Meenakshi Sequenz

Auch die Fortführung der Meenakshi Sequenz beschäftigt sich in besonderer Weise mit dem Raum. Während des Zeichnens vor Ort bewegte ich mich zwischen den hinduistischen Pilgern durch ihren Tempel und ließ die Bilder durch mich hindurch leuchten. Die Konturen dieses Lichts hielt ich mit einer Linie aus meinem Füller auf einem Zeichenblock fest. Sie streift durch die Säulenbestandenen Hallen um den Schrein herum.

Beim Zeichnen auf Rolle 12 bemerkte ich, dass das räumliche Erlebnis durch die Schichtungen der Umrisse aus dieser Linie wiederkehrt. Durch den zeitaufwendigen Vorgang des Übereinanderzeichnens wird das visuelle Erlebnis mit den Überlagerungen der vielen Konturen von Architektur und Skulpturen, auf einen Moment zusammengestaucht.

Die Fotos vom Inneren des Tempels von 2012, die wir damals noch machen durften, zeigen ein sehr lebendiges Treiben. Durch die aktuellen Festtage nahm in diesem Jahr die Menge der Pilger zu, so dass sie nicht mehr so viel Raum hatte, sich frei zu bewegen. Auch war eine gewisse Anspannung zu spüren, eine Angst vor Anschlägen oder Übergriffen anderer religiöser Gruppen.

Tanzerkundung

In einem Workshop bei der Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC), begannen wir gestern das choreografische Vorgehen von Rosalind Crisp zu studieren, die die Arbeit DEEP DIVE bereits in Dresden zur Premiere gebracht hat. Mein eigenes Formenarsenal, das sehr mit meinen Zeichnungen verbunden ist, behauptet sich im Ballettsaal und geht nur vage Verbindungen mit Bewegungen von anderen ein.

Die Erkundung des Raumes steht bei mir im Vordergrund. Wenn beispielsweise ein Stück schwarzes Klebeband vom rechten Fuß auf dem weißen Ballettboden fixiert wird, streckt sich der Linke Arm nach oben, um einen Punkt in der Dachkonstruktion anzupeilen. Den Raum dazwischen umschreiben und füllen meine Gesten. Kommen Körper mit anderen Bewegungen da hinein, teilt mein linker Fuß mit, dass sie mitmachen sollen. Das gelingt auch kurz, wie ein kleiner Wortwechsel.

Im Atelier verdichtete ich die erste Schichtungsstufe der Meenakshi Sequenz auf Rolle 12. Sie umfasst das Material, das sich bei jeder Rollenumdrehung zeichnerisch akkumuliert. Am Ende der Linie angekommen, wiederhole ich das Gesträuch vielleicht drei Mal und rolle danach den Transparentpapierstreifen von hinten her in entgegengesetzte Richtung wieder auf. Dadurch entstehen neue durchscheinende Linienkonstellationen, die wiederum durchgezeichnet und verdichtet werden. Danach fügen sich diese Strukturen auch wieder in die täglichen Collagen ein.

Namdroling

Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand.“ im Museum für Angewandte Kunst, fielen mir wieder die Malereien in Namdroling ein. Diese Enklave der tibetischen Buddhisten in Südindien bildete eine Fortführung der traditionellen Bildprogramme heraus, deren Qualität eine besondere Form des Widerstandes gegen das Verschwinden dieser Kultur darstellt. Durch die technische Perfektion entwickelte sich eine Art von Überhöhung in einem Supersurrealismus feinster Malkultur.

Westlich geprägte Künstler gehen eher mit Brachialmethoden an eine Fragmentierung traditioneller Gestaltungsprinzipien heran, und wurden so, im Fall der Frankfurter Ausstellung, als Widerstandskünstler bezeichnet. Die Tibeter allerdings fielen mir, durch ihr Festhalten an den alten Formen, als wesentlich widerständiger auf.

In der Nacht, beim Nachdenken über die Meenakshisequenz, an der ich auf Rolle 12 gestern weiter arbeitete, kam mir die Idee, mit den Erlebnissen dieser Malerei in den buddhistischen Klöstern, ähnlich umzugehen. Dies kann mit Hilfe der Fotos, die ich mit meiner Lumix – Kamera gemacht habe, geschehen.

Themenwahl

„Wolle. Seide. Widerstand.“ Diese Ausstellung des Museums für Angewandte Kunst, war etwas enttäuschend, denn die Erwartungen, die der Titel schürt, haben such nur in wenigen Exponaten eingelöst. In Indien handgeknüpfte Teppiche nach Entwürfen westlicher Künstler, müssen als widerständige Kunst herhalten, stellen aber eine postkoloniale Geste dar. Die aufgesetzten politischen Themen erscheinen mir feigenblättrig. Für mich entsteht das Widerständige aus den inneren Rhythmen der Werke heraus, weniger durch die Themenwahl.

Auch ein umfangreiches Begleitheft konnte nicht befriedigend erklären, was die Textilkunst mit dem Thema zutun hat. Textzurechtrückungen sollten die Werke nicht nötig haben, damit die Kuratorenphantasie ihre Berechtigung bekommt. Das meiste wirkte also ziemlich aufgesetzt.

Vorgestern sahen wir die Theaterfassung des Romans „Der Meister und Margarita“ von Bulgakow. Die etwas eintönige Inszenierung hat uns 3 Stunden gequält. Nach der Pause blieben wir hoffnungsvoll auf unseren Plätzen in der 2. Reihe. Aber nichts änderte sich. So hatten wir am Küchentisch lange zu sprechen über diese Zumutung eines Regieansatzes von Timofej Kuljabin, der in sich nicht so falsch war, denn er führte uns die graue Tristesse des Sowjetsystems als Zumutung hautnah vor Augen.

Umformen

Mehrfach zeichnete ich die Meenakshi – Tempel – Linie auf Transparentpapier durch. Dabei wird sie etwas korrigiert. Bögen werden geglättet, Abstände genauer eingerichtet und Größen leicht verändert. Das geschieht im Hinblick auf die Überlagerungen, die sich beim Zusammenrollen dieser Linie auf Rolle 12 ergeben. Sie lassen sich deutlicher strukturieren, wenn die Formen klarer komponiert sind und so besser durchgezeichnet werden können.

Viele der Jungs, die ich gestern in meinem Atelier empfangen wollte, sind krank oder anderweitig verhindert gewesen. Zwei kamen und arbeiteten konzentriert mit mir. Es entstehen ästhetisch wertvolle, dichte Figurationen, die sich aus den Frottagen meiner „Väterreliefformen“ entwickeln und von kleineren Blättern auf Transparentpapierrollen übertragen werden. So entstehen Bildergeschichten, deren Verläufe nicht vorauszusehen sind.

Und gestern schaute ich noch mal auf die Vorzeichnungen für das Tanzrelief. Dabei denke ich über eine gut handhabbare Dimension nach, was vor allem die Formen angeht, die schnell ein großes Gewicht bekommen. Für die Ausformung der einzelnen Reliefs werde ich vielleicht die Reste des zerstörten Frankfurter Kraftfeldes nutzen, sie erneut einweichen und das Material in die neuen Formen pressen, also umformen.

Erwärmt

Im dichten Gestrüpp des Gärtchens begann gestern, mit der Aluminiumleiter in der Sonne, etwas zu spät im Jahr, der Baumschnitt. Die dornenreichen, langen Äste der Robinie fielen, von der Baumschere gekappt, wütend auf mich herab, verhakten sich in der Haut meiner Hände und in den Wollschlingen des Schals. Äste, die sich meinen Atelierfenstern näherten, an ihnen klopften oder im Wind hin und her schliffen, mussten dran glauben.

Fast schon zu Hälfte ist die Tempellinie aus Madurai auf einen einzelnen Transparentpapierstreifen übertragen. Und das etwas steife Material erweist sich als gut weiterverwertbar. In der Nachbearbeitung erhält es etwas mehr geschmeidige Bewegungsfreiheit. Ein glücklicher Moment. Daneben liegen meine Fundstücke von der Reise, die entweder von den Damen herab gefallen waren oder aus Werkstätten und Gewürzplantagen stammten. Es duftet nach Indien!

Auf dem Heinweg, währen der Überquerung des Gustavsburgplatzes, sang leise, andauernd und eindringlich eine Amsel im Geäst eines der alten Bäume. Mich erwärmte das. Aber in der Nacht schneite es stark und hört auch noch nicht auf. Die Baumäste leuchten hell, Autos verschwinden unter der Flockenschicht im leisen Fallen.

Tempellinie

Im Meenakshi Tempel in Madurai zeichnete ich eine Tempellinie. Mit ihr sollte an die Tanzlinien angeknüpft werden, was aber nur bedingt gelang, denn die Steinfiguren, die mit der Linie umfahren wurden, bewegten sich nicht, wie es die Tanzfiguren taten. So habe ich es mit einer etwas statischen Spur zutun und weiß noch nicht so recht, was damit anzufangen wäre.

Im Atelier kam gestern keine heimische Atmosphäre auf. Frierend sind mir Routineabläufe bei der Erstellung der Collagen und des Arbeitstagebuchtextes durcheinander gekommen. Nach einem Tag mit der Supervision von YOU&EYE im Anna-Freud-Institut, einem Supermarkteinkauf, war ich supermüde auf der Suche danach, was sich in der Zeit unseres Aufenthalts in Südindien verändert hat. Der Blick scheint etwas verrutscht zu sein.

Noch besichtigte ich die letzten Arbeitsergebnisse nicht, aus denen das Tanzrelief entstehen soll. Aber die Weidenkätzchen im Garten lugen schon aus ihren harten, braunen Schalen hervor. Das ist eines der Zeichen, auf die ich im warmen Bangalore gehofft hatte. Morgen kommen die Jungs aus der Hindemithschule wieder ins Atelier. Darauf freue ich mich.

Südindien

Nach einer einmonatigen Reise durch Südindien, friere ich nun hier im Atelier. Die routinierten Arbeitsstrukturen kommen ins Stocken. Das handschriftliche Tagebuch führte ich an jedem Tag. Die Rikschafahrten durch das Labyrinth der Städte mit Handyfilme schauenden Fahrern im brüllenden Verkehr, dessen Regeln schwer durchschaubar blieben, zerrten manchmal an den Nerven. Auch zu Fuß hatten wir Tuchfühlung mit allen Fahrzeugen, durch deren durcheinander fließenden Strom wir die Straßen überquerten. Und ständig wird man angehupt.

Auf unserer 9. Indienreise begannen wir die dortige Welt mit anderen Augen sehen zu können. Die exotische Kulisse begann zu bröckeln. Viele der fremden Seiten dieser Kultur sahen wir schon oft und begannen nun hinter diese Schichten oder durch sie hindurch zu schauen. Im stetigen Lärm, in der Hitze und in den vielen Ortswechseln, wurde Müdigkeit zum treuen Begleiter.

Bei aller Schönheit der Bauten, ging mir die hemmungslose Prunksucht der Superreichen der Vergangenheit und der Gegenwart auf die Nerven. Dann zogen wir uns in die Plantagen der Berge zurück, wohnten mitten im Regenwald und wurden auf unserer Terrasse von den Affen bestohlen. Seit dem fehlt mir ein Korallenstein, den ich bis dahin stets für meine Buchmalereien benutzt habe.