Die dritte Form

Der Formenguss des dritten Tanzreliefs fand gestern Nachmittag statt. Ob er gelungen ist, wird zu sehen sein, wenn Modell und Form getrennt werden. Die Reliefs Nummer 4 und 5 werden später in Angriff genommen, denn es folgt erst einmal ein verlängertes Wochenende, an dem ich eine Pause machen will.

Beim Rückzug in die Buchmalereien komme ich in Schichten meines Unterbewusstseins, die ich nicht einmal beim meditativen Zeichnen auf den Transparentpapierrollen erreiche. Die Steine und Farben sind meine Helfer, die den Ausgleich herstellen, der für die Suche nach Überlebensstrategien in der verrohten Umgebung notwendig ist.

Beim Nachdenken über die Thematisierung des Anschlags auf die Twintowers in Manhattan durch einen meiner Schüler, blätterte ich in den Tagebüchern des entsprechenden Jahres und stieß auf eine Buchmalerei, die das schreckliche Ereignis zum Inhalt hatte. Die möchte ich ihm heute zeigen, um darüber ins Gespräch zu kommen. Außerdem erinnere ich mich an die großen Screens auf der IAA, auf denen der Zusammenbruch der Hochhäuser in Endlosschleife lief.

Gewalt

Mit meinen verletzlichen Arbeitsergebnissen befinde ich mich in einer gewaltvollen Umgebung. Oft erwarte ich, bei meiner morgendlichen Ankunft im Atelier, Verwüstungen der vorausgegangenen Nacht. Der Baumstamm den ich mit Schülern bearbeite ist großflächig angebrannt worden. Montageschaum wurde auf einer Fläche von etwa 200 Quadratmetern auf den Boden gesprüht. Auch mein Einbaum hat davon etwas abbekommen. Vorgestern war eine randalierende Kinderbande zu beobachten, die ich zur Rede stellte und mit ihnen das wieder reparierte, was sie im Vorbeigehen zerstört hatten.

Mit freudiger Farbigkeit und vorsichtiger Zurückhaltung reagieren meine Buchmalereien gegen all diese zunehmende Gewalt. Vorboten der nationalistisch-rechtsradikalen Kulturpolitik liegen in der Luft. Zunächst werden die Menschen in Sachsen-Anhalt ihre Stimmen so zahlreich für die entsprechende Partei abgeben, dass sie an die Macht kommt. Was wird aus den Theatern, Museen und Gedenkstätten? Wie reagieren die Künstler und Wissenschaftlerinnen?

Bei der Arbeit an den Tanzreliefs bin ich aus dem Tritt geraten. Stattdessen weißele ich die Weidengeflechte, schiebe damit den nächsten Formenbau vor mir her. Also sollte ich ganz in Ruhe damit beginnen, ohne Hast einen Rahmen bauen, der dann auf die Grundplatte montiert werden kann. Dann alles abdichten und eine Pause einlegen…

nine eleven

Die trockenen Weidengeflechte begann ich gestern weiß einzufärben, damit sie einen Teil ihres natürlichen Aussehens verlieren und dadurch einen neutraleren Ausgangspunkt für Gestaltungen bieten. Die Möglichkeit, sie unterschiedlich einzufärben und dann miteinander zu verflechten, so dass daraus räumliche Farbgeflechte entstehen, geht mir als Variante durch den Kopf.

Einer meiner Schüler zeichnete die Twintowers mit einem auf sie zufliegenden Flugzeug auf seine Transparentpapierrolle. Obwohl die Szenerie der Situation von nine eleven nicht direkt ähnelt, sprach ich ihn darauf an. Er sollte mit Nachfragen rechnen, falls wir das im MMK ausstellen würden. Dann begann er das Ganze zeichnerisch abzuändern. Es war am Ende unseres Kurses, so dass wir das Gespräch darüber erst übermorgen fortsetzen können werden.

Die Buntheit der gegenwärtigen Buchmalereien könnte ich leicht mit Lasuren und Schraffuren zurückfahren, um die Bilder erträglicher zu machen, tue es aber nicht konsequent. Gerade erfreut mich diese zutage tretende seltene Seite meiner Arbeit.

Weidengeflechte

Es fanden gestern am Sonntag weitere Experimente mit den Weidengeflechten statt. Sie sind sehr trocken und zerbrechlich. Keine richtige Arbeit, etwas spielerische Kontinuität. Auch sie alleine, ohne die alten Gitterstrukturen, lassen sich zu schwebenden Objekten zusammen flechten, die eventuell mit Papier und Pappmaché stabilisiert werden.

Zwischen zwei Gipsplatten trocknet das erste abgeformte und grundierte Tanzrelief, das ein wenig wellig aus der Form gekommen war. Nun ist es fast ebenso glatt, wie die anderen. Zunächst werde ich beginnen mit Tuschelinien neue Spuren in den Vertiefungen zu verfolgen, neue Figuren anzulegen. Der Kontrast kann dann mit Schellack abgefedert werden, wie auf den älteren Reliefs.

Die Buchmalereien werden immer farbiger. Ohne Scheu toben sich die Kontraste in den kleinen Formaten groß aus. Durch die bunten Strukturen der Steinoberflächen und deren Schichtungen bekommen sie einen impressionistischen Einschlag. Aus diesen unbestimmten Formationen treten manchmal, ohne meinen Willen, Figuren hervor.

Der Preußische Ikarus

Am Morgen dachte ich an den Preußischen Ikarus, das Lied, das Wolf Biermann für mich alleine im Heidelberger Stadttheater gesungen hatte. Während der Vorbereitungen auf sein Konzert, erzählte ich ihm von unseren Unterschriftenlisten an der PH Erfurt gegen seine Ausbürgerung und davon, dass wir seine Texte mit alten Schreibmaschinen und Durchschlägen vervielfältigt hatten. Darauf sagte er auf den leeren Zuschauerraum weisend: „setz dich mal hin.“ Und dann spielte er das Lied.

Gestern modellierte ich das dritte Tanzrelief fertig. Nach ein wenig Überarbeitung ist es bereit für den Formguss. Die Pappmachéexemplare der ersten Reliefs, die in Ruhe trockneten, sind ganz eben und bretthart. Dieser Arbeitsprozess zog mich heute am Sonntag doch wieder ins Atelier.

Aus der Weide, deren Triebe mit den Schülern zu Ringen geflochten wurden, schnitt ich die trockenen Flechtwerke, die nicht mehr weiter wachsen wollten, heraus. Nun habe ich sehr interessante, verschlungene Figuren, die ich zur Ergänzung und Erneuerung der alten Dreiecksgitterstrukturen verwenden kann.

Jede Muschel ein Wort

Ein paar Muscheln, die sich aus einer Kette gelöst hatten, fädelte ich gestern neu auf und stellte damit 4 „Fädel“ für die Vaganteneiche her. Jede Muschel, die dort aufgereiht hängt, steht für ein Wort, das mir der Baum geflüstert hat. Und darüber hinaus sind sie Zeichen der Sprachen, die heute noch durch den Stamm in die Blätter steigen.

Am Tisch im offenen Rolltor des Ateliers findet die Weiterarbeit am Tanzrelieffries statt. Zur abgeschotteten Arbeitsweise im Winter, ist diese Situation eine Abwechslung. Der Blick durch das dichte Blattwerk, führt direkt in den Verlauf der Straße, die auf unser Gelände führt und hier endet. Es ist anregend, dort zu modellieren.

Nun ist die Rückkehr der Mauersegler, in ihre kurze Brutzeit bei uns verbringen, zu erwarten. Sie sollten um dieses Datum herum eintreffen und unseren Himmel bevölkern. Im Gärtchen beobachte ich viel Kleingetier. Die Mückenlarven werde ich in diesem Jahr in Ruhe lassen. Alle sind mir willkommen – Wespen, Bienen, Motten, Feuerwanzen, Ameisen, Libellen, Schwebfliegen, Schmetterlinge, Blattläuse, Tausendfüßler, Regenwürmer, Asseln…

Feuerpause

Wortsplitter, Sinnfragmente rasen im Streit zwischen den Figuren durch ihre Körper. Lautsalven, die durch den Raum geschossen werden, treffen auf die Entzifferungsmaschinen hinter den Trommelfellen. Das Schweigen ist die erholsame Feuerpause – summende Melodien der Übereinkunft.

Gestern hatte ich Besuch von der Ausstellungsmacherin in meinem Atelier, die YOU&EYE im Museum für Angewandte Kunst präsentiert. Sie sichtete einen Teil des Materials und wir umrissen dann die Konzeption der Präsentation der Transparentpapierarbeiten. Wir wollen auch eine Tafel des Väterportraits dazuhängen, damit klar wird, worauf sich die Schülerarbeiten beziehen.

Gestern transportierte ich den Rest der Pflanzen in das Gärtchen nach draußen. Dann rettete ich mal wieder eine Taube, die in die stehende, 4 Meter hohe, Pappröhre gefallen ist und sich nicht mehr von alleine daraus befreien konnte. Am Morgen gieße ich Wasser in das Schlagloch der Betonfläche vor dem Atelier, damit sie trinken kann.

Dann wird es ernst

In den kleinen Buchmalereien kommen kurze Gespräche auf. Wenn die Figuren keine Kraft mehr haben, wird es still, die Farben kollabieren. Aber es gibt eine Energie, die dieses Gleichgewicht des Schweigens erzeugt. Leise Töne in dieser instabilen Situation suchen nach ihrem Klang – Rückkopplung oder Echo.

In seiner meditativen Ruhe ähnelt das Formen des Tons mit den Fingerspitzen und einem Modellierholz, dem Zeichnen auf der Transparentpapierrolle. Veränderungen der Umrisse finden durch minimale Bewegungen und schnelle Entscheidungen in Gedanken an die Abformung, Grundierung und die Bemalung statt.

Das erste der drei Dreiecksgitterobjekte, die zur Neubearbeitung ins Atelier zurückgekommen sind, habe ich von den Bedruckten Transparentpapierdreiecken befreit. In das Volumen fügte ich ringförmige Weidengeflechte ein, die einen Kontrast zur kristallinen Grundstruktur bilden. Irgendwann, nach dem vergnüglichen herumprobieren, werden die Zustände der Skulptur fixiert und teilweise ummantelt. Dann wird es ernst.

Aufwand uns Leichtigkeit

Das Modellieren der Tanzreliefs ist aufwendig. Das Haptische der anachronistischen Technik gehört zu mir, meine Sinne fordern das von mir. Die Arbeit am dritten Teil des Frieses dauert mindestens noch die ganze Woche. Parallel dazu will ich die ersten Exemplare grundieren und mit den Experimenten zur Bemalung beginnen.

In der Supervision zu YOU&EYE sprachen wir über die Auswirkungen des Ramadan auf die Arbeit mit den Schülern. Wir glitten dann in den Bereich der Ausübung von Religion im öffentlichen Raum und schweiften von unseren eigentlichen Themen ab. Meine Siebzehnjährigen wollen zum Abschluss mit mir Bier trinken. Das steht im Widerspruch zu ihrem eifrigen Fasten.

Die Buchmalereien gerieten an diesem Morgen etwas schütter. Die Oberflächenstruktur des Lavasteins, mit dem ich einen Großteil der Farben auf meine Handkante und dann auf das Papier übertrug, lenkte das Geschehen im Zusammenspiel mit meiner Motorik in Richtung Leichtigkeit. Die Frage steht, ob mit dieser Technik auch die Bemalung der Reliefs möglich ist.

Kontaktaufnahme

Trotz des langen Arbeitstages gestern, kam ich nicht zu allen Dingen, die mir am Morgen durch den Kopf gegangen sind. Aber eine zweite Ausformung des ersten Reliefs ist entstanden und das Modell des dritten habe ich begonnen in Ton zu modellieren. Andere Reliefformen aus der Vergangenheit liegen auf dem Arbeitstisch und werden erneut mit Pappmaché gefüllt.

Ein Kontaktaufnahmeversuch mit Kerstin Gneuß, nach etwa 40 Jahren… Ihre Arbeit, die im Netz sichtbar ist, ähnelt thematisch meinen Gesträuchen. Bei ihr sind es Radierungen. Sie gefallen mir. Und Erfolg hatte sie damit auch – öffentliche Aufträge, Ausstellungen und Stipendien.

Nachdem Trixelsplitter gestern in die Buchmalereien eingedrangen, sind diese Elemente heute noch da, aber eher als Echo vom Vortag. Und ich arbeitete heute an den Bildern mit einem neuen Stein, der zuvor noch keine Rolle gespielt hatte. Dabei wird deutlich, wie sehr die Charaktere der Steine und ihrer Abdrücke mit der Stimmung der Bilder verbunden sind.

Parallelitäten

Im Atelier führte ich die Korrekturen an den Tanzreliefs aus, die ich mir vorgenommen hatte. Zwar könnte ich mit einer welligen Flächenstruktur, die entstanden ist, arbeiten, die müsste aber zielgerichtet, für bestimmte Fragen hergestellt werden und Antworten auf diese bieten.

Am Morgen gingen mir die Dreiecksgitterobjekte durch den Kopf, die zur Überarbeitung oder Neufassung ins Atelier zurückgewandert sind. Dabei sollen die Weidengeflechte aus dem Gärtchen und die Tanzreliefs eine Rolle spielen. Die Eckverbindungen der Stäbe kann ich mit Pappmachéakzenten verstärken und anschließend skulpturale Auswüchse heraustreiben lassen.

So entwickeln sich nun Parallelitäten von Tanzreliefarbeit, Objektbau und Buchmalerei, wo die Dreiecksgitterthemen des Trixel Planeten heute schon Eingang gefunden haben. Die alten Motive, die auf den vor 20 Jahren gegossenen Steinen abgebildet sind, können zu dieser Arbeit hinzugezogen werden.

Ungeduld

Die Malereien entwickelten sich heute aus Musiklinien. Mit einzelnen Stücken der Goldbergvariationen ließe sich das differenzieren. Jedes einzelne Stück, von Glenn Gould 1981 eingespielt, bekommt eine eigene Linie. Die lässt sich überlagern von denen zur Einspielung von 1956.

Der erste Abguss des ersten Tanzreliefs hat sich verzogen, weil er nicht gleichmäßig getrocknet ist. Hab ihn zu früh aus der Form gehoben und muss ihn nun noch einmal angefeuchtet da hineinlegen, um ihn mit einem planen Gewicht erneut trocknen zu lassen. War zu ungeduldig!

Die dritte Vorzeichnung der Tanzreliefs ist nun fertig. Muss an manchen Stellen noch etwas verstärkt werden, damit sie beim Modellieren nicht verwischt wird. Die Arbeit geht in der kommenden Woche gleichmäßig weiter.

Zeichnung und Forschung

Während die Jungs gestern Nachmittag wieder im Atelier arbeiteten, sie wissen, was sie tun sollen, haben die Arbeitsschritte parat und brauchen nicht mehr so viel Unterstützung von mir, konnte ich mein eigenes Projekt fortführen. Der erste Abguss des ersten Reliefs war gestern, weil er nicht trocken genug war, noch nicht aus seiner Form zu lösen. Die zweite Form ist auch schon mit Pappmaché gefüllt, und die Vorzeichnung des dritten Reliefs auf der Grundplatte, ist schon fast fertig. Das alles befindet sich im Fluss.

Die Versammlung in der ersten Morgenmalerei kommt, trotz ihrer Vielfarbigkeit, etwas gleichförmig daher. Die feinen Strukturen, die sich über das ganze Format ziehen, wollten nicht durch grobe Linienbündel abgedeckt werden. Im nächsten Schritt sollten die Verdichtungen der Stein – Handkanten – Farb – Abdrücke ihre Durchlässigkeit beibehalten und dennoch kräftige Akzente setzen.

Krishnababy, so nenne ich einen meiner Schüler, der in der Nähe des Meenakshi – Tempels in Bangalore aufgewachsen ist, zeigte ich die Linie die dort entstanden ist und die folgende Verdichtung auf Rolle 12. Er erkannte die Zeitstauchung im dichten Geflecht, als sähe man die Eindrücke aus vielen Stunden in einer Zehntelsekunde. Und dann erzählte ich den Schülern vom Zusammenhang von Zeichnung und Forschung.

Szenen

Flüstern, leises Singen in der ersten Malerei. Eine Szene mit schweigenden Zuhörern und Leuten die vorsichtige Vermutungen anstellen. Spotify will mir mehr Informationen über die Personen geben, die hinter dem Song stehen, den ich immer wieder höre. In diesem Fall über Gould und Bach.

In der zweiten Malerei des Morgens erscheint die Situation etwas gefährlicher und nicht so kommunikativ. Von der linken Seite geht eine Bedrohung aus. Eine gezielte Attacke dringt in einen dunklen Nebel ein und will die beiden Figuren auf der rechten Seite erreichen. Der Schuss bleibt in der dichten Finsternis stecken, die auch wie ein Tarnumhang funktioniert.

Nachdem die Form des ersten Tanzreliefs versiegelt war, rührte ich für die Abformung des ersten Exemplars davon Pappmaché an und füllte langsam das flache Volumen damit aus. Dann schloss ich auch die Nacharbeiten an der zweiten Form ab, versiegelte sie ebenfalls und kann sie heute mit dem restlichen Pappmaché anfüllen. Parallel zu diesen Arbeiten kommt die Vorzeichnung des dritten Reliefs auf die Grundplatte, welches in der kommenden Woche modelliert werden kann.

Zusammenklang

Wenn in den Malereien des Morgens schrille Farbtöne auftauchen, dämme ich sie etwas mit einer gegenfarbigen Intervention, die dem Gesamtklang zugute kommt. Am Morgen erschien mir der Pfeifton meines anhaltenden Ohrgeräusches lauter als sonst. Weil das Geräusch nur in meinem Kopf existiert, versuchte ich dort einen Gegenton herzustellen, der das helle Quietschen überdeckt und zurückdrängt. Und es kam mir nach etwas Konzentration so vor, als würde es bis zu einem gewissen Grad gelingen.

Die erste Tanzreliefform ist gestern endgültig fertig geworden. Nach den Korrekturen ist sie mit mehreren Schichten Schellack versiegelt worden. Wenn sie heute ganz durchgetrocknet ist, könnte ich die erste Abformung mit Pappmaché machen. Auch mit der zweiten Form bin ich so weitergekommen, dass ich entschieden habe, sie nicht noch einmal neu gießen zu müssen.

Die Buchmalereien beginnen derzeit zumeist mit Steinabdrücken. Je nach dem, wie ich mit den unebenen Oberflächen über das Papier ruckele, bilden sich serielle Vertiefungen ab, die durch mehrschichtige Schraffuren vielfarbig aufscheinen. Folgerichtig werden dann diese Steinoberflächen für Übertragungen in die Kompositionen eingefärbt und mit der Handkante in die Formate reingedruckt. Zum Ende hin entstehen Umrisse von Figurationen und Farbfelder, die dem Zusammenklang zugute kommen sollen.

Pappelschnee

Pappelschnee treibt am Gärtchen vor dem Atelier durch den Sonnenschein vorbei. Im direkten Licht liegt die zweite Tanzreliefform. Ihre Nachbearbeitung stellte sich als aufwendig heraus. Das Modell ist noch fast vollständig vorhanden, wodurch sich die Frage nach einem zweiten, besseren Formenguss stellt.

Während der konzentrierten Arbeit an den Reliefs, fehlen das Zeichnen auf Transparentpapier und die anderen Experimente, die sonst nebenher stattfinden. Aber natürlich gibt es genügend Argumente, die das kontinuierliche Durchziehen eines solchen Projektes, ohne Ablenkungen, stützen.

Eva von Redecker wurde in der Kulturzeit von 3sat nach ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ zum Erstarken eines gegenwärtigen Faschismus befragt. Sie zeichnet mit Klarheit die Entstehung dieser Strömungen durch unbedingten Besitzanspruch nach. Das würde ich gerne lesen.

Schwingungen, Spaziergang, Rückzug

Aus den Schwingungen und Linien der Musik entwickeln sich eigenständige Strukturen, die mit Farblinien verbunden werden. Eine sich an die Tanzlinien anschließende Musiklinie, besäße einen freieren Charakter. Es geht nicht um Bewegungen im Raum, sondern um andere Sphären. Das spüre ich während der Buchmalereien, die sich auf die Goldbergvariationen beziehen.

Mit Carola machten wir einen Spaziergang bei der Roten Mühle. Leider machte sich meine alte Beinfraktur bemerkbar, so dass ich nur langsam den Frauen hinterher humpeln konnte. Wir merken in unseren Berufen, dass unsere Generation nicht mehr so gefragt ist. Die Jüngeren warten, dass wir endlich abtreten.

Und das wäre der richtige Zeitpunkt für einen Rückzug, der mit der alleinigen Konzentration auf die künstlerische Forschung beginnt. Das startet am Morgen mit meinen Steinen und ihren Oberflächenstrukturen, wie sie sich mit der Musik und meinen farbigen Linien zu ihr verbinden.

Zusammen malen

Mit Sylvain Merot, Oliver Tüchsen und Maya malte ich gestern gemeinsam ein Bild für einen gemeinsamen Bekannten. Mir ging es meistens um die Herstellung des Zusammenklangs, was im Zusammenspiel mit Maya am ehesten funktionierte. Auf dem Heimweg schaute ich mir gut gelaunt die Menschen in der Stadt an. In der Straßenbahn lernte ich ein junges Paar kennen, das einen, aus Indien stammenden, Hund bei sich hatte.

An der ersten Form der Tanzreliefs war gestern noch etwas Nacharbeit nötig, damit die Herstellung der Abgüsse dann reibungslos gehen kann. Für die zweite Form werden noch mehr Korrekturen anstehen, weil der blasige Gips zu vielen kleinen Fehlstellen führte. Insbesondere die tiefer liegenden Linien sind davon betroffen.

Die kurzen Klavierstücke der Goldbergvariationen würden sich für ein Musiklinienprojekt gut eignen. Für jedes Stück wäre eine spontan gezeichnete Linie möglich. Die können dann aneinander gehängt oder übereinander gelegt werden. Viele Möglichkeiten, die auszuprobieren sind.

Musiklinie

Ein Rückzugsort, wie ich mich gestern in ihn hineingemalt habe, kann auch die Musik sein oder das Handwerk. Für die Form, die ich gestern vom zweiten Tanzrelief gegossen habe, musste zunächst ein Rahmen gebaut werden. Mit Schraubzwingen auf der Grundplatte befestigt, grenzt er den Raum für den fließenden Gips ein. Durch die Verminderung des Wasseranteils, wurde er dickflüssiger, schloss auch Luftblasen ein und wurde früher fest. Weil der Arbeitsfluss möglichst nicht unterbrochen werden soll, ist das Ganze eine ziemlich stressige Angelegenheit.

Die Farblinien der Buchmalereien reagierten heute wieder direkt auf die Goldbergvariationen. Dabei entstand die Idee, ähnlich wie die Tanzlinie eine Musiklinie zu zeichnen, direkt auf einen Transparentpapierstreifen und sie dann zu verdichten.

Mittlerweile hängen in den Rindenfurchen der Vaganteneiche Ketten, auf die Muscheln und Steine aufgefädelt sind. Die Perlonfäden allerdings altern im Sonnenlicht schnell und reißen dann. Ist Hanf- oder Kokosschnur haltbarer? Am Nachmittag gibt es bei Maya ein Treffen der Künstler, die bei YOU&EYE beschäftigt sind. Wir wollen gemeinsam ein Kunstwerk anfertigen. Ihre Idee!

Hineingebildet

Immer schneller entfernen sich meine kleinen Buchmalereien mit ihren anschließenden Collagen von der Außenwelt. Vielleicht kippt das irgendwann wieder, wenn den Leuten die Sensationslust, die sich mit Verrohung zusammenschließt zuviel wird. Dabei spreche ich auf meinem Weg mit den Obdachlosen, den Mitgenommenen und Kranken auf den Parkbänken. Sie grüßen mich dafür freundlich.

Auf dem Atelierarbeitstisch modellierte ich das zweite Tanzrelief bis zum Abend fertig. Heute kann es noch ein wenig überarbeitet und seine Form gegossen werden. Dann sollte ich mich aber um die Nachbereitung der Formen kümmern, damit die weiteren Arbeitsgänge, das Abformen der ersten Exemplare und das weitere Modellieren ineinander fließen können. Das zieht Veränderungen der Arbeitsweisen nach sich.

Und in den Malereien versuchte ich heute wieder etwas figürliche Konkretion entstehen zu lassen. Mehr oder weniger fest umrissene Körper muten wie Figurengruppen an. Diese Vorstellungen werden in die abstrakten Strukturen hineingebildet.

Musikfarben formen Tanzräume

Modellieren mit Ton braucht etwas Geduld. Gestern blieb ich den ganzen Tag durchgehend im Atelier und arbeitete plastisch vom Mittag bis in den frühen Abend. Dabei schaffte ich das zweite Drittel des zweiten Tanzreliefs. In der Abendsonne ging ich mit der Gartenschere noch etwas an den Bahndamm. Dort entwickelt sich der Raum zwischen Bäumen und Hecken zu einer einladenden Landschaft. Ein grünes Halbrund im Rücken einer Bank erzeugt Geborgenheit.

Seit längerer Zeit hörte ich heute, wieder am Morgen während der Buchmalerei, die „Goldbergvariationen“ von Glenn Gould gespielt. Diesmal ließ ich mich direkt auf den Klang und die Rhythmen ein, zeichnete mit den Aquarellstiften und Pinsel im Schwingen des Spiels. Die Musik baute in dieser Weise eine engere Verbindung von mir zu den Malereien auf. Es entstand ein ähnliches Wohlgefühl, wie zwischen dem gestalteten Grün im wechselnden Licht-Schattenspiel.

Und nun entsteht eine Idee von einer musikalischen Bemalung der Tanzreliefs. So werden Pinsel und Stifte tänzerisch geführt. Musikfarben formen Tanzräume.

Revolutionen?

Von meinem letzten Besuch in Thüringen brachte ich ein Faltblatt über das Panorama Museum in Bad Frankenhausen mit. 1976 bekam Werner Tübke den Auftrag für ein Monumentalbild zum Bauerkrieg, der im DDR-Jargon „Frühbürgerliche Revolution“ hieß. Am 14. September 1989 wurde das 127 Meter lange und 14 Meter hohe Panorama eingeweiht.

Auch der Militärputsch 1917 in Russland und der folgende Bürgerkrieg wurden zur Revolution stilisiert. Aus dieser behaupteten Kontinuität schöpfte die Sozialistische Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik ihre Daseinsberechtigung. Und nun nennen die Thüringer ihr Panorama Museum „Die Sixtina des Nordens“. Ende der Siebzigerjahre entdeckte ich den Manierismus im zeichnerischen Werk Tübkes, dessen Handwerk ich dennoch respektierte.

Heute, an diesem sonnigen Tag, kann ich mich ganz in Ruhe und störungsfrei des Tanzreliefs widmen. Die Form des ersten will ich überarbeiten, damit die Ausformungen reibungslos laufen können – eine Geduldsarbeit, die mit Fingerspitzengefühl durchgeführt werden will. Das zweite Relief ist zu einem Drittel modelliert und wird sicherlich in dieser Woche fertig.

Korallenstein, Form, Bank

Als Ersatz für den Korallenstein, den mir die Affen in Indien geklaut haben, schenkte mir Anne zum Geburtstag, einen solchen, etwas größeren Stein, in einer sehr schönen Pappkiste. Die steht jetzt auf meinem Arbeitstisch und heute benutzte ich erstmalig die Oberflächenstruktur für die Malereien. Es sind die orangefarbenen Abdrücke, insbesondere im zweiten Format.

Gestern stellte ich die Reliefform aufrecht auf einen Heizkörper im Atelier, weil sie auf der Hobelbank nicht so recht trocknen wollte. Ein Vorgang der mit einem fehlerhaften Mischungsverhältnis zwischen Wasser und Gips zutun hat. Zu viel Wasser… Ich hoffe, dass der Gips nun stabil genug für die Abformungen der Zukunft ist.

Mit Jano, der unter der Unterführung aus den drei Eisenbahnbrücken lebt, sprach ich über die Rundbank um die Eiche, die ich auf dem Gustavsburgplatz bauen will. Er hat in seinem riesigen Lager 5 große Bretter, die ich gut dafür brauchen kann. Bei der Gelegenheit erzählte er mir, dass er alles räumen muss, weil die Straße unter den Brücken neu gebaut wird.

Heraustreten

Die Reliefform war noch nicht so trocken und stabil, dass sie sich leicht vom Untergrund lösen ließ. Es besteht Unsicherheit, ob die Stabilität für diesen Vorgang ausreicht. Deswegen trocknet sie noch und die Spannung hält an, wie der Guss gelungen ist.

Ein zufälliges Treffen mit Susanne auf dem Weg ins Atelier. Ich erzählte ihr von den Baumgesängen und lud sie ein, sich das mal anzuschauen. Sie wäre der richtige Mensch für die Vertonung des Textes. Ich hoffe ein wenig heraustreten zu können aus dem Rahmen, der die Kontinuität der Arbeit absteckt. Leichte Bewegung nach außen.

Im Fotografie Forum Frankfurt sahen wir gestern „Shadows might Dance“ von Jessica Backhaus. Sie fotografiert Kompositionen jenseits der Gegenständlichkeit. Aus übereinander gelegten, ausgeschnittenen Papieren, schafft sie perfekte, sonnenbeschienene Kompositionen. Sehr ausgewogen, in erlesenen Farben, bis es in die Selbstgenügsamkeit des Schönen kippt. Das aber hat leider viel mit der Gegenwart zu tun.

Erste Form des Tanzreliefs

Auf der Grundplatte für das zweite Tanzrelief ist die Vorzeichnung gestern fertig geworden. Dann folgte der Guss der Form des ersten, das fertig modelliert war. Erst nach und nach kamen die vielen verschiedenen Arbeitsgänge in ihren Abfolgen aus der Erinnerung hervor. Die letzten Formen entstanden vor zehn Jahren für das Väterportrait.

Gelernt habe ich das in der Abendschule an der Kunstakademie in Dresden bei dem Bildhauer Wolfgang Friedrich. Wie er krempelte ich mir die Ärmel hoch und griff bis zum Ellbogen in den angerührten Gips, um die kleinen Klumpen zu zerdrücken, die beim Einstreuen des Pulvers in Wasser entstehen. In zwei Schichten entstand die Platte in einem Holzrahmen, den ich vorher angefertigt hatte.

Am Morgen dachte ich an die vielen Arbeiten in den Schubladen, Regalen und Schränken, die immer nur Zwischenergebnisse oder Wegmarken auf dem Weg der Suche darstellen. So, wie auch die Buchmalereien dieses Morgens, deren kleine Wildheit erhalten blieb, weil das Malen rechtzeitig beendet wurde.