Naturformen

Die Linien der Handabdrücke, die am Anfang der Arbeit an den Buchmalereien hell aus den gedeckten Farbmischungen hervortreten, erzählen von Begegnungen, Berührungen und Anschlüssen. Da sind beispielsweise die groben Umrisse, die mit den Farbstiften die Differenzierungen der Naturformen nicht nachbilden können. Ebenbürtig sind ihnen aber die Steinabdrücke, die die Bewegungen der Lava, ihr Fließen und Brodeln dokumentierend und starr in sich tragen. Mit einem Feinen Pinsel, der mit etwas Wasser die Farben vom Papier aufnehmen und neu strukturieren kann, kommt man der Qualität der Naturabdrucke näher.

Die Zeit, die für diese Arbeit vorhanden ist, streckt sich durch die Konzentration ihrer Abbildung im geschichteten Raum der entstehenden Bilder. Wenn das Nachbessern der Malereien mit dem Setzen von Akzenten mit der Füllerfeder und ihrer Tinte zu grob gerät, findet sich mit dem Wasserpinsel das leuchtende Blau, das in dieser schwarzen Tinte versteckt ist. Sie wird in Thüringen, in Zella Mehlis hergestellt und landete aus Versehen im Einkaufskorb.

Der Lavastein, der heute mit seinen Abdrücken auftrat, besitzt charakteristische Oberflächenfelder. Es gibt nahezu geschlossene Flächen, die ich aber kaum nutze. Ein etwa 2 Quadratzentimeter großes Oval, zeigt kleine, fein erstarrte Blasen, die nach oben offen sind. Zwischen größeren Blasen befindet sich in der Mitte der Oberseite eine Figur mit spitz auslaufenden Gliedmaßen. Sie tritt manchmal als solche, einzeln stehend auf.

Rädelsführer

Schon die ersten Zeilen des Buches „Rädelsführer“ studentischer Protest in der DDR 1976, treffen mich im Inneren. Die Orte, an denen sich unser Aufstand formierte, setzen sich wieder zusammen. Damals habe ich das Kunsterziehungsstudium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt abgebrochen. Äußerer Anlass waren ein fünfwöchiges Militärlager, das zum Studium gehörte und der Umgang mit unseren Forderungen und mit uns als Personen.

Und erst nach unseren Aktionen gegen die Exmatrikulation des Mitstudenten Wilfried Linke, kam es zur Ausbürgerung von Wolf Biermann, gegen die wir eine erneute Unterschriftenliste erstellten. Danach wurde dann Gabriele Stötzer exmatrikuliert und später inhaftiert. Sie hat nun dieses Buch geschrieben.

Und hier komme ich auf die Spur der künstlerischen Arbeit aus diktatorischen Zusammenhängen. Anhand der Dokumentation der Ereignisse damals an der Hochschule, kann ich den Fokus auf die Struktur meiner Suche schärfen und beleben. Eine Reise in die Vergangenheit mit direktem Bezug zu unserer zu fürchtenden Zukunft. Aber unseren Widerstandsgeist wird es dann auch geben!

Wirbel

Wind wirbelt Müll über den Platz vor dem Atelier. Er sammelt sich dort, wo die Kreisbewegungen der Luft immer wieder anhaltend wehen. Solche Wirbel treten auch in den Buchmalereien auf, die ein Jahr alt sind. Damals beschäftigte sich die weitere Arbeit mit der „Dornenkronensequenz“, die von den Kerbschnittstrukturen des Kreuzes in der Arche in Neckargemünd stammt. Frottagen und Tuschezeichnungen auf Transparentpapier.

In den Collagen verband sich das mit den Buchmalereien, die damals mehr Kraft hatten als die, die ich zurzeit mache. Wobei die „Tanzlinie“ wiederum die stärkere Arbeit ist als die „Dornenkronensequenz“. Kann man vielleicht auch nicht vergleichen. Die Auswirkung der „Tanzlinie“ auf die Collagen ist allerdings von grundsätzlicher Art, denn die bewegten Horizonte, mit denen ich die Scans der Malereien in eine obere und eine untere Hälfte teile, stammen daher.

Die Blüten, die ich täglich fotografiere, werden langsam rar. Beim Pflanzengießen entdeckte ich Blütenknospen der Goethepflanze. Im starken Ostwind streute ich Vogelfutter in die vorgesehenen, schaukelnden Gefäße in den Gesträuchen neben der Wiese. Manchmal kommt Sonne über die Dächer der neuen Häuser.

Aufwärtsspirale

Direkt auf das Papier des Tagebuches, auf dem die Morgenmalereien entstehen, strahlt eine sehr starke Lampe. Wenn dieses Licht zusammen mit den Farbflächen und Strukturen hinter meine Augen tritt, verstärkt das meine Freude an dieser Arbeit. So beginnt am Anfang des Tages eine Aufwärtsspirale zwischen Licht, Farben und Körper.

Und mir fällt auf, dass die Buchmalereien gar keine Rolle mehr in den Gestaltungen auf der Transparentpapierrolle spielen. Ich bin mir aber sicher, dass sich das mit einer Pause in der Bearbeitung der Tanzlinien ändern wird oder sich alsbald damit verbinden wird.

Die kleine Serie der Baumgesänge geht mir öfter durch den Kopf, als markierte sie einen neuen Anfang. Der Bezug zum Vagantenaufenthalt auf dem Gustavsburgplatz bis zur Nazizeit, rückt die Arbeit näher an die aktuellen Themen, die auch das Frankfurter Kulturamt umtreibt.

Schreiben wie zeichnen

Schreiben möchte ich wie zeichnen. Langsam gerate ich mit der Feder, die über das Papier gleitet auf einen Weg. Er führt über die Buchseite hinaus, an dem Wasserglas vorbei, die Wand des kleinen Zimmers hinauf in seine oberste südöstliche Ecke. Diese Perspektive erfasst das Buch auf dem Schreibtisch und zugleich die kahle Allee draußen.

Vom Westhafen ging gestern ein Spaziergang am Main entlang bis zum Eisernen Steg. Ein letzter Glühwein für diese Saison auf dem dortigen Weihnachtsmarkt mit zwei Schwestern und zwei Brüdern zusammen am Stehtisch. Der Rückweg zum Pier 1, wo wir das Auto abgestellt hatten führte der tief stehenden Sonne entgegen. Auf einer Bank im wärmenden Licht luden wir unsere Batterien auf.

Nicht so hell und durchlässig, wie in den vergangenen Tagen, gerieten die Malereien dieses Morgens. Kompakte Schichtungen verdüstern die Kompositionen. Während des Malens dachte ich schon an die bewegten Horizontalschnitte, mit denen ich die Scans in eine obere und eine untere Hälfte teile. Indem ich sie auseinander ziehe entsteht der Horizont, durch den man in die Vergangenheit schauen kann.

Wehrlos

Nicht mehr lange steht die Fünf mit ihren Schwüngen oben am Ende der kleinen Datumszeile. Im Verlauf des Jahres hat sich ihr handschriftliches Erscheinungsbild etwas gewandelt, genau wie bei den Zahlen vor ihr. Nur ist es in den letzten Jahren mehr im Blick gewesen – eine tägliche kleine Aufgabe.

Dagegen sind die Buchmalereien immer ein größeres Vorhaben. Sie nehmen die Zustände ihres Verursachers auf, können sich nicht wehren, aber wohl zurückwirken auf die Verfassung des Malers, der sich ebenfalls nicht wehren kann.

Gleich wandere ich im Regen durch das schwindende Licht ins Atelier. Auf dem Platz neben meiner Eiche gibt es heute einen kleinen Weihnachtsmarkt. Lolek hat den spanischen Kindern in der vergangenen Woche ein Feuer versprochen. Das will ich auf meinem Weg besuchen. Immer mal zeige ich dort im Gusti Musikern die Worte des Baumes. Bisher ist niemand angesprungen. Vielleicht sollte ich ihnen die Blätter zeigen, die ich mit den Worten gemacht habe, statt nur den Text auf einem Display.

Baumwortserie

Das fehlende Licht schwächt auch meine Schüler. Ihre Arbeiten werden dadurch authentischer, ruppiger und nicht so harmonisch. Als sie weg waren entstanden viele kleine Blätter mit Frottagen, Tusche-Schellackwolken und mit Worten von den Besuchen der Vaganteneiche. Es ergab sich eine serielle Arbeitsweise, während der die noch feuchten Strukturen über die Blattfolge weiterwanderten.

Bei Gusti traf ich eine Tänzerin, mit der ich über mein Diktaturenprojekt sprach, um ein wenig in den Kreisen anzukommen, aus denen die Leute sind, mit denen ich zusammenarbeiten möchte. So, wie Maria Bykowa, eine Künstlerin, die in der Sowjetunion aufgewachsen ist, und mir gestern geantwortet hat und mich im Atelier besuchen will.

Für die Malereien war heute etwas mehr Zeit. Mit dieser Ruhe blieb ich dennoch näher an der minimalistischen Arbeitsweise von gestern. Der Vorgang schafft mehr substanzielle Kraft, mehr Konzentration auf das Zusammenspiel kleiner Formen mit der Gesamtkomposition.

Einfach Kaugummiautomat

Eine minimalisierte Variante der Buchmalereien entstand schon am frühen Morgen im Kopf, beim Gedanken an den engen Zeitplan des Tages. Wie die Bilder in der Vorstellung entstanden, verwirklichten sie sich auch im Buch. Einfache Mittel wie eine feuchte Handballenverwischung von trockenen Schraffuren und der folgende Abdruck an verschiedenen Stellen, eine Partie eines Lavasteines rotbraun eingefärbt, mit dem Handballendruck übertragen, ein paar sich kreuzende Linien, wenige gezeichnete Umrisse und fertig.

Gestern nahm ich Kontakt zu der Kulturwissenschaftlerin und der polnischen Künstlerin auf, die mir Carola genannt hatte. Die Allee vor meinem Zimmer ist fast leer, kaum Menschen im kalten, trüben Grau, Parklücken, Pausen des Lärms. Ich bin froh über meine vier Wände und gehe doch gleich raus.

Die Eiche wird ein tröstendes Wort haben. Bei meinen letzten Besuchen sprach sie: inferkont teskerip stronweisen verlaufim. In die Borke habe ich kleine Gegenstände geklemmt. Federn, winzige Weihnachtskugeln, bunte Kettchen und Gummifiguren aus meinem Kaugummiautomaten.

Wieder näher

Die Ostthemen, mit denen sich Franziska Haug beschäftigt, weisen immer wieder Elemente auf, die sich durch unsere gemeinsamen Ostbiografien bewegen. Petitionen gegen die Ausbürgerung von Biermann, die allgegenwärtige Denunziation durch Stasi – IM`s, wie an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, Rausschmisse und Verurteilungen. Im Gegensatz zu der Annahme, mit diesen Dingen abgeschlossen zu haben, rückt das alles nun wieder näher.

Die Fragen der Form von künstlerischer Arbeit in Diktaturen oder von Menschen die da sozialisiert sind, finden sich auch in Texten von Thomas Brasch. Die Forschungen von Franziska Haug gehen ebenfalls teilweise in diese Richtung. Meine eigene Arbeit, wie die 84 Monotypien zu „Kassandra“ von Christa Wolf kann ich daraufhin untersuchen.

Aber auch die Haltung, mit der Menschen durch diesen Alltag liefen, schienen von ihrem begrenzten Raum geformt zu sein. Und das findet sich auch auf den gemalten Bildern der Künstler, die sich nicht dem Sozialistischen Realismus verpflichtet fühlten oder sich diesem Diktat nicht beugten. Wenn nach den nächsten Landtagswahlen in Deutschland faschistische Landesregierungen gebildet werden, wird man beobachten können, wie sich künstlerische Arbeit verändert, wie die Kulturpolitik die Zügel strafft.

Vorfreude

Tanzfiguren werden in unterschiedlichen Abläufen zeichnerisch, mit Feder und Tusche, gruppiert. Dabei wandern die Gedanken schon ins nächste Jahr voraus, wenn die Reliefarbeit entstehen soll. Modelliert in Ton, wird sie in mit Gips in mehreren kleineren Formteilen abgegossen, damit alles gut handhabbar bleibt.

Eine besondere Vorfreude entwickelt hinsichtlich der Bemalung. Die Aussicht, dafür Zeit und Konzentration zu haben, hat etwas von Ferienerwartung. Die Adaption der Buchmalereitechnik dafür, hält sich nach wie vor als anhaltende Aufgabe. Mit einer elastischen Grundierung der Abgüsse kann eine solche „Übersetzung“ gelingen.

Dann sind auch noch die DIKTATUREN – Kontakte präsent. Vor Weihnachten wird es wohl nicht mehr zu Treffen kommen. Aber auch diese Aussichten sind sehr spannend. Es gibt z.B. ein Interview mit Franziska Haug zum Film „Guten Morgen ihr Schönen“, das mir Carola schickte…

Autobahnen

Manchmal auf den Autobahnen, zwischen den schwärmenden Lichtern, verliere ich die Orientierung. Nebel und Finsternis verändern die hundertmal durchfahrene Landschaft ins Unkenntliche. Wirre Verkehrsführungen um Baustellen führen mich mitunter in die falsche Richtung. Durch die Sperrung der A4 wurde ich auf eine undurchsichtig ausgeschilderte Umleitung gezwungen. Durch die Landschaften mäandernd, kam ich nach einer halben Stunde fast an die Stelle zurück, wo ich die Autobahn verließ und konnte wieder auffahren.

Nachdem gestern so wenig Zeit war für die Buchmalereien, kehrte sich die Situation heute ins Gegenteil. Ein langes Verharren in der langsamen Malerei kann zum reinen Genuss werden. Es ist nur die Frage, ob das den Bildern, die dabei entstehen, gut tut. Und das merkt man oft erst sehr viel später.

Im Ordner „Handprint Tel Aviv“ fand ich folgende Themen parallel versammelt: „Der Rock`n`Roll höhlt einen Jungpionier aus“, „Asbest_Pergamon“, „Tanz“, „Väter“ und „Zöglinge“. Der letztgenannte Ordner umfasst 42 Portraits mit Collagen täglicher Arbeit, aus dem Jahr 2015.

Jugendgesträuche

Während der Radiosendung „Klassik, Pop, etc.“ im Deutschlandfunk, die von Dirk Michaelis, einem Ost-Rockmusiker, moderiert worden ist, spürte ich wieder diese gewisse Nähe zur DDR-Musikproduktion einer bestimmten Art. Insofern die Ergebnisse von künstlerischer Geradlinigkeit geprägt sind, handelte es sich um kritisch – dissidentische Formen. Auch hier kann dem nachgespürt werden, was zu dieser speziellen Ausstrahlung führt, die direkt aus den Diktaturerfahrungen wächst.

Mir ist dabei auch klar geworden, wie ich mich Jahrzehnte nach meiner Ausreise noch von diesen Kunstäußerungen ferngehalten habe, um die Freiheit meines Denkens bemüht, um im Westen anzukommen und den Braunkohlengeruch loszuwerden. Nun holt mich das alles durch die Arbeit an DIKTATUREN wieder ein. Daran dachte ich heute während der Arbeit an den Buchmalereien und fiel wieder etwas zurück in die Gesträuchzeichnungen meiner Jugend.

Gestern zeichnete ich weiter am Tanzfries, habe da eine kompakte Abfolge von 9 ineinander greifenden Figuren gefunden. Die leichten Veränderungen beim Durchzeichnen der Liniengeflechte, führen zu ausgeprägteren Charakteren der Figurationen. Bei jedem Durchzeichnen gewinnen sie an Prägnanz.

Wortwege

sprumbler loschflu spegrim

kurgrenju memlufark klafdurelt

umblikartsch mewquistes eschrizaf

lasgrespoj

Das Gespräch mit dem Baum wird jeden Tag einfacher. An seinen Stamm gelehnt, unter der nun kahlen Krone, sprudeln die Silben durch mich hindurch.

Gestern kam die Idee auf, die Worte selbst zu vertonen, einen Sprechgesang zu finden, der mit der elektrischen Gitarre begleitet wird. Die Worte werden von einem Effektgerät verfremdet. Meine bemalte Wand bei Gusti schickt mich zehn Jahre zurück. Diesen Weg bin ich fast so schnell gegangen wie in umgekehrte Richtung. Zeit existiert doch nicht!

In meinem Blog kann ich zurückblättern bis 2011. Dort gibt es Titel wie: „Schafs-Tänzchen / Preußische Arabeske“. Viele Zeichnungslinien der Transparentpapierrollen stammen von GPS-Wanderungen im Taunus. Später nannte ich sie „Querwaldein“.

Traditionen | Rebellion

Den Schülern will ich heute die Scherbengerichte zeigen. So können sie die Entwicklung des Materials besichtigen, das zu den Reliefformen wurde, mit denen sie nun arbeiten. Die Frottagen dienen dabei der Inspiration ihrer Bildphantasie. So entstehen Reihen von eigenen Schöpfungen, deren Themen irgendwann in das Diktaturenprojekt einschwenken sollten. Wir haben also eine Tradition, die Scherbengericht heißt und die fortgeführt wird.

Von Carola bekam ich einen Kontakt zu der ukrainischen Künstlerin Mariia Bykowa, einer Illustratorin. Ihre Arbeit bedient sich des Stiles von Buchmalereien des Mittelalters, den sie erweitert in gegenwärtige Themen. Blumen spielen eine große Rolle, die aber gefährliche Blüten treiben.

Etwas Vorweihnachtsstress brach gestern aus. Innenstadt, labyrinthische Rolltreppen mit Menschenmassen, Bildschirme heischen in allen Größen und überall flackernd Aufmerksamkeit, Wege über Bahnhöfe mit schlecht gelaunten Pendlern dicht gefüllt, durch Glastunnel voll gestopft mit Waren, die niemand braucht und die regengesättigten Alleen in der Dunkelheit, um die Fahrt mit der Straßenbahn zu vermeiden. Der Körper rebelliert.

Zurückblättern

Das Zurückblättern in den Bolgeinträgen führt oft zur Bestätigung der gegenwärtigen Arbeit. Erkennbar wird die Kontinuität der Weiterentwicklung von Themen, die sich seit Jahrzehnten durch meine Arbeit ziehen. Im Januar 2016 ging es um die Rasterportraits der Zöglinge aus dem Kinderheim Gerode im Zusammenhang mit Musik und Tanz. Immer mal zeigen sich solche Konstellationen des Diktaturenprojektes.

Ein Gespräch mit der Autorin Reyhane Zarihuddini verlief, trotz des großen Altersunterschieds, sehr hoffnungsvoll, was eine künftige Zusammenarbeit angeht. Sie berichtete von ihrem Schreiben und einem kurdisch – iranischen Hintergrund. Außerdem zeichnet sie, was die Zusammenarbeit auch noch erweitern kann.

Trotz meines Vorhabens, mit dem Tanzthema zu pausieren, kam ich gestern nicht umhin, am Entwurf eines zu modellierenden Frieses auf Rolle 12 weiter zu arbeiten. Ich probiere eine Sequenz von 9 zusammenhängenden Figurationen, die in einem Reigen einen Ring bilden können. Kann sein, dass das Format einen zu engen Durchmesser bekommt. Dann erweitert sich der Kreis um weitere der vielen vorhandenen Tanzfiguren.

Gespräche

Für heute habe ich Gesprächstermine hier im Atelier gemacht. Zunächst kommt die Rapperin Dascha Reint und gleich danach die Autorin Reyhane Zarihuddini. Das sind Vorgespräche, damit ich eine wenig den Überblick bekomme, mit wem ich es zu tun haben werde. Aber um ernsthaft weiter zu machen, bedarf es nun eines verbindlichen Zeichens vom Kulturamt.

Locker gerieten die Buchmalereien und hoben mich gleich in eine bessere Stimmung. Ich hadere etwas mit einer Erkältung, die ich mit Medikamenten zurückdrängen will.

Und mir fehlt die Arbeit am Tanzthema, die ich aus Gründen der Kapazitäten jetzt erst einmal unterbrochen habe. Aber ich brenne darauf, Reliefs zu modellieren, abzugießen und zu bemalen. Kann mir jetzt nichts besseres vorstellen.

Verselbständigung von Rhythmen

Langsam versuche ich den Buchmalereien eine andere Richtung zu geben. Die Linien der Abdrücke meines Handballens verbinden sich hierbei mit dem Gesträuchmotiv. Die Faltenrhythmen der Hautoberfläche finden den Weg in die Muskeln des rechten Armes mit seiner Hand. Wahrnehmungen des Sehnervs lösen entsprechende Bewegungen aus. Manchmal übernehmen sie in der Weise die Oberhand, dass die Aquarellstifte unwillkürlich über die anvisierte Fläche hinaus zeichnen. Dieser Verselbständigung würde ich gerne auf größeren Formaten nachgehen ohne sie, wie in den Büchern, eindämmen zu müssen.

Gestern trafen wir Carola Hilmes für einen Spaziergang am Main, der auf dem Weihnachtsmarkt endete. Während einer Pause auf einer Bank am Fluss, begann ich ihr von meinem Dikaturenprojekt zu erzählen. Wie ich gehofft hatte, stieg sie darauf ein und hatte gleich ein paar entsprechende Kontakte parat, die mich auf meinem Weg weiterbringen könnten.

Für diese Woche nahm ich mir vor, die Gespräche, die ich im Rahmen des Vorhabens begonnen hatte, fortzuführen. Dabei geht es um Texte, Textilkunst und Musik. All das ist noch im Vagen, muss sich langsam entwickeln, erstmal kennen gelernt und zusammengeführt werden.

Bruch

Ein Blick auf den Anfang und das Ende des aktuellen Tagebuchs, das knapp 2 Monate umfängt und ein Durchblättern der Malereien dazwischen, ließ mich eine Gleichförmigkeit erkennen, die ich aufbrechen wollte. Obwohl ich die Kraft der Kontinuität sehr hoch schätze, sie auch langsam zu gründlichen Veränderungen führen kann, suchte ich heute den Bruch mit wilden Farbschwüngen der Aquarellstifte.

Auf Rolle 12 zeichnete ich die aus 38 Figuren bestehende Tanzsequenz zu Ende. Danach legte ich die Rolle so in Schleifen, dass ich die Figuren, die ich vor einer Woche zeichnete, mit den aktuellen so übereinander legen konnte, dass sie ineinander griffen und die Lücken passgenau ausfüllten. Nun kann ich mir die entsprechende Sequenz aus vielleicht 9 Figuren aussuchen, die dann modelliert werden soll.

Das ist eine schöne neue Aufgabe, die ich aber nicht mehr in diesem Jahr angehen möchte, weil noch zu viele andere Dinge zutun sind. Und für die Herstellung des Reliefs benötige ich eine zusammenhängende und ungestörte Zeit. Die habe ich wahrscheinlich erst im Frühjahr. Womöglich tut es der Sache gut, wenn sie eine Weile liegt.

Wellenbewegung

Gestern Nachmittag war viel Zeit zum Zeichnen. Aus den 38 Figuren des aktuellen Undertainmentfrieses kann ich nun 9 fortlaufende ineinander greifende Figuren auswählen, um sie in einen Reigen zu zeichnen. In dieser Grundform wird der Arbeitsvorgang des Zusammenrollens der Transparentpapierstreifen aufgenommen.

Die Erinnerung trifft auf die Arbeit an den 600 kleinen Blättern des Scherbengerichtes, auf denen ich Strukturen für das Väterportrait entwickelte. Die Vorstufen dazu entstanden auf den Rollen 6 und 7. Die Quintessenz dieses Vorgangs befindet sich aber auf den Reliefformen des Väterprojektes. Mit diesen Figurationen machen meine Schüler gerade Frottagen und fügen damit neue Bildergeschichten zusammen.

Einen ähnlichen Arbeitsgang würde ich gerne in die Weiterentwicklung des Tanzreigens fließen lassen. Diese Methode sollte aber nicht zu Zersplitterungen führen, sondern eher zu Wellenbewegungen, wie sie manchmal durch eine Tanzgruppe fließen.

Ein Pfad

Tanzreigenfries, ein etwas umständliches Wort, aber ein Arbeitstitel. Das Thema bietet verschiedene Objektvarianten. Ein Reliefring mit einer Außen- und einer Innenansicht. Die spiegelverkehrte Reliefwiederholung im Innenbereich ist beiseite gelegt, obwohl sie digital leicht zu erstellen wäre. Es soll bei den alten Techniken bleiben. Und so bietet sich ein Umguss der Form an, in der sie als Reliefoberfläche im Innenring erscheint. Das Ganze setzt sich aus 9 Teilen zusammen, die auch als Einzelfiguren funktionieren könnten.

Anne berichtet spannende Entdeckungen bei ihren Recherchen in den Breslauarchiven. Sie fährt im März noch mal hin, um die Situation weiter in Augenschein zu nehmen. Die Blickwinkel vor Ort können die Möglichkeiten der Geschichten präzisieren. Die konkrete Sicht auf den Dom vom Wohnungsfenster aus…

Diagonal über die Wiese des Gustavsburgplatzes, zum Stamm der Vaganteneiche hin, bildet sich ein Pfad, den ich fast täglich viermal begehe, um dem Baum zuzuhören. Manchmal spricht er schon im Näherkommen, und gleich bei der Ankunft kann das aktuelle Wort aufgeschrieben werden. Bei Ursula Krechel las ich gestern von den Lautmalereien die Kurt Schwitter in einem englischen Internierungslager schrieb. Die Worte des Baumes wären auch beziehungsreiche Sockelgestaltungen für die Tanzfiguren.

Tanzring

monbitfes grankefs opjuteslif

folymosew grimflio morwitax

sarebin

Eine künstliche Intelligenz mit diesem Kauderwelsch zu konfrontieren, wäre möglich. Aber ich zögere und halte mich fern davon, soweit es mir gelingt. Ich glaube, mit einem solchen Vorgehen, an eine Verwässerung des Gesprächs mit der Vaganteneiche.

Stattdessen sind gestern neun gezeichnete Figuren in die Zwischenräume der Tanzfigurenumrisse gelangt. Weitere neun solcher Felder sind noch offen. Wenn sie ebenfalls mit Figurationen angefüllt sind, kann ich mein Augenmerk auf einen Relieffries richten. Ein Tanzreigen in Ringform, innen mit spiegelbildlichen Reliefs des Außenrings ausgestattet.

Eine Tevesrunde der Akteure des Geländes sprach gestern über weitere Aktionen, die das Gelände sichern sollen. Erstmals hatte ich das Gefühl, dass sich eine enger verbundene Gruppe bildet, die sich um ein gemeinsames Vorgehen bemüht. Wir erfuhren in einer Eingangsrunde auch, womit sich die einzelnen Gruppen gerade beschäftigen.

In Vergessenheit

Das Treffen mit Conny Bauer in Beziehung zu der elektronischen Musik zu setzen, die wir gemeinsam hörten, setzt die Begegnung in ein anderes Licht. Es war ein Libanese, der die experimentellen Sounds entwickelte, in deren Verhältnis nun unser Treffen gestellt ist. Die Overhaedmalereien von Helge Leihberg und meine Zeichnung von Wolfgang Engel, der dem Tanz von Arila Siegert zuschaut, treten als Bilder dazu.

Die Zeichnung eines Außerirdischen, eines Schülers von mir, der auf einen Vogel im Käfig schaut, die er aus Frottagen von den Reliefformen des Väterprojektes entwickelte, schaltet sich parallel dazu. Und aus der Erde des Gustavsburgplatzes treten fremde Worte zutage, die sich aus den eingesickerten Vagantensprachen zusammengesetzt haben. Ihre Rückübersetzung kann nur mit ihrer Vertonung gelingen.

Dieser Vaganteneichentext verbindet sich mit der Weiterentwicklung der Tanzlinien und deren Figuren. Die Verflochtenheit der Tuschezeichnungen und die Silben entsprechen einander. Aber eine bildliche Verbindung will mir noch nicht gelingen. Wieder muss ich warten, und vielleicht gerät es auch in Vergessenheit.

Conny Bauer

Am Sonnabend gab es ein schräges, experimentelles Elektronikkonzert bei Gusti. Dort traf ich auch Conny Bauer, den legendären Jazzposaunisten der DDR. Aber auch in der Zeit danach hat er fleißig musiziert und veröffentlicht. Wir suchten nach gemeinsamen Bekannten aus den Dresdner Zusammenhängen und standen während des ganzen Konzertes beim frisch gezapften Bier beieinander. Eine denkwürdige Begegnung.

Die Buchmalereien von gestern und heute sind unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entstanden. Gestern hatte ich alle Ruhe der Welt und hielt mich lange mit ihnen auf. Heute, in Eile, ist aber kein qualitativer Abstieg geschehen. Es herrscht eher etwas mehr Klarheit.

Die Vaganteneichengesänge hätten gestern ganz gut zu den elektronischen Experimenten gepasst. Mit einem Mikrofon und dem Effektgerät meiner Gitarre, sind sicherlich interessante Vokalklangeinheiten produzierbar. Der Baum singt mir fast täglich ein neues Wort. Dafür soll er eine Rundbank bekommen, die ich mit Lolek im Frühjahr bauen möchte.