gesundheits – Beratung in unserer Hausarztpraxis, heute die Verleihung der Ehrenplakette im Römer und morgen kommen Schüler ins Atelier. Immerhin wird schönes Wetter sein und wir können draußen die Brombeeren zurückschneiden.

Eichensingsang

Auf Rolle 12 brachte ich 5 Figuren, die aus der Undertainment – Tanzlinie entstanden sind, in eine neue Reihenfolge. Dadurch sind neue spannungsvolle Zwischenräume entstanden, die lineare Anhaltspunkte für neue Tanzelemente bieten. Die Reihenfolge ist nicht beliebig, sondern folgt der Schrittkombination: 1-3-2-4-6. Weil die Zeichnungen auf den Einzelblättern nummeriert sind, lassen sich nun Zahlenfolgen finden, die eine große Variationsmöglichkeit der 40 Figuren ergeben.

Schon war ich versucht, den Eichensingsang der neuen Baumwörter aus den letzten Tagen unter die Reihung zu schreiben:

struslam munfarli ugeldrant

arlundirat terginzmam splidergur

frichsent gsemgreblot gälschass

demurflosar

Auch die Buchmalereien erscheinen mir mitunter, wie schriftliche Aufzeichnungen. Sie beschreiben Zustände, die auftreten, wenn die Anforderungen einer gelungenen Komposition Impulse in das Hirn senden. Ausweichmanöver gebogener Strichbündel vor den geradlinigen Rechthaberparallelen und die Verknüpfung der Suchpunkte, beginnen Szenen zu skizzieren. Die Handlinien mit Steinabdrücken kombiniert, geben dann wieder Orientierung.

Lernschritte

In den Tagen außerhalb des Ateliers relativiert sich das dortige aktuelle Geschehen, wird unwichtiger und profaner. Andere Figuren, wie die der Undertainment-Linie, rücken wieder mehr in den Vordergrund. Ihre geschärften Charaktere sind für eine Weiterarbeit geeignet.

Wie sonst nie, entsteht diesmal jetzt schon ein Bild von der Ausstellung am Ende von YOU&EYE. In der Flucht eines Raumes im Museum für angewandte Kunst hängt das Väterportrait. Von ihm ausgehend laufen an den Wänden rechts und links Streifen der Frottagen der Schüler nach vorne. Ihr Bezug zum Relief und zu DIKTATUREN wird deutlich. Aber freilich ist diese Vorwegnahme unzulässig und stünde der Entwicklung ganz anderer Bilder im Weg.

Sandy Gabrowska-Lis arbeitet wie an einem Gegenbild der von Diktaturen und deren Nachwirkungen gebeutelten Künstlerin, das in meinem Kopf herumgeistert. Bei dieser Begegnung handelt es sich um einen Lernschritt im DIKTATUREN – Projekt. Über das Tagebuch hinaus sollte es Aufzeichnungen geben, die Gespräche und Haltungen festhalten. Eine Sammlung entsteht aus Texten, Fotografien, Abbildungen von Kunstwerken, Partituren und choreografischen Aufzeichnungen.

Gespräche

Besuch der polnischen Künstlerin Sandy, die mir Judith vorgestellt hatte, im Atelier. Ein schönes Gespräch, während sie eine Naht eines Kunstwerkes auftrennte. Sie brachte einen Milchtee (Herbata) mit. Ihre künstlerische Position ist mir in meinem näheren Bekanntenkreis noch nicht untergekommen.

Eine Liste von DIKTATUREN – Aktivitäten bekam das Kulturamt gestern. Einerseits gibt es eine Bewegung in die Breite durch vielfältige Kontakte. Es kristallisieren sich aber auch Konzentrationspunkte heraus, wie die Vaganteneiche und das Väterportrait.

Es ist damit zu rechnen, dass sich künstlerisch arbeitende Menschen gegen meine Kategorisierung wehren, ihre Arbeitsprägung ablegen und in eine alles bestimmende Eigenständigkeit treten wollen. Deswegen sind die Gespräche so wichtig.

Väterportrait DIKTATUREN

Aus einer erneuten Betrachtung des Väterportraits, das aus 16 recheckigen Teilen bestehend am Boden lag, um es den Schülern zu zeigen, die mich gestern besuchten, trat der Gedanke auf, dieser Arbeit in Diktaturen eine zentrale Rolle zuzuweisen. Die Leute, die Frottagen von den Oberflächen der Reliefformen machen, begeben sich so in die Geschichte der zwei Männer, die in Deutschland lebten. Im Faschismus und in der „Diktatur des Proletariats“.

Die Schicht der Tanzzeichnungen von mir setzt einen konträren Kommentar über das Ganze. Die Bedrohung der Oscar Fizner ausgesetzt war, als Mitglied der Fahrenden Zünfte, muss existentiell gewesen sein. Ich bringe ihn zusammen mit der Vaganteneiche… Über die harten Strukturen der Reliefformen kann man nun die weichen Tanzlinien laufen lassen.

Mit der Schauspielerin Annie Nowak bin ich demnächst in der Theaterkantine verabredet. Dort möchte ich mehr von ihrem Theaterprojekt erfahren. Es kann der Zugang sein zu einer Zusammenarbeit mit DIKTATUREN. Und vom Quartiersmanagement kam eine Einladung zu einer Reihe von Kunstereignissen. Da würde ich auch mit diesem Thema auftreten.

Wärme fehlt

Ein kurzes Gespräch mit Annie Nowak über DIKTATUREN nach einer Podiumsveranstaltung im Haus am Dom. Für gründlicheren Meinungsaustausch wird es ein Treffen geben. Demnächst gibt es einen Soloabend mit ihr in der Box des Schauspiels. Vielleicht ergeben sich da weitere Anknüpfungspunkte zum Projekt. Langsam entwickelt sich das Vorhaben mit den Leuten, die ich anspreche und im Meinungsaustausch bin.

Eine ganze Reihe von neuen Tanzfiguren bildet die Situation des vergangenen Workshops ab. Sie sind noch nicht in den Collagen enthalten. Die Farbigkeiten der neuen Scans der Buchmalereien sind noch nicht so, wie zuvor. Die Wärme fehlt.

In diesem Jahr sind die Schüler, die mit mir im Atelier Arbeiten werden älter. Sie sind schon erwachsene Menschen, ruhig, gepflegt und zivilisiert. Sie sahen das Väterportrait und hörten meine Erläuterungen zu meinen aktuellen Projekten. Die Arbeiten, die sie bei mir machen werden sind ja nicht bunt und vielleicht für sie nicht auf den ersten Blick attraktiv. Das löst sich erst später ein.

Kaum Brüche

Die Kontinuität der Buchmalereien führt nur zu langsamen Veränderungen. Es treten kaum Brüche auf. Die Neugier, lange Zeit auseinander liegende Formate nebeneinander zu sehen, führt zu den Sprüngen, die im Alltäglichen nicht auftreten.

Mein tägliches Gespräch mit der Vaganteneiche entwickelt sich zu einem Ritual. Es behauptet ein Grund für meine Existenz zu sein, wie auch das Tagebuch mit täglich 3 Malereien und die daraus entstehenden Collagen. Aber es ist umgekehrt:

frambotlin

halzraugeun

vonesirel

tolenpo

Es sind Szenen, die sich über dem Wurzelwerk abgespielt haben. An den Feuern zwischen den Wagen fielen die Worte in die Erde. Der nächste Regen nahm sie mit in die Tiefe, bis zur nächsten undurchlässigen Schicht. Dort flossen sie mit den Produktionsgiften der Tevesfabrik zusammen und veränderten sich dadurch.

Langsame Fortschritte

Die hochgesteckten Erwartungen an den Ballettabend haben sich nicht ganz erfüllt. Das liegt aber nicht an der Produktion, sondern an meiner Annahme, dass meine Rezeption des Abends wegen unserer Ballettworkshopteilnahme viel intensiver ausfallen würde. Das war nicht der Fall. Allerdings handelte es sich um ein sehr schönes Stück, wunderbar getanzt. So setze ich nun ganz auf die Entwicklung der neuen Tanzfiguren in meiner zeichnerischen Arbeit und werde die Tanzlinien dafür nutzen.

Durch die abstrakten Texte, die der Baum „spricht“, kommt es zu anderen Arbeitsebenen. Die offene und fast inhaltslose Struktur steht in starkem Kontrast zu der geschichtlich-politischen Intension. Ähnlich wie meine Wanderungen zwischen den imaginierten Baracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers, die vom GPS aufgezeichnet und von mir weiterverarbeitet wurden, sind die „Baumgesänge“ eine rein emotionale Hinwendung an das Schicksal der Fahrenden unter dem Nationalsozialismus.

Mit den neuen digitalen Werkzeugen, die meinen alten Rechner ablösen, versuche ich die Abbildungen der Buchmalereien, die mit einem neuen Scanner aufgenommen wurden, mit anderen Programmen zu bearbeiten. Das gelingt so leidlich und macht nur langsame Fortschritte.

Eine Seite des Dialogs

mirschgult brumfra

kojatensi zantreb

gujerden moklanarm

kaldremin warfam

kommt von der Baumseite in unseren Dialog. Ein kleines Kind beobachtete mich neugierig und ich versuchte ihm zu erklären, was passiert. Die Mutter jedenfalls hat es verstanden.

Wespen bauen in meinen umgestülpten Blumentöpfen im Gärtchen schöne Nester. Ich nehme sie im Spätherbst, wenn sie ausgezogen sind heraus und baue mit ihnen kleine Skulpturen. Gestern kam ich endlich wieder zum Zeichnen. Zunächst nahm ich mir die Frottagenstreifen vor und versah sie mit Zeichnungen im Stil der Tanzlinien. Dann überlagerte ich die aktuelle Tanzlinie mit derselben versetzt, um neue Figuren zu bekommen.

Am Abend gehen wir ins Ballett und sehen die Choreografie, mit deren Entstehungselementen wir uns im Workshop befasst hatten. Ich freue mich auf dieses Stück, wie selten auf einen Theaterabend. Er wird in dem Raum im Bockenheimer Depot stattfinden, in dem auch wir getanzt haben.

Tänzerisch

Die Begegnungen auf der großen Tanzfläche im Bockenheimer Depot mit den begeisterten Leuten darauf, wirken noch nach. Die gemeinsame Erkundung des Raumes mit den eigenen und den Bewegungen der anderen, das körperliche Zusammenspiel bei der Erfindung von Tanzfiguren und Aktionen, setzen bei mir eine zeichnerische Energie frei. Sie wird angespornt von den Bewegungslinien im Raum und den Verbindungen im sich bewegenden Körper.

Wenn dieser Pfad über die Tanzlinien hinausweist, dann stellt sich die Verbindung mit den Buchmalereien ein und geht zurück zu den Synaptischen Kartierungen. Schon beim Tag der offenen Tür auf Teves West, habe ich mit Besuchern Frottagen und Schellackverläufe hergestellt, die in diese Richtung gehen. Meine eigenen Arbeiten kann ich nun mit Tusche und Feder weiter tänzerisch bearbeiten.

In der Schirn Kunsthalle, die während der Renovierung in ein altes Industriegebäude umgezogen ist, sahen wir gestern die Retrospektive von Suzanne Duchamp. Dies ist ein Werk, das wenig homogen von DADA zu Realismus und wieder in die Abstraktion schwingt. Es gibt sehr schöne Bilder aus den Zwanzigerjahren und im Spätwerk.

MORNING DANCE AT NIGHT

MORNING DANCE AT NIGHT heißt eine Ballettveranstaltung im Bockenheimer Depot. Manuel, unser Tanzlehrer, führte uns durch den vierstündigen Abend, an dem wir alle miteinander und mit Profis von der Company tanzen konnten. Und gleich stellt sich für mich die Frage, wie sich diese Bewegungen meines Körpers mit den anderen auf die zeichnerische Arbeit auswirken.

Eine Tänzerin beschäftigte sich mit einem Lichtkreis, der von einer ruhenden Discokugel an die hintere Wand geworfen wurde und leicht hin und her schwang. Wir bewegten uns mit diesem Lichtfleck, in den wir auch noch unsere Schatten projizierten. Dann nahmen wir ihn in unsere Hände und transportierten das Licht in die Mitte der Bühne.

Am Nachmittag war Alexander im Atelier, um mit mir eine Schautafel für Teves West Ideen herzustellen. Nebenbei erzählte er mir von einer jungen Iranischen Autorin, die mal Schülerin der Hindemithschule war. Ich erzählte ihm von DIKTATUREN und er möchte einen Kontakt herstellen. Die Mail an Annie Nowak vom Schauspiel ist auch endlich angekommen.

Besuche

blütthep

kalper

eralmurs

wegrok

Das lese ich den Leuten vor, die in mein Atelier kommen, um zu fragen, was ich mache. Dabei entwickeln sich weitere Verknüpfungen zu anderen Gestaltungsräumen, und die Besuche werden so zu einem kreativen Akt.

Am Rande des YOU&EYE Treffens sprach ich mit einer Kollegin über DIKTATUREN. Sie erzählte mir von ihrer Mutter, die in der Sowjetunion Schönschrift lernte. Das taten sie mit Zeilenblättern, die neben den unterschiedlichen Buchstabenhöhen auch schräge Linien für die gleichmäßige Ausrichtung der Buchstaben hatten. An solche Schönschreibhefte kann ich mich auch erinnern.

Die Buchmalereien beendete ich heute vorzeitig. So „unfertig“ sind sie durchlässiger, und die feinen Strukturen des Handballens und ihre Vermischung mit den anderen Linien, treten deutlicher hervor. Die Collagen, die auseinander hervorgehen, montierte ich erstmals in eine Animation mit Überblendungen. Dadurch wird der Vorgang der Schichtung deutlich.

Gespräch mit meiner Freundin

Nur langsam entwickelt sich der neue Rechner mit anderen Programmen zu einem Werkzeug, das die Blog – Arbeit erleichtert. Das ganze Wochenende ging mit diesem Kennenlernen vorüber. Eine Lust auf Bildhauerei entsteht dadurch. Und das Herumhocken in der Wohnung bremst die Kreativität. Eine Art von Fremdheit kommt auf.

Vertraut ist das Alleinsein im Atelier. Es führt in die tiefen Schichten des Zeichnens, das in den letzten Tagen zu kurz gekommen ist. Auf dem Weg zu meinen Bildertischen begegne ich meiner Freundin, der Eiche, die auf den Gustavsburgplatz auf mich wartet. Bisher ging es bei unseren Treffen um mein Zuhören. Aber ich kann ihr auch erzählen.

Ein erstes YOU&EYE Treffen findet heute in der Hindemithschule statt. Für die Vorbereitung der Arbeit mit den Jugendlichen steht eine weitere Aufräumaktion an. Wir arbeiten mit den Väterportrait – Reliefformen zum Thema Diktaturen.

Raum im Baum

Ein neuer Scanner steht auf dem Tisch. Die Beschäftigung mit ihm dauerte gestern den ganzen Nachmittag. Und auf dem neuen Rechner befinden sich andere Bildbearbeitungsprogramme, die die Arbeit mit den Scans und Collagen verändern werden. Das ist unbequem aber spannend. Die Bilder werden sich dadurch verwandeln.

In den Bäumen des Gartens hinter unserem Haus sitzen drei Ringeltauben, eine Familie. Ihre Sitzplätze bilden die Ecken eines Raumes, eines schrägen Dreiecks zwischen den Ästen. In dem Nachbarbaum springt ein Eichhörnchen umher. Es hinterlässt eine wilde, verschlungene Linie in der Krone.

Die Morgenmalereien entstehen von alleine. Sie führen ein Eigenleben und sind fern davon, irgendwas abbilden zu wollen. Gestern fotografierte eine alte Dame meine Ateliertür, worauf ich sie zur selben hereinbat, um ihr meine Tanzlinien zu zeigen. Sie fotografiert Stadträume, die von der Natur zurückerobert werden. Meine Eiche besetzt einen großen Raum auf dem Gustavsburgplatz und füllt ihn auch mit ihren Worten:

kroffel

livar

wugene

So soll es nicht bleiben

Neben der Vervollständigung, d.h. Verdichtung der Tanzlinienfiguren, werden nun weitere neue Ballettformationen auf Rolle 12 entstehen. Die Linie wird dafür noch ein weiteres Mal durchgezeichnet. Und eine neue Tanzlinie soll aus der ferneren Erinnerung, aus der die Choreografien vielleicht deutlicher und einfacher hervortraten, entstehen. Eine Hilfszeichnung zur Rekapitulation wäre gut.

In den Collagen haben die Tuschzeichnungen einen harten Auftritt. Sie drängen aus der Trennungslinie, die quer über die Buchmalereien verläuft, kontraststark hervor und sprengen so den angelegten Farbklang. So soll es nicht bleiben. Sie müssen besser eingebunden werden.

meunar

tuplof

schlossen sich an die anderen Worte der Baumgesänge an. Die Verbindung dieses Textes mit der Tanzlinie ist noch nicht vollzogen. Irgendetwas sperrt sich. Es braucht noch mehr Zeit.

Fliegende Lieder

bluim

halemku

olleimu

fronkrumins

So singt der Baum. Was ich verstehe ist auch von den Tanzbewegungen, die in meinem Körper schlummern, gefärbt. Die Schwingungen der Silben, der Rhythmus der Schritte, die Richtungen der Gänge und der Klang des Raumes. Die Entstehung neuer Tanzfiguren erfolgt leicht aber mit Nachdruck und anhaltend konzentriert. Der Rückzug in die Raumerinnerung des Körpers hilft dabei.

Das Interesse an den Baumtexten existiert also parallel zur Erforschung des Raumes, den sie umschreiben. Erst bilden die Worte Linien, verflechten sich dann zu einem Netz, das Figuren bildet und umhüllt. Ein Wind wirbelt die Asche der ermordeten Fahrenden zu wandernden Wesen in der Landschaft auf.

Sie bevölkern auch meine Collagen, schieben sich zwischen die Buchmalereien, deren abstraktes Wesen sich nicht fernhalten kann von diesen Manifestationen der fliegenden Lieder.

Vom Bewegen her

Der vorerst letzte Ballettworkshop fand gestern Abend im Frankfurt LAB statt. Den Mitstreitern zeigte ich zwei Streifen meiner Tanzlinien. Zuerst die einzelne, durchgehende Linie und dann die Überlagerungen. Es war ihnen gleich klar, was das mit ihrer choreografischen und tänzerischen Praxis zutun hat.

Von innen, also vom sich selbst Bewegen her, hat der Tanz, im Gegensatz zum Zuschauen, ein weitaus größeres Potential für die bildkünstlerische Arbeit. Die Bewegung des eigenen Körpers löst eine viel größere Verbundenheit zu ihrer Form aus, als lediglich der Blick darauf. Durch die Zeichnung wird die Äußerung ergänzt und erweitert. Spannend wird es, wenn die zeichnerischen Liniengeflechte auf die Bewegungen zurückwirken.

Somit unterstützt die fortwährende Beschäftigung mit der körperlichen Umschreibung von Räumen, die Entwicklung der zeichnerisch-malerischen Strukturen. – Und was sagt der Baum? Der sprach:

„begonal

velium

pergeif

gesprind“.

Tabolinien | Tanzlinien | Baumgesänge

Neue Verdichtungen sind mit den Tanzlinien auf einzelnen Transparentpapierstreifen und auf Rolle 12 entstanden. Noch engmaschiger wird das Netz, wenn das Tuschelinienmaterial im Rückrollvorgang auf die äußere Schicht des zusammengerollten und durchscheinenden Papiers durchgezeichnet wird. Dies ist gleichzeitig ein rückwärts gerichteter Gang in die Zeit. So, wie die Tanzfiguren erinnert und wiederholt wurden, geschieht es nun in den Zeichnungen.

Dass daraus neue Figuren entstehen, die sich aus den verschiedenen Fragmenten zusammenschließen, setzt einen weiteren anders gearteten Arbeitsschritt voraus, der auf Rolle 11 schon einmal stattgefunden hat und somit zu besichtigen ist. Heute beim Ballettworkshop können sich die Leute, die gemeinsam die Choreografie entwickelt haben, zwei dieser gezeichneten Streifen anschauen.

Als nächstes sollen die Reste der Tabolinien auf Rolle 12 eine Verbindung mit der getanzten Struktur eingehen. Und der Baum sang:

sulpar

laholep

eflesan

lerlizur.

Auch diese Schriftlinien sind potentielle Verstärker der Tanzarbeit.

Arturo Ui

Wir sahen eine sehr schöne Premiere von „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ im Schauspiel Frankfurt. Ein grandios gefährlicher Hauptdarsteller, ein liebevoll expressionistisch gemaltes Filmset-Bühnenbild und eine sehr gelungene Regie. Projektionen und offene Szenen wechselten sich, wodurch das Ganze zu einem vielschichtigen Vexierspiel wurde. Mit Annie Nowack gibt es nun eine Übereinkunft zu einer Verabredung zum Gespräch über DIKTATUREN.

In Pirmasens hängen nun die Reliefs, die ich für Volkers Wohnung gemacht habe. Sie passen besser rein, als ich dachte. Wir brachten sie mit dem Auto hin. Eine relativ lange Fahrt. Das Hängen war noch einmal eine Kompositionsarbeit.

Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen den Reliefs und den Collagen, die ich fast täglich mache. In beiden Arbeitssträngen befindet sich die Tanzlinie, die sich quer durch die Formate bewegt und eine Schnittlinie bildet, durch deren Spalt in die Vergangenheit geschaut werden kann. Im Regen an die Vaganteneiche gelehnt, lauschte ich, durch die Risse in der Rinde, auch in die vergangenen Zeiten zurück.

Tanzlinie aus dem Kopf

Aus dem Kopf ist eine Tanzlinie entstanden. Der Vorgang unterscheidet sich grundsätzlich vom Zeichnen einer solchen „Abwicklung“ vor dem Bühnengeschehen. Die Linie kommt von innen, aus dem Erinnern der Bewegungen. Diese neue Sichtweise ist dem Ballettworkshop zu verdanken.

An der Vaganteneiche entsteht ein besonderer Ort. Zu ihrem Fuß stehen kleine Holzzylinder mit aufgesteckten Federn, die wie Skulpturen von brennenden Kerzen aussehen. Auch aus der Rinde wachsen Federn, Muscheln und Steine an Fäden. Daneben bei Gusti fand gestern eine schöne Lesung aus einem Band Kurzgeschichten von Emeli Glaser, mit dem Titel „Rahnsdorf Ripper“ statt.

Im Raum steht die Möglichkeit, die Tanzlinie zu wiederholen oder vielmehr zu variieren. Die Ausweitung dieser Arbeit kann in Richtung der Baumgesänge gehen. Ein schwingender Wortweg aus:

vokapilur

flerago

kerfedi

asingrop

nenwox.

Singende Farben

Rolle 11 ist fertig oder voll. Ein paar Ausläufer der Tanzlinie führten zum Ende des 50 m langen Transparentpapierstreifens. Diese Figurationen traten auch in den gestrigen Collagen auf. Die Rolle 12 wurde schon im Tibethaus, während der Präsentation der sehr unterschiedlichen Arbeiten von Peter van Ham und meiner, begonnen, mit zeichnerischen Objekten, die sich aus den Tabolinien ergeben haben. Nun ist das nicht so einfach fortzusetzen – abwarten also.

In der Tevesrunde kam gestern das Projekt DIKTATUREN zur Sprache. Durch eine Kooperation mit dem Internationalen Bund soll es hier „verortet“ werden. Helga Roos erzählte auf der Straße, von den Fahrenden Leuten, die in den Dreißigerjahren vom Gustavsburgplatz aus auf einen viel kleineren Platz umgesiedelt und später in die Konzentrationslager deportiert wurden.

Heute singen die Farben in den Buchmalereien, rhythmisiert durch die parallel laufenden, eingeprägten Linien der Kazaschraube, die sich in verschiedenen Winkeln zu einer Kreuzschraffur schichten. Dazu kamen Abdrücke des Steinwachstums. Auf vielen topografischen Inseln der Stadt tritt die Buchmesse auf, auch bei Gusti neben dem Vagantenbaum, mit einer Lesung.

Baumbesuche Tanzlinien

Ineinander fließen

die Baumbesuche:

uschtlen suskem

tinnis

lambirba kowuler

und die Tanzlinien im Frankfurt LAB mit meiner Umschreibung eines Quadrats. Ich warte immer noch auf ein Video von den Choreografien. Könnte aber eine solche Linie auch aus dem Kopf zeichnen und sie mit den Baumgesängen verbinden, eine getanzte Zeile.

Das Väterprojekt besteht aus 16 Reliefformen. Mit ihnen möchte ich mich mit den Schülern den DIKTATUREN nähern. Die zwei Portraits, ineinander gearbeitet, zeigen zwei Menschen aus Diktaturen: Meinen Vater und meinen Großvater. Nun bin ich gespannt, wie die jungen Menschen aus Migrantenfamilien auf dieses Thema reagieren, die ich langsam an diesen Stoff heranführen will.

Und als Ersatz für die ausfallenden Workshops während unserer Indienreise, werden wir einen Projekttag auf dem Gustavsburgplatz machen. Vielleicht kann eine Bank um die Vaganteneiche gebaut werden.

Sprechzeit – Gehzeit – Zeichen

Auf einem neuen, größeren Bildschirm überraschen die älteren Arbeiten. Die Malereien beispielsweise zum Musikstück „Where“ von David Morrow erscheinen intensiv und dicht, wie auch die jüngeren Raumunternehmungen mit ihren Spuren auf den Transparentpapierrollen. Dort stapeln sich „skriptografische Schichten“.

Die Versenkung die die Malereien am Morgen erschaffen eine anhaltende Spannung. Sie reicht bis in den Nachmittag. Das entstandene Material besitzt eine Gravitation, die Verdichtungen in den Collagen schafft. Halbbewusste Farben und Abdruckstrukturen zeigen Zeitabläufe: den Wuchs der Rinde des Vagantenbaumes, den Gewindeschnitt der Schraube aus Kaza im Himalaja und die erstarrten Gasblasen der Lavasteine, die den Korallenskeletten ähneln. Schnitte öffnen den Blick in die Zeit.

Die Abbildung der gewachsenen Musterlagen lässt sich mit der Suchfunktion der Website erkunden. Und der Baum spricht sehr alte Worte oder solche, die erst in der Zukunft ein Bild zugewiesen bekommen. Sprechzeit – Gehzeit – Zeichen.

Heilige Bäume

In Indien befinden sich allenthalben Bäume am Wegesrand, zu deren Füßen Scherben oder Bruchstücke von sakralen Gegenständen liegen. Sie wurden also nicht weggeworfen, sondern dort gelagert. Im Netz waren auf Anhieb keine Bilder davon zu finden. Vielleicht gibt es auch eine spezielle Bezeichnung dafür. Oft befindet sich ein kleiner hinduistischer Schrein daneben und die Äste sind manchmal mit Bädern geschmückt. Der Vagantenbaum könnte einen ähnlichen Charakter bekommen. Schon sein Federschmuck in Augenhöhe zum Zentrum des Platzes hin, hat etwas Heiliges:

gurdanwed muswirbul samlisarb flükrei

Im Archäologischen Museum sahen wir die Ausstellung „Archäologie der Gedanken“ von der Künstlerin Dagmar Schuldt. Sie übermalt Landkarten mit Schellack, untersucht Erinnerungsorte und installierte ein Stelenfeld mit Stempeln in das Foyer, mit denen man eine eigene Karte gestalten konnte. Die Art, wie sie mit Schellackschichten umgeht, erinnerte mich an meine Arbeit und inspiriert sie auch.

Die Buchmalereien verharren noch etwas im Wochenendschlaf. Die fehlende Tanzlinie führt nun wieder zu weniger extremen Querformaten. Und bei der Herstellung der Collagen tritt erneut eine größere Freiheit auf.

Das Spiel vom Schweben

Im Kammerspiel sahen wir gestern die Premiere des Stückes „Das Spiel vom Schweben“ von Anja Hilling. Dort wird die Erziehung des Kindes eines Ehepaars von einer künstlichen Intelligenz namens Kali unterstützt. Das findet im ersten Teil statt. Der zweite, der Monolog des Kindes Emilia, genannt Miko, bildet die Brücke zum dritten, der Widerbegegnung der Eltern nach langer Zeit. Es handelt sich nicht um einen Text einer fortlaufenden Handlung, ebenso ist die Inszenierung eher bruchstückhaft. Sie ist nicht dafür da, den Text verständlicher zu machen, wie es sich unsere Freundin Shirin Sotjitrawalla im Deutschlandfunk gewünscht hatte. Die Rätsel einer solchen Arbeit sind für mich genau richtig und produktiv.

Gestern kam ein Vertragsentwurf für YOU&EYE. Somit habe ich nun wieder Planungssicherheit und möchte DIKTATUREN mit dem Väterprojekt und dem Vagantenthema an dieser Stelle verbinden. Das ist eine neue Sache, die neue Bewegungen auslöst.

Die Tanzlinie habe ich heute in den Buchmalereien weggelassen. Lediglich in den Collagen habe ich diesen Schnitt an einer imaginären Linie entlang gemacht und noch die Federzeichnungen von gestern auf Rolle 11 eingefügt.

Zwischenraumnetze

Auf Rolle 11 wiederholen sich die Zwischenraumnetze mit den Umrissen von neuen Figurenfragmenten noch einmal. Bei dieser Wiederholung geht es um die Möglichkeit, beim Durchzeichnen im Rückrollmodus neue Anordnungen und Zwischenräume zu finden, die im Anschluss, im nächsten Schritt, in den Vordergrund gerückt werden können.

Und wegen des figuralen Zeichnens mit Tusche auf der Transparentpapierrolle, schleichen sich nun auch ebensolche Elemente in die Buchmalereien ein. Sie ließen sich ohne weiteres auf Rolle 11 übertragen und in den Verlauf einfügen, wie auch die Worte des Baumes:

hinkaugelnis duwerdop blisuramtra tieben.

Mit Figuren entstehen auch wieder Geschichten oder Gesänge in den Malereien. Sie tragen einfach ein erzählerisches Element in sich. Die Collagen bekommen durch die Federzeichnungen wieder einen anderen Charakter. Der landschaftsartige Spalt der Tanzlinien schafft Auftrittsmöglichkeiten, riesig aus den Bergen hervor oder als Flugwesen, die aus den Wolken hervorbrechen.

Farbgeschwindigkeit

In der Nacht sind aus den Bewegungen der Choreografien, die in meinem Körper abgespeichert sind, imaginierte Tanzlinien entstanden. Nach den letzten Ausläufern der vorhergegangenen Tanzlinie, entstanden gestern weitere Verdichtungen aus den Zwischenräumen der Figuren auf Rolle 11. Dort wabern die Sekundärnetze. Wenn die Videos des letzten Ballettsaal – Workshops angekommen sind, können die neuen Tanzlinien entstehen und sich damit verbinden.

In den Buchmalereien erscheinen intensive Farbigkeiten, denen mehr Beachtung geschenkt werden kann, weil sie ein Eigenleben entwickeln. Es werden unterschiedliche Geschwindigkeiten der Bewegungen angezeigt, die sie durchlaufen. Sanft, schnell, ruppig und langsam können sie sich auch neutralisieren. Ein graugrünes Gelb kommt fast zum Stillstand. Es bleibt stehen, spricht vor sich hin, fischt die Worte aus der Luft oder fängt die Eichenblätter mit den Gedichten auf.

Die Federzeichnungen, die gestern entstanden sind, haben wieder Eingang in die Collagen gefunden. Die Schnitte und Durchblicke an den Tanzlinien entlang, haben eine eigene, in sich geschlossene, Struktur entwickelt, die von den Tuschelinien wieder aufgebrochen wird. Diese tägliche Materialität in den Tagebüchern, lehnt sich glücklich gegen die digitale Flut der Säuglingshirne mit Weltwissen.

Wortmarken

Beim Workshop im Ballettsaal der Dresden Frankfurt Dance Company, sollten wir unsere eigenen choreografischen Erfindungen vertiefen, sie einer kleinen Gruppe von 5 Leuten vermitteln, um sie dann zu zeigen. Weil ich keine Modern- oder Jazzdance Erfahrungen habe, griff ich auf meine räumlich zeichnerische Beschäftigung mit Tanz zurück. Als zentrale Figur setzte ich das Quadrat in den Mittelpunkt, das es mit dem eigenen Körper und dessen Bewegung abzubilden gilt. Währenddessen zeigen die Gelenke die Eckpunkte an, durch die wir uns auf der Außenlinie der geometrischen Figur fortbewegten. Das war leicht zu erklären und meine 4 Mitstreiterinnen konnten es schnell umsetzen. Jetzt müsste ich nur noch die Worte des Baumes einfügen:

ungslen plittwark komarsre rarmuf

mefkrat speikrum lemulaf

kreilmartula stiffel

Einhundertsieben Worte aus ebenso vielen Besuchen haben sich bislang unter dem Baum manifestiert. Die Silben und Leerzeichen ergeben die Anzahl der Schritte, die ich mit diesem Text rund um die Eiche gehen kann. Wegmarken im GPS System können Worte zugeordnet werden (Wortmarken), die den Text auf den gelaufenen Linien einordnen können. Oder die Linien bestehen dann aus den Worten.

Schnell zunichte

Von einer Dachterrasse des Heidelberger Theaters sahen wir auf den Garten des Institutes für Jüdische Studien. Wir bekamen einmal im Jahr das Laubhüttenfest mit, waren neugierig, was dort stattfindet. Micha Brumlik, der damalige Chef der Einrichtung, feierte mit seinen Mitarbeiterinnen in grüner Architektur. Wir lernten uns erst in Frankfurt richtig kennen.

Und das Gedenken an das terroristische Massaker, bei dem über tausend Israelis vor zwei Jahren von der Hamas getötet worden sind, fällt nun auf diesen Feiertag. Wie kann man ihn dann begehen? Ich werde das Maya fragen.

In meinem Gärtchen ist die geflochtene Weide, unser lebendiges Kunstwerk, einem Grünschnitt zum Opfer gefallen. Alle Äste, die ich zum Ringflechten wachsen gelassen hatte, sind abgeschnitten, darüber hinaus auch bereits geflochtenes Material. Ignoranz steht den langwierigen künstlerischen Vorgängen und Überlegungen gegenüber und macht sie schnell zunichte.

Liederfarben Tanzgesang

In einem Traum war ich auf einem indischen Markt unterwegs, wo ich einen magischen Armreifen kaufte. Damit er funktioniert, brauchte ich aber eine App. Diese füllte mein Telefon bis zur Funktionsunfähigkeit.

lupodam gmingran lokfrem sprankui chelwor ungslen – das sind die Worte, die mir der Baum in den letzten Tagen flüsterte. Holz aus Verpackungsmaterial der Baustelle sammelt sich vor meinem Atelier für den Bau einer Rundbank um seinen Stamm, die ich mit Lolek zimmern möchte.

Sind die Tanzlinien in den Buchmalereien mehrfarbig, deuten sie damit unterschiedliche Bewegungsgeschwindigkeiten an. Worte gehen durch die Landschaft, streifen um die Bäume, bleiben an einem Ast hängen und werden von Wind weiter getragen. Der Schall ihrer Buchstaben verwirbelt sich dabei, erzeugt Schwingungen, die als Liederfarben bei mir ankommen. Wegworte der Vaganten, der Tanzgesang für diesen Platz.

„Guten Morgen ihr Schönen“

Gestern sah ich in dem Dokumentarfilm „Guten Morgen ihr Schönen“, über Frauenschicksale in der DDR, meine Kommilitonin Gabriele Stötzer von der Pädagogischen Hochschule Erfurt. Sie hat unsere Unterschriftenaktionen gegen die Ausbürgerung von Biermann und die Exmatrikulation eines Mitstudenten, aus politischen Gründen, bis zum Ende getragen. Das brachte ihr Haftjahre und Folter, aber auch Solidarität ein. Ich habe mich beizeiten aus der Hochschule und aus der DDR entfernt, ich musste da raus.

Es gibt noch Druckstöcke aus dieser Zeit, Holzschnitte, Radierungen. Das ist mein Grundmaterial für DIKTATUREN. Mit Jessica Beebone sprach ich gerade darüber, wie mich das Amt unterstützen kann. Ein schönes Gespräch, bei dem ich ein Interesse spürte. Auch der spartenübergreifende Aspekt und die Längerfristigkeit der Arbeit, waren Thema.

Die Kälte im Atelier hindert mich am Arbeiten. Deswegen war ich gestern Nachmittag auch nicht dort. Ich müsste dringend aufräumen, damit ich mich wieder bewegen kann. Dann steht endlich die Weiterentwicklung der Materialien auf den Transparentpapierrollen auf dem Programm.

Zeitbewegungsraum

werlambus tavigrem dreumelum kiegrei

Heute wird die Vaganteneiche vom Grünflächenamt geschnitten. Es gibt ein paar trockene Äste, die herunter fallen könnten. Mit dem GPS sprach ich gehend vom Stamm aus auf der Wiese die Worte des Baumes. Für die Rundbank um den Stamm bekommen wir, Lolek und ich, Holz von der Baustelle.

Gestern Abend ging es in einem Tanzworkshop der Dresden Frankfurt Dance Company um Improvisation und Kooperation im Raum. Mir geht es um den Raum, der durch Bewegung entsteht. Aus diesem klaren Interesse kann ich choreografische Ideen entwickeln, die die Suche nach den Zusammenhängen offen legen können. Gestern war der erste Abend, denen noch drei folgen. All das korrespondiert mit meiner Arbeit in den Buchmalereien, den Collagen und auf den Transparentpapierrollen.

Seit etwa 10 Tagen haben sich die Figuren aus den Buchmalereien verabschiedet. Offensichtlich entwickelt sich ein anderes Interesse. Die Durchblicke durch die Risse der Tanzlinien in den Collagen, schaffen einen farbigen, mehrdimensionalen, neuen Zeitbewegungsraum.

Bäume

Der Vagantenbaum sagte: numarge rämwesu erwerfed laptsum

In Augenhöhe schmücke ich ihn mit Federn, Muscheln und Hühnergöttern an Fäden, die ich mit Schlingen in die Rinde hänge.

Der längs aufgespaltene Stammabschnitt der großen Pappel, die vor einiger Zeit hier gefällt wurde, und seinen Platz neben dem Ateliereingang gefunden hat, lag am Morgen ungeworfen neben der Tür. Die Verzierungen aus allerlei Geflechten, Steinen und Drähten, kaputt, die Holzbienen ausgeflogen und die Tongefäße zerschlagen. Alle paar Wochen passiert so etwas spät am Abend, wenn junge Männer bedröhnt zu viel Kraft entwickeln.

Länger als gewöhnlich beschäftigt mich, warum die unspektakuläre und beeindruckende Spielweise der Schauspielerin Annie Nowack mir so einleuchtet. Hat das mit einem Heimaterinnern zutun, mit Ihrer Ostsozialisation und der daraus folgenden Darstellungsform? Es gehört zum Diktaturenprojekt, das heraus zu bekommen.

DISZIPLIN

Ein Langsamer Morgen. Ich nehme mir Zeit und frage mich dabei, wohin mich die Eile meiner Tage geführt hat. In den Malereien entstehen langsam Farbklänge mit den Waben des Korallensteins. Gesammelte Federn vom Mainufer stehen in einem Glas. Gänse haben sie verloren und sie bekommen nun einen Platz in den Vertiefungen der Borke des Vagantenbaumes. Ich denke an die heiligen Bäume in Indien, zu deren Füßen zerbrochene Kultgegenstände liegen und die geschmückt sind mit farbigen Bändern.

Indem meine Entfernung zu den gegenwärtigen Arbeitszusammenhängen wächst, keimt die Ahnung von etwas anderem, jenseits der Verpflichtungen, die ich bereit bin / war (eine Bewegung) einzugehen. Lange sah ich mir die Wandzeichnung im „Gusti“ an, die ich vor 10 Jahren gemacht habe… Ich sehe sie gerne. Ich hatte viel Zeit für sie.

Manchmal nimmt die Bedeutung der Dinge, auf die ich mich lange bezog und stützte, plötzlich ab. Eine Ernüchterung setzte ein, die Scheinwelten zu entdecken glaubt. Geflechte der Vorstellungen lösen sich dann auf und man steht mit leeren Händen da. Wenn dann die Routine abhanden kommt, kann alles ins Rutschen geraten. Aber es gibt ja noch die DISZIPLIN!

KORALLE

urmwap nirban nieltrafur kreifschlat

Mit den Worten ging ich einige Muster auf dem Gustavsburgplatz, noch ohne das GPS-Gerät. Es gestaltet sich mit diesem Text eine etwas ruppige Struktur, ähnlich wie die Tanzlinien, die die Malereien durchziehen.

Von einem Gesims der Wohnung nahm ich eine ovale Koralle, die eine wabenförmige Musterung auf ihrer schön gespannten Oberfläche aufweist. Mit ihr kann ich punktförmige Vertiefungen in das Papier meines Tagebuchs prägen. Diese verband ich mit Gravurlinien, wodurch eine ähnliche Musterung entsteht, wie sie die Koralle aufweist. Als Kontrast zu den gleichmäßigen Formen fungieren Verwischungen und Auflösungen durch Wasser am Handballen und durch Farblasuren im Zusammenspiel mit den Tanzlinien.

Gleich gehe ich ins Atelier, und lasse mir unterwegs etwas Fremdes vom Baum flüstern, das mich in Bewegung setzt. Der Lärm von der Mainzer Landstasse stört etwas. Mehr Stille würde dem Vorgang entgegenkommen.

HOLZ

nenfbrag fietmur sumkwer

Der Gesang der erklingt, entsteht zwischen dem Wurzelwerk und der Baumkrone. Die Melodie der Malerei, die am Morgen entsteht, folgt dem rechten Arm, der sie von innen nach außen auf das Papier bringt und zusammenfasst. Den Stamm der Vaganteneiche im Rücken, schaue ich nach oben. Mit den Füßen wurzele ich in der nassen, braunen Erde, nehme die aufgelösten Worte auf, filtere sie wieder heraus und schreibe sie mit einer Gravur, die ich schraffiere, in die Malerei. Mit dem Handballen vervielfältige ich sie per Abdruck und verwische sie zugleich.

Der Abdruck des Konglomeratsteines mit dem Muschelschalen, Kieseln und Kristallen aus den Alpen, ist Ausgangspunkt der heutigen Malereien. Und weil die Bilder im Verlauf der Arbeit immer verwaschener wurden, druckte ich noch einmal ein Lavablasenmuster an weniger Stellen darüber. Das schafft gemeinsam mit der Tanzlinie Akzente, die die auseinander fließenden Farbformen zusammenklammern.

Gestern kaufte ich Sperrholz für die Sitzflächen der vier Stühle, die ich aufarbeiten und verschenken möchte. Weil der Zuschnittservice im Baumarkt nur rechte Winkel schneidet, musste ich die Schrägen im Atelier selber sägen. Das machte ich mit einem Fuchsschwanz, der wie eine Feinsäge funktioniert. Dabei erinnerte ich mich an meine Schreinerlehre, was eine Bewegungsfreude auslöste.

HOLZ!

1

Gestern kein Kontakt mit der Eiche, andere Wege, andere Bewegungen. Stattdessen ordne ich die letzten Zuflüsterungen neu:

trachklei egaron lubarkew

ipabluss egaron trachklei

lubarkew trachklei ipabluss

ipabluss lubarkew egaron

Das war letzt ganz intuitiv. Es geht auch systematischer, was Sinn macht.

Systematisch kann ich auch bei der Betrachtung / Bewertung der Buchmalereien vorgehen. Der Tanzlinie in 1 folgend, quere ich von links ein stürmisches Areal. Das kommt von der Rindenoberfläche der Eiche. Weiter rechts blubbert ein gasiges Magma – nein es hat ausgeblubbert und wartet starr auf eine neue Verflüssigung.

Kürzlich fiel mir ein schönes Stück rotes Lavagestein auf die Strasse. Gleich wurde es von einem Vorderreifen zermahlen. Das versehrte Reststück hob ich auf und legte es ins Auto. Weiter rechts auf 1 sträuben sich ein paar helle, eingravierte Linien vor der roten Schraffur, die in ein bräunliches Grau übergeht und dann in ein Indigofeld, das sich wieder mit dem Rot einlässt. Die Verwischungen sind eine Befreiung, manchmal auch eine Enttäuschung, wenn sie mit ihrem Wind so viele schöne Strukturen verblasen. Kurz vor dem rechten Ende der Linie, ein retardierendes Moment, ein Stopp und daneben ein Handabdruck mit den hellen Linien meiner Haut.

Ausblick

egaron lubarkew trachklei

Das empfing ich unter der Baumkrone mit den fallenden Eicheln und Blättern. Franz war mit dabei, der mich zuvor im Atelier besucht hatte. Er malte mit einem Freund ein paar Tage zusammen in seinem Atelier gemeinsame Formate. Dass will ich mir nun bald mal anschauen.

Die Buchmalereien und die derzeitigen Collagen, die aus ihnen entstehen, bieten mir mit ihren Möglichkeiten einen hoffnungsvollen Ausblick. Die vielen Abdruckvarianten der Steine und der anderen Materialien ergeben ein Potential, das noch eine Weile tragen kann. Ansonsten herrscht im Atelier die unbarmherzige Kälte, die von außen durch alle Ritzen pfeift.

Bein Günestheater bin ich auf einen Mann aufmerksam geworden, der auch Schauspielmusik macht. Auf meine Frage, ob er sich als Exilkünstler begreift, verneinte er das zunächst. Weiß nicht, ob er mich richtig verstanden hat. Aber ich würde natürlich gerne wissen, was er zum Islamischen Faschismus in seiner türkischen Heimat zu sagen hat.

Antigone

dlask arweu kedfirsch ipabluss

Manchmal gehe ich schon ein paar Schritte mit den neuen Worten. Bei besserem Wetter kommt das GPS-Gerät dazu. Aus den bewegten Klängen ergibt sich vielleicht eine Geheimsprache, die sich an mein STASI-DADA-Alphabet anschließt.

Vor ein paar Tagen sahen wir die Premiere von „Antigone“ auf einer dunkel stilisierten Bühne mit hartem, weißem Licht im Schauspiel. Anni Nowack spielte die Hauptrolle wenig spektakulär aber klar und dennoch emotional. Das machte den Konflikt sehr deutlich. Mit zusätzlichen Texten einer modernen Autorin hatten einige Untote neue Auftritte.

Meine Arbeit stagniert. Ich muss endlich mit dem Relief fertig werden, damit ich mich den Transparentpapierrollen widmen kann, die mich stets voran bringen.

Konkrete Gesten

Aus dichten Wolken fällt nasskalte Finsternis. Der Vagantenbaum spricht: „rilaumip“. Daraus entsteht eine Verbindung zu „peitwilz“, einem der ersten Worte, das an dieser Stelle an mich gerichtet wurde. Heute bot er mir auch etwas Schutz vor dem Regen, weil sein Stamm ein wenig schräg steht und somit einen trockenen Raum schafft, in dem ich ihm zuhören kann.

Gerade begann ich das Gespräch über DIKTATUREN auf andere Einrichtungen auf dem Gelände auszuweiten. Ich will sehen, ob die Ansiedlung des Projektes auf Teves West einen synergetischen Effekt macht, der zu weiteren anderen Förderungen führen kann. Mir gefiele es auch, aus der reinen Kunstwelt herauszutreten.

Aus den Linien, die auf den Reliefoberflächen den Unebenheiten folgen, sollen mehr Figuren entstehen. Ich wünsche mir, dass konkrete Gesten, die aus der der Reihe von Zeichnungen, die aus der Tanzlinie entstanden sind, wieder auftauchen. Ich spüre bei dieser Arbeit, wie anders ich darüber nachdenke, wenn sie für eine mir bekannte Person entsteht.

Schwingungen hörbar

saworle dorlepin

lolipawz enskrent tascht

sprach der Baum.

Gestern arbeitete ich an den Tuschzeichnungen für die Reliefobjekte weiter. Dunkle Akzente fehlen noch, die das Ganze noch etwas weniger gleichförmig aussehen lassen.

Danach war ich zu Besuch bei der Eiche, dann bei Gusti und dann noch einmal beim Baum. Fünf Worte aber noch kein Dialog. Mit einer Metalllamelle machte ich Schwingungen hörbar. Die gehen mit den Worten zusammen.

Ich überlege, ob das DIKTATUREN Projekt auf andere Beine gestellt werden sollte. Die Haltung des Kulturamtes ist zu starr, sodass ich noch andere Partner suchen werde. Ich will mal mit Timo vom IB sprechen, der politischer Bildung gegenüber offen ist.

sprolich zifulp vebteslo ernguret

Durch die Einbeziehung der Tanzlinien, die sich quer über die Buchmalereien ziehen, Farbwege bilden, die aufgeschnitten klare Fenster in die Vergangenheit öffnen, bekommen die Collagen einen anderen Charakter. Die Struktur der gemalten Bilder tritt deutlicher hervor und die Überlagerung der Schnittkanten der verschiedenen Schichten, bildet überraschende Durchblicke.

Nun noch eine amtliche Reaktion auf meine DIKTATUREN – Projektskizze. Der Baum aber sprach: sprolich zifulp vebteslo ernguret. Diese Worte denke ich zusammen mit den Vibratoklängen der gesammelten Metalllamellen der rotierenden Kehrmaschinenbürsten, was ich unbedingt Susanne, der Musikerin erzählen muss. Und vielleicht bin ich nun auch frei für die GPS-Gänge zusammen mit den Baumgesängen (GPS-Gesänge).

Gestern zeichnete ich Federstrukturen mit Tusche auf das große bemalte Reliefobjekt. Die Linien folgen den Oberflächenstrukturen der einzelnen Felder. Diese bildeten sich beim Modellieren des Originals in Ton und sind getreu abgeformt.

ustrabela

Gestern hatte ich 2 Begegnungen mit dem Baum. Jeweils ließ ich mir 2 Worte zuflüstern. Bei diesen etwas längeren Aufenthalten deutete sich die Gelegenheit eines Dialogs an. Aber was soll ich antworten auf stederfek, ustrabela, dalwich und tegront. Lautmalerische Übersetzungen würden helfen. Auf einer Rundbank um den Stamm ließe sich das kultivieren.

Im Kino sahen wir den Film IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski. In ihm geht es um Frauenschicksale einiger Generationen auf einem Bauernhof in der Altmark. Mich nervte der Stil unscharfer Dunkelheit, langsamer Kamerafahrten und die teilweise vernuschelte Sprache etwas. Dennoch sprachen wir noch länger am Abend darüber. Und es stellte sich heraus, dass es sich bei diesem Film um eine gute Arbeit handelt.

Um das Diktaturenprojekt zum Laufen zu bringen benötige ich eine flexible Unterstützung durch das Amt. Es geht nicht um abgegrenzte Förderbereiche, sondern um eine Vielfalt von künstlerischen Sprachen. Gerne würde ich mit den Zöglingsportraits beginnen, sie auf einer Transparentpapierrolle weiterentwickeln, um sie dann mit der Gustavsburgplatzarbeit zu verbinden. Das kann in eine Ausstellung münden, zu der Arbeiten anderer Künstler zugeordnet werden.

DIKTATUREN unter dem Dach von TRIXEL PLANET

Gestern sagte die Vaganteneiche: „porela wremp tschosrat wobaldum“. Lolek traf ich, als ich tschosrat in mein Telefon tippte, denn all diese Worte kann ich mir nicht merken. Eine zweite positive Meldung zu DIKTATUREN kam aus dem Dezernat. Ich möchte die Gustavsburgplatzvorhaben in diese Arbeit mit einflechten. Allgemein ist es eine Fortführung unter dem Dach des alten Projektes TRIXEL PLANET.

Stehend auf meinem Betonfußboden arbeitete ich den ganzen Nachmittag an der Bemalung des großen Reliefobjektes. Die Tanzlinie, die sich darauf befindet teilt die Landschaft in eine nördliche und eine südliche. In den Buchmalereien findet sich diese Linie auch wieder und bildet die geschnittene Fuge in den Collagen, durch die man auf das gestrige Bild schauen kann.

Ein paar mehr tote Materialien der Vaganteneiche hätte ich gern hier im Atelier: trockene Äste, Blätter, Rindenstücke und Fruchthülsen. Bald ist es Zeit, die GPS-Gänge auf dem Platz fortzuführen oder vielmehr, einen Neuanfang mit ihnen und den Worten des Baumes zu machen. Das kann auf einer regelmäßigen Basis passieren, vom Eichenstandort ausgehend. Eine Zeichnung mit Worten, die ganz frei beginnt.

Fuge als Passage

„fentgloss sentfrurgan steilungra“ sagte gestern die Eiche. Wegen des starken Verkehrs auf der Mainzer Landstrasse, ist es meist etwas schwierig, dem Baum zuzuhören. Den summenden Stamm im Rücken und die weite Krone über mir, dringen die Worte des großen Freundes in mein Gehirn.

Auf dem größten Objekt des Reliefensembles, an dem ich nun weiterarbeite, begann ich die Malerei mit einer Tanzlinie, die sich von der rechten zur linken Seite durch die Vertiefungen des Reliefs zieht. Lasierend begann ich an ihr entlang die Farbigkeit zu entwickeln. In diesem Monat werde ich damit fertig.

An den Tanzlinien der Buchmalereien setzte ich einen Schnitt an, um die obere und untere Seite getrennt in die Collagen einzusetzen, sie auseinander zu ziehen. Im Riss dazwischen scheint die gestrige Collage hindurch. Die Fuge als Passage in die Vergangenheit.

Blasen Licht Schraffuren

frulsent rumsol

Gern würde ich nur noch schreiben, was ich vom Baum erzählt bekomme. Ein Stück seiner Rinde auf meinem Tisch, besitzt an seiner Oberfläche sehr dünne helle Fäden, die mit dem Inneren verbunden sind. Die Risse an der dem Stamm zugewandten Seite steigen senkrecht nach oben auf. Das Holz zwischen ihnen ist bereits von mir blaugrün für die Abdrücke in den Buchmalereien eingefärbt.

Eine größere Sparsamkeit beim Malen schafft in den Bildern mehr Leichtigkeit. Gasblasen der Lava gehen eine Verbindung mit dem Licht ein. Aus dem dunklen Indigo treten Cadmiumgelb und Helioblau hervor, fadendünne Papiergravuren verweben sich mit den Hautstrukturen des rechten Handballens, unter denen eine Arthrose sitzt. Schwindende Muskelmasse dort führt zu Kreuzschraffuren in den Farbabdrücken der Hand.

Auf der Frankenallee hatte ich auf einem Lampionfest zu „100 JAHRE NEUES FRANKFURT“ mit Teves West einen Stand. Dort stellte ich noch einmal, nach 20 Jahren, mein TRIXEL PLANET vor. Es kostete etwas Überwindung, die schönen Broschüren, mit der geplanten aber gescheiterten Umsetzung auf dem Grünstreifen der Allee, zu verteilen. Ich hatte viele Gespräche in den drei Stunden.

Neue Worte

gentura

kombrud

vertola

zikbla

sumwai

laumkrüpp

Das sind die neuen Worte, die ich von der Vaganteneiche empfangen habe. Mit ihnen kann ich nun gehen, sie singen oder Musik machen. Susanne wäre eine Kooperationsadresse dafür. Auch ist es vorstellbar, mit diesen Worten zu malen. Von ihnen ausgehend Linien finden und dann lasierend Farben schichten. Aus „laumkrüpp“ steigen die Blasen der Lavasteinabdrücke auf und verbinden sich mit der Tanzlinie.

Gestern zeigte ich Anne den Baum und stellte ihr Lolek vor. Wir wollen uns heute noch einmal treffen. Mal sehn, ob wir gemeinsam was machen. Außerdem sprachen wir über meinen Nachlass, ein wichtiges Thema für mich jetzt. Anne fragte, wie ich mir das ohne Schere im Kopf wünschen würde. Meine Vorstellung ist, dass die Arbeit in einem Archiv für Forschungszwecke zugänglich ist. Ein Arbeitsangebot für zukünftige Generationen. Aber es kann dabei auch einen kommerziellen Aspekt geben…