Nah und fern

Dichter, dunkler Nebel auf dem Papier der Buchmalereien. In Kiew wird aus Annes Buch „Hinter den Maueren der Ozean“ in einer Buchhandlung gelesen. Großartiges kulturelles Engagement und ein politischer Akt. Die Akademie der Wissenschaften ist kürzlich von den Russen bombardiert worden…

Das Tonrelief ist weiter gewachsen. Diese ruhige Arbeit verlangt zwar einige Geduld, tritt aber der Aufregung und Aggression, mit der alles durchsetzt zu sein scheint, entgegen. Und Mädchen tanzen auf dem Platz vor dem Atelier, um ihre Choreografie, mit ihren Handys, der ganzen Welt zu präsentieren.

Loleks Kulturkiosk GUSTI, gleich neben meiner Muschelketteninstallation, ist von außen verwüstet worden. Sämtliche Plakate, Hinweiszettel und Informationen wurden heruntergerissen, Dinge die draußen standen umher geworfen, die Mülltonnen umgekippt. Während einem Parkfest, das Caro und er veranstalteten, wurde Lolek von einer Jugendbande angepöbelt und mit Gegenständen beworfen. Auf Fotos, die er mir zeigte, erkenne ich die Jugendlichen, mit denen ich zutun hatte… Womöglich habe sie auch meine Ketten heruntergerissen.

Muscheln, Ton, Ölgemälde

Auf meinem Korbstuhl im Gärtchen stand das Ölbild einer Winterlandschaft. Kahle Bäume, eine Hochgebirgskette hinter verschneiten Hügeln. Das ist ein Geschenk vom Jano für Papi, so nennt er mich. Ich traf ihn auf der Frankenallee auf seinem Fahrrad. Immer reicht er mir seine etwas versehrte rechte Hand.

Die Trümmer meiner Muschelketten liegen auf einem meiner Tische. Dort wird das Material etwas gesäubert und neu geordnet. Dann entstehen neue Ketten. Zwei von ihnen hängte ich schon wieder an die Eiche auf dem Gustavsburgplatz. Aber ich frage mich, ob das richtig ist.

Mit dem Modellieren habe ich gestern begonnen. Damit kehrt Ruhe ein. Die Aggressivität, die von außen an mich herantritt, verliert an Wirkung. Die Konzentration beruhigt die Situation und schafft Abstand zu den Geschehnissen. Auch die Buchmalereien dämpfen den Lärm im Kopf. Manchmal hilft auch ein kühles Glas klares Wasser.

Zerstörung

Jemand hat meinen Muschelbaum auf dem Gustavsburgplatz zerstört. Leute, die dort oft sind, sagten mir, es seien Kinder gewesen. Die meisten Ketten waren zerrissen und auf den Boden geworfen worden. Dort wurde auf ihnen herumgetrampelt, sodass viele der Muscheln kaputt sind. Trotzdem habe ich alles aufgesammelt und erst einmal mit ins Atelier genommen.

Am Main, beim Westhafen, gibt es eine schöne große Wasserfläche. Ich schaue gerne über die Wellen und die Bewegungen, die vom Wind herrühren und das Glitzern des Lichtes tragen. Ein kleines Café, das aus einem Kleinbus heraus betrieben wird, besuchen wir gerne an dieser Stelle auf unseren Spaziergängen.

Auch in diesem Winter werde ich wieder innerhalb des Projektes YOU&EYE mit Schülern zutun haben. Diese Nachricht von Kulturamt kam gestern. Kinder sind mir gerade etwas suspekt. Bei ihnen zeigt sich die Brutalisierung der Gesellschaft besonders direkt.

Kinderbande

Gerade hatte ich Besuch von einer Kinderbande. Zunächst interessierten sie sich für das Atelier, wurden dann aber übergriffig und frech, schmissen ihre Coladosen in die Wiese und hauten mit großem Geschrei ab. Dann kamen sie wieder, warfen eine leere Glasflasche auf den Platz die zerschellte, johlten und verschwanden wieder. Ich war präsent und wartete. Nach einer Viertelstunde kamen sie, um sich zu entschuldigen, ihren Müll wegzuräumen und wir verabredeten gute Nachbarschaft.

Gestern versiegelte ich die vierte Reliefform. Ich fühle mich derzeit mit diesen handwerklich – praktischen Arbeiten wohl. Aber in der kommenden Woche modelliere ich das fünfte Relief und forme das vierte Tanzrelief erstmalig ab.

Demnächst nehme ich wieder an einem Tanzworkshop teil. Weil mich aber meine Arthrose am Tanzen hindert, will ich nur zeichnend teilnehmen. Ich hoffe, dass das akzeptiert wird, müsste es aber Fairerweise etwas vorbereiten, mal telefonieren, damit die Veranstalter nicht so überrumpelt werden von meinem Ansinnen.

Mehr Farbe weniger Tamtam

Ohne meine Projekte zu vernachlässigen, möchte ich etwas mehr mit Farbe zutun bekommen. Und vorhin hatte ich die Idee, nasses Aquarellpapier in die Formen zu drücken, das ich nach dem Trocknen bemalen kann, Viele Möglichkeiten! Wo kann ich beginnen?

Nun sind die Scans der Malereien, die ich in Frankreich gemacht habe fertig. Eigentlich steht jetzt das Modellieren des letzten Tanzreliefs an, das ich vorher aus versehen seitenverkehrt modelliert und abgegossen hatte. Und so sehr ich mich vor der Reise schon auf diese Arbeit gefreute hatte, so lau ist nun der Elan, damit zu beginnen.

Immer wieder hänge ich weitere Muschelketten an den Vagantenbaum, um damit an die Fahrenden Leute zu erinnern. Bei einem Druckworkshop mit Buchstaben auf den Gustavsburgplatz, erzählte ich von meinem Projekt und las auch ein paar Worte aus den Baumgesängen vor. Es wäre schön, wenn der Ort von ganz alleine seine Bestimmung bekommt, ohne viel Tamtam.

Zeichnen

Die Aufgabe, die nach Reisen ansteht, ist das Scannen aller Buchmalereien, die unterwegs entstanden sind. Es sind diesmal 60 kleine, schwebende Bilder. Manchmal stelle ich mir vor, sie größer auf stabiles Material auszudrucken, um sie dann zu überarbeiten. Hierzu gehen mir Strichzeichnungen durch den Kopf von Szenen, Architekturen und Landschaften, die in den Texten dazwischen beschrieben sind.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Federzeichnungen, die ich als sehr junger Mann von den Portalen der Französischen Kathedralen gemacht habe, die wir nun besuchen. Sie entstanden damals aus Fernweh! Bald stellte ich dann den Ausreiseantrag.

Am Nachmittag nahm ich mir ein Tanzrelief vor, das ich grundiert und dann begonnen hatte, die vertieften Linien mit schwarzer Tusche zu verstärken. Das führte ich weiter. Dann am Bahndamm setzte sich ein Bussard nahe zu mir neben meine Bank auf einen Zaun und erzeugte einige Aufregung bei den Meisen, Amseln, Elstern und Spatzen. Sie schrieen, als wollten sie ihn vertreiben. Ohne mich zu bemerken flog er wieder davon.

Bild und Klang

Die Musik, die in den gotischen Kathedralen gesungen wurde, holte im Zusammenspiel mit der Architektur, den Klang vom Himmel herab und schickte ihn in den Hörraum der lebendigen Resonanzkörper der Gemeinde. Meine Buchmalereien sind auch Partituren, in denen Farben Klang werden können und Linienstrukturen zu Rhythmen.

Will ich vermeiden, dass diesen Vorgang Werkzeuge der künstlichen Intelligenz übernehmen, weil dies dem Herstellungsvorgang der Bilder nicht entspricht, müsste jemand mit einem Instrument direkt zu den Malereien spielen. Mit Susanne habe ich ja schon ähnliche Experimente begonnen. Auch in Richtung Tanz wären Übertragungen möglich…

Mit meinem Material habe ich mich im Atelier noch nicht beschäftigt und will auch nur langsam damit beginnen. Unterwegs in Frankreich dachte ich an farbig bemalte Pappmachéfiguren, die in den Gitterkonstruktionen schweben oder gefangen sind.

Gezeiten und Kathedralen

Gezeiten und Kathedralen beschäftigten mich in den vergangenen Wochen. Diese anderen Strukturen als die des Alltags, wirkten sich jedoch kaum auf die Malereien aus, mit denen ich täglich mein Buch füllte. Dennoch saß ich stundenlang bei Ebbe zwischen den Steinen des Meeresbodens und fädelte Muscheln und Schneckenhäuser auf. Zwanzig Ketten habe ich so zusammengetragen.

Und natürlich gibt es diese Bilderflut von Ansichten, die ich glaubte, unbedingt festhalten zu müssen. Und es gibt auch wieder natürlich die vielen gesammelten Steine, Pflanzenteile und Kuriositäten, die meine Halde solcher Dinge im Atelier weiter anwachsen lassen.

Es ist gut, wieder mit den Leuten hier zu reden, die sich auch ohne mich um das Gelände gekümmert haben. An meiner Wiese ist sichtbar, dass es in der letzten Woche geregnet haben muss. Der Ahornbaum, den ich über die heißen und regenarmen Monate päppelte, trieb am Ende des Sommers noch einmal Blätter und Zweige. Ein schönes Wiedersehen auch mit den Gärten…

Beim Aufräumen und Zurückblättern

Beim Aufräumen im Atelier, was selten geschieht, fiel mir so viel altes Material in die Hände. Was da mit Ernsthaftigkeit entwickelt wurde, wird in Augenschein genommen und sortiert. Das kann ich wahrscheinlich am besten, vor allem das Aussortieren! Ein anderer Überblick entsteht, losgelöst von der Bilderproduktion. Werkzeuge ordnen: das zu dem und das zu dem. Ruhe entsteht.

Beim Zurückblättern im Blog kommen mir die älteren Collagen stärker vor. Mir scheint, dass der Riss, der waagerecht gezackt die Formate trennt, um einen Durchblick im Bilderstapel zurück zu ermöglichen, an seine Grenzen stößt und keine neuen Ideen mehr aufmacht. Und so begann ich heute das langsam aufzulösen, zugunsten einer gemischteren Schichtung, die dann wieder andere Arbeitsstrecken, mit anderem Material, einbeziehen kann.

Wir überrissen unsere Route durch Frankreich am Wochenende. Es wird Zeit, dass es so langsam losgeht. Die Arbeit reduziert sich, entfernt sich von den Themen, die mich die ganze Zeit durchgehend beschäftigten. Morgen, am frühen Abend noch eine Pressetermin auf Teves West und dann ist erst einmal Schluss.