Kehrt marsch!

Durch die vielen Arbeitsgänge entwickelte sich im Tanzrelief eine gegenläufige Richtung. Die Figuren tanzen zurück an den Anfang. So steht das erste Relief nun am Ende. Die Leserichtung hat sich gedreht. Es ist fertig modelliert und kann nun abgegossen werden. Dann ist es gesichert und ist zur Vervielfältigung freigegeben. Das zweite begann ich auf eine nächste Grundplatte vorzuzeichnen, womit ich heute fertig werden kann.

Noch einmal denke ich an die alten Familienfilme zurück. Insbesondere die dunklen Szenen der Jugendweihe meiner Cousine in Niedergrunstedt kommen mir da in den Sinn. Auf denen ist kaum etwas zu sehen, ein finsteres Wabern ist zu erahnen. Das aber kommt dem nahe, was ich für diese Zeit fühlend erinnere.

Die Buchmalereien gerieten heute etwas minimalistisch. Aber das Preußischblau, das gestern in seiner Dummheit so lauthals angegeben hat, was besonders auffällt, wenn man es sich selbst überlässt, ist heute vermischt und eingebunden.

Rückblick

Mit dem Modellieren des ersten Reliefs des Tanzfrieses bin ich fast fertig. Ich denke, dass ich die Arbeit daran an diesem Nachmittag beenden kann. Dann kommt der Formenbau.

Am Wochenende zu meinem Geburtstag, war Anne mit Familie da. Wir sichteten alle Super 8 Filme, die mein Vater gedreht hatte und beschrifteten die Filmrollen. Diese Reise in die Vergangenheit deckte viele Blickwinkel von Dieter Reinecke auf. Auch die Stimmungen, die während der Spaziergänge, Jugendweihefeiern und Familientreffen herrschten, wurden sehr plastisch. Im Atelier fotografierte Anne das Väterportrait.

Gestern machten wir einen Ausflug zum Glauberg, wo sich ein archäologisches Museum befindet, das die Funde der Keltenzeit präsentiert. Da war für jeden was dabei und Armin konnte sich auch etwas austoben in den Gräben rund um den großen Grabhügel.

Theaterplastik

Im Atelier ging es weiter mit der Modellierarbeit. Das ist wenig spektakulär, löst aber eine freudige Spannung aus. Während der Ton in den Händen geformt wird, streift die Erinnerung durch Szenen der Theaterplastik in den Neunzigerjahren in Heidelberg.

Für das Stück „Bauernsterben“, das der Intendant Peter Stoltzenberg inszeniert hatte, modellierte ich einen Christus am Kreuz und stellte eine Gipsform davon her. Die schwenkte ich mit Gummimilch aus und goss in den Hohlraum Zweikomponentenschaum, der sehr fest aushärtete. Der Schauspieler Helmut Kahn konnte die Skulptur über die Bühne werfen, ohne dass ihr etwas geschah. Sie spielte noch in mehreren anderen Stücken mit, auch in einem berserkerhaften Tanztheater von Johann Kresnik.

Aber jetzt geht alles ruhig vonstatten. Vielleicht ergeben sich ein paar voluminöse Aufwallungen im Verlauf dieser Arbeit am Tanzrelief. Ich dachte auch daran, Muscheloberflächen in den weichen Ton zu drücken, verwarf das aber wieder. Das hat nichts mit dem Tanzthema zutun.

Muscheln

Wie es für diese Woche auf dem Plan stand, begann gestern das Modellieren des Tanzreliefs. Der Wunsch, damit zu beginnen, war so stark, dass mir erst später auffiel, dass die Vorzeichnung noch nicht fertig war. Der Ton, der noch etwas zu weich war, bekam auf einer Gipsplatte, die ihm das überflüssige Wasser entzog, die richtige Konsistenz, und in der warmen Hand wurde er gut modellierbar.

Jemand der sich mit der Belebung des Gustavsburgplatzes beschäftigt, besuchte gestern das Atelier, um etwas über meine Vorhaben dort zu erfahren. Immer noch ist die Eiche Ziel meiner täglich vier Unterbrechungen des Arbeitsweges. Unser Zwiegespräch entwickelt sich in den Raum des Platzes. Die Muscheln werden zu Wanderungsspuren, die an die Vaganten erinnern.

Der Tag begann ganz ruhig. Mich zog es nicht gleich nach draußen in den herannahenden „Märzwinter“. Die Buchmalereien geschahen eher vorsichtig. Mit einem weiteren Kaffee konnte ich mir dann beim Schreiben zuschauen, die Linien verfolgen, die entstanden.

Gehen und sprechen

Der Zeichnungsfries, der aus der Tanzlinie entstanden ist, mündet nun in den Reliefstreifen. Er kann die Motive mehrmals wiederholen, um dann fragmentiert auszulaufen, indem nur noch Teile davon reproduziert werden. In dieser Weise enden auch manche Zeichnungssequenzen auf den Transparentpapierrollen.

Nun ist der Ton, der seit Jahren eingetrocknet war, wieder weich und modellierfähig. An einem Tisch draußen, im T-Shirt in der Sonne, knetete und walkte ich das Material mit meinen Händen. Heute kann ich beginnen, das erste Relief zu formen.

Die Rinde der Vaganteneiche bestücke ich mit Muscheln von den Kanarischen Inseln. Auch ein zweiter Eckbaum des Wiesendreiecks hat davon schon etwas abbekommen. So entsteht eine Verbindung zwischen den Stämmen. Auf dem Weg zwischen ihnen gingen mir Teile der Baumgesänge durch den Kopf. Gehen und Sprechen, wie im Lustgarten neben dem Humboldtforum. Um die Triangulation des ganzen Platzes durchzuführen, können weitere Bäume als Eckpunkte stehen. Die Linien zwischen ihnen werden getanzt, gegangen, gesprochen und gesungen.

Allein im Wald

In einem Gespräch mit einem Musiker über die Zusammenhänge von instrumentalen Improvisationen und Arbeitsvorgängen in der Malerei, versuchten wir die Gemeinsamkeiten genauer einzukreisen . Wir kamen auf die Baumgesänge und die Möglichkeit aus ihnen einen Prozessionstext, der auf den Wegen zwischen drei Bäumen rezitiert wird, zu machen. Mich erinnert das an die Wanderungsspuren von TRIXEL PLANET und die geografische Triangulation.

Es ist Montag. Nach dem Wochenende ist die Arbeit weit fort. Aber Sonne scheint ins Atelier und die Materialien zum Modellieren stehen bereit. Aber erst muss die Leichtigkeit wieder kommen. So wie ich sie aus den Kindertagen kenne, weit weg von der häuslichen Niedergeschlagenheit, Angst und Gewalt, allein im Wald.

In einem neuen Tagebuch tat ich mich mit den Buchmalereien am Morgen etwas schwer. Unten auf der Allee staute sich der Verkehr, auf den Buchseiten stockten die Farblinien. Ich denke an die Super 8 Aufnahmen meines Vaters, mit denen ich mal arbeiten wollte. Anne möchte sie am kommenden Wochenende, wenn sie mit ihrer Familie zu Besuch kommt, sehen.

Theater Theater

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir gestern die Premiere von „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams. Auf der Premierenfeier gab’s Gespräche über das Stück, den Zustand des Theaters und es wurde getanzt. Ich traf Annie Nowak und Chunqing Huang und lernte neue Leute kennen.

Uns gleichzeitig hatte Barbaras Übersetzung von „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder Premiere. Die erste Besprechung in Nachtkritik war nicht so berauschend. Aber alle Stars, die die Wiener lieben, spielen mit… Das wird schon laufen!

Gerade auf dem Weg ins Atelier traf ich Herrn Haussmann, der maßgeblich für die Existenz von Teves West verantwortlich war. Ich sagte ihm aus ganzem Herzen sehr freundliche Dinge. Weiter ging ich über den Gustavsburgplatz, wo mir nun Kinder beim Schmücken der Vaganteneiche helfen. Sie stellten ein Muster aus Kronkorken am Boden her, mit Federn durchsetzt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Nun im Atelier steht der Ton, der eingesumpft werden muss auf der Hobelbank. Erinnerungen an die plastischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte gehen mir durch den Kopf. Schon das alleine ist beglückend.

Zwei Choreografien

Zwei Choreografien gestern im Bockenheimer Depot. Von Ioannis Mandafounis EINS VOR ZWEI ZURÜCK und von Rosalind Crisp SEEN UNSEEN. Zwei sehr unterschiedliche Arbeiten. Letztere lernten wir ja in unseren Workshops mit Manuel quasi von innen kennen. Die Strukturen waren auch wieder sichtbar. Vierergruppen auf 4 getrennten Tanzböden, von Zuschauern umgeben. Die Gruppen wechselten den Ort und auch die Teamzusammensetzung. Das war sehr dynamisch, tänzerisch wirklich schön, und deutlich wurde der Zusammenhalt, der von einer Grundformel auszugehen schien. Am morgen dachte ich, noch einmal aus dem Kopf eine neue Tanzlinie dazu zu zeichnen.

Das andere Stück gefiel mir nicht so. Zu wenig Verbindung mit dem Raum, viele Albernheiten, auch sprachlich. Tänzerisch bestand es aus engem „Körpergewurschtel“ und Ausflügen in traditionelle, schematische Figuren. Am Rande traf ich die Kulturdezernentin, bei der ich mich über den Umgang des Kulturamtes mit unserer Projektidee DIKTATUREN beschwerte.

Mit den Schülern arbeitete ich gestern wieder am Bahndamm, an dessen Fuß wir Landart – Veränderungen vornahmen. Mit verschiedenen Scheren, Sägen und Beilen rückten wir den Brombeeren zuleibe. Daraus entstand ein neues Wegstück, das verschiedene Aufenthaltsorte miteinander verbindet. Außerdem zündeten wir in einer Metallschale Feuer an, in dem wir den trockenen Gartenschnitt verbrannten.

Prozessionsdreieck

Wenn ich über die Bemalung der Tanzreliefs nachdenke, erscheint mir die Lasurmalerei als sehr geeignet. In diesem Zusammenhang sah ich eine Dokumentation über die Farbigkeit antiker Skulpturen. Wie man sich im Liebighaus in Frankfurt damit beschäftigt hat, ist interessant. Die Ergebnisse der Rekonstruktion allerdings, erscheinen mir zu plakativ. KI – generierte Versuche bewegen sich in Richtung Naturalismus, was der Sache vielleicht näher kommt.

In meiner Reliefbemalung sollen allerdings eher die Tanzerfahrungen eine Rolle spielen, die Verinnerlichung fremder Bewegungen in verschiedenen Raumverhältnissen. Die Räume der Liniengeflechte werden von Farbschichten durchzogen, die sich überschneiden. Schnell können solche lasierenden Farbfelder etwas schematisch aussehen. Dem wirken Zufall und Spontaneität entgegen.

Die Verzierungen, die ich an „meiner“ Vaganteneiche angebracht habe, sind teilweise entfernt und zerstört worden. Das brachte mich auf die Idee, noch einmal von vorne anzufangen. Diesmal soll in einer schwer zugänglichen Höhe ein Ornament aus Muscheln entstehen. Es kommuniziert mit zwei Gestaltungen an anderen Baumstämmen. Somit entsteht ein Beziehungsdreieck. Die Linien zwischen den Baumeckpunkten sind Prozessionswege, die mit den Baumgesängen begangen werden, die ich in den letzten Monaten, am Stamm lehnend, festgehalten habe.

Bewegungsvolumen

Nach einigen Improvisationsübungen im Ballettworkshop, deren Ziel Impulse gemeinsamer Bewegungen waren, zeigte sich, dass eine Harmonisierung schnell und ohne Worte einsetzen kann. Vielleicht lernt man sich durch aufeinander abgestimmtes Tanzen, durch körperliche Kommunikation, schneller besser kennen.

Wegen der aktuellen Arbeit am plastischen Tanzfries, kommen mir diese Erfahrungen besonders zugute. Es ist mir, als müsste ich aus der Dimension des Flachreliefs in den Raum heraustreten. Vor Augen sind mir dabei die verschränkten, wirbelnden Gliedmaßen und die Beziehungen der Körper im Raum zueinander und zu architektonischen Gegebenheiten, die sie umgeben. Die Justierung des Blicks, der sich nach anderen, sich bewegenden Figuren und stillstehenden Gegenständen, während der eigenen Bewegung orientiert, bietet produktive Perspektiven für die Gestaltung.

Die Reliefzeichnungen werden nun mit einem weichen Graphitstift verstärkt. Die aufwendigen Arbeitsgänge der Übertragung der Vorzeichnungen auf die Grundplatte des Modells, ziehen eine leichte Veränderung der Strukturen nach sich. Dadurch werden die Umrisse korrigiert und stabilisiert.

Linien im Raum

Die Zeit ist gestaucht und vergeht zwischen vielen Tätigkeiten schnell. Dennoch sind gestern die verkleinerten Vorzeichnungen für die ersten beiden Reliefs des Tanzfrieses entstanden. Jetzt passen die Motive auf die 60 cm hohe Grundplatte, auf der modelliert werden soll. Und auch heute schnelle Buchmalereien am Morgen. Sie besitzen ihre eigene offenere Struktur, die manchmal den vielen Schichten der aufwendigen, geschlossenen Bilder vorzuziehen sind.

YOU&EYE Projekttreffen heute und Besuch von Leuten aus dem Planungsamt. Am Abend wieder Tanzworkshop, wie gestern. Mit dem Dramaturgen der Dresden Frankfurt Dance Company stellten wir den Zusammenhang von Sprache und Tanz in den Mittelpunkt. Es war mir möglich über meine Vorstellungen von der Wahrnehmung des Körpers im Raum zu sprechen und von der Tanzlinie zu erzählen. Auch sie wurde von zwei Frauen in ihren Improvisationen tänzerisch umgesetzt.

In dieser Situation, in der meine Gedanken klar formuliert auf die Bewegungen der anderen übergingen und fortgesetzt wurden, kam eine neue Sicherheit bei mir auf. Mittlerweile ist das Tanzstudio eine gewohnte Umgebung geworden. Heute tanzen wir wieder mit Manuel und übermorgen ist dann die Premiere des aktuellen Stücks der Company im Bockenheimer Depot.

Junge Menschen

Eine erste Variante eines Tanzreliefs zeichnete ich auf einen Streifen Transparentpapier. Die volle Größe des Scans ist etwas zu hoch für die Grundplatte, auf der ich modellieren möchte. Muss ich also wieder einen Schritt zurück und das Ganze noch einmal etwas kleiner zeichnen. Der Vorteil dieser Wiederholung ist, dass mir die Formen des gezeichneten Liniennetzes vertrauter werden. Und kleine Korrekturen fallen beim zweiten Zeichnen leichter, führen zu einer spannungsvolleren Gesamtkomposition.

Auf einem Familientreffen konnte ich mit den jungen Menschen sprechen, deren Entwicklung wir interessiert verfolgen. Und da gibt es reichlich Erfolgsmeldungen und es bilden sich immer neue Begabungen heraus. Matthis beispielsweise betreibt Sprachforschungen an der Goethe-Uni und singt als Solotenor in Oratorien. Zu Ostern können wir ihn in der St. Leonhardskirche am Mainufer hören und sehen. Und Ragna, die schon in meinem Atelier mit ihrer Bratsche musizierte, hat die beste Masterarbeit ihres Jahrgangs in ganz Schweden geschrieben!

Mein Kalender ist voll mit Terminen. Das ist eine Last für mich. Stattdessen sehne ich mich nach Zeiträumen, die ich geschlossen und kontinuierlich der Entwicklung meiner Arbeit widmen kann. Mit all den Unterbrechungen steigt der Druck dennoch, meinen Wünschen gemäß, weiter zu kommen.

Abenteuersteine

Es sind Abenteuersteine, mit denen jeden Morgen die Buchmalereien begonnen werden. Ihre vernarbten Körper werden in das Papier gedrückt oder eingefärbt. Die Strukturen können dann mit der Hand aufgenommen und auf das Papier übertragen werden. Stein und Körper werden eins, nehmen einander auf. Die Geschichten der Steine und meiner Gene bilden neue malerische Erzählungen.

Zwischen den heutigen Buchmalereien und dem Schreiben lagen zwei Stunden, die ich für Erledigungen in der Stadt brauchte. Nun lösen die Bilder, nach der Pause, neue Freude aus. Nach dem Schreiben ein weiterer Termin! Keine Ruhe! Eine kleine Mittagspause auf dem Wochenmarkt auf der Frankenallee vor der Tür, den herannahenden Regen im Blick.

Eine weiße Grundplatte, auf der vor ein paar Jahren eines der 16 Väterreliefs entstanden ist, liegt nun für das Tanzrelief bereit. Die Vorzeichnungen sind für die Übertragung auf die Modellierflächen gescannt. So können die Einzelteile präzise zeichnerisch übertragen werden. Dann sollte alles Weitere flüssig ablaufen.

Wie von selbst

Gestern ist die Meenakshi Sequenz fertig geworden. Die letzten Linien zeichneten sich im Hochgefühl, wie von selbst. 2 Fotografien der Arbeit schickte ich Anne, die mit dem Vorschlag, die Linie zu vertonen, darauf reagierte. Eine Übersetzung in Tonspuren, wäre ganz in meinem Sinne.

Nun liegen aber die Vorzeichnungen für das Tanzrelief auf dem Arbeitstisch. So entwickelt sich die Arbeit schon beim Anschauen weiter. Die Liniengeflechte sind etwas lichter und stammen aus der 2. Phase der Verdichtungen. Der Anteil von Figurenfragmenten ist hoch und verweist noch auf den Ursprung der zusammengerollten und geschichteten Linie.

Und gleich schiebt sich die Vorschau auf die Bemalung in den Vordergrund. Dabei spielt die Konsistenz des Untergrundes eine entscheidende Rolle. Nahe liegend wäre die Verwendung der Maltechnik der Buchmalereien. Aber das stellte sich schon öfter als schwer realisierbar heraus. Es bleibt nichts, als gründlich zu experimentieren.

Tanzimprovisation, Relief

Die letzte Verdichtungsphase der Meenakshi Sequenz hat begonnen. Während zwei Rückwärtsrollen mit dem Transparentpapierstreifen, zeichnete ich die Tuschelinien durch und wechselte dann wieder die Rollrichtung. Nun entsteht die Schicht, die schon das Ende einläutet, weil es dann vor lauter Schwärze nicht mehr weitergeht. Höchstens die übrig gebliebenen hellen Inseln können herausgezeichnet werden, um sie zu einer neuen Verdichtungssequenz zu formieren. Hier löst sich das Thema aber eher auf, endet nicht in einer abgeschwächt dramatischen Geste, wie ich mir das vorstelle.

Im Studio der Dresden Frankfurt Dance Company nahmen wir gestern am dritten Teil des aktuellen Workshops teil. In kleinen Gruppen improvisierten wir mit körperlichen Impulsen und den Reaktionen darauf. Das fügte sich am Ende zu harmonischen Zusammenspielen zusammen. Meine Formvorliebe führt zu einem etwas sperrigen Bewegungsstil im Gegensatz zu den elaboriert-geschmeidigen Tanzbildern der anwesenden Damen.

Diese Kommunikation mit der Arbeit des Ensembles wirkt sich nicht unwesentlich auf meine Arbeit aus. Wenn ich vielleicht schon in dieser Woche mit der aktuellen Verdichtungssequenz auf Rolle 12 fertig werde, kann ich mit der Arbeit am Tanzrelief bald beginnen. Die Vorfreude darauf wächst schon seit einigen Wochen.

Mädchenbande

4 Viertklässlerinnen besuchten mich und fragten nach meinem Alter. Meine Aufforderung, mal zu schätzen, beantworteten sie mit: „Vielleicht so 50?“ Nach meiner Richtigstellung: „Und warum laufen sie so leicht?“ Eine Mädchenbande!

Die zweite Phase der Meenakshi Sequenz ist gestern fertig geworden. Es dauerte bis in den Abend. Nun kann ich mit dem Rückrollen, das beim Durchzeichnen eine entscheidende Verdichtung nach sich zieht, beginnen. Mir fiel auf, dass die Tuschegesträuche keine Rolle in den Collagen spielten. Das hab ich heute geändert.

Neben der laufenden Arbeit heute der wöchentliche Einkauf, Tevessitzung und am Abend Ballettworkshop. In dieser Woche dann noch zwei Arzttermine, die Schüler im Atelier und am Wochenende der 90. Geburtstag von Barbaras Mutter mit der ganzen Sippe…

Publikumsbeschimpfung

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke. Gutgelaunte Schauspieler sangen den schlechtgelaunten Text. Peer Baierlein richtete das Stück musikalisch so ein, dass es manchmal fast wie ein Musical daherkam. Eine Dirigentin und eine Band in einer verglasten Kammer verstärkten den Eindruck von Musiktheater, was dem Stück gut tat. Es war humorvoll, kurzweilig und präzise gearbeitet. So blieben wir noch in der Panoramabar im Foyer, bei einem Wein.

Der dicht strukturierte Alttag erlaubt es mir nicht, die Arbeit so zu gestalten, wie ich es mir vornahm. Längst wollte ich am Relief arbeiten, das die Ballettlinie mit ihrer Verdichtungssequenz zum Inhalt haben soll. Vielleicht übernehme ich mich auch, wenn parallel die Arbeit an der Meenakshi Sequenz läuft.

Ein Sonntagsspaziergang führte uns an den Main. Am Römer gerieten wir zwischen zwei Demonstrationen, die den Irankrieg zu Thema hatten. Islamisten schwenkten die aktuelle iranische Flagge zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit dem Mullah Regime. Die Gegner skandierten gegen das Regime und für die amerikanisch-israelischen Militäraktionen.

Gehäuse

Eine erste Runde der 3. Phase der Meenakshi Sequenz, das heißt eine ganze Umdrehung der Rolle 12 mit dem Radius von etwa 20 Zentimetern, habe ich gestern gezeichnet. 2 Runden kommen noch dazu, dann kann ich mit dem Rückrollen und den finalen Verdichtungen beginnen.

Die Buchmalereien haben zurzeit immer weniger zeichnerische Elemente. Die Strukturen ergeben sich aus Handabdrücken, die Steinoberflächen und Handlinien vermischen, Handkantenverwischungen und Linien meiner farbgetränkten Haare, die ich auf das Papier lege und dann weiter bearbeite. Die Schichtungen mehrerer Abdrücke ergeben dichte Areale farbiger Bewegungen.

Aus Breslau bekomme ich von Anne viele Stadtbilder mit Beschreibungen geschickt. Zu Fuß recherchiert sie in den verschiedenen Vierteln der Stadt, wo die Familien Wolf und Fitzner gelebt haben. Sie schaut in Archiven, Museen und in den Dom, entdeckt Sichtachsen und veränderte Stadtstrukturen. Ich dachte heute, das so eine Art Gehäuse entsteht, in dessen Mittelpunkt sich sein Betrachter befindet, der im sich Umschauen alle Wege, Gebäude, Gesichter und Worte wahrnehmen kann. Daraus entsteht die Geschichte.

Gravitationsräume

Mit den Jungs, die gestern zu mir ins Atelier kamen, rückte ich den Brombeerbüschen und dem wuchernden Sommerflieder am Bahndamm zuleibe. Mit allen verschiedenen Gartenscheren, dich ich habe, schnitten wir einen Keil in das Gesträuch. Das Schnittmaterial zerkleinerten wir und warfen es in die Feuertonne. Außerdem benutzten wir eine Baumsäge, deren Handhabung erst einmal eingeübt werden musste.

So verlängerte sich ein Weg, der über die Wiese geht, auf ein Betonbauteil zu, das im unteren Bereich eine viereckige Höhlung aufweist, die in einen geheimnisvollen, dunklen Raum führt, der nur etwas Licht durch ein Loch von oben bekommt. Wenn wieder schönes Wetter ist, können wir dort eine Aufenthaltsqualität schaffen, eine Fläche, auf der man was abstellen und einen Stuhl daneben platzieren kann.

Anne unterrichtet mich mit Fotos, Landkarten und Beschreibungen über ihre Wege auf den Spuren der Familie Fitzner. Spannend ist, wie sich ein Mosaik der Lebensumstände zusammensetzt, in dem seltsame räumliche Beziehungen auftauchen. So wohnte die Familie meiner Großmutter nur zwei Straßen entfernt von der Wohnung der Fitzners, mit dessen Spross Oscar, Oma Gertrud Wolf später in Berlin meinen Vater zeugte. Jetzt wohnt Anne mit ihrer Familie nur ein paar Straßen entfernt von ihrer Wohnung in der Altenbraker Strasse in Neukölln – Gravitationsräume.

Auf die Spitze treiben

Am Morgen vor einem Reisetag, erledige ich noch gerne meine handschriftliche Tagebucharbeit. Je früher der Tag, umso schwerer fällt es, sich an den Tisch zu setzen und eine Konzentration aufzubringen, die dann in die Buchmalereien hineinführt. Aber die Überwindung lohnt sich, weil eine Energie entsteht, die aus den Bildern auf mich zurückleuchtet.

Auf Rolle 12 führte ich die erste Verdichtungsphase der Meenakshisequenz zu Ende. Ein ruhige Arbeit, die schon die Fortsetzung später im Auge hat. Und die sieht so aus, dass ich das Material noch dreimal durchzeichne, ohne dass neue Elemente hinzukommen. Mit diesen 3 Wiederholungen, die etwa 60 Zentimeter des 50 Meter langen Transparentpapierstreifens füllen, beginne ich dann die Rückrollphase. Vom Ende her überlagern sich die Liniengesträuche anders versetzt und verdichten sich noch mehr. Und dann kann ich hin und her rollen, um die Verdichtungen auf die Spitze zu treiben.

Im Studio unserer Tanzcompany führten wir unseren Workshop zu den choreografischen Techniken von Rosalind Crisp fort. Die Schichten unserer Körper konfrontieren wir dabei mit der Umgebung. Wie fühlen sich Haut, Muskeln und Knochen im Umgang mit der umgebenen Luft an, welche Bewegungen entstehen daraus. Eine größere, bestimmendere Rolle bei mir spielen dabei die Raumbezüge.

SPIRIT AN THE DUST

Das Stück SPIRIT AN THE DUST von Noah Haidle, das Barbara übersetzt hat, hatte am vergangenen Wochenende Premiere im Deutschen Theater in Berlin. Die Vorstellung wurde vom Publikum und von der bisherigen Presse gut aufgenommen. Noah war da und spielte mit Barbara Tischfußball. Die Premierenfeier dauerte länger… Am nächsten Abend sahen wir DIE WILDENTE VON Ibsen in der Regie von Ostermeier. Das war eine ganz andere Arbeit, naturalistisch fast. Fand ich zunächst nicht so gut rein…

Gestern Nachmittag saßen wir, bevor der Zug fuhr, am Spreeufer. Ich fotografierte den Fluss mit der Rückseite eines Wasserverkehrsschildes und Mandarinenten. In einem Eckcafé trafen wir uns mit Freunden aus der Syncronisations – Branche. Susanna ist eine berühmte Stimme und mein Jahrgang…

Die Buchmalereien schwenken in eine zurückhaltendere Form. Weniger dramatisch verharren sie in einer ruhigen Stimmung, die nach all der Bewegungen der letzten Tage und Wochen gut tut. Es ist ein Tag, an dem ich ein paar Dinge ordnen kann, an dem die Sonne ins Atelier scheint und etwas Stille einkehrt.