Hin und her

Und noch mal auf Rolle 12 weiter gezeichnet, hinein in die Finsternis, die das verdichtete Licht des Tanzes ist. Vor einiger Zeit sah ich Jonathan Nagel mit seinem Kontrabass und einer Tänzerin. Heute hörte ich während der Buchmalerei Musik von ihm mit Karma Kollektiv. Er sollte diese Bilder bekommen und vielleicht können wir dann etwas Bild und Musik hin und her schicken – eine Kooperation.

Ein kleines Transparentpapierbüchlein, das ich von Oliver zu Weihnachten bekommen habe, will ich mitnehmen auf unsere Reise durch Indien. Zeichnungen, Frottagen und Weiterverarbeitungen des unterwegs gesammelten Materials, finden darin ihren Ort. Hier Im Atelier kann ich dann damit weiterarbeiten.

Der Baumtext befindet sich nun auf meinem neuen Rechner zu Hause. Dort kann ich ihn mir vorlesen lassen und dann andere Dinge damit anstellen. Vorstellen kann ich mir, dass die Worte vom Computer durch das Gitarreneffektgerät geschickt werden.

Fluss

Eine vorantreibende Schwärze entwickelt sich auf Rolle 12. Ich werde hineingezogen in die Beschleunigung und komme immer langsamer voran. Es ist das Gravitationsfeld eines Hochgefühls, ist komprimiertes Licht.

Die Malereien folgen eher den Bewegungen, die aus der Gegend hinter dem Brustkorb hervortreten und in die Arme und Hände fließen, als Ideen im Kopf. Ein Gewässer auf dem ich hinabfahre bis auf die Buchseiten, um die farblichen und strukturellen Spuren der Mitschrift zu hinterlassen. Keine Effekte, kein Pathos nur leise Notizen.

Das Gewässer entsprang in einem Traum der Letzten Nacht, in dem wir auf einem archaischen Floß einen wilden Fluss hinab trieben. Das Gefährt bestand aus Holz, Lianen und luftgefüllten Tierhäuten mit einer Hütte darauf. Ohne zu navigieren schauten wir durch ein Fenster auf die vorüberziehende Uferlandschaft. So kamen wir ans Meer und fuhren auf seine großen Wellen zu.

Malereiuniversum

Die Malerei erscheint mir an diesem Morgen wie ein Paralleluniversum. Es weist eine Restgegenständlichkeit auf, die aus Gravuren und Materialabdrucken hervor scheint. Es gibt die parallel laufenden Linien, die durch ein druckvolles Rollen des Schraubengewindes aus Kaza entstehen. Sie mischen sich mit den Haarschwüngen, mit den Lavaabdrucken und meinen Handlinien. Das alles schichtet sich und wird manchmal mit der Handkante verwischt.

Eine weitere Verdichtungsschicht schlug gestern auf Rolle 12, wie eine Welle an den Strand. Nach dieser Rückrollbewegung und den dadurch versetzten Motiven, die übereinander gezeichnet sind, übernimmt nun die Finsternis das Zepter.

Gestern schleppte ich die große Leiter in den Ausstellungsraum, um das Dach provisorisch reparieren zu können. Die Leute, die dafür zuständig wären, kümmern sich trotz des anhaltenden Regens nicht schnell genug um die Abdichtung. So steige ich, der alte Mann, auf die Leiter und erledige das.

Gabriele Stötzer

Das dichte Tanzstrauchsystem beginnt sich nun auf Rolle 12 zum fünften Mal zu wiederholen. Danach wird die Rückwärtsbewegung einsetzen, die die neue Phase der Verdichtung einläutet. Durch die Bewegung der Rohrfeder auf dem Papier, beginnen sich die Formen zu glätten und weiter auszuprägen. Dadurch werden die wesentlichen Kompositionslinien weiter entwickelt und hervorgehoben.

Gabriele Stötzer bekam vorgestern der Kaiserring der Stadt Golslar, eine der wichtigsten Kunstehrungen der Welt! Ich denke an unseren gemeinsamen Kampf in der Pädagogischen Hochschule in Erfurt und habe mich riesig gefreut. So gehört der Preis ein wenig uns allen, die damals Widerstand geleistet haben. Gratulation!

Die Bewegungen, die zu den Gesträuchsystemen meiner Siebzigerjahre führen, fließen am Rande der Buchmalereien ein. Sie treten aus den Handlinien hervor und werden zu bewegten Umrisslinien. Zunächst waren sie ein Mittel des Naturstudiums. Es ging um die Erfassung von Form, Raum und Licht. Die Hoffnung besteht heute darin, dass noch im tiefsten Schatten etwas Helligkeit herrscht. Und wenn das nur die Hintergrundstrahlung des Universums ist.

Widersprüchlich

Anne berichtet manchmal von ihren Recherchen, die Familie väterlicherseits betreffend: „Gertruds Vater, Maximilian Wolf, wurde 1943 erhängt im Tegeler Forst aufgefunden“. Es gibt eine ganze Reihe von Selbstmorden bei den Männern der väterlichen Linie. Dass diese Abgründe nun zutage kommen, füllt die Erinnerungen mit neuen Bezügen auf.

Dier alten Eintragungen des Arbeitstagebuches zu lesen, ruft widersprüchliche Reaktionen hervor. Einerseits ähneln sich die Fragestellungen häufig, was ermüdend werden kann. Dennoch ist es die Voraussetzung, tiefer in die Themen und Materialien einzutauchen. Und dann gibt es noch die schiere Masse an überraschenden Collagen, die beglücken.

2012 waren die Figurensequenzen, die sich durch das Übereinanderzeichnen auf der äußeren Schicht der Transparentpapierrolle verdichten, noch neu. Jetzt ist das eine bewährte Methode, die zuverlässig, bei konsequenter Anwendung, zu Erneuerungen führt. Diese erkenne zwar zeitnah nur ich. Auf längere Sicht sind sie deutlicher sichtbar.

Wetter

Am kalten sonnigen Sonntag machten wir einen Spaziergang um den zugefrorenen Rebstockweiher. Lange sah ich eine solch große Eisfläche nicht. Jano, der unter der Eisenbahnbrücke auf Teves West lebt und dort in den letzten Jahren eine veritable Fahrradwerkstatt eingerichtet hat, bekam von mir für die kalte Nacht einen 6 Liter Kanister kochendes Wasser, das er in einen selbst gebastelten Thermobehälter stellte.

Übernacht hat es geschneit. Der Wind hat ein Wellplastik – Dachfenster des Ateliertraktes zerstört. Dadurch dringt nun der Morgenregen ein, der ansonsten eine Schneematschlandschaft entstehen lässt. Entgegen meiner Befürchtung muss ich nun nicht die große Leiter alleine unter das Dach schleppen und das Loch provisorisch schließen. Das macht glücklicherweise die Hausverwaltung.

Am Morgen fand ich in den Linien meiner Handballenabdrücke, in denen der Lavasteine und in ihren Farben Zuversicht. Die entstandenen Buchmalereien bestehen den Vergleich mit den vorausgegangenen. Beim Anschauen kommen manchmal kleinere Korrekturen dazu, die inneren Anweisungen folgen, wie: „Die roten Linien müssen an dieser Stelle noch etwas ausfransen!“.

Traum und Tod

Gestern las ich in einem Tagebuch die Beschreibung eines Traumes vom 28.5. 1979. Darin holte ich meinen Cousin Harald von einem Flughafen mitten im Wald ab. Über uns braute sich dann ein Tornado zusammen, worauf wir uns flach auf eine Wiese legten… – Am Abend rief mich meine Tochter an und berichtete mir von seinem Tod vorgestern.

In der Pizzeria um die Ecke trafen wir gestern Franz Konter. Nach Jahren mit Sepiazeichnungen ist er nun wieder zur Farbe zurückgekehrt. Ich muss ihn mal wieder in deinem Atelier besuchen und schauen, was er da macht!

In meinem Atelier schaue ich auf Rolle 12 und sammle dabei Kräfte für das Weitermachen. Die Dichte der Zeichnungsgesträuche spiegelt mein Gefühl, das sich bei den Nachrichten über die Proteste im Iran einstellt, wieder. Das liegt auch daran, dass ich mit Reyhane gesprochen habe und mir nun ihre Betroffenheit vorstellen kann. Ob man gleich dazu etwas gemeinsam erarbeiten kann, sei dahingestellt. Aber es gibt das Gespräch darüber.

Farben als Antidepressivum

Neue Ansätze für die fortwährende Arbeit, finde ich im alltäglichen schönen Alleinsein im Atelier. Langsam bekommt das Aquarellieren mit spitzen Pinseln wieder seinen Auftritt. In den Tagebüchern der Siebzigerjahre stehen Beschreibungen von Lichtverhältnissen und deren malerische Umsetzung in Aquarellen, die ich oft zwischendurch anfertigte, neben der Beschäftigung mit Anne, der Gartenarbeit oder dem Bau meines Ateliers im Garten. Die Farben waren das Antidepressivum inmitten der grauen Gegenwart der DDR.

Zusammen mit dem Gedanken an die Monumentalität innerhalb der kleinen Bilder in den Tagebüchern, empfinde ich die Stimmungen und künstlerischen Haltungen nach. Und in den kleinen Buchmalereien lebt das alles wieder auf, was vor über 50 Jahren begann. Auf meinem Bildschirm läuft eine Diashow der Malereien von 2022. Das sind reduzierte Gesten mit Haarstrukturen in Wasserfarben.

Auf Rolle 12 bestätigte sich, dass das trotzige Fortfahren der durchgezeichneten Wiederholungen auf der Außenschicht des zusammengerollten Transparentpapiers, der richtige Weg ist und bleibt. Jetzt bildet sich eine andere Kraft. In der Fortsetzung entsteht auch eine Perspektive, wie es weitergehen kann.

Keine Lavablasen

Ein PDF des Anti-Autokratie-Handbuches von Stephan Lewandowsky ist in meinem Diktaturen-Ordner gespeichert. Der Deutschlandfunk machte ein Interview mit dem Herausgeber. 30 Seiten mit Handlungsvorschlägen, wie man sich in der Wissenschaft gegen autokratische Systeme wehrt. Die Erfahrungen aus Amerika, die dort geschildert werden, erzeugten bei mir ein Déjà-vu-Erlebnis, das 50 Jahre zurück in die DDR- Realität reicht. Nur hatten wir damals keine Widerstandshandbücher, sondern lernten langsam und schmerzvoll.

Ein iranischer Film mit dem Titel „Ein einfacher Unfall“ kommt in das deutsche Kino. Es geht um Rache an einem Folterer im Gefängnis. Geht der Regisseur in seine Heimat zurück, wie er es vorhat, erwartet ihn eine Haftstrafe.

Diese Nachrichten des Morgens haben dafür gesorgt, dass ich die Abdrücke der Lavastruktur in den Buchmalereien weggelassen habe. Stattdessen lag die Konzentration auf den Linien meiner rechten Handkante, mit der ich die Farben verwische, die in den Vertiefungen bleibt und die abgedruckte Vorlage für die Weiterentwicklung der gezeichneten Schraffuren bildet.

Trotzig fortfahren?

Den Gegensatz zwischen Reduktion und Überfrachtung in den Buchmalereien produktiv zu machen, heißt ihn nicht aufzulösen, sondern in ein spannungsvolles Verhältnis zu bringen. Zwei Schwergewichte, die ein Gleichgewicht halten sollen. Leichter gesagt als getan. Aber es ist das, womit ich gestern aufgehört habe, und womit ich heute am Morgen weitermache.

Es nähern sich auch konkrete Themen, die durch die Beschäftigung mit Diktaturen in den Fokus rücken. So steigern sich die Proteste gegen das Regime im Iran. Darüber könnte ich einen künstlerischen Dialog mit Reyhane beginnen. Und die staatlichen Unterstützungen von Kunstausstellungen in den USA sind teilweise gestrichen. Auf der anderen Seite steigen Unternehmen, die Luxuswaren produzieren, in die Kooperation mit dem Kunstmarkt ein. So verschwindet Kunst im hochspekulativen Finanzkontext.

Bei der weiteren Verdichtung der Tanzsequenz gestern, kam das Gefühl eines gewissen Leerlaufs auf. Entweder ist das Thema ausgereizt oder ich muss es über eine gewisse Grenze weitertreiben, dran bleiben, trotzig fortfahren bis es einen Sprung macht.

Stoisch

Bei meinem täglichen Radiohören, versuche ich die für mich relevanten Informationen herauszufiltern, um sie dann gesondert zu betrachten. Wie reagiert die Kunstwelt in den USA auf den turbokapitalistischen Faschismus, der das intellektuelle Leben zugrunde richtet? Können sich dadurch neue Stilrichtungen bilden? Das sind Fragen für das Diktaturenprojekt.

Meine eigene Reaktion auf diese Vorgänge in aller Welt, würde ich am ehesten als stoisch bezeichnen. So ging das Zeichnen auf Rolle 12 weiter. Die Tanzsequenz verdichtete sich in mehreren Arbeitsgängen des abermaligen Durchzeichnens auf die äußere Schicht der Rolle. Dabei bewegte ich sie zusammenrollend sowohl nach hinten als auch in entgegengesetzte Richtung vom Ende her.

Es kommt zur deutlichen Sichtbarkeit der sich stapelnden, versetzten Wiederholungen, die sich zu einer sehr intensiven Gesträuchstruktur steigern. Das kann bis zu einer Schwärze gehen, die noch einzelne helle Inseln aufweist, mit deren Umrissen dann weitergearbeitet werden kann – wie gehabt.

Weniger Strenge

Wenn Minimalismus in den Malereien aufkommt, entspringt dieser manchmal auch mangelnder Energie, schleifender Stille oder Strukturarmut. Solche Momente können, innerhalb meiner stetigen Produktion, kostbar sein. Im besten Fall entstehen neue Arbeitsansätze, neue Experimentalaufbauten im Kopf und im Atelier.

Um mich aus der Erinnerungsschleife der 50 Jahre zurückliegenden Ereignisse herauszubewegen, höre ich erneut Dance- Elektronik-Musik von Fred Again, Musik von den Welt – Dancefloors. Es kamen Neujahrsgrüße von Reyhane aus Melbourne und im Iran gibt es neue Proteste an verschiedenen Orten. Wackelt dort die Autokratie?

Die angestrengte Ernsthaftigkeit der alten Tagebücher geht mir etwas gegen den Strich. Diese Aufgeräumtheit hat sich aber die ganze Zeit gehalten. Lässt sich der Produktionsrhythmus mit weniger Strenge ausfüllen? Die Begegnungen mit der Vaganteneiche, die den Geist und die Sprache befreien sind der erste Ansatz dafür.

Abstand herstellen

Während der Lektüre der Dokumentation unseres Protests an der Hochschule 1976 in Erfurt, bin ich noch einmal tief in die Situation eingetaucht, wie sie mir damals begegnete. Wenn sich meine Arbeit mit dieser Zeit beschäftigen sollte, hilft dieses Zurückversetzen in die Stimmung inmitten dieser Ereignisse. Aber dann muss ich da wieder heraus und Abstand herstellen, um klarer sehen zu können.

Auch deswegen lief heute während der Malerei das Technoalbum USB.02 von Fred again… Die elektronischen Experimente mit den gesampelten Gesängen anderer Künstler und deren Wiederholungen sehe ich parallel zu meinen Handballenabdrücken, zur Vervielfältigung der Motivelemente. Feine Veränderungen, im wahrsten Sinne hautnah.

Dann ist der Zeitpunkt für die geschichtlichen Rückblicke da, und die zeichnerische Auseinandersetzung oder Aufarbeitung kann beginnen.

Tagebücher

Am wichtigsten scheinen mir am Morgen die Buchmalereien zu sein. Ihre Entstehung ist vergnüglich. Selten genug spielt dabei der Gedanke an die Weiterverwendung in den Collagen, die am Vormittag folgen, eine Rolle. Der unruhige Schnitt quer über das Format, der dann folgt, teilt die Komposition in oben und unten. Beide Hälften können sich nun voneinander entfernen und den Blick in die Schichten der Vergangenheit freigeben.

Somit korrespondiert das Collagieren mit dem Vorgang des aktuellen Erinnerns an die Zeit vor 50 Jahren. In einer Fotoschachtel fand ich gestern ein Bild meiner Seminargruppe beim Kunstunterricht. An Namen kann ich mich kaum erinnern, aber wohl an das Wesen mancher Kommilitonen.

Die Tagebuchaufzeichnungen, die erst nach der Zeit an der Pädagogischen Hochschule Erfurt begannen, tragen noch etwas von der Stimmung in sich, die dort herrschte. Auf einem anderen Foto, das ich gestern fand, arbeite ich am Holzschnitt „Der Mövensturz“. Eine Aufzeichnung im Tagebuch gibt über das Datum Auskunft: 10.05. 1978. Damals schnitt ich die Bilderfolge zur „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Parallel dazu studierte ich an der Abendschule der Kunstakademie und machte eine Lehre in der Tischlerei Grahl in Coswig, die es heute noch gibt.

1976

Die Lektüre der Dokumentation „Rädelsführer“, unseres Aufruhrs 1976 in der Pädagogischen Hochschule Erfurt vor 50 Jahren, macht verschüttete Erlebnisse wieder zu Erinnerungsbildern. Und Gleichzeitig erwächst der Wunsch, das alles noch einmal zu durchdenken, um die Haltungen von damals nachzuempfinden und sie bei der Produktion einer bildnerischen Arbeit dazu, wenigstens teilweise wieder einnehmen zu können.

Vorgestern sah ich mir auf Rolle 10 noch einmal die Stasisequenz an, mit der ich eine andere Lebensphase aufarbeitete. Die Einsicht in die Akte aus der Zeit in Erfurt, ist eine Voraussetzung für eine weitere solche Arbeit. Es kostet etwas Überwindung, diese Forschung zu machen, daran zu gehen, die Akte aufzustöbern und sich wieder zu konfrontieren.

Bei der Lektüre der Dokumentation sind mir manche Studenten, Professoren und Dozenten wieder eingefallen und die entsprechenden Szenen, die ich mit ihnen erlebt habe. Allerdings gibt es aus dieser Zeit noch kein Tagebuch von mir. Auch die Mittel, das ganze künstlerisch zu fassen, hatte ich damals noch nicht. Nun aber kann ich meine Erlebnisse in eine Form bringen und sie auf diese Weise festhalten.