Wenig spektakulär

Vom Balkon in der ersten Etage geht der Blick auf die wenig belebte Frankenallee mit ihrem Freitagsmarkt. Kunden bleiben aus, die sonst zwischen Spielplatz und dem Weinstand von Rollanderhof mit Gläsern am Zaun stehen. Sie sind an den Meeresstränden oder Bergregionen. Auf meinem Weg ins Atelier will ich etwas kaufen, ein paar Beeren vielleicht und ein Stück Kuchen.

Die, hinter dem Schatten spendenden Gärtchen, wenig spektakulär fließende Arbeit benötig einen Impuls, der eine Veränderung hervorruft. Ob das mit dem Modellieren des nächsten Reliefs gelingt, ist nicht klar. Aber wenn das letzte, das fünfte fertig ist, wird die Objektarbeit endlich zur Gesamtidee des Frieses beitragen. Alles, was jetzt geschieht, ist noch Experiment.

Und mir kommt in den Sinn, die Buchmalereien in einer leichten Weise von den Buchseiten in die Freiheit zu entlassen. Ich könnte mit kleinen Aquarellblättern beginnen, die man leicht in Schubladen verstauen kann. Das kann sich dann langsam weiterentwickeln, ohne dass ich an eine Weiterverarbeitung denken sollte.

Zeit und Kraft

Nachdem die tägliche Arbeitstagebucharbeit erledigt war, reichten Zeit und Kraft noch für die Erarbeitung kleinerer Objekte aus Relieffragmenten und Raumelementen aus Dreieckgittern, Weidengeflechten und ihrer Durchdringung. Sie gehen direkte Verbindungen mit den Flachreliefs ein und werden Konstruktionen für das Zusammenspiel verschiedener Flachreliefteile.

Seit zwei Monaten brennt hier der Sommer regenlos auf die Stadtlandschaft. Alle Verheißungen von Niederschlagswahrscheinlichkeiten verdunsten in der flirrenden Luft. Und wenn Gewitter aus Westen herannahen, umfahren die uns nördlich und südlich. Noch reichen die Wurzeln unserer Alleebäume in die Grundwasserschichten.

Gestern Abend spazierten wir ins Europaviertel und setzten uns neben ein Sonnenblumenfeld zwischen den Häusern in ein Restaurant, um einen Aperol Spritz zu trinken. Das lockerte die Stimmung, die manchmal durch verschiedene Sorgen um mein Atelier gedämpft ist.

Kreis

Gleich nach dem Frühstück, in der Kühle des Morgens, wässerte ich die Gärten beim Atelier, den Wildwuchs vor meinen Rolltoren, die Kräuter des Restaurants und die Wiese. Nebenbei sah ich die Arbeit der letzten Tage, nach einer eintägigen Pause, die ich in Thüringen bei meiner Mutter verbrachte. Die Objekte kamen mir etwas fremd vor, was zu einem Perspektivwechsel führen kann.

Deshalb schaue ich nun gerne auf die Arbeit, die mir bevorsteht. Oberflächlich besteht sie aus Spiel, Experiment, Ausprobieren und Verwerfen. In den Objektbau spielt aber auch der Gedanke, der dem Relieffries zugrunde liegt, nämlich der der Kreisform und der Unendlichkeit eines Zylinders. Weil das Ende der Aneinanderreihung der Motive an den Anfang anschließt, lassen sich die Reliefs beliebig oft aneinanderreihen. Der Zylinder würde dann immer breiter. Auch die Objekte, die mit den Reliefs verbunden sind, sollten diesem Gedanken folgen.

Wenn nun aber das Modellieren der letzten zwei Reliefs ansteht, geht es nur um die Umsetzung der Entwürfe. Dort findet das Spiel in eingegrenztem Terrain statt. Nur die Bemalung hat wieder viele offene Möglichkeiten bereit, von Schwarzweiß bis hin zur Farbigkeit der Buchmalereien.

FRÜHER WAR ALLES BESSER

Die Muster, die ich mit den Steinoberflächen in die Seiten des Tagebuches präge und mit dem Handballen übertrage, stellen sich vor die Nachrichtentexte. Die Zerstörungen von Menschenleben finden sich nur in den Fragmenten der Figuren wieder. Die Gravitation des Hasses schafft die blutigen Zentren auf der Oberfläche der Orte der Zusammenkünfte. Worte fallen in den Untergrund und kontaminieren das Grundwasser. Die Bäume des Tiergartens trinken davon und akkumulieren die Klänge und den Sinn. Es raschelt ein Doppelgänger im Dickicht.

Am Morgen fuhr ich zuerst zum Tanken und dann zu den Gärten, die gewässert werden sollen. Seit Wochen hat es nicht geregnet. Sprunghaft wechselt der Benzinpreis seine Höhe je nach Kriegslage. Eine neue Hitzewelle läuft auf uns zu. FRÜHER WAR ALLES SCHÖNER.

Die Buchmalereien leben derzeit von den Schichtungen der Steinstrukturen und ihren wechselnden Einfärbungen. Das führt zu ruhigen und gleichzeitig aufgelockerten Kompositionen. Figurenanklänge wachsen von alleine aus den Schichten als wollten sie das Sterben überall ungeschehen machen. Es wächst ein Ersatzreservoir des Lebendigen. Nur Andeutungen verheißen diese Parallelräume voller Kreaturen.

Entmaterialisierung

Von einer Straßenbekanntschaft bekam ich Besuch im Atelier. Immer, wenn ich sie sah, hatte sie ihre Fotoausrüstung bei sich, und so kamen wir ins Gespräch. Sie fotografiert Architektur und Natur und war offensichtlich neugierig auf meine Arbeit. Sie bekam Zeichnungen, Reliefs und Objekte zu sehen, sprang dann aber erst auf die Buchmalereien an. Ich wies auf die Schwierigkeiten diese Strukturen und Farbigkeiten auf die Reliefs zu übertragen hin und denke jetzt, dass ich es einfach immer wieder probieren sollte.

Gestern arbeitete ich an den Reliefobjekten weiter und zweifle inzwischen daran, das endlos weiter zu führen, wie all diese Arbeitsstrecken der Vergangenheit. Es führt zu immer mehr Fülle, die mein Entmaterialisierungsprojekt erschwert.

In zwei länglichen Pflanzschalen steckte ich hunderte von Schirmchen mit Samen des Wiesengamsbartes in die Erde. Aber einer meiner gefiederten Gäste nahm das als Einladung und plünderte das Futterangebot gründlich bis auf das letzte Korn. Waren es die Rotkehlchen mit ihrem treuen Blick der kein Wässerchen trübte oder die Meisen, Amseln und Spatzen?

Umwandlung

Die Langsamkeit des gestrigen Vormittags setzte sich bis in den Abend fort. Alte Gitterkonstruktionen veränderte ich durch die Verkürzung mancher Stäbe zwischen den Verbindungsknoten. Diese begann ich wieder mit Pappmachè zu stabilisieren und umzuformen, dass sie auch zu Figuren wachsen können.

Manche der Dreiecke, in denen sich Drucke von Buchmalereien auf Transparentpapier befanden, lege ich so auf die Formen der Tanzreliefs, dass ich sie mit Pappmachédreiecken ausfüllen kann. So wandern Fragmente des Liniengeflechts in die Objekte.

Beim Zurückblättern im Tagebuch stoße ich wieder auf das Vorhaben einer Retrospektivarbeit. Vielleicht werde ich im August mit den Tanzreliefs fertig und kann dann im Herbst mit diesem Projekt beginnen. Ich stelle mir vor, von den Bühnenzeichnungen einige in die Transparentpapierrolle einzufügen und andererseits, parallel dazu, angesammeltes Material zu reduzieren.

Bremsstrukturen

Die Entwicklung der Tanzreliefs und der dazugehörigen Objekte ist ein langsamer Vorgang. Es gibt keine Strukturen, die einer Beschleunigung entgegenkommen, sie bremsen die Vorgänge eher. Eine weiß grundiertes Relief versah ich so mit einer Schicht Schellack, dass in die Vertiefungen sickerte und dort einen satten Bernsteinton erzeugt. Nach dem Trocknen höhte ich die Flächen zwischen den Furchen langsam erneut weiß.

Würde ich mit meiner gewohnten Arbeitsweise fortfahren, so käme nun eine blaue Schicht hinzu, nach der die kleinen Flächen erneut eine weiße Schicht bekämen. Da aber nicht alle erhöhten Bereiche bedacht werden, entsteht langsam eine Figur oder ein Muster, das aus dem Hintergrund herauswächst. Aber ob das so geschehen wird, erweist sich erst, wenn das Objekt länger unter Beobachtung stand.

Außerdem entstehen weiter kleine Reliefobjekte, die sich mit den Weidengeflechten und Gitterkonstruktionen verbinden. Auch sie werden weiß grundiert und bekommen dann ein schwarzes Liniennetz auf der Vorderseite und eine dunkle Rückseite. Ansonsten fehlen mir die Tuschezeichnungen von Rolle 12, die ich wieder hervorholen will.

Neutrinos

Neutrinos, Teile aus dem All, die mühelos unsere Materie durchdringen, sind Gegenstand eines Dokumentarfilmes, den ich gestern sah. Da sie keine sichtbaren Spuren hinterlassen, aber weiteren Aufschluss über die Entstehung des Universums bieten können, wird an verschiedenen Stellen der Welt großer Aufwand betrieben, sie in irgendeiner Weise zu detektieren. An verborgenen Orten, tief im Gestein oder im Eis des Südpols, in einem besonders reinen Wasserreservoir, bestehen große Anlagen, die mit diesen „Geisterteilchen“ interagieren sollen.

Die Ergebnisse sind bisher vage, laufen auf ein anderes Abbild des Universums heraus und außer den riesigen Anlagen in extremer Umgebung, gibt es wenig zu sehen- So war der Film mit indirekten Bildern und Geräuschen gesättigt, aber mit vergleichsweise wenig Information über Forschungsergebnisse.

Die Fahrten im verdichteten Verkehr, dessen Rhythmus durch eine große Anzahl von Baustellen stockt und nicht ruhig fließen kann, Aggressionen hervorruft, sind zunehmend anspruchsvoll, vor allem, wenn ich alleine unterwegs bin, wie gestern zu meiner Mutter nach Thüringen.

Rückblicksarbeit

Mit Barbara sprach ich über meine Idee, eine Rückblicksarbeit zu beginnen, die mit einer Aufräumaktion verbunden werden könnte. Wenn das Aufräumen, Aussortieren und die Reduktion meines Lagers mit dieser künstlerischen Retrospektivarbeit verbunden wird, können sich die beiden Tätigkeiten gegenseitig ergänzen und mit Energie versorgen. Bevor damit begonnen werden kann, sollten die Tanzreliefs fertig sein, damit ich mich ganz darauf konzentrieren kann.

Die Zeit ist mit kleineren Reisen durchsetzt. In den letzten zwei Tagen waren wir in Hamm bei Birgit und Oliver. Morgen fahre ich nach Thüringen zu meiner Mutter und Barbara ist auch die ganze Woche unterwegs. Dann folgt aber, wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, ein ruhiger August.

Und auch der heutige Tag gehört dem Ausruhen. Das Tagebuch und die Gärten sind die Dinge, die mich beschäftigen. Die Kräuterspirale will ich etwas pflegen, die Hochbeete des Restaurants wässern und Gehölze in meinem Garten so zurückschneiden, dass man sich darin bequem aufhalten kann.

Näher

Die kleinen Reliefobjektexperimente wirken leicht, verspielt, etwas unernst und nicht so verbissen zielstrebig. Das tut meinem Arbeitsalltag gut. Auch die sparsamen Buchmalereien dieses Morgens atmen diese beflügelnde Frische. Diese kleinen Bilder kommen mir gerade immer näher.

Beim Zurückschauen auf die Arbeit der vielen Jahrzehnte, begegnen mir häufig Strukturentwicklungen und Denkfiguren, die mir noch immer sehr nahe sind. Es wäre einen Versuch wert, sie aufzureihen zu einem Fries auf Transparentpapier, um sie dann durch die Spiralbewegung des Aufrollens zu überlagern, bzw. einen Raum daraus zu bilden. Naturstudium, Holzschnitte, Bühnenzeichnungen der Achtzigerjahre verbinden sich mit den abstrakten Figurationen der Gegenwart zum Raum der Lebenszeit.

Gestern stieg der Ballon am Ende von Annes Roman auf und gab den Blick auf den grauen Ozean frei. Und dabei kommt die Bedeutung der Muscheln für die wandernde Menschen in der Vergangenheit in den Sinn, die sie mit sich führten, am Hals trugen oder manchmal verschenkten. Sie waren am Meer oder wollen dort hin, z.B. nach Finisterre.

Trost

Im Innenhof von Teves West trafen wir gestern einen Journalisten, dem wir unsere Situation schilderten, da unsere Mietverträge 2030 auslaufen und wir eine Planungssicherheit brauchen. Es beginnt eine Kampagne, die zum Ziel hat, dass wir alle hier als eine zusammenarbeitende Gruppe bleiben können.

Auf den Tanzreliefformen entstehen neue kleine Objekte, in denen Teile der Reliefs ausgeformt und mit räumlichen Konstruktionen im Rücken verbunden werden. So kann eine Figur, die im Liniengeflecht verborgen ist, irgendwo in der Tanzlinie vorkommt, hervortreten, materialisiert werden und mit einem stabilisierenden Bau im Rücken aufrecht stehen. Das Pappmaché hat eine neue Konsistenz, bildet genauer ab und trocknet sehr stabil auf. Vielleicht sollten ein paar Fragmente davon auf meinem Schreibtisch liegen, damit sie mit den Buchmalereivorgängen Berührung bekommen können.

Seit einiger Zeit besteht meine Lektüre aus einem Buch von Eva von Redecker mit dem Titel „Dieser Drang nach Härte“, über den neuen Faschismus. Da hinein, in diese Horrorszenarien, kann ich nur für relativ kurze Zeit eintauchen, ohne Schaden zu nehmen… Aber abends vor dem Schlafengehen gibt es ja noch den Roman von meiner Tochter: „Hinter den Mauern der Ozean“, als Trost.

Wie eine Choreografie

Mit Tusche, Feder und einem spitzen Pinsel begann ich die tiefliegenden Liniennetze der Tanzreliefs hervorzuheben. Hier und da wird die Struktur durch verschiedene Strichstärken variiert. In den Zwischenräumen entstehen so Figurationen abstrakter Gegenständlichkeit. Das beginnt mit einer Suchbewegung, die plastische Formen als Impulse für Zufälligkeiten aufnimmt und weiterentwickelt. Bisher habe ich die Tusche noch nicht verdünnt, bin auch noch nicht mit Schellack in de Flächen gegangen, geschweige denn mit Farben.

Es gibt Experimente mit Ringgeflechten aus Weidenruten und Relieffragmenten, die ihre Kreise ausfüllen. Das bereitet die Objekte vor, die sich aus Weidengeflechten, Dreieckskonstruktionen und den vollständigen Tanzreliefs zusammensetzen sollen. Ein organisches Zusammenspiel der Elemente muss geprobt werden, wie eine Choreografie.

Die etwas klobigen Eckverbindungen der Gitterkonstruktionen baue ich Schicht für Schicht zu kleinen Skulpturen aus. Das sind neue Elemente, deren Funktion noch nicht ganz klar ist. Sie schweben langsam in die Räume, ohne dass ein Ziel vorgegeben ist.

Kleine Arbeiten

Schleifen, spachteln und grundieren von Pappmaché. Kleine Arbeiten an kleinen Objekten. Dazwischen gehe ich durch Gärtchen und begutachte, gemeinsam mit dem Rotkehlchen, das Wachstum der Wildnis. Es gräbt mit seinem Schnabel planvoll die Erdschicht um und findet allerlei Getier.

Dann gehe ich wieder hinein und beschäftige mich mit den Reliefs, taste mich langsam an die Bemalung heran und bin aber immer wieder mit Reparaturen beschäftigt. Das Material ist dünn und brüchig, weil zu wenig Bindemittel in der Mischung vorhanden war.

Es hat mir Freude gemacht, am Müttermantel weiter zu arbeiten. Der rissige Pappelstamm wird immer härter und ist nun von den Brandspuren des vandalistischen Anschlags befreit. Es gibt verschiedene Ansätze, ihn nun per Hand langsam auszuhöhlen. Vielleicht gehe ich an den tiefen Rissen entlang, um mir etwas Arbeit zu sparen.

Schirn / KI

Mit Ragna uns Jakob, die uns 24 Stunden besucht haben, waren wir in einer KI-Ausstellung in der Schirn. Mich überforderte diese Masse an Informationen, die naturgemäß schnell in diesen Zusammenhängen anfallen. Am besten sind konzentriert zusammengefasste Bilder, jenseits von gegenständlichen Anklängen. Gelernt habe ich, dass ich Systeme mit meiner eigenen Arbeit füttern könnte, um andere Entwicklungen auszulösen.

Nach dem anstrengenden Wochenende will ich mir einen „Sonnmontag“ machen, will mich entlasten und den Tag durchschlendern. Der Heimweg mittags allerdings findet bei über dreißig Grad statt – Schattenhüpfen!

Als ich gestern am Abend die Pflanzen des Geländes wässerte, saß ein Mann in der Wiese und zeichnete. Er gab sich als Botaniker zu erkennen, war ganz angetan von meiner Wiese und möchte weitere Samen von Disteln und Königskerzen mitbringen. Vielleicht wäre er ein Partner in meiner Bemühung um Biodiversität auf dem Tevesgelände.

Geträumt, getan

Und gestern stellte ich probeweise ein Objekt auf den Tisch, wie es in der vorletzten Nacht in meinem Kopf entstanden war. Jetzt, gleich nach den Buchmalereien, stelle ich mir die Oberflächen der Reliefs farbig vor. Aber zunächst möchte ich mit Weiß, Schwarz und Schellack beginnen.

Beim Schreiben sprechen die Figuren aus Annes Roman „Hinter den Mauern der Ozean“, den ich gerade noch einmal lese, in meinem Kopf. Beziehungsweise färben sie meinen Text, erinnern mich an meine Arbeit im Humboldtforum und lassen mir die Insel wie ein Stück Heimat von mir erscheinen.

Wir bekommen am Wochenende Besuch von jungen Menschen aus Barbaras Familie. Ich bin auf die Erzählungen aus ihrer Welt gespannt. Gestern kochten wir schon am Nachmittag, damit wir heute Zeit für andere gemeinsame Unternehmungen haben.

Charaktere

Vorsätzlich in den Buchmalereien Charaktere zu entwickeln, oder während der Arbeit an sie zu denken, erzeugt bei mir eine gewisse Verkrampfung, die zu etwas behäbigen Ergebnissen führt. Und dann sind die inhaltsgeladenen Strukturen nicht mehr erkennbar. Ich kam am Morgen darauf, weil ich zuvor daran dachte, die entstandenen Objekte mit solchen charakterlichen Zuschreibungen zu versehen.

Und außerdem entstand ein Bild in meinem Kopf, das die Reliefs des Tanzfrieses in ein Enviroment einband. Es besteht aus stehenden Gitterkonstruktionen, in die die Reliefs eingelassen oder hineinkonstruiert sind. Das Ganze kann auf einem längeren Tisch stehen. Auf dem vielleicht auch Rolle 11 mit der entsprechenden Sequenz zum letzten Forsythestück liegt.

Den ruhigen Tag gestern nutzte ich nicht dafür, nur streng und konzentriert viel zu arbeiten. Für das vierte Relief fertigte ich die Vorzeichnung an, die nun auf die Modellgrundplatte übertragen wird, damit an den Linien entlang das nächste Relief modelliert werden kann. Es ist mir klar, dass es sich nicht gerade um eine innovative Technik handelt. Darauf kommt es mir auch nicht mehr an! Es kommt mir auf mein Gefühl dabei an.

Ausgangspunkte

Einen Brandfleck von etwa einem Quadratmeter auf der begonnen Holzskulptur des Müttermantels, Folge eines vandalistischen Anschlags, beseitigte ich mit Hohleisen und einem scheren Klüpfel. Eine Stunde sehr befriedigende Holzarbeit! Die Späne mit den Brandspuren liegen nun im Gärtchen und vervollständigen die Schicht, von der mein Dschungel lebt.

Mit den Reliefformen entstanden Experimente mit Holzstäben, die Fragmentausformungen umschließen. Aus diesen Dreiecken werden neue Objekte wachsen, in denen auch die Schwünge der geflochtenen Weidenruten als bewegtes, tänzerisches Element eine Rolle spielen.

So etablieren sich langsam verschiedene Ausgangspunkte, die sich miteinander verweben – die Klaviersonate Nr. 31 von Beethoven und die einstürzenden Twintowers, die Fortführung der Kooperation mit Franz und die Tanzreliefs mit den Gitterobjekten.

Franz

Erstmals füllte ich gestern die dritte Form des Tanzreliefs mit Pappmaché aus. Meine Bemühungen das feuchte Material feiner zu zerhäkseln hatte nur wenig Erfolg. Ein weiterer Versuch wäre, es trocken zu Staub zu zermahlen. Dann entsteht mit Wasser eine feine Masse, die die Form genau abbildet. Morgen wird der erste Abguss sicher trocken sein. Dann kann ich ihn grundieren und mit den anderen beiden zusammenbringen.

Franz Konter hat mich gestern im Atelier besucht. Wir sprachen über unsere Arbeit und über die Zweifel an der strikten Kontinuität und die Hoffnung, dass überraschend eine Erneuerung um die Ecke kommt. Beides liegt uns beiden am Herzen. Meine Gitterobjekte sind so ein Versuch der vorsätzlichen Veränderung der Arbeitsgänge. Außerdem fassten wir eine Wiederbelebung unserer künstlerischen Kooperation ins Auge. Die letzten Versuche stehen schon über ein Jahr hier und büßen an Kraft nicht ein.

Gestern blieb ich durchgehend den ganzen Tag im Arbeitsprozess. Nun ist für zwei Tage wieder Normalität angesagt. Das tut meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele gut. Die grüne Wand meines Gärtchens schützt mich klimatisierend vor den Temperaturspitzen.

Raben

Abends konnte ich, von einem Stuhl vor meinem Atelier aus, 3 Raben beobachten, ein Paar mit seinem Jungen. Das rannte sporadisch und aufgeregt über den Platz, verfiel in unkoordiniertes Herumspringen, wenn es freudig etwas entdeckt hatte, das zum Aufpicken geeignet schien. Wenn die Eltern wieder angeflogen kamen, sperrte es weit den Schnabel auf. Sie badeten in der Schlaglochpfütze, die bei trockenem Wetter von mir mit frischem Wasser aufgefüllt wird und tranken etwas ungeschickt daraus.

Zuvor nahm ich mir Zeit, Rolle 12 durchzuschauen und war etwas enttäuscht. Die spannenderen Vorgänge fanden zuvor auf Rolle 11 statt. Die darauf folgende ist so etwas, wie ein Materiallager, wo Zwischenergebnisse aufgehoben sind, die als Voraussetzung für spätere Kompositionen dienen können und schon in sie einflossen.

Bevor die neuen Gitterobjekte weiterentwickelt werden, sollte erst einmal das Tanzrelief fertig werden. Der raumgreifende Charakter der skulpturalen Arbeiten und die daraus entstehenden Lagerprobleme werden dadurch abgefedert, dass alte Dreiecksgitterobjekte aus den Regalen umgearbeitet werden. Vielleicht kann ich nun auch beginnen, einiges zu entsorgen.

Kreisbewegungen

Videoaufnahmen von unserem Fest wandern nun durch die sozialen Medien. Ein alter Mann liest aus seinen Aufzeichnungen vor, den kreisenden Konzentrationsbewegungen seines Denkens. So nahm ich mich wahr. Mit der Klaviersonate Nr. 31 von Beethoven, die ich nun öfter höre, formiert sich langsam ein neues Thema.

Während der Führungen durch das Museum meines Ateliers zeigte ich öfter die Meenakshi – Linie. Auch die Transparentpapierrollen sind Gravitationsstrudel, in deren Spiralen sich die Tuschelinien bewegen und verdichten. Vielleicht lassen sich diese Liniennetze auch dreidimensional abbilden und aus Metall nachbauen, um einen Raum für schwebende Skulpturen zu schaffen.

In diesem Zusammenhang geht mir der Müttermantel durch den Kopf, den ich aus einem Pappelstamm schlagen will. Kann ich ihn dadurch aushöhlen, dass ich Klötze herausschneide, aus denen ich dann Figuren schnitzen würde, um sie in die Gitterstrukturen zu setzen?

Eine weitere Schicht

Erstmals las ich öffentlich aus meinem Tagebuch vor. Ein zwiespältiger Vorgang. Es waren die Texte, bei denen es um die Gravitation im Bezug auf Teves ging. Und nach wie vor interessiert mich die Verbindung zwischen Libeskind, seinem Ground Zero und der Schülerzeichnung mit dem Nineeleven – Attentat.

Eine weitere Schicht bildet nun das Beethovenkonzert, diese Klaviersonate mit den sehr unterschiedlichen Intensitäten und den kreisenden Themen, die im Boxring erklang. Sie legen sich auf die Stille in den Messehallen, die mit dem Einsturz der Twintowers auf der IAA eintrat auf der ich einen Stand konzipiert hatte. Eine Tanzperformance brach ab und das Ensemble strechte zu relaxten Beats auf dem Tanzboden unter den Screens mit den Rauchschwaden, die aus den Ruinen stiegen.

Der Alltag nach drei Tagen Teveswestfest ist Balsam für meinen Körper. Viele Menschen machten Frottagen auf meinen Tanzreliefformen und hatten so mit meinen Linien zutun. Sehr gut gefiel mir das Miteinander der verschiedenen Akteure. Eine freundliche Atmosphäre zwischen uns – sehr schön!

Ford Transit Gravitation

Der Kreis, der die Zeichnung eines Schülers in meinem Atelier, vor ein paar Wochen, mit den Twintowers, dem Flugzeug, das auf sie zurast und das Klavierkonzert im Boxcamp 2018, das der Architekt des Ground Zero Memorials in Manhattan, Daniel Libeskind entworfen hat, umreißt einen wichtigen Konflikt unserer Tage. Es folgte eine lange, vertrauensvolle, kreisende Diskussion um dieses Thema.

Als Mujdat mich etwa 2024 fragte, ob er etwa eine Ford Transit Ladung Theaterrequisiten auf dem Gelände lagern könnte, entwickelte sich eine weitere kreisende Bewegung. Abgesehen von den Runden, die der Ford immer wieder drehte und Dekorationen ablud, setzte eine neue Gravitation ein. Ich dachte: immer her mit dem Theatermaterial, das kommt jetzt genau richtig. Es entfaltete sich in einer spontanen Performance vor meinem Atelier, Stoffe aller Farben flogen durch die Luft…

In dieser Bewegungsstruktur erzeugen alle Projekte auf dem Gelände ihre eigenen Gravitationskräfte. Eine ruhige stetige Bewegung aus Kunst, Ausbildung und Sport, die immer mehr Produktivität nach sich zieht. Diese Energie spürte Daniel Libeskind und ließ einen Flügel in den Boxring hieven, auf dem ein Beethovenkonzert gegeben wurde.

Teveswestfest

Vor meinem Atelier stand ein Tisch, auf dem ich mit Frottagen arbeitete. Ein Mitmachangebot für das Teveswestfest. Aber es interessierte sich kaum jemand dafür. Es liegt mir aber leider sehr fern, mich einem Zufallspublikum so zu nähern, dass es meine Strukturen schmackhaft findet. Stattdessen ließ ich die Frottagen fließen, indem das Papier während des Schraffierens über den Untergrund gezogen wird. Schellack und Tusche gingen mit dieser Bewegung zusammen. Kristallin und Flüssig begegnen sich wie im Tanz.

Besuch bekam ich von einer Dozentin der Hochschule für Darstellende Kunst, die mir erzählte, wie sie sich manchmal malend als Schauspielerin auf ihre Rollen vorbereitet. An der Stelle, wo sich diese Künste begegnen, fanden wir schnell eine gemeinsame Sprache. Und natürlich erzählte ich ihr von der Tanzlinie und den Objekten, die mit Bewegung im Raum zutun haben.

Heute noch mal einen ganzen Tag, die ersten Gäste sind schon da! Zwei Japanerinnen haben Frottagen gemacht und sie weiter verarbeitet für ihren Fensterscheiben zu Hause.

Reduktion neu

In schlängelnden Bewegungen kringelten sich hunderte von Mückenlarven in einem Wasserbottich meines Gärtchens. Ich goss das Wasser und alles, was ich mit hineingelegt hatte aus: ein Speichenrad, zwei Schläuche, ein Bergkristallstein, Weidenruten, die Wurzeln ziehen sollten und ein Bodensatz aus Laub von zwei Jahren. Aus solchen Laubschichten besteht die völlig durchwurzelte Erde, die meinem Dschungel auf dem Beton Nahrung bietet.

Die Reduktion der Buchmalereien folgt dem Kraftangebot meines Körpers und meines aufgeweichten Geistes nach der letzten Hitzeperiode. Dadurch finden sich wieder Ansätze, die neu sind.

Durch eine Wischbewegung entstand in der dritten Malerei eine Figur, die ich mit einer roten Linie umschloss. Mit dem Rest des Wassers, in dieser Form an meinem Handballen sitzend, löste ich mit etwas Druck die Farbschichten auf einem Lavastein an. Zunächst auf meiner Haut, dann als Abdruck auf dem Papier, entstand dieselbe Figur, nur mit anderen Inhalten, die sich auf die alten Farben und die Steinstruktur darunter bezogen.