Energie aus Kontrast

Wenn sich am Anfang der Malereien die Farbwolken fast konturlos ineinander schieben, dann entsteht von Fall zu Fall ein leichtes Unwohlsein bei mir. Gestern war die Schwelle dieser Akzeptanz noch höher. Das lag vielleicht auch am extrem entspannten Sonntag. Aber heute erschien mir diese Leichtigkeit so zahm, dass klare, konstruktive Linien das weiche Bild zerschnitten. Und immer mal ruft Monika aus dem Jenseits nach mehr Grün.

Ihre Lebensbeschreibung, die Arundhati Roy selbst schrieb, stimmt manchmal mit Episoden meiner Kindheit überein, die ich insbesondere im ehemaligen Kloster Gerode erlebt habe. Mein Erziehervater, der mit mir umging, als sei ich sein Eigentum, mit dem er machen konnte, was er wollte, hatte Macht über die vielen, ihm anvertrauten Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Aus einer Fotografie, die eine militärische Formation von Jungpionieren im Ferienlager mit meinem Vater und mir zeigt, ist die Grundlage für die Zöglingsportraits entstanden, die nur den Anfang der Beschäftigung mit diesem Thema bilden.

Einen produktiven Kontrast bilden auch das barocke, eingestürzte Kirchenschiff, das Marienrelief über dem Haupteingang des Klosterzellentraktes, die vollständige Ummauerung des gesamten Geländes des Klosters Gerode, im Kontrast zu der Heranbildung allseitig gebildeter, sozialistischer Persönlichkeiten in diesem Jugendwerkhof. Aus dieser Konstellation lässt sich viel Energie gewinnen.

Farbwolkenlieder

Die Malereien schweben auf dem Papier, wie farbige Wolken am Himmel. Gerade noch war ich selbst noch mitten in ihnen, um sie zu verwirbeln. Wenn ich dann aber herabfalle und sie sich entfernen, vergesse ich mein Tun. Und eigentlich würde ich sie gerne mit mir führen, nicht nur in den Büchern, sondern direkt um mich herum. Vielleicht gelingt das, wenn ich sie auf meinem Weg ins Atelier als Gesang in meinem Kopf trage.

Beim Räumen im Atelier fallen mir manchmal alte Fotos in die Hände. Gudrun Holde Ortner fotografierte Barbara und mich im Heidelberger Theater. Oder ein Foto von Gisela Harich, die 1990 im Deutschen Theater in Berlin „Kein Runter, kein Fern“ von Plenzdorf aufnahm. So bekomme ich langsam einen Begriff von dem Retrospektivvorhaben.

Anne schickte Aufnahmen von der ukrainischen Ausgabe ihres Romans „Hinter den Mauern der Ozean“ Gute Sache! Das Projektschreiben von Annie Nowak las ich vorhin. Es handelt sich um ein Bühnenprojekt, in dem die Nachwendekinder den Begriff Heimat jenseits der faschistischen Ideologie einordnen wollen.

Seitenverkehrt

Gestern bemerkte ich mal wieder, dass das letzte Relief seitenverkehrt abgegossen und modelliert ist. Das nahm ich zunächst nicht so ernst, weil mir eine solche Fehleinschätzung schon beim letzten Exemplar unterlaufen ist. Aber dann wurde mir ganz langsam gewahr, dass ich mich nicht geirrt hatte. Und gleich zeichnete ich das Motiv nun richtig herum auf eine Grundplatte.

Anne, mit der ich aus Anlass ihres Geburtstags telefonierte, meinte gleich, ob dieser Fehler nicht produktiv zu machen wäre. Damit hat sie vollkommen Recht, denn das seitenverkehrte, letzte Relief kann eine neue Rolle bekommen, es kann Segmente oder das ganze Motiv spiegeln und damit die Richtung des Frieses umkehren.

Gestern besuchte mich die Schauspielerin Annie Nowak im Atelier. Es herrschte von Anfang an eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen uns. Das gemeinsame Interesse an unserer ostdeutschen Herkunft stand im Mittelpunkt. Einen Projekttext einer Berliner Freundin zu dem Thema der Ostidentitäten schickte sie mir aufs Handy. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in einem solchen Vorhaben, das die Thematik künstlerisch beleuchtet, gemeinsam wieder fänden.

5. Form

Mit einer satten, zähflüssigen Gipsmischung ist gestern die fünfte Reliefform entstanden. Die Reaktionstemperatur beim Abbinden, war recht hoch, so dass auch die zweite gegossene Schicht schnell trocken und fest war, weswegen ich Form und Modell schon nach einer halben Stunde trennen konnte. Diese Arbeit erinnert mich an die Abendschule an der HfBK in Dresden, wo uns der Bildhauer Wolfgang Friedrich den Formenbau beibrachte.

Die einzelnen kleinen Felder meiner Reliefs führen auch das Einzelleben von Zellen, die von den benachbarten getrennt existieren. An ihren Rückseiten führen bislang unsichtbare Gitternetze, die sie mit anderen, entfernten Verwandten verbinden. Diese „neuronalen“ Strukturen bilden einen Teil der künftigen Objekte.

Die Jungen Menschen, mit denen ich manchmal auf den Bänken vor dem Atelier sitze, haben Fragen zur Entstehung der heutigen Grenzen von Deutschland. Und wenn ich ins Erzählen komme, erfahren sie auch etwas vom Bauhaus, das nach hundert Jahren wieder von Faschisten bedroht wird. Gestern berichtete ich ihnen von der Leistung Gorbatschows, ohne die die „friedlich-revolutionäre“ Wende in der DDR nie stattgefunden hätte. Die damals nach der D-Mark schrieen, schreien heute nach Remigration und schimpfen auf die Lügenpresse. Aber im Atelier herrscht Stille und Konzentration.

Bauhaus

Die Aufmerksamkeit auf die Farben und ihre Muster gerichtet, das Hören reduziert und kein Blick auf die Uhr, dass Farbgesang im Kopf entstehen kann. Diese Methode führt am Morgen zu den Buchmalereien. Mit etwas Auflehnung gegen die straffe Arbeitsdisziplin gelingen derzeit leichtere Kompositionen.

Die Beschreibung meiner Arbeit schloss bisher die Umgebungsverhältnisse eher aus. Die Geschehnisse um mich herum manifestieren sich derzeit in der Strenge und fehlenden Farbigkeit der Objekte. Ihre Rohheit umschließt die düsteren Zukunftsräume, die sich z.B. in Ostdeutschland öffnen.

Von Anfang an wurde meine Arbeit sehr von den Ideen des Bauhauses geprägt. Schon, dass ich den Tischlerberuf lernte und dann Künstler wurde, ist dadurch ausgelöst worden. Ich habe Menschen kennen gelernt, die dort vor der Schließung 1933 gearbeitet haben. Dass diese Institution nun wieder durch Faschisten bedroht wird, trifft mich deswegen persönlich. Die Amnesie des Wahlvolkes führt zu Beurteilungsstrukturen, die Wissenschaftsfeindlichkeit und Nationalkunstverlangen hervorbringen. Das ist mir nicht egal!

Farbklangräume

Die Farbklänge des Morgens hatten eine Wirkung wie Gesang im Kopf. Diesen auf die Reliefs und in die Objekte zu übertragen, wäre ein Schritt für die nächsten Arbeitsmonate. Das kann an wenigen Stellen ganz leise beginnen, wie ein Farbklang der sich ausdehnend in die Räume begibt.

Gestern modellierte ich das fünfte Tanzrelief fertig. Zum Ende hin verschwand die Wehmut darüber, dass dieser schöne Arbeitsschritt, der sich über eine ganze Weile gestreckt hatte, nun ein Ende fand. Im Zusammenhang mit den Zöglingsportraits, die ich mich auch als Reliefs vorstellen kann, lese ich „Mein Sturm und meine Zuflucht“ von Arundhati Roy. Die ungeschminkte Schilderung der Brutalität ihrer Mutter, die sie immer nur bei ihrem vollen Namen nannte, und der Schule, die sie leitete, verbindet sich direkt mit meiner Kindheit in Gerode unter meinem Vater Dieter Reinecke.

Die Verbindungen zwischen dem Väterprojekt, den Zöglingsportraits und dem Vorhaben der Retrospektivarbeit, entwickeln neue Räume. Nun, da die Tanzreliefs alle modelliert sind, könnte ich die Transparentpapierrolle wieder hervorholen, um dieses Themengeflecht zu entwickeln.

KI und Mittelalter

Ein zweites Mal sahen wir die in der Schirn die Ausstellung THE WORLD THOUGH AI. Diesmal konnte ich meine Arbeit in Beziehung zu den Vorgängen und Haltungen zur künstlichen Intelligenz stellen. Rein äußerlich sind die Gitterobjekte mit ihren schwebenden Relieffragmenten und Weidenschwüngen manchen gestalteten Fragestellungen ähnlich. Auch in der Haptik gibt es Berührungspunkte. Der entscheidende Unterschied ist mein völliger Verzicht auf Korrekturen durch KI oder auf Nachfragen in diese Richtung.

Ein poröses Muschelstück löste ich aus einer Kette von aufgefädelten Meeresfundstücken. Mit diesem harten Material kann ich Abdrücke in das Papier des Tagebuches drücken, das ganze durch Schraffuren hervorheben und mit einem feuchten Handballen weiter verarbeiten, die Formen vertreiben, wie die Farben. Weicher Nebel tritt in die harten, konstruktiven Linienbündel.

Am Sonnabend fällte ich etwa 10 armdicke Essigbäume und band sie mit einer Kokosschnur zu einem Bündel zusammen. Das schleifte ich über den Betonplatz und die Wiese an den Bahndamm. Während mir die Schnur mir beim Ziehen in meine Hände schnitt, dachte ich: “Wie im Mittelalter!“

Gute Laune

Im Treppenhaus lächelte mich ein Neugeborenes aus der Nachbarschaft an. Das macht gute Laune, wie die Farben der Buchmalereien, deren Kraft die Stimmung aufhellt, was wieder in die Farbauswahl fließt. Ein sich verstärkenden System. Das kann sich auch beim Zeichnen oder beim Bau der Objekte ereignen.

Das Modellierpensum, das ich mir für gestern vorgenommen hatte, erreichte ich gegen 17.20 Uhr. Dann habe ich aufgehört, denn in der kommenden Woche habe ich noch genügend Zeit, den „Kopf“ der Figuration fertig zu stellen. Und wenn diese Form dann gegossen ist, ist das Material für die folgenden Projekte geschaffen. Diese Anstrengungen erschöpfen mich, schaffen aber auch Glück.

Mit dem Startorante kam ich überein, dass ich die Essigbäume, die in diesem Sommer an ihrer Mauer gewachsen sind, fällen werde. Das will ich heute am späteren Nachmittag machen. Ein wenig Gartenarbeit und keine künstlerischen Anstrengungen mehr an diesem Tag.

Retrospektiv

Am Morgen überraschten mich die Farben der Buchmalereien. Ich lasse sie gewähren, denke kaum über sie nach, nur manchmal blitzt ein „Monikagrün“ auf, bevor es auf dem Papier landet. Oder der Gleichgewichtssinn tariert die Anteile der Kontraste aus und die Verteilung der Farbtemperaturen.

Gestern arbeitete ich lange und konzentriert am letzten Relief. Zwei Drittel sind modelliert. Das Ende dieses Arbeitsschrittes fällt in die kommende Woche. Vor meinem Auge entstand ein großer Pappmachéklumpen, der auf einer Seite von einem eingeprägten Relief begrenzt war. Man kann ihn wie einen abgesägten Berg auf die Schnittfläche, das Relief, stellen. Das ganze Gegenteil von den filigranen bisherigen Abformungen. Immer mehr Bilder tauchen auf, wie sich das Projekt weiterentwickeln kann.

Beispielsweise erzählte ich dem Ehrhardt, einem Bekannten, der aus Thüringen stammt, von den Zöglingsportraits gestern beim Mittagessen im Restaurant gegenüber. Ich erzählte ihm auch die Entstehungsgeschichte, die auf dem Erleben vom Jugendwerkhof Gerode gegründet ist. Auch diese Punktrasterportraits könnte ich modellieren und mit den Tanzreliefs verschneiden. So entwickelt sich die Retrospektividee zusammen mit dem Undertainment – Relieffries weiter.

Doppelspiegel

Im Doppelspiegel der Gipsformen und Transparentpapiervorzeichnungen, konnte ich gestern Vormittag die richtigen Seiten nicht mehr zuordnen. Mein Hirn sprang erst hin und her und verfestigte dann das, was es als Fehler erkannt hatte. Das Gute an dieser Fehleinschätzung ist, dass sich durch die Aneinanderreihung von Fehlern das Richtige ergab. Das Relief Nummer 4 muss also nicht noch einmal modelliert werden und die Vorzeichnung von Nummer 5 gelangte auch richtig, also nicht Seitenverkehrt auf die Grundplatte.

Nach dieser Erkenntnis ging ich nach draußen auf meine Wiese und verflocht mich mit ihr und den Gärten durch Arbeit, fällte Essigbäume, grub wildes Strauchwerk aus der Wiese und schnitt Brombeeren zurück. Dann begann ich ruhig und froh zu modellieren. Am Abend probierte ich weitere Raumkompositionen mit einem neuen Objekt, in das ich einige vorgefertigte Einzelelemente einbaute. Meine Vorstellungen, die weiteren Objekte betreffend, galoppieren voraus. Wie immer, komme ich nicht hinterher.

Später am Abend, als ich mich auf den Heimweg machte, traf ich auf eine gemütliche Männerrunde vor dem Nachbaratelier. Innen an der Rückwand war die aktuelle, zielgruppenorientierte und verkaufbare Produktion sichtbar: verwischte Frauenfiguren.

Verwechslungen

Immer wieder kommt es zu Verwechslungen der Zeichnungsrichtungen der Einzelteile des Tanzfrieses auf Transparentpapier. Und leicht passiert eine seitenverkehrte Übertragung des Entwurfes auf die Grundplatte. Die seitenverkehrten Formen stehen überall rum und schnell schaltet das Gehirn um und die Rückseite des Transparentpapiers wird die Vorlage. Und als ich am Morgen ins Atelier kam, sah ich, dass mir genau das bei Relief 4 passiert war. Also noch mal von vorne! Aber gleichzeitig denke ich an eine Erweiterung um diese seitenverkehrte Schicht als Rückseite eines Sandwichs.

In der Nacht erschien mir ein kreisrundes, schwebendes Objekt, aus mindestens zwei Abläufen des fünfteiligen Frieses. Die Rückseiten zeigten schwarz nach außen und waren von einer hellen Gitterkonstruktion umgeben, die das ganze hielt. Um ins Innere zu gelangen, musste man sich etwas bücken, um die leuchtenden Farben der Buchmalereien auf der Innenseite zu sehen.

Die ersten weiß grundierten Reliefs versah ich mit Tuschzeichnungen, die in den vertieften Linien verlaufen. Sie haben unterschiedliche Charaktere. Mal krakelig mit schwarzen Spritzern, mal weich, mit den Pinsel breit ausgeführt. Und dann stellte ich mir vor, wie diese Struktur in weiche Farbwolken übergeht aus denen Figuren wachsen, die nichts mit den Linien unter ihnen zutun haben.

Schnelligkeit

In den letzten Tagen reduzieren sich die Mittel der Buchmalereien. Auch die heutigen Formate sind klarer lesbar. Die malerischen Gesten stehen für sich und werden nicht durch mehrere Schichten anderer Strukturen zurückgedrängt. Die Schnelligkeit, mit der sie entstehen fördert diesen anderen Charakter.

Beim Nachdenken über das Retrospektivvorhaben, kam ich darauf, ältere Arbeiten mit dem Tanzrelief und den daraus entstehenden Objekten zu verbinden. Die Transparentpapierrolle kann wieder die Funktion des Motivsammlers übernehmen. Und die alten Bühnen- und Ballettsaalzeichnungen und die Animationsstills kommen zu neuen malerischen Überarbeitungen.

Die neue Gipsform liegt auf dem Arbeitstisch und fordert mich. Ich schaue darauf und denke aber schon an das nächste Relief. Alle fünf haben nahezu figürliche Umrisse. Das Defilé königlicher Gestalten. Die Muschelkettenformation an meiner Eiche auf dem Gustavsburgplatz wächst auch zu einem ähnlichen Umriss, zu einem gekrönten Tier.

Einöden

Es gibt Orte in der Nähe der Städte, in denen ich in der Vergangenheit gewohnt habe, vom denen ich zwar hörte, sie aber nie sah. Gospiteroda ist solch einer. Diese winzigen Weiler mit wenigen Häusern, Scheunen und Ställen, meist aber mit einer Kirche, liegen weit ab, sind verkehrlich nur sehr bescheiden angebunden. Cumbach ist auch so ein Ort der Einöde, dessen Bewohner angsteinflößend wirken und nur grimmig Auskunft über den Weg zu den Teichen geben.

In Waltershausen waren wir in dem Schwimmbad, in dem ich die Sommer meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Wir saßen nach dem Schwimmen auf einer Bank neben dem Sprungturm und sahen den Kindern beim Springen zu. Sie machten es genauso, wie wir vor sechzig Jahren. Die kindlichen Gefühle stiegen als Ahnung wieder in mir auf, noch nichts wissend vom Eingesperrtsein.

Wieder zurück in der Stadt, ging ich gleich zum Atelier, um die Pflanzen zu gießen, die drei Tage ohne mich auskommen mussten. Und ich konnte nun nicht mehr der Versuchung widerstehen, die Form mit der Hilfe von zwei Holzkeilen vom Modell des vierten Reliefs abzuheben. Sie ist außergewöhnlich gut gelungen. Keine Blasen, sehr genaue Abformung und muss nur minimal nachgearbeitet werden.

Sonne

Kurz verließ ich das Kino, in dem wir die Hollywoodproduktion „Odysseus“ sahen, um einen Blick der Sonnenfinsternis zu erhaschen. In der Spiegelung einer Scheibe sah ich eine „Halbsonne“. Der Film war actionreich, brutal, hatte aber auch ruhige, kluge Szenen. Mir geht diese Art von Mainstreamkino nicht mehr nahe. Die Sonne war beeindruckender.

Die anhaltende Trockenheit, die durch die stehenden Hochdruckgebiete ausgelöst wird, deprimiert mich. Ich sehe die Natur leiden und kann nur in meinem engen Umfeld etwas Linderung mit Wasser spenden. Aus den trockenen Böden steigt in der Hitze kein Wasserdampf auf, es entstehen keine Wolken. Und das hält an!

Die Arbeit an den Reliefs ruht etwas. Erst in der kommenden Woche will ich die vierte Form vom Modell lösen. Vorher kann ich noch etwas am 5. Reliefentwurf feilen, die Übertragung auf die Grundplatte vorbereiten. Die Arbeit hat sich in der vergangenen Woche zu sehr beschleunigt. Das konnte ich in den letzten Tagen korrigieren.

Diktaturen 02

Die Reliefform lasse ich weiter trocknen, denn es gibt keinen Grund zur Eile, außer vielleicht die Ungeduld, das Ergebnis zu sehen. Und die Entwurfzeichnung für das 5. Relief ist entstanden. Nun kann ich mir für die Übertragung auf die Grundplatte und die Anfertigung des Modells, Zeit nehmen.

Die Evangelische Akademie hat eine allgemeine Umfrage nach Diktaturengeschichten gestartet. Auf ihrer Website gibt es eine Projektbeschreibung und die Anfrage nach Beteiligung. Ich habe meine Geschichte zum Bau des Palastes der Republik 1974 / 75 und zur Ausstellung 50 Jahre später zum Thema Palastbau im Humboldtforum skizziert. Vielleicht entwickelt sich eine produktive Kooperation.

In der Frankfurter Rundschau ist ein Artikel über die Frage nach der Zukunft von Teves West erschienen. Eine ganze Seite über unsere Aktivitäten und unsere Geschichte. Ein Statement von der Stadt sagt, dass sie an der Erhaltung des Standortes interessiert ist. Nur in welcher Form das nach 2030 geschehen soll, ist noch nicht klar.

Form, Modell, Stress

Der Formenguss war wieder mit Unsicherheiten verbunden. Die erste Schicht, die die Oberfläche des Modells abformt, gieße ich gerne mit etwas dünnerem Gips. Meine Hand rührt das Gemisch und spürt Klümpchen auf, die noch zerdrückt werden müssen. Mir geriet die Masse aber wieder zu dünn, was mit einer stärker gesättigten nächsten Schicht ausgeglichen werden sollte. Das Wasser, das sich oben absetzte, nahm ich mit Papierhandtüchern herunter.

Nun, am nächsten Morgen ist die Mischung ganz gut abgebunden, muss aber noch weiter trocknen, was mir Geduld abverlangt. Das ist alles etwas aufregend, weil viel Arbeit auf dem Spiel steht, die zerstört werden könnte. Morgen werde ich die Form vom Modell herunterheben und hoffe, dass sie stabil genug sein wird und nicht zerbricht, wie die zuvor.

Jetzt ist die letzte Entwurfszeichnung dran, die aus der Tanzsequenz „Undertainment“ auf Transparentpapier entwickelt wird. Keine große Sache, eher Routine. Ich werde froh sein, wenn die Arbeitsphase des Modellierens und Abformens vorüber ist. Eigentlich hatte ich mich auf ruhige Arbeit gefreut und den möglichen Stress beim Formenguss ausgeblendet.

Gefüllter Raum

Während des Nachdenkens über Projekte, dehnen sie sich zumeist im Laufe der Zeit räumlich aus. Indem sich der erdachte Raum füllt, wachsen die Anforderungen bei der Umsetzung. Aber in der Abwägung der eigenen Leistungsfähigkeit, kann der Umfang auch wieder schrumpfen. Dann bleiben nur Andeutungen der Möglichkeiten übrig.

In der Hitze des gestrigen Nachmittags besuchten wir das Atelierfest „Wimpelflattern“ in der Idsteiner Straße. Leider ging kaum Wind unter dem dunstigen Himmel, wo die Temperatur stieg und wenige Getränke sichtbar unterwegs waren. Kurze Gespräche mit Ruth Luxenhofer, Franz Konter und mit Oliver Tüchsen, der zufällig auch da war. Am Abend aber gab es satt Apfelwein mit Carola im „Mosebach“.

Mit Oliver ging es auch um das Projekt YOU&EYE und um die Frage, ob wir Alten auch wieder mit dabei sein werden. Meine Haltung dazu ist ambivalent. Entscheidend ist aber der Spaß, den ich oft mit den Jugendlichen hatte und sie auch mit mir.

Geometrie

Während meiner Mittagspause ging mir eine Reihe von Objekten durch den Kopf, deren Gitterkern auf beiden Seiten, also vorne und hinten, mit Reliefs versehen ist, sodass etwas wie ein Sandwich entsteht. Reiht man diese Sandwichs aneinander, wächst ein zweiseitiger Fries, der im Raum hängen kann. Die Gitterstrukturen dazwischen sind mit Figuren durchsetzt, die aus den Reliefs stammen.

Auf meinem Weg ins Atelier fand ich eine mathematische Formelsammlung in Buchform. Die hat mich sofort inspiriert, strengere geometrische Regeln bei der Konstruktion der Gitterobjekte walten zu lassen. Punktebenen, die Annäherung einer Hyperbel an die Fläche, alles spannende Vorgänge dafür.

Gestern bin ich mit dem Modellieren des vierten Reliefs fertig geworden. Das erleichterte mich und schafft mir heute mehr Raum zum Ausruhen und Nachdenken. In Ruhe kann ich die Gärten wässern und beschneiden. Vorgestern duschte ich dabei zwei Tauben, die das genossen und sich unter meinem Regen gegenseitig putzten.

Eile

Ein weiches Gummigymnastiktool, das man mit der Hand umschließen kann, habe ich umfunktioniert. Es dient mir dazu, die eingefärbten Steinoberflächen in die Buchmalereien zu drucken. Das gelingt besser, als mit meinem Handballen, weil sich das Material weiter in die Vertiefungen drücken lässt. So werden die Formen, auch wegen der geschlossenen Gummioberfläche, prägnanter auf das Papier übertragen.

Ungewollt gerate ich mit dem Modellieren in Eile. Es ist, als müsste die Arbeit in genaue Zeitabschnitte eingepasst werden. Dreiviertel der Fläche ist modelliert und gerne würde ich heute damit fertig werden. Deswegen bin ich schon viel zeitiger als sonst im Atelier und schaue auf die Uhr. Dabei wollte ich mir für diese schöne Arbeit Zeit nehmen und sie genießen.

Aber ich habe den Monatsabschnitt bis zu unserer Reise vor Augen und möchte spätestens am Ende der kommenden Woche mit dem vierten Formenbau fertig sein. Dann folgt das letzte Relief, dessen Entwurf auch noch fertig gezeichnet, vergrößert und auf die nächste Platte übertragen werden muss, bevor ich mit der Tonarbeit beginnen kann. Für alles habe ich 14 Tage.

Fotografen

Manchmal gibt es Freundschaften, die nicht gleich bewusst werden. Mich verbinden mit Menschen, mit denen ich zutun hatte, Ähnlichkeiten in unserer Biografie. Auch Kleinigkeiten weisen auf Gemeinsamkeit hin. Der Fotograf, der mich für das Humboldtforum in meinem Atelier fotografiert hat, besitzt denselben Aquarellkasten, wie ich. Unsere Erlebnisse und Haltungen sind ähnlich. Und dann fotografierte er mich wieder in Berlin, in der anderen Umgebung.

Bilder des Fotografen Christoph Boeckheler, der unsere Teves West Clique hier auf dem Gelände für die Frankfurter Rundschau fotografierte, hat Claudia vom Startorante geschickt. Der Mann hat ein wirklich gutes Gefühl für die Orte und für das Verhältnis der Menschen zu ihnen darin. Meine derzeitige Arbeit, vor allem die an den Objekten, geht auf seinem Bild von mir, eine Verbindung mit dem Väterportrait hinter mir ein. Die Kontinuität wird sichtbar. Auch unsere Gruppenbilder spielen mit dem Bezug zur Umgebung.

Das Modellieren des Tanzreliefs geht nach wie vor recht langsam voran. Ich kann diese Arbeit zwar genießen, hätte sie dennoch gerne schon vom Tisch, um die Form bauen zu können. Denn die Arbeit, die sich anschließt, ist nicht weniger spannend. Der Sinn für Harmonie der Räume, birgt die Gefahr der Gefälligkeit in sich. Aber ich habe das im Blick.

Ausländisch sprechen

In meiner Erinnerung haben wir in Gerode als Kinder manchmal versucht, ausländisch zu sprechen, ein Phantasiekauderwelsch, weil uns das exotisch vorkam. Es gab keine Fremdsprachen um uns herum. Und vielleicht haben wir doch irgendwann einmal jemanden gehört, der anders sprach als wir. Nur auf der Kurzwelle konnte man, von weit her, fremde Töne aufschnappen. Jetzt horche ich auf, wenn auf der Straße unter meinem Balkon deutsch gesprochen wird.

Im Atelier begann ich mit dem Modellieren. Es geht langsamer vorwärts als ich erinnere. Gerade mal eine handtellergroße Fläche ist entstanden. Immer wieder geht mir die Objektarchitektur im Zusammenspiel mit dem Relieffries durch den Kopf. Es kommt mir in den Sinn, die Dreiecksstruktur teilweise zu verlassen, um freier konstruieren zu können.

Bei der Betrachtung des zu erwartenden Wahlverhaltens in der ehemaligen DDR, fürchte ich mich vor einem System, das dem, das ich verlassen hatte ähnelt. Ich habe keine Lust, noch einmal unter diesem autoritären Druck zu leben und zu arbeiten.

Zwischen Blick und Blick

Mit einem weichen Graphitstift übertrug ich das 4. Reliefmotiv auf zwei Transparentpapierbahnen. Die satten Linien liegen auf der gereinigten Grundplatte, wo sie mit einem harten, spitzen Stift von der Rückseite her nachgezogen und dadurch übertragen werden. Wenn dieser Vorgang heute abgeschlossen wird, kann mit dem Modellieren begonnen werden.

Während der Gespräche auf Carolas Geburtstag traf ich auf eine Theaterwissenschaftlerin, die sich mit verschiedenen performativen Formen und Techniken beschäftigt. Ich erzählte ihr von meinen Kämpfen um die Videoprojektionen im Heidelberger Stadttheater Mitte der Neunzigerjahre. Es gab damals meine Ausstellung „Der Riss ist die Passage“ im Heidelberger Kunstverein, parallel zur Arbeit zur Oper „Die Ehen zwischen der Zonen 3, 4 und 5“. Ich arbeitete zusammen mit Doris Lessing, die das Libretto gemacht hat und dem Komponisten Philip Glass. Und es gibt eine Reihe von Zeichnungen zu einem Klavierkonzert des Komponisten.

Ein weiterer thematischer Strang dieser Arbeit war eine Animation zur Grenzöffnung an der Bornholmer Straße in Berlin. In einer künftigen Retrospektivarbeit sollte ein Bezug zu dieser Zeit, unter der Überschrift „Zwischen Blick und Blick“ von Heiner Müller, erscheinen.

Unter Beobachtung

Zwei Objekte aus Dreiecksgittern, Weidengeflechten und Relieffragmenten, schwarzweiß bemalt, haben in der Wohnung in der Frankenallee Plätze gefunden. In dieser neutralen Umgebung sind sie in anderer Weise unter Beobachtung. Soweit das so festgestellt werden kann, funktionieren sie ganz gut im Raum.

Nun beginnt die Übertragung des Entwurfes des vierten Undertainment – Linien – Relief – Entwurfes auf eine Grundplatte, die noch von den Spuren der vorigen Form befreit werden muss. Ich freue mich auf diese Arbeit, besonders auf das Modellieren mit Ton.

Spontaner Besuch einer Kindergruppe von Galluszentrum gerade eben, die mit Kameras bewaffnet in meinem Gärtchen auftauchten. Sie durften auch im Atelier fotografieren und ich erklärte ihnen das Väterprojekt. Sehr erfrischend und freundlich lief das alles ab. Eine einfache Kooperationsaktion.

Erinnerung an die hermetische Zeit

„Wish You Were Here“, das Lied von Pink Floyd hörte ich am Vormittag in der Küche. Dabei stieg das Gefühl der großen Hoffnungslosigkeit aus dem Jahr 1975 in mir auf. Für Menschen, die diese Erwartung des lebenslänglichen Eingesperrtseins nicht durchlebt haben, ist es kaum nachvollziehbar, wie leer damals uns unsere Zukunft erschien. Obwohl ich mir zehn Jahre später die Freiheit erkämpft hatte, diese Möglichkeit schien zuvor nicht real, bleibt die Erinnerung an diese hermetische Zeit sehr nah und nagt manchmal noch an mir.

In meinem Retrospektivvorhaben kann ich dieses Gefühl noch einmal in den Arbeiten aus dieser Zeit suchen. Es gibt Selbstportraits aber auch viele Bühnenzeichnungen aus Dresden, die das thematisieren könnten. Die verstellte Zukunft aus der jetzigen Perspektive ist ein Thema!

Übermorgen beginne ich mit dem vierten Relief. Vorzeichnung auf der Grundplatte, Modellieren in Ton, Formenguss mit Gips… Mal schauen ob ich das in einer Woche schaffe. Weil es aber schöne Arbeit ist, sollte ich mir ruhig Zeit nehmen.