Arundati Roy

Bilder von den Backwaters in Kerala, wie wir sie kennen, in einem Film über die Autorin Arundati Roy. Eine Kämpferin für die Rechte von Frauen und den unteren Kasten in Indien. Immer öfter, auch während unserer Reisen, sahen wir die Schattenseiten unseres geliebten Reiseziels, die man schnell vergessen kann, wenn die schönen Tempel in den Vordergrund rücken.

Endlich ist bei der Arbeit an den Gitterobjekten, an denen ich viel länger als gedacht gearbeitet habe, Land in Sicht. Und nun bin ich soweit, dass ich mir vorstellen könnte, mit weiteren Objekten die Form dieser Arbeit weiter zu entwickeln. Im wahrsten Sinne des Wortes gibt es dafür genügend Spielraum zwischen den Stangen der alten Gitterobjekte.

Und wenn ich bei der Bearbeitung eines solchen Projektes da angekommen bin, treten die Buchmalereien hervor und verlangen ihren Anteil an der Weiterentwicklung. Deren Strukturen, Farbigkeiten und Kompositionen wollen wieder in den kommenden Experimenten ihre Rolle spielen.

William Forsythe

Wir sahen gestern „Endless Love“ im Gallustheater, ein Tanzstück von Tony Rizzi. Er erzählte von seinem Leben als junger, schwuler Mann und seiner Faszination von Filmstars und deren Ruhm. Das inspirierte seine Karriere und tut es offensichtlich bis heute. Im Hintergrund der schmucklosen Bühne liefen alte Filmszenen und davor tanze Rizzi gemeinsam mit unserem Tanzlehrer Manuel.

Im Publikum war auch Bill Forsythe. Endlich ging ich zu ihm, um zu sagen, welche große Rolle seine Arbeit für meine Kunst spielte und immer noch spielt. Seit Jahrzehnten arbeite ich zu seinen Stoffen, nehme die Themen immer wieder auf, fülle meine Denkräume mit seinen Bewegungen auf der Bühne. Er bedankte sich sehr freundlich: „Schön, dazu etwas beigetragen zu haben.“ Nun bin ich geradezu erleichtert, das losgeworden zu sein, was mir seit über 30 Jahren auf der Seele lag.

Abdrücke meiner Steine, die ich an den Küsten sammelte, befinden sich nun als Spuren auf den Tagebuchseiten. Nachdem die Malereien eigentlich beendet waren, fügte ich dann doch noch Farbabdrücke der blasigen Oberflächenstruktur eines Lavasteins ein. Einen ähnlichen hängte ich heute mit einer Schlinge in die Borke der Vaganteneiche auf dem Gustavsburgplatz. Christian, mit einer Bierdose in der Hand, fragte mich nach der Bedeutung dessen, was ich da tue.

Routine fehlt

Die Arbeit an den Gitterobjekten entwickelt eine Vervielfältigungsmechanik, die sich auf die Anzahl von Arbeitsschritten auswirkt. Die ungewohnten Schritte, bei denen jede Form von Routine fehlt, führen auch zu Ergebnissen, die immer wieder korrigiert werden müssen. Die Hoffnung dabei ist, dass irgendwann der Knoten platzt, indem sich das Gestaltungselement findet, das alles zusammenführt.

Ein Krankenhausaufenthalt meiner Mutter hält mich etwas in Atem. Dazu kommen die hohen Temperaturen, die den Tagesablauf etwas verändern. Nach dem Vormittag gehe ich erst später ins Atelier, wo auch die Gärten zunehmend gewässert werden müssen.

Einziges Kontinuum sind derzeit die Buchmalereien, die sich gerade wieder etwas verändern. Die machen mir Freude, bis hin zu den digitalen Collagen. Mit einer bewegten Linie, die sich an der Komposition orientiert, schneide ich die Formate quer auf. Die zwei nach oben und unten auseinander geschobenen Teile, werden dann auf eine bestimmte vorausgegangene Collage der Reihenfolge gesetzt.

Monet im Städel

Im Städel sahen wir „Monets Küste. Die Entdeckung von Éretat“. Aber nicht nur Küstenbilder von Monet waren zu sehen, sondern auch solche von Courbet, Valloton und vielen Zeitgenossen. Außerdem gab’s Fotografie und Malerei bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Es war genug Zeit da, um sich mit der Farbigkeit, den Strukturen und deren Übergängen ineinander zu beschäftigen. Die Behandlung der Wasserflächen geschah bei Monet fast naiv, mit Bogenstrichen, wie die von Kindern die Wasser zeichnen. Die Farben aber, sind ein Erlebnis. Im Nizza am Main tranken wir noch einen Aperol und verlängerten damit noch die Stimmung mancher Bilder.

Heute nahm ich den flüchtigeren Stil der Buchmalereien wieder auf. Gestern entstand er aus Zeitmangel. Heute aber kultivierte ich ihn in aller Ruhe. Anne schickte mir Fotos von alten großen Holzschnitten, die sie in Wiesenbach gefunden hat. Eine Auftragsarbeit aus den Achtzigerjahren. Erstaunliches Material!

Pfingspause

Trotz des Nachdenkens über die sparsameren Buchmalereien und ihre Vorteile, entwickeln sich die Dynamiken bei der Arbeit hin zur Opulenz. Diese Eigenbewegung kann bei den kleinen Formaten manches verschwinden lassen, das durchschaubarer, lichter und deutlicher macht, worum es mir in diesem Augenblick geht.

In den vergangenen Pfingsttagen machte sich eine Arbeitspause breit. Auf meinem Balkon finden sich Steine; Muscheln und Federn für planloses Kinderspiel ohne Ablenkung und Blick auf die Zeit.

Zwei Wiesengamsbärte stehen unter eine Glaskuppel geschützt im Wasser auf dem Ateliertisch. Ihre Samen sollen eine erneute Vermehrung dieser Pflanze, die sich von alleine auf der Wiese angesiedelt hat, ermöglichen.

Zirkus Kafka

Im Schauspiel sahen wir die Premiere von „Zirkus Kafka“ von Roi Chen in der Regie von Dor Aloni. Auch nach einer längeren Nacht am Küchentisch, blieben wir etwas ratlos. Sowohl das Stück, das noch etwas von einem Entwurf hatte, als auch die Regie überzeugten uns nicht. Die Schauspieler gaben allerdings alles, was versöhnlich war.

Dennoch blieben wir zur Premierenfeier in der Kantine, bzw. davor auf dem Gehweg auf Bierbänken. Dort hatten wir bald Gesellschaft von zwei jungen Männern, einem Schauspielstudenten und einem angehenden Regisseur. Sie baten uns um Rat für ihre Berufe, und wir erzählten von unserer künstlerischen Praxis.

Im Atelier arbeite ich ganz gemütlich an den Gitterobjekten. Die Bearbeitung der Elemente, die in die Raumkompositionen eingesetzt werden, geschieht am Tisch. Die Montage im Stehen oder in Bewegung. Kleben, male, probieren, verwerfen, anschauen und neu von vorne. Heute Abend wieder Theater, diesmal aber Shakespeare.

Am Tisch

Vor meinem Balkon auf der Allee wurde der farbig leuchtende Gemüsestand aufgebaut. Sein Anblick hebt an jedem Freitagmorgen meine Stimmung. Und heute um so mehr, als die Frühsonne durch das frisch gewachsene Blätterdach der Allee strahlt. Nach unserem Treffen im Atelier gingen Barbara und ich gestern noch auf ein Bier auf den Gustavsburgplatz. Eine Band spielte im Gartenlokal von Caro und Lolek vor vielen jungen Menschen.

Am Tisch im Atelier bemalte ich Relieffragmente, schnitt ihre unregelmäßigen Umrisse etwas zurecht, um sie in die Gitterräume der Objekte einfügen zu können. Die kristalline Grundstruktur, in die schon die Schwünge der Weidengeflechte eingesetzt sind, hat eine weiße Grundierung bekommen. Jetzt können an manche Eckverbindungen schwarze Tuscheakzente gesetzt werden, die auslaufend in die Struktur sickern. Eine feuchte Pappe drückte ich in die dritte Tanzreliefform und verstärkte die Linien mit Graphit und Tusche auf weißem Grund. Das soll als weiteres Element etwas mehr Abgeschlossenheit, an manchen Stellen der offenen Komposition, ermöglichen.

Die Buchmalereien machen wieder Spaß und helfen mir. Alles andere Material erscheint mir wie ein kompostierter Humus, auf den weitere Dinge wachsen, die wieder und wieder verändert werden und so zu einer anderen Entwicklungsform hintreiben.

Anderes Licht

Über die Recherchen meiner Tochter zu den weit verzweigten Familiennetzen unter den Namen Fitzner, Wolf und Reinecke, gab es ein langes, ruhiges Gespräch mit meiner Mutter. Mein Vater hatte sich von dieser Geschichte gründlich distanziert. Durch seinen Förderer, dem Architekten Stefanowitz, entfernte er sich aus der proletarischen Welt der Zimmerleute und Gleisbauer und strebte eine pädagogische Laufbahn an. Der Bastard einer Näherin und eines fahrenden Tischlers, wurde ein sozialistischer Erzieher.

Der Tag in Thüringen mit der fünfstündigen Fahrt über die Autobahn und den Unternehmungen mit meiner greisen Mutter, strengte mich an. Das Väterrelief mit den ineinander verwobenen Rasterportraits von Oskar Fitzner und meinem Vater, erscheint mir in einem anderen Licht. Der Akt, sie zusammen zu bringen wendet sich gegen die Absetzbewegung meines Vaters.

Am Morgen gingen mir meine Materialien Gips, Papier, Holz und Wandweiß, Tusche, Graphit und Schellack durch den Kopf. Aber diesmal ging es um skulpturale Formen, gespannte, leicht gewölbte Flächen, rissig und geschliffen mit zeichnerischen Elementen. Das verbindet sich mit der Arbeit an den Gitterobjekten.

Aber alles gut

Längere ernsthafte Arbeit an den Gitterobjekten, in die nun die Weidengeflechtverschlingungen fest eingebaut sind. Übernacht trockneten die Pappmachéknotenpunkte, mit denen die Elemente verbunden sind. Diese Arbeit müsste mehr Objekte umfangen, damit die Erfahrungen ähnlich einer Forschungsreihe gemacht werden könnten.

Parallel dazu geht mit den Tanzreliefs nichts voran. Es fehlt mir die ruhige Konzentration, die für 2 solche Vorgänge notwendig wäre. Dafür ist zu viel rundherum aus dem Takt. Morgen fahre ich zu meiner zweiundneunzigjährigen Mutter nach Thüringen und heute kam meine Frau aus der Klinik nach Hause. Aber alles gut!

Manchmal kommt ein Thüringer meiner Generation zu Besuch auf das Tevesgelände. Wir erzählen uns andere Dinge, als das sonst in dieser Umgebung üblich ist. Das liegt an unserer sehr ähnlichen Sozialisierung. Andere Leute verstehen uns nicht so gut. Ich erzählte ihm vom Rock`n`Roll der einen Jungpionier aushöhlte.

Verunsicherungen

Manchmal schwindet die Sicherheit mit der die täglichen Collagen entstehen. Dann rühren sie beim Anschauen an ein befremdendes Gefühl. Das führt zum Nachdenken über den Vorgang, bei dem schon seit 8 Monaten die Buchmalereien mit einer bewegten Linie quer aufschnitten werden. Durch das Auseianderschieben nach oben und unten, öffnet sich der Spalt, durch den man auf die vorherigen Durchblicke in die Vergangenheit schauen kann. Nach einigem Überlegen, bleibe ich weiter bei diesem Vorgehen.

Auch bei der Verbindung der Gitterobjekte mit den Verschlingungen der geflochtenen Weidenverästelungen schleicht sich ein Unwohlsein ein. Das passiert in den Moment, in dem die unterschiedlichen Gestaltungsformen gleichwertig werden und sich sozusagen gegenseitig aufheben. Dem kann aber mit bemalten Relieffragmenten gegengesteuert werden. Und weniger ist hier deutlich mehr.

Gestern passierte etwas sehr ungewöhnliches: mir ist meine Arbeitslust abhanden gekommen! Das dauerte bis zum Anfertigen der heutigen Collagen. Selbst während der Malerei hatte ich Minuten, in denen der innere Antrieb ausblieb. Das verunsichert mich, weil ich so etwas überhaupt nicht von mir kenne.

Malen befreit!

Die Arbeit läuft ruhig weiter. Die Objekte bekommen zusätzlich Reliefelemente, die in den Ecken des Ateliers auftauchen. Die werden stabilisiert, grundiert und neu bemalt. Das bewegt sich gleichmäßig vor sich hin und diese Ruhe entdecke ich als einen neuen Reiz. Außerdem versiegelte ich die dritte Reliefform endlich, mit der nun eine neue Experimentalrunde beginnt.

Die vandalisierenden Übergriffe auf manche Bereiche unseres Geländes machen mir etwas Sorgen. Das einzige, was mir dazu einfällt ist, die Folgen der Feuer und der Randale sofort zu beseitigen, um kein Areal entstehen zu lassen, in dem das alles normal wird und sich fortsetzt. Also nehme ich einen Besen mach sauber und frage erst einmal nicht danach, ob das in meine Zuständigkeit fällt.

Anspannungen dieser Art, die sich in meinem Körper zusammenballen, vertraue ich den Buchmalereien an. Sie geleiten mich durch die verschiedenen Aggregatzustände meiner täglichen Zustände. Malen befreit!

GEN Z

Im Fotografieforum Frankfurt besuchten wir eine Ausstellung, die die Themen und ästhetischen Ausdruckweisen der GEN Z zeigen soll. Man hat das Gefühl, dass es in erster Linie um sexuelle Identität, um sehr viel Intimität und Selbstbespiegelung geht. Die massive körperliche Egozentrik geht gleichzeitig mit großer Gefühlskälte und mangelnder Empathie einher.

Weil wir durch die Braubachstraße bummelten, kamen wir bei einem Sommergetränk auf die Idee, die Ausstellung „After Nature“ der Crespo Foundation zu besuchen. Umwelt und Technik wurde dort auf hohem technischem Niveau und eher kalt und ästhetisch perfekt behandelt.

In den Muscheln, die ich an den Stamm der Eiche gehängt habe, sammeln sich asiatische Maikäfer. Bevorzugt in kleinen Vertiefungen setzen sie sich fest und verändern ihr Aussehen, je nach Entwicklungsstadium.

Licht!

Himmelfahrt – Feiertage unterbrechen den Gang der Dinge, die Arbeit an den Objekten, Reliefs und die Besuche bei meinem Baum. Was aber immer bleibt, ist das Tagebuch, in dem ich der Handschrift bei ihrer Entstehung zuschauen kann. Und diesen Satz schreibe ich mit geschlossenen Augen – etwas schief!

Die Eisheiligen haben die Landschaft in ganz Europa unter einen kühlen Himmel gepackt. Die Gitterobjekte strich ich gestern kaltweiß und setzte ein paar weiße Weidengeflechte in die Räume, die die Dreiecke bilden. Von diesem Zustand schickte ich Barbara Neu ein Foto nach Schottland, wo sie ihren Sohn besucht, der Dokumentarfilme machen wird. Das gefällt mir!

Gestern sah ich einen schönen, toll fotografierten Film über Künstler, die sich gemeinsam mit Wissenschaftlern mit Licht beschäftigen. Ein sehr spannender Prozess mit erstaunlichen Ergebnissen. Wie beispielsweise, macht man die Ausbreitung eines Laserstrahls in einem Raum, der weniger als eine Millisekunde dafür braucht, für das menschliche Auge sichtbar?

YOU&EYE im MAK

Am Morgen eröffneten wir die Ausstellung YOU&EYE im Museum für Angewandte Kunst. Unterwegs dorthin in der Straßenbahn, grüßten mich viele Schüler, auch solche, die in den vergangenen Jahren bei mir im Atelier lernten und arbeiteten. Ich bin froh über ihre Freundlichkeit, Emotionalität und ihren Respekt.

Nachdem nun alle Eckverbindungen der Dreiecksgitterobjekte ummantelt sind, kann ich mit der eigentlichen Arbeit an den dreidimensionalen Collagen beginnen. Die Hoffnung ist, dass sich durch die Parallelität der Beschäftigung mit der Tanzlinie in den Reliefs, beide Themen miteinander verbinden. Ein Gedanke ist, Büttenpapier nass in die Reliefformen zu drücken, um auf diese Weise einzelne Fragmente herauszuheben, die dann in den Objekten einen Platz bekommen.

Die Arbeitsweise, Steinabdrücke in mehreren farbigen Schichten in die Buchmalereien zu platzieren, verdiente mehr Aufmerksamkeit. Hier wäre die Konzentration darauf, bei gleichzeitiger Verknappung der Formationen, ein Mittel diese Technik mehr in den Mittelpunkt zu rücken und weiter zu entwickeln.

Goldbergvariationen bei Luzern

Vikingur Ólafsson und Olafur Eliasson haben in der Nähe von Luzern gemeinsam ein Konzert der Goldbergvariationen gestaltet. Life zum Klavier fuhr Eliasson seine Projektionen, die von außen auf einen durchscheinenden Marmorkubus, in dem die Veranstaltung stattfand, gerichtet waren. Natürlich ist eine solche gigantische Präsentation in ihrer Geschlossenheit überwältigend. Es fühlt sich seltsam an, dass „meine“ Musik der letzten Jahrzehnte in dieser Weise bebildert wurde.

Und mein Zeichnungsvorhaben dazu ist klein. Allerdings gibt es schon viele Buchmalereien, die sich damit befassten, die das vorbereiteten. Mir gehen nun erneut die Strukturen der einzelnen Stücke durch den Kopf, die ich jeweilig mit einer Linie einfangen will, ähnlich wie bei den Linien und deren Verdichtungen zum Tanzthema und zum Meenakshi-Schrein.

Die Eckverbindungen der Gitterobjekte begann ich mit Pappmaché zu verkleiden. Das sind kleine Skulpturen aus denen die Stäbe wachsen. Gut wäre es, die alten Drucke der Buchmalereien, die die Dreieckfelder ausfüllten, wieder mit zu verarbeiten. Es werden dreidimensionale Collagen, in denen auch Fragmente des Tanzreliefs eine Rolle spielen können. Die Farbigkeit wird auf der weißen Grundierung durch Graphit, Schellack und Tusche begrenzt.

Trinkwasser

Jetzt fällt der Regen, auf den ich schon wieder gewartet hatte. Meistens herrscht die Sorge bei mir vor, dass die Wasserreservoire nicht genügend gefüllt sind. Jeder Tropfen, den der geflutete Himmel hergibt, vergrößert mein Sicherheitsgefühl.

Ein existentielles Bewusstsein für Wasserknappheit, hat sich deutlich auf meiner Reise alleine durch Namibia eingestellt. Die Durchquerung menschenleerer Wüstenregionen und der Zusammenstoß mit einer Paviangruppe, die mich an einer Wasserstelle als Eindringling in ihr Revier wahrnahm, schärften meinen Sinn für Trinkwassersicherheit. Die Reisen durch die verschiedenen indischen Landschaften, machten mir ebenfalls deutlich, welch einen Luxus es darstellt, dass trinkbares Wasser aus einem flächendeckenden Rohrleitungsnetz kommt.

Der Wetterbericht sagt uns ein paar Tage Regen voraus. Das ist auch gut für meine Wiese und für alles Getier in ihr. Im Atelier beginne ich heute ernsthaft mit der Umwandlung der alten Gitterobjekte. Einiges Material habe ich dafür bereits zusammengetragen. Ich freue mich auf diese Arbeit.

Erneuerung

An die Gitterskulpturen denkend, die ich zur Neugestaltung zurück in mein Atelier geholt habe, fällt mir das Arbeitsmaterial ein, das bei den vielen Reliefexperimenten angefallen ist. Im Zusammenhang mit den Tanzreliefs, stellen ich mir vor, dass die Benutzung dieser kompakten Skulpturfragmente zu schwereren, stabilen Objekten führen kann.

Ich freue mich auf diese Vorgänge und würde sogar die Arbeit an den Reliefs unterbrechen, um ausgeformte Tanzreliefteile in die Räume der Objekte einzufügen. Auch die kreisförmigen Weidengeflechte sind Grundmaterial für diese Verwandlung.

Gestern, am Freitagnachmittag habe ich nicht mehr gearbeitet, bin mit der Gartenschere an den Bahndamm gegangen und schnitt die Brombeeren zurück und ruhte mich beim Gärtnern noch ein wenig aus. Gleich laufe ich ins Atelier und statte meiner Eiche unterwegs noch einen Besuch ab.

Der Drang nach Härte

In Ostdeutschland hieß dieses Datum eine zeitlang „Tag der Befreiung“. Man kann das Gefühl bekommen, dass viele dort heute dieses Ereignis wieder rückgängig machen wollen. Schlechtgelaunt schwimmen sie im Reichtum und hängen Verschwörungsszenarien an, in denen sie von „denen da oben“ vergiftet, ausgebeutet und anderweitig hinters Licht geführt werden. Böswillig fristen sie ihr Dasein, das dadurch noch trauriger erscheint.

In Eva Redeckers Buch über den neuen Faschismus, das den Titel „Der Drang nach Härte“ trägt, werden die unterschiedlichen Argumente und Erscheinungsformen des rechten, rassistischen Nationalismus unter die Lupe genommen. Genau denken kann in dieser Situation sehr hilfreich sein. Die Dumpfbacken werden das aber nicht lesen.

Mit den Schülern transportierte ich die Ergebnisse unserer YOU&EYE – Arbeit ins MAK. Das war eher unspektakulär. Auf dem Eisernen Steg aber machten sie Interviews und auf dem Römer saßen wir alle, Eis essend, zum Abschluss beieinander. Etwas Erleichterung aber auch etwas Wehmut stellte sich ein.

Nachbearbeitung der Form

Bei der Nacharbeitung der dritten Flachreliefform des Tanzrelieffrieses, macht sich der Arbeitsvorgang selbständig. Mit einem feinen Metallmesser aus der Porzellanmanufaktur Meißen, schneide ich Begradigungen, entferne Grate und Hintergriffigkeiten. Das wächst sich so aus, dass sich das ganze Bild langsam leicht verändert. Die Volumina der kleinen, flachen Erhebungen, vergrößern sich, wachsen etwas in die Höhe und nehmen auch leichte Formveränderungen an.

Heute kommen die Jungs aus der Hindemithschule nur ins Atelier, um ihre Arbeiten in das Museum für Angewandte Kunst zu transportieren. Auch ich werde eines der 16 Teile des Väterreliefs einpacken und mitnehmen. So soll klar werden, wie die Schüler zu ihren Strukturen gekommen sind, denn sie fertigten Frottagen von den Formen dieser Arbeit an und fanden daraus ihre eigenen Figurationen.

Gedanken über die Reduktion der täglichen Arbeit treten auf. Dabei geht es aber in erster Linie um die physikalischen Dimensionen der Ergebnisse. Irgendwann werden die Erben des Ganzen damit belastet. Und das möchte ich gerne in Grenzen halten.

Begegnung

Begegnung auf der Tevesstraße vor dem Atelier: Ein Mann, etwas jünger als ich, gab sich durch seinen Tonfall als Thüringer zu erkennen. Er wohnte in Wahlwinkel in der Nähe des VEB Gummikombinat Thüringen, wo ich meinen ersten Beruf, Facharbeiter für Gummi und Asbest, erlernte und parallel dazu Abitur machte. Er lernte seinerseits im Kalibergbau in Sangerhausen und wurde dort einer politischen Straftat überführt.

Mit anderen Lehrlingen stellte er ein paar Thesen gegen den real existierenden Sozialismus auf. Deswegen wurde er angeklagt und verurteilt. Dass er nur eine Geldstrafe bekam, verdankte er einem älteren Genossen, der sich für ihn einsetzte. Um solche jungen Männer weiter zu drangsalieren, wurden sie erst mit etwa 30 Jahren zum Militärdienst eingezogen, wenn sie, nicht wie die Achtzehnjährigen, schon Familie und einen Beruf hatten. Dieses Schicksal blieb ihm erspart, weil zuvor die Mauer fiel.

Gestern beendete ich den zweiten Versuch des Formgusses des dritten Tanzreliefs. Die Form trocknete schnell und konnte bald von Modell getrennt werden. Diesmal lief alles glatt. Jetzt kann sie versiegelt werden und ist dann für die Vervielfältigung des Motivs bereit. Am Nachmittag grundierte ich gründlich und aufmerksam die Pappmachéreliefs und draußen setzte endlich der ersehnte Regen ein.

Zerbrochen

Die dritte Form der Tanzreliefs ist mir gestern beim Trennen vom Modell zerbrochen, was mir noch nie passiert ist. Zugunsten einer feinen, blasenlosen Abbildung aller Details, habe ich das Mischungsverhältnis für den Gipsguss zu stark verdünnt. Dadurch trocknete der Gips schlecht, reagierte nicht, wie er sollte und blieb brüchig. Das Modell war jedoch unversehrt, wodurch ich gleich an die Herstellung der neuen Form gehen konnte.

Diesmal rührte ich kleine Portionen von der Größe eines Gipsbechers an und baute die Form langsam auf. Das hat den Vorteil, dass man Mischungsverhältnisse von Portion zu Portion etwas korrigieren kann. Und die kleineren Areale lassen sich gut durch Klopfen blasenfrei halten. Heute muss ich noch eine letzte Schicht gießen, die dann bestimmt schnell getrocknet sein wird.

Der wochenlange Ostwind hat die Landschaft staubtrocken geblasen. Ich warte auf Regen auch für meine Wiese, die unter der Trockenheit leidet. Aber alle vorhergesagten Niederschläge lösen sich immer wieder auf. So hoffe ich auf den heutigen Nachmittag und die kommende Nacht, wofür die Prognosen Regenwolken ankündigten.

Theresia Walser

Mit Carola waren wir am Wochenende im Schauspiel und sahen „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser. Es geht im Stück um 3 Diktatorengattinnen, die sich mit einem Dolmetscher auf einen gemeinsamen Presseauftritt vorbereiten. Manja Kuhl spielt Margot Honecker und zeigt die maskenhafte Kälte, die mir heute noch einen Schauder über den Rücken laufen ließ.

Wir saßen nach der Vorstellung noch beim Bier und redeten ziemlich lange über den Abend. Die Sätze des Dolmetschers, der nie genau übersetzt, was gesagt wurde, hätte ich mir wichtiger und klarer gewünscht, die Textverdrehungen genauer. In diese Richtung geht auch, dass mir die Margotfigur zu geradlinig und bruchlos war. Das machte sie weniger glaubwürdig.

Wir hatten gestern einen ruhigen Sonntag mit einem langen Spaziergang durch die Parks in unserer Nähe. Am Rebstockweiher beobachteten wir die Kanadagänse, die ihre Jungen hüteten, saßen auf einer Bank mit Blick durch die Bäume auf die Wasserfläche, wie zwei alte Leute…

Schnelligkeit

Die eiligen Buchmalereien von heute haben ihre eigene Qualität durch die Geschwindigkeit, mit der sie entstanden, bekommen. Beim schnellen Malen unter Zeitdruck, gelingt es mir manchmal, schneller auf den Punkt zu kommen. Die Routine von vielen Jahrzehnten täglicher Übung ist die Voraussetzung für dieses Gelingen.

Grund der Eile ist, dass ich nachher pünktlich um 16 Uhr, wie an jedem Sonnabend mit meiner zweiundneunzigjährigen Mutter telefonieren will. Ich weiß, dass sie diese zuverlässige Pünktlichkeit schätzt und genießt.

Wir richteten unsere zwei Balkone für den Sommer her. Auf meinem, der nach Norden zur Frankenallee hin geht, schrubbte ich mit einer harten Bürste den Boden. Der eingefressene Winterdreck aus Abgas, Algen und Vogelscheiße löste sich unter dem Essigreiniger und meiner anhaltenden Schrubbergewalt. Pflanzen und Sessel nach draußen, für die lauen Abende…

Neue Malerei

Das Gespräch mit den Jungs über das Attentat auf die Twintowers war ganz aufschlussreich. Ich spürte ihren Oppositionsgeist der westlichen Kultur gegenüber aber auch die Widersprüche, in denen sie sich einfangen. Die klare Aussage der Zeichnung, als Bekenntnis zu dem Anschlag, wurde umgewandelt in ein harmloses Bild. Damit endete die Arbeit für diese YOU&EYE – Saison in meinem Atelier. Beim nächsten Termin tragen wir unsere Arbeit ins MMK.

Stille, konzentrierte Buchmalereien mit einigen Strukturschichten, die verschiedene kontrastreiche Farben aufnehmen. Viele dieser Ebenen zusammen ergeben eine Farbtiefe. Diese entdecke ich seit einigen Wochen wieder. Sie schiebt sich in der Aufmerksamkeit vor die Figurationen und ihre Beziehungen zueinander.

In diesem Zusammenhang dachte ich wieder an die Reliefbemalung. Wenn diese Technik dafür angeglichen werden könnte, dann käme ich zu einer neuen Malerei für mich. Derzeit trocknet noch die dritte Form. Ein spannender Vorgang, für den ich viel Geduld mobilisieren muss.